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Unterwegs: Brügge satt

Mit einem Kind, das Schokolade über alles liebt, die europäische Schokoladenhauptstadt besuchen. Gute Idee? Unser Autor erlebte unvergessliche Tage.

Text: Marc Deckert
Teaserfoto: Sigrid Reinichs

Meine dreijährige Tochter sitzt vor einer Waffel so dick wie ein Backstein und will mir nichts abgeben. „Nich gleich alles!“, ruft sie aufgebracht. Dabei habe ich nur versucht, ein winziges Stück mit der Gabel abzuhebeln. Es ist einer unserer Futterneid- Streits – meine Frau kennt das schon. „Die Waffel mit Schokosauce hat der Papa für euch beide bestellt“, versucht sie zu schlichten. „Nein“, sagt meine Tochter. „Die hat mir der Mann gegeben.“

Ein verlängertes Wochenende in Brügge für die ganze Familie. Flämische Malerei, gotische Architektur, Schwäne, Kirchen, Schlösser – und eben Schokolade. Die Schokolade sollte eine wichtige Rolle spielen. Der Auftrag hörte sich simpel und verführerisch an: Meine Tochter ist eine Genießerin. Um nicht zu sagen verfressen. Und Schokolade liebt sie über alles.

In Brügge wird man mit Schokolade wirklich überschüttet! Es ist nicht so, dass man sie suchen müsste. Sie findet einen. Bereits bei der Ankunft am Bahnhof fallen die ersten gut sortierten Pralinengeschäfte auf. Und allein in der kurzen Kopfsteinpflastergasse, in der unser Hotel liegt, befinden sich drei Schokoläden, dazu noch Konditoreien, die ebenfalls Sü.es im Sortiment haben. Wir sollten zuerst etwas Salziges essen, schlage ich vor. Es ist Mittag und wir könnten gut eine kleine Unterlage gebrauchen, bevor wir mit der Arbeit beginnen. In einem gemütlichen Mittagsrestaurant studieren wir die Karte: eine Seite mit kleinen Gerichten, dann eine Seite mit Waffeln, eine Seite mit Pfannkuchen und mehrere Seiten mit Schokodesserts. Am Ende der Dessertliste steht die „Chocolate Symphony“. Für den Einstieg zu gewagt. Das muss warten, denke ich, und frage mich im gleichen Moment, wohin Mina verschwunden ist. Sie steht vor einer Vitrine. Ein Schokotörtchen, das von oben wie eine Blume aussieht, hat es ihr angetan. Sie will mir wie immer nichts abgeben, deswegen bestelle ich für jeden eins. Innen besteht es aus zwei verschiedenen Schoko-Moussen, einer helleren und einer dunkleren. Außen ist Kakaopulver und ein sternförmiger Schokoguss (Minnie nennt es „Schokospinne“), außerdem ist obendrauf noch ein Kügelchen aus weißer Schokolade, das wiederum mit Milchschokolade bepinselt wurde, und ein Bitterschokoladenschild mit dem Logo der Konditorei. Uns wird langsam klar: Das Thema Schokolade wird hier noch weit ernster genommen, als wir dachten.

Dass Brügge gemeinhin als schöne Stadt gilt, wussten wir. Aber „schön“, was heißt das schon? Nun, Brügge ist fantastisch schön. Der historische Stadtkern ist auf eine Art vollständig und in sich geschlossen, die nahezu unbegreifich ist. Geformt wurde Brügge von den Launen der See und des Kapitalismus. Eine Sturmflut im 12. Jahrhundert spülte der Stadt einen Zugang zum Meer frei. Binnen kurzer Zeit entwickelte sich Brügge zum Handelsstützpunkt für Engländer, Italiener, die Hansekaufleute und wurde zur reichsten Stadt Nordeuropas – bis der Kanal um 1500 zu versanden begann und der wirtschaftliche Boom vorbei war. Die Händler zogen weiter nach Antwerpen, und Brügge blieb sich selbst überlassen, konserviert wie unter einer Glasglocke.

Aber das ist nicht unser Thema: Irgendwo müssen wir anfangen, ernsthaft Schokolade zu essen. Nur, wie soll man in diesem Überangebot eine Entscheidung treffen? Auf dem ersten Spaziergang zum Stadtkern über die Katelijnenstraat und die Mariastraat erschlägt uns die Menge der Läden. Lady Chocolates, The Old Chocolate House, Chocoholic. Über 50 Geschäfte mit ihren je eigenen Chocolatiers finden sich in der Innenstadt auf engstem Raum – Brügge ist heute eine Stadt, die vom Tourismus lebt. Und somit das ideale Schaufenster für die belgischen Schokoladenmacher, die sich traditionell für die besten der Welt halten.

Einige der Läden sind bis unter die Decke vollgepackt mit Pralinen in Form von Schwänen, Herzen, Kegeln, Kugeln, Stäben, Penissen. Andere sehen aus wie Juweliere, mit einzelnen Pralinen, die in einem minimalistischen Ambiente in Wandnischen liegen. In den Schaufenstern braune Platten, die man einfach nach Gewicht kaufen kann. Die Schokolade scheint in dieser Stadt auf unheimliche Weise in den Alltag integriert zu sein. Ist es möglich, dass Schokolade essen hier gar nichts Sündiges und Verbotenes hat, sondern einfach das Normalste der Welt ist? Gehen Geschäftsleute hier zum Mittagessen in ein Café und bestellen einmal die große Schoko-Platte? Man könnte sich beim Gehen leicht in den Leckereien verlieren. Das ist aber nicht ratsam, denn Brügges Radfahrer und die Pferdekutschen für die Touristen fahren wie die Henker. An einem Stand am Rand des großen Marktes hole ich uns heiße Schokolade zum Aufwärmen. Die Verkäuferin nimmt etwas, das aussieht wie eine sehr große dunkle Praline, lässt es in den Becher plumpsen und gießt mit heißer Milch auf. Das Ganze wird garniert mit Sahne. Meine dunkle heiße Schokolade hat einen tief befriedigenden, vollen Geschmack. Die helle Sorte, die Mina und Franzi trinken, schmeckt etwas nussig.

Es wird uns nicht nur warm. Höchste Serotonindosen schießen durch meinen Körper. Sofort willige ich ein, eine überteuerte Pferdekutschenfahrt zu machen. Vorher holen wir uns noch etwas Proviant in Form von Pralinen. Während der Kutscher uns erklärt, dass im Dom eine echte Michelangelo-Skulptur steht, sitzen wir glücksbenommen auf den Kissen. Bei Minnie hat das Zeug auch angeschlagen. „Dixie, lauf wie der Wind“, ruft sie dem Pferd zu. Und wirklich rennt Dixie ganz schön schnell. Unglaublich, welches Tempo die Kutschen ohne Radbruch auf dem Kopfsteinpflaster erreichen. Touristen springen hastig zur Seite. Wir nippen an unseren Bechern und mampfen glücklich Pralinen in Muschelform.

An unserem zweiten Morgen in Brügge sind wir alle noch in Normalform. Aber wir haben jegliche Hemmungen verloren. Schokolade zu essen, ist für uns etwas Alltägliches geworden. Schon zum Frühstück lasse ich mir am Automaten Kaffee mit heißer Schokolade heraus. Danach gehen wir wieder einkaufen: Kandierte Walnüsse in einem Schoko- Marzipan-Mantel, dunkle Pralinen mit heller Füllung, helle Pralinen mit dunkler Füllung – und zur Abwechslung sogar etwas ohne Schokolade. In einem Laden namens La Cure Gourmande gibt es Kekse und Makronen in allen erdenklichen Farben. Wir kaufen rosafarbene Plätzchen mit Erdbeerfüllung. Sigrid, die Fotografin, die uns an diesem Tag durch die Stadt begleitet, beißt hinein und sagt nur: „Hallelujah.“

Wir glauben nun wirklich, in einem Schlaraffenland angekommen zu sein. Die Stadt kommt mir perfekt vor: Es gibt herrliche Gebäude, Michelangelo- Skulpturen und Schokolade. Absurderweise befindet sich in der Katelijnenstraat, gleich bei unserem Hotel um die Ecke, ein Comicladen, der Originalausgaben meiner Lieblingscomics hat. Und direkt gegenüber – ich lüge nicht – ist ein Laden, der sich auf Fußballkultur und erlesene belgische Biere spezialisiert hat. Das kann alles nicht wahr sein. Minnie benutzt inzwischen das Wort „unglaublich“. Sie sagt es genau wie wir: un-glaub-lich. Im Sint-Janshospitaal sehen wir uns Gemälde von Hans Memling an – dem flämischen Meister der Porträtkunst. Im Unterschied zu den Italienern, die besonders viel Wert auf die Harmonie der Komposition legten, waren die flämischen Renaissance- Maler darauf spezialisiert, verblüffende fotorealistische Effekte zu erzielen. Un-glaub-lich.

Mina klagt über leichtes Bauchweh und möchte ins Hotel, aber wir müssen trotzdem noch ein wenig weiterrecherchieren: In dem Laden The Chocolate Line interviewen wir Dominique Persoone. Er ist Brügges wahrscheinlich berühmtester Chocolatier und steht im Guide Michelin, zudem ist er Vorsitzender der Gilde: Wenn zwei Schokoladenmacher aneinandergeraten, muss er schlichten. Dominique Persoone ist ein Schokoladenverrückter. Er hat einen Lippenstift aus Schokolade entworfen. Er hat Kanonen aus Schokolade gebaut, die Schokostücke verschießen können. Neulich war er in Peru, um zwölf Tonnen Kakao zu kaufen. Meine Beobachtung, dass wohl nicht nur Touristen die ganzen Pralinen kaufen, bestätigt er. „Zu etwa sechzig Prozent sind unsere Kunden Einheimische“, sagt er. Meine zweite Beobachtung, dass die Leute in Brügge trotzdem nicht dick werden, versteht er hingegen gar nicht. „Wieso sollten sie dick werden?“, fragt er. „Wissen Sie, wie gesund Schokolade ist?“

Meine Tochter ist allerdings der lebende Gegenbeweis. Sie hat Verstopfung bekommen – sie neigt ohnehin dazu. Und beim Laufen wehklagt sie jetzt immer schlimmer. Wir müssen wirklich möglichst rasch ins Hotel zurück. Für sie ist die Recherche beendet. Nur ich habe noch etwas zu erledigen. In dem kleinen Restaurant setze ich mich allein an einen Tisch und bestelle die „Chocolate Symphony“. Die Reise braucht einen krönenden Abschluss, und die Symphonie ist E nicht nur in der Musik die höchste Form, die es zu beherrschen gilt. Serviert bekomme ich drei gewaltige Schokotürme und Beilagenfrüchte. Dazu eine dunkle, warme Schokosauce. Ach ja, und noch einen Nougat- Schneemann und etwas weiße Schokolade in einem Karamell- Mantel. Ich könnte die Portion gerade so schaffen, wenn bei meinem Kaffee nicht noch Pralinen dabei wären.

„Ich kann heute keine Schokolade mehr sehen“, jammere ich, als ich mich im Hotel aufs Bett werfe. Minnie, die wieder strahlt, hat ebenfalls für den Rest des Tages Schokoverbot. Meine Frau sieht uns beide skeptisch an: „Wir müssen langsam wieder los“, sagt sie. „Was?“ stöhne ich. „Na, Pralinen kaufen für die Leute zu Hause.“


Brügge Tipps

Achtung: Die Stadt ist an den Wochenenden oft überfüllt mit Touristen. Unter der Woche reisen!

Anreise

per Bahn: Mit dem ICE oder dem Schnellzug Thalys nach Brüssel, dann mit dem belgischen IC in einer Stunde nach Brügge.

per Flieger: nach Brüssel. Weiter mit dem Zug.

Übernachten

Hotel de Castillion, Heilige Geetstraat 1, 0032/50/343001
www.castillion.be
Elegantes Hotel mit hervorragendem Restaurant nahe der Sankt-Salvator-Kathedrale. Doppelzimmer ab 125 Euro.

Hotel Academie, Wijngaardstraat 7–9, 0032/50/332266
www.hotelacademie.be
Einfaches, innen modernes Hotel mit Brügge-untypischer Barockfassade, Doppelzimmer ab 70 Euro.

Essen und Trinken

De Wijngaert, Wijngaardstraat 15, 050/336918
In einem winzigen Raum werden große Steaks auf einem offenen Holzofengrill zubereitet. Sehr großes Whisky-Sortiment!

De Postiljon, Katelijnestraat 3, 050/335616
Angenehmes, von einem Ehepaar geführtes Restaurant mit flämischer Küche. Gute Fischgerichte und Kinderteller.

Unbedingt!

Die Kutschfahrt vom Markt aus ist mit 40 Euro für 40 Minuten (plus Trinkgeld) nicht das billigste Vergnügen. Mit Kindern aber kaum diskutabel.