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Unterwegs: Die Babyfabrik

In der größten Geburtsklinik Südostasiens gibt es keine Privatsphäre. Im Kreißsaal gebären acht Frauen nebeneinander und Betten werden schwesterlich geteilt. Trotzdem sind werdende Mütter froh, dass sie kommen dürfen.

© Marcel Klovert

Text: Heike Klovert | Fotos: Marcel Klovert

Schweißperlen glänzen auf Daisys Oberlippe, das Haar klebt ihr an den Schläfen. Die nächste Wehe! Mit den Händen umklammert sie das Metallbett, auf dem sie liegt. Sie presst die Lippen zusammen, der Schmerz zieht ihre junge Stirn in Falten. „Interessanter Fall.“ Hebamme Ruby Santiago greift nach dem Pappschild, das an einem Gummiband um Daisys Hals hängt. „Erst 17 Jahre alt, der Mann schon 25, nicht verheiratet, und uh-uuuuh, es ist das zweite Baby!“ Ruby hat die Aufsicht im Kreißsaal des Dr. Jose Fabella Memorial Hospitals, der größten Geburtsklinik der Philippinen. Und so eine Information entgeht ihr nicht. Auch nicht in den Wehen.

„Du bist zu jung, du musst verhüten!“ Die 50-jährige Hebamme redet durch ihren karierten Mundschutz auf das Mädchen ein. Daisy Panlilio bäumt sich auf, die nächste Wehe fährt durch ihren Körper. Ob sie Rubys Worte hört? Ihr herzförmiges Gesicht ist vom Schmerz verzerrt. Daisy ist eine von rund 50 Frauen, die an einem Tag wie diesem im Fabella Hospital ein Kind zur Welt bringen. Sie kann gerade nicht über Kondome und die Pille diskutieren. Oberschwester Ruby drückt ihre Schultern zurück auf die Matratze.

Im Kreißsaal stehen acht Betten nebeneinander. In drei davon liegen gebärende Frauen, die Beine gespreizt, die Knie angewinkelt. Würden Daisy und die Frau im nächsten Bett die Arme ausstrecken, könnten sie sich an den Händen fassen. Um jedes Bett steht ein halbes Dutzend Kittelträger: Ärzte, Hebammen, Studenten, Auszubildende. „Gut, sehr gut! Weiter so!“ Eine der Hebammen leitet Daisy an. „Atmen, atmen … jetzt drück!“ Daisy braucht solche Tipps eigentlich nicht. Sie war schon mal hier, sie kennt den Kreißsaal mit seinen weißen Kacheln und die Schmerzen. Ihr erster Sohn ist eineinhalb Jahre alt. Noch zwei Wehen. Dann liegt ein Baby, knautschig und rosafarben, auf ihrer Brust. „Gerwin James“, sagt sie erschöpft und schließt schützend eine Hand um seinen winzigen Körper.

„Das war ja einfach.“ Ruby steht wieder in der Mitte des Kreißsaals und hat den Überblick. Sie arbeitet seit 25 Jahren in der Klinik und hat oft erlebt, dass es auch anders laufen kann. Das kleine Mädchen, das ein paar Minuten vor Gerwin James geboren wurde, war weiß wie Milch, sein kleiner Körper leblos, die Lippen blau. Die Geburt hatte eine Stunde gedauert, mit Dammschnitt. Das Baby sollte schnell ans Licht, niemand wusste genau, wie es ihm im Bauch ging. „Wir haben vier Wehenschreiber und manchmal sind alle besetzt“, sagt Ruby. Das Mädchen kam auf die Intensivstation für Neugeborene, Atemprobleme, Antibiotika. Die Station kann rund 90 Babys aufnehmen. Sie ist fast immer voll.

