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Unterwegs: Big John Double John, der Ausbrecherkönig

Eine Vorlesegeschichte von Gereon Klug • Illustrationen von Paul Pätzel • Vorlesezeit: 7 Minuten • für Kinder ab 5 Jahren

Big John Double John ist schwer genervt. Schon wieder haben sie ihn beim Klauen erwischt. Schon wieder sitzt er in einer Gefängniszelle und darf nicht raus. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, sonst ist nichts drin in seiner Zelle. Dann natürlich ein Fenster, das vergittert ist, und die Eisentür, die nur die Wärter mit dem großen Schlüssel aufkriegen.

Big John Double John ist im Gefängnis, weil er 150 Zitronen geklaut hat. Er wollte Zitronenkuchen machen und dachte, wenn schon, dann gleich richtig. Für viel Zitronenkuchen braucht man viele Früchte.

Aber das ist schiefgegangen. Der Sack mit den Zitronen ist aufgeplatzt und als er sie einsammeln wollte, hat ihn der Polizist eingeholt.

Zum 38. Mal steht er wegen Obstdiebstahl vor Gericht, und diesmal sagt der Richter streng zu ihm: „Herr Big John Double John! Sie dürfen nicht stehlen! Weil Sie das immer wieder tun, müssen Sie diesmal doppelt so lang ins Gefängnis. Ich verhänge als Strafe 17 Tage.“

17 Tage! 17 Tage sind sehr viel, wenn man so viel zu tun hat wie Big John Double John. So lange kann man ihn doch nicht einsperren, das geht doch nicht. Ein Big John Double John lässt sich das nicht gefallen! Nicht umsonst nennt man ihn auch „Big John Double John, den Ausbrecherkönig“.

Er ist nämlich schon 37 Mal aus dem Gefängnis ausgebrochen. Also quasi jedes Mal, wenn man ihn wegen zehn geklauten Äpfeln, 78 geklauten Tomaten oder 2401 geklauten Kirschen ins Gefängnis gesteckt hat. Einmal hat er Bananen geklaut, aber die waren noch nicht reif, und er hat sie zurückgegeben. Da hat er dann keine Strafe bekommen.

Im Gefängnis hält es Big John Double John nie lange aus. Das ist nichts für ihn. Ein Big John Double John findet immer einen Weg, auszubrechen – selbst aus den sichersten Gefängnissen!

Das vorletzte Mal hat er sich mit Eierlöffeln einen Tunnel unter seinem Bett nach draußen gegraben.

Ein anderes Mal hat er ganz viel mit Wasserflaschen, in die er Sand füllte, trainiert, damit er so stark wurde, dass er die Gitterstäbe aufbiegen konnte. Okay, das war auch ein etwas älteres Gefängnis und die Eisenstäbe waren wohl schon rostig – aber er kam raus.

Diesmal haben sie ihn in ein sicheres Gefängnis gesteckt: Alles ist noch neu und nicht verfallen. Big John Double John sieht gleich, dass er hier mit Graben und Verbiegen nicht weiterkommt. Aber ausbrechen muss er! Er ist doch der weltbekannte Ausbrecherkönig. Niemand ist öfter aus einem Gefängnis ausgebrochen, ihm fällt immer etwas ein.

Big John Double John guckt aus seinem Fenster. Die Straße draußen vor den Gefängnismauern kann er grad noch so sehen da hinten.

Ein Mann läuft mit zwei Hunden vorbei. Einem riesigen und einem winzigen. Das sieht ja lustig aus, denkt sich Big John Double John. Wenn die mal zum Arzt müssen, brauchen die zwei total unterschiedlich große Hundekästen.

Da kommt ihm eine neue Ausbrechidee: mithilfe von Tieren raus aus dem Gefängnis! Das muss klappen, das wird klappen! Big John Double John wird wieder entkommen, das steht fest. Seine neue Idee hält er für spitze und man braucht gar nicht viel dafür.

Nur seinen alten Freund Doc Moshi! Der ist Tierarzt, den muss er anrufen, damit der ihn besucht. Denn Besuche empfangen, das darf er, hat der Gefängnisdirektor gesagt: Jeden Tag eine Stunde, das ist in dem Kittchen hier erlaubt.

Gleich am nächsten Tag kommt sein Freund zum Nachmittagskaffee vorbei.

Zu wem er denn wolle, fragen die Wärter an der Pforte misstrauisch den Tierarzt im weißen Kittel. „Zu Big John Double John, meinem alten Freund“, antwortet der.

„Danach muss ich gleich in meine Praxis, deshalb habe ich diesen kleinen Hamster mit. Darf ich den mit reinnehmen?“ Klar, schmunzeln die Wärter, das ist ja ein süßes Tier.

Auch am nächsten Tag kommt der Doc wieder zu Besuch, diesmal mit einem etwas größeren Karton. Was denn da drin ist, wollen die Wärter wissen. Sie müssten das kontrollieren – nicht, dass er eine Feile zum Ausbrechen zu Big John Double John schmuggelt. „Nein“, lacht der Tierarzt. „Das ist doch nur eine Katze, die hat sich die Pfote gebrochen. Schauen Sie mal!“ Natürlich darf die Katze mit rein. Sie guckt zwar ein bisschen ängstlich, aber alle sind freundlich zu ihr.

Big John Double John freut sich schon auf seinen täglichen Besuch. Immer bringt Doc Moshi ein anderes Tier mit: Heute einen braun gescheckten, ziemlich großen Hund in einem Riesenkarton auf Rollen, weil der Hund was mit seinen Knien hat und nicht mehr gut laufen kann. Am nächsten Tag hat er einen kleinen Esel auf einem Bollerwagen dabei, der sich seine Hufe im Zoo verknackst hatte, als er versuchte, den Affenfelsen raufzuklettern. Die Wärter freuen sich auch schon jedes Mal. Endlich mal was los an der Gefängnispforte.

Und dann – man glaubt es nicht – bringt Moshi sogar ein Lama mit. Ein Lama, das ist ein richtig großes Tier. In einem Anhänger! Das hat was mit seinen Zähnen. Aber am besten guckt man nicht in den Anhänger, weil das Lama so gern Leute anspuckt, warnt Doc Moshi. „Ach, aber uns doch nicht, außerdem müssen wir alles kontrollieren, was ins Gefängnis reinkommt und rausgeht“, meinen die Wärter und werden sofort vollgespuckt. „Unsere schönen Uniformen!“, jammern sie nun und winken den Tierarzt mit seinem frechen Tier durch. Als er nach dem Besuch wieder raus will, schauen sie nicht noch einmal beim Lama rein. Auf gar keinen Fall, sie sind ja nicht blöde.

Als am fünften Tag Doc Moshi mit einem riesigen geschlossenen Karton auf Rädern ankommt, trauen die Wärter sich kaum zu fragen. Auf dem Kasten ist nämlich ein Stinktier aufgemalt.

„Ist da wirklich ein Stinktier drin? Ein echtes Stinktier?“ Ja, leider, sagt Doc Moshi. Und es hat richtige Pupsprobleme, weil es zu viel Zwiebeln und Bohnen gegessen hat. Ein Stinktier mit Pupsproblemen? „Oha! Da lassen wir die Kiste am besten zu. Sicher ist sicher! Wir wollen ja nicht vollgepupst werden“, sind sich die Wärter einig. Eben, sagt Moshi. Der Gestank geht nicht mehr raus aus der Kleidung. Schnell darf er passieren und zu Big John Double John in die Zelle.

Der begrüßt seinen Kumpel Moshi besonders herzlich. Die Kiste mit dem Stinktier war nämlich seine Idee. Seine Ausbrechidee! Da ist nämlich gar kein Stinktier drin. Da ist überhaupt kein Tier drin.

Als Doc Moshi nach einer Stunde wieder mit der Kiste an der Eingangspforte ankommt, halten die Wärter sich aus Spaß die Nase zu. „Iiih, da kommt der Stinke-Doktor! Beeilung, bitte. Wir wollen ja nicht nach Stinktier müffeln!“

Doc Moshi zieht sein Gefährt aus dem Gefängnis raus. Warum quietschen denn die Rollen jetzt so?

Gereon Klug,45, ist Autor, Texter und Mitbegründer des Plattenladens Hanseplatte, für den er kluge und witzige Newsletter schreibt. Sie sind als Buch erschienen: „Low Fidelity. 70 Briefe gegen den Mainstream“, 19,95 Euro, Verlag Haffmans und Tolkemitt.

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