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Unterwegs: Der Rosa König

Eine Vorlesegeschichte von Joachim Masannek • Illustrationen von Eva Wünsch • Vorlesezeit: 7 Minuten • für Kinder ab 5 Jahren

Bevor die Geschichte losgeht, musst du Chradadatsch kennenlernen. Chradadatsch ist ein Clown, und seinen komischen Namen trägt er, weil es sich, wenn er niest, so anhört: Chradada, Chradada, Chradadat-schieh! Wenn er lacht, klingt das so: Chra-hadada, Chra-hadada, Chra-hadada-Ha! So, und jetzt könnt ihr mal ausprobieren, wie Chradadatsch schnarcht, wie er wütend ist oder wie er weint.

Chradadatsch ist nicht nur ein Clown, er ist auch ein Ritter und ein Pilot. Jede Nacht fliegt er zu den abenteuerlustigen Kindern, zu Kindern wie du eines bist, und bittet sie um Hilfe für den Rosa König. Ja, doch wer ist das?

Damit fängt die Geschichte an. Der Rosa König, der sich selbst der Allmächtige Pink nennt, wohnt in dem Palast auf den rosa Wolken, die ihr fast jeden Abend bei Sonnenuntergang seht. Und wisst ihr, warum die Wolken rosa sind? Weil sich der Rosa König auf einen seiner Flamingos setzt. Das sieht sehr lustig aus. Denn der Rosa König ist sehr dick und der Flamingo sehr dünn. Er setzt sich also auf den Flamingo, und obwohl das so lustig aussieht, fliegt er auf ihm so schnell durch den Himmel, dass ihr ihn fast nicht sehen könnt. Er flitzt durch den Himmel und streicht die Wolken rosa an. Er streicht sie rosa an, damit sich kein Kind vor der dunklen Nacht fürchten muss.

Der Rosa König hat eine Tochter. Die heißt Prinzessin Schnuckeldi-Oh-so-süß. So halt, wie man sich vorstellt, dass eine marzipanrosa Prinzessin heißt. Doch Schnuckeldi-Oh-so-süß ist ganz anders. Sie hat nämlich sehr oft Langeweile. Das kennt ihr bestimmt. Dann wird sie unausstehlich in ihrer Laune und sie wird noch unausstehlicher, weil ihr der Rosa König dann Folgendes sagt: „Das ist nicht mein Problem, mein Kind. Ein Papa hat nichts damit zu tun, wenn seiner Tochter langweilig wird. Damit musst du schon allein fertigwerden.“ Darüber wird die Prinzessin Schnuckeldi-Oh-so-süß so wütend, dass sie einfach von der Wolke springt.

Ja. Platsch! Ohne um Erlaubnis zu fragen. Direkt von der Wolke ins Nebelmeer. Oder: Brasch! In die Wipfel der Bäume vom Finsterwald. Denn wenn Schnuckeldi-Oh-so-süß langweilig ist, hilft dagegen nur eine Medizin: ein echt brenzliges Abenteuer.

Und das kann sie gerne haben, wenn es nach der Hexe geht. Die heißt Staraja Riba, das heißt: alter Fisch. So riecht diese Hexe auch, und sie hat dazu noch eine so lange Nase, dass sie die, wenn sie Schnupfen hat, einfach wie einen Rüssel in den Mund stecken kann. Igitt und pfui Teufel!

Normalerweise lebt Staraja Riba in ihrem Hexenturm. Der steht an dem Ort, von dem man besser nicht wissen sollte, dass es ihn gibt. Doch die Hexe ist gegen eines allergisch: Sie kann Rosa nicht ausstehen. Sie riecht die Farbe hundert Meilen gegen den Wind, und deshalb riecht sie es auch, wenn Schnuckeldi-Oh-so-süß von der Wolke springt. Sie riecht es, packt ihre Mau-Mäuse, das sind ihre Flederkatzen, bei den Beinen und lässt sich von ihnen dorthin ziehen, wo die Prinzessin gelandet ist.

Die Hexe hat nur ein böses Ziel. Sie will Schnuckeldi-Oh-so-süß fangen. Sie will sie in ihren Turm schleppen und aus ihren wunderschönen, langen, lockigen und natürlich rosa Haaren einen Zaubertrank brauen, dessen Rauch zum Himmel steigt und alle Wolken verfärbt. Der Rauch färbt sie giftgrün, und wenn sie das schafft, wenn der ganze Himmel giftgrün ist, dann gehört der Hexe die Welt und dann erzählt sie den Kindern von diesem Tag an nur noch Gruselgeschichten. Damit sie nie mehr einschlafen können. Ja, das macht der Hexe den größten Spaß: wenn Kinder nicht mehr einschlafen können.

Das darf natürlich nicht passieren. Und darum kommt dann der Clown Chradadatsch zu dir. Er bittet dich, in sein Flugzeug zu steigen und fliegt mit dir ans Ende der Welt. Zu dem Ort, von dem man besser nicht wissen sollte, dass es ihn gibt. Er fliegt mit dir dorthin, um die Prinzessin zu befreien.

Er landet mit dir am Ufer des Sees, der den Hexenturm umgibt. Und weil das so gefährlich ist, hat er allerlei Geheimwaffen im Gepäck. Zum Beispiel Wasserpistolen, die mit scharfem Chiliwasser geladen sind, und einen riesigen schwarzen Sack.

Jetzt liegt alles an dir. Mit einem Trick musst du die Hexe besiegen. Vielleicht nimmst du dir einen Spiegel. Genau, du sagst Chradadatsch, dass er sich verstecken soll, und stellst dich ans Ufer des Sees. Dort rufst die Hexe: „Älabätsch! Du Stinkebär! Du Gurkenschleim! Ich mal dir deine Nase an! Ich färb dir deinen Rüssel rosa!“

Da wird die Hexe ganz wütend. Sie springt aus dem Turm. Sie landet vor dir und fuchtelt mit ihrem Zauberstab durch die Luft: „Na warte, du freches Kind! Ich werde dir zeigen, was ein Rüssel ist!“ Dann zischt sie den Zauberspruch, der deinen Kopf in einen Schweinekopf verwandeln soll. Mit einem Rüssel, mit dem du nur noch grunzen kannst.

Doch genau in dem Moment, als Staraja Riba den Zauberstab auf dich richtet, hebst du den Spiegel. Der Zauberspruch prallt von ihm ab und trifft stattdessen die Hexe selbst. Die hat jetzt einen Schweinekopf, und bevor sie ihn wieder wegzaubern kann, springt Chradadatsch aus seinem Versteck. Das war so geplant. Chradadatsch schießt der Hexe das Chiliwasser in die Augen. Das brennt fürchterlich. Und weil die Hexe nun nichts mehr sehen kann, ist der Rest ein leichtes Spiel. Ihr reißt Staraja Riba ihren Zauberstab aus der Hand, steckt sie in den schwarzen Sack, bindet ihn zu und bringt die befreite Prinzessin und die Hexe im Sack hinauf zum Rosa Palast.

Dort sperrt der Rosa König die Hexe in seinen tiefsten Kerker ohne Fenster und Türen. Alles ist wieder gut. Bis auf eine letzte aber entscheidende Sache: Der Allmächtige Pink will mit seiner Tochter schimpfen. Sie ist ohne zu fragen von der Wolke gesprungen. Sie hat sich dabei in große Gefahr gebracht und der König hat sich deshalb noch größere Sorgen gemacht.

Aber du hilfst der Prinzessin. Und du hast recht damit. Du hast keine Angst vor dem Allmächtigen Pink. Du stellst dich vor ihn hin und sagst: „Einen Moment! Deine Tochter sollte sich doch ihre Langeweile vertreiben. Nichts anderes hat sie getan. Und sie war dazu noch richtig mutig. Und nur weil sie so mutig war, konnten Chradadatsch und ich die Hexe fangen.“

Da lacht der Rosa König. Alle feiern ein riesiges Fest, und du und Schnuckeldi-Oh-so-süß grinst euch frech und heimlich an. Ihr seid längst beste Freunde und heckt, während ihr den königlichen Schokoladenpudding verputzt, schon das nächste Abenteuer aus.

Joachim Masannek,54, ist Autor und Regisseur der Kinderbuch- und Filmreihe „Die wilden Kerle“. Die Geschichten vom Rosa König und der Prinzessin Schnuckeldi-Oh-so-süß hat er gemeinsam mit seinen beiden Söhnen und seiner Tochter erfunden.

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