Daisy hatte nicht geplant, schwanger zu werden. Jetzt ist sie glücklich, dass Gerwin James da ist. Jede zehnte Frau, die in Fabella entbindet, ist minderjährig

„Ich habe gelesen, dass Frauen woanders ihre Kinder im Wasser zur Welt bringen“, sagt Ruby Santiago. Ihre Stimme klingt plötzlich sanft, weniger lehrerhaft, ihr strenger Mund wirkt weicher. Sie findet es schön, sagt sie, wenn Frauen wählen können, wie sie gebären möchten, im Wasser, auf dem Boden, in der Hocke, an Seilen. „Wenn wir unseren Frauen erlauben würden, auf dem Boden zu gebären …“ Ihr Blick schweift über die zerkratzten Kacheln des Kreißsaals, den Wischmopp und die Waschbecken an der Wand, über den grünen und den gelben Mülleimer, den Feuerlöscher, die mannshohen Sauerstoffflaschen. „Wir haben ja gar keine Matten“, sagt sie.

Die Klinik steht mitten in einem Armenviertel von Manila: Außerhalb ihrer Mauern stehen dicht gedrängt Hütten aus Wellblech und Spanholz. 700 Patienten kann die Klinik aufnehmen. Häufig sind die Frauen so arm, dass sie die umgerechnet 40 bis 60 Euro, die eine natürliche Geburt hier kostet, nicht bezahlen können. Sie dürfen trotzdem in Fabella gebären. Aber das Geld ist knapp. Die Personalkosten verschlingen mehr als vier Fünftel des Budgets, dazu kommen die Ausgaben für den Klinikbetrieb und die Wartung des Gebäudes. Für innovativen Schnickschnack wie Matten bleibt wenig übrig.

In einem der Säle zur Nachsorge sind gleichzeitig 145 Mütter. Der Lärmpgel ist hoch, aber die Stimmung gut

Schmerzmittel dosieren die Ärzte ebenfalls sparsam. Sie geben selten eine PDA, wie sie in Deutschland etwa jede vierte Frau während der Geburt bekommt. „Eine normale, natürliche Geburt braucht keine Betäubung“, sagt Ruby. Trotzdem ist es im Kreißsaal so ruhig, dass man sich flüsternd unterhalten kann. Die Hebammen raten den Frauen, während der Geburt nicht zu schreien oder zu stöhnen. Das trockne nur den Mund aus und koste Kraft. Außerdem ist es pragmatisch: Insgesamt mehr als 30 Ärzte, Hebammen, Pfleger, Studenten, Betreuer und Aufseher tun Dienst auf der Station. Ihre Arbeit wäre noch viel anstrengender, wenn alle Gebärenden schreien würden.

Ruby Santiago rollt das Bett, in dem Daisy und Gerwin James liegen, aus dem Kreißsaal. In ihren gelben Crocs läuft die Aufseherin durch einen breiten Durchgang – der Kreißsaal hat keine Tür. Im Vorraum stehen sechs Betten eng beieinander. Hier ruhen sich die Mütter direkt nach der Geburt aus und die Babys trinken ihre erste Milch. In jedem Bett liegen zwei Frauen und zwei Neugeborene. Das Fußende der einen Mutter ist das Kopfende der anderen. Daisy hat Glück: Sie hat ein Bett für sich. Noch.

Ruby stellt sich an Daisys Bett und erklärt: „Wir legen das Baby zwischen die Brüste der Mutter, damit es von selbst trinkt.“ Sie spricht wieder in ihrer Klinikstimme, in der sie es schafft, die Frauen gleichzeitig zu ermahnen und zu bemuttern. Der halb ruppige, halb fürsorgliche Ton mag hier nützlich sein: Gut jede zehnte Frau, die in Fabella entbindet, ist minderjährig. Manche Frauen gebären ihr zehntes, elftes, gar zwölftes Kind. Dabei gehört Manila längst zu den am dichtesten besiedelten Städten der Welt. Manchmal wissen die Hebammen nicht, was sie bei der Geburt erwartet: Die Schwangeren kommen erst in die Klinik, wenn die Wehen einsetzen. Eine Voruntersuchung kostet 50 Pesos. Das sind umgerechnet ein Euro. Viele arme Familien verdienen gerade mal 100 Pesos am Tag oder weniger.

Oberschwester Ruby hat (meistens) alles im Blick

Ruby Santiago hat es geschafft, der Armut zu entkommen. Ihre Eltern verdienten nicht genug, um sie auf eine gute Schule zu schicken. Aber die Ausbildung zur Hebamme in Fabella konnten sie sich leisten. Ruby arbeitete hart, und tut es noch. Sie schiebt gern Schichten im Kreißsaal. „Ich mag es, neugeborene Babys zu halten.“ Dann fühlt sich die fromme Katholikin dem Leben, das Gott schenkt, so nah. An ihrem freien Tag unterrichtet Ruby angehende Krankenpfleger. Sie braucht das zweite Einkommen, damit ihre drei Kinder die Chancen bekommen, die ihr selbst verwehrt waren. Ihre zwei Söhne studieren Schiffsmaschinenbau. Ihre Tochter studiert Krankenpflege. „Sie will so werden wie ich“, sagt Ruby stolz.

Eine Schwester hat Gerwin James ein weißes Häubchen aufgezogen, damit er sich nicht verkühlt, und seine allererste Windel. Friedlich liegt er auf Daisys Brust, unter ihrem Klinikhemd. Sie hat wieder einen Arm um ihn gelegt und hilft ihm, die Brust zu finden. Daisy könnte sich jetzt wehren. Sie könnte der strengen Hebamme sagen, dass sie nicht eine von denen ist, die Babys bekommen wie einen Schnupfen. Sie könnte sagen, dass sie den Vater seit der Schule kennt. Dass sie sich in der Kirche das Jawort gegeben haben. Dass sie die standesamtliche Hochzeit nachholen, sobald sie volljährig ist. Dass sie sich über ihren Sohn freut und dass sie nichts bereut. Doch Daisy schweigt. Sie ist hier ja auch nur ein Fall von so vielen.

Daisys Mann wartet draußen im Flur. Väter dürfen nur mit einer Sondererlaubnis in den Kreißsaal. Es kommt nur ein paarmal im Jahr vor, dass einer bei der Geburt zuschaut. In der Regel halten Väter ihr Kind zum ersten Mal, wenn es entlassen wird. Frauen, die es sich leisten können, bringen ihr Baby lieber in einer Privatklinik zur Welt. Die nehmen Schwangere schon auf, wenn der Muttermund erst drei Zentimeter geöffnet ist, und behalten sie dann bis zur Geburt da. Undenkbar in Fabella.

Trotzdem zieht das Krankenhaus selbst Studenten aus dem Ausland an. Oder gerade deshalb. „Die Ärzte sind sehr gut, sie müssen es sein“, sagt Camilo Alcomendras, ein Student aus den USA, der in Fabella hospitiert. Für Geräte und Labortests, auf die sich Mediziner in reicheren Häusern verlassen können, sei das Budget zu eng. „Die Ärzte müssen aufs eigene Urteilsvermögen vertrauen. Und sie sehen so viele Fälle, sie haben so viel Erfahrung!“

Mitten in einem Armenviertel von Manila steht die Klinik. Hinter den Mauern beginnt das Gewimmel der Bretter- und Blechbuden

Die Philippinen haben eine der höchsten Geburtenraten Südostasiens. Im Schnitt bekommt jede Frau drei Kinder und die armen Familien wachsen am schnellsten. Die Regierung versucht, den Babyboom zu bremsen. 2012 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das leichteren Zugang zu Verhütungsmitteln vorsieht, Aufklärungsunterricht an Schulen und eine bessere Versorgung von Frauen, die abgetrieben haben. Der Streit um das Gesetz zog sich über mehr als ein Jahrzehnt hin, die mächtige katholische Kirche hatte sich quergestellt: Kondome, Pille und Spirale gefährdeten die Moral und das heilige Sakrament der Ehe.

Daisy und ihr Mann hatten das zweite Kind so wenig geplant wie das erste. Am Morgen nach der Entbindung sitzt Daisy in einem Bett auf Station 4, Gerwin James schläft in ihren Armen. Alle Babys auf der Station zur Nachsorge natürlicher Geburten sind erst ein paar Stunden alt. Bett reiht sich an Bett in dem hellen, großen Schlafsaal. Alle 145 Mütter tragen dieselben weißen Krankenhaushemden, jede trägt andere Gummischlappen, und überall schlafen, trinken, krähen und wimmern Babys.

Im großen Schlafsaal ist an Schlaf kaum zu denken: Überall schreien, krähen und wimmern Neugeborene

Die meisten Frauen bleiben 24 Stunden hier. Wieder teilen sich je zwei ein Bett. Und die Frauen teilen noch mehr: Essen, Ratschläge, Geburtsgeschichten und den besonderen Moment, gerade Mutter geworden zu sein. Angehörige müssen draußen bleiben. Eine Schwester macht Durchsagen per Lautsprecher, damit die Frauen in den Flur gehen und sich von ihren Männern Windeln und Essen überreichen lassen können. Der Geräuschpegel pendelt zu den Besuchszeiten zwischen Auktionshaus und Ferienlager.

In der hintersten Ecke des Saals steht ein Holztisch, in dessen Schublade die zuständige Krankenschwester einen Vorrat an Kondomen, Pillen und Spiralen hütet. Auf dem Tisch liegt eine Gebärmutter aus Kunststoff, daneben ein Schild: „Family Planning“, mit einem Foto der idealen Familie, zwei strahlende Eltern und zwei Kinder. Vielleicht vier von zehn Frauen, die sich an dem Tisch beraten lassen, hätten gar keine oder nur eine vage Ahnung von Verhütung, sagt die Schwester. Sie erklärt ihnen die üblichen Methoden und schenkt ihnen zwei Packungen der Antibabypille oder eine Kupferspirale.
Daisy war auch schon an dem Tisch, doch die Schwester hat sie weggeschickt: Frauen unter 18 darf sie nur beraten, wenn sie eine Einverständniserklärung der Eltern mitbringen. „Ich hätte gern noch ein Kind“, sagt Daisy. „Aber diesmal möchte ich länger warten, vielleicht in zehn Jahren.“

Zwei Stockwerke tiefer, im Erdgeschoss, liegen die Frauen, die ungeplant schwanger wurden und sich gegen ihr Baby entschieden. Auf Station 1 ist es still, niemand spricht. Abtreibung ist illegal. Manche Frauen tun es trotzdem heimlich, sie führen Gegenstände in ihre Vagina ein oder nehmen dubiose Mittel. Sie riskieren ihr Leben.

Wenn sie katholisch sind und in der Notaufnahme in Fabella landen, klingelt sofort das Handy des Krankenhauspfarrers. Der 54-Jährige braucht zehn Minuten im Sammeltaxi von seinem Zuhause bis zur Klinik. Ohne Stau. Einmal kam er zu spät: Die Ärzte konnten die Patientin nicht wiederbeleben. Der Pfarrer betete für ihre Seele, so wie Ruby Santiago es tut, wenn sie Frauen betreut, die abgetrieben haben. „Abtreibung ist eine Todsünde!“ Rubys Augen weiten sich, wenn das Thema aufkommt. Ob die Frauen in der Hölle landen? „Ja!“

Viermal in der Woche hält der Pfarrer eine Messe in einem niedrigen Raum neben der Hebammenschule und dem Leichenhaus, im hintersten Teil der Klinik. Der große Mann mit dem gelbweißen Zopf ist sanfter als Ruby: „Die Frauen stehen unter dem Druck des Lebens“, sagt er. Er will sie nicht verurteilen, sondern zurück zum Herrn führen.

Die Väter dürfen nur mit einer Sondererlaubnis in den Kreißsaal. Das erste Mal im Arm halten sie ihre Kinder erst bei der Entlassung

Die Besuchszeit auf Station 4 ist vorbei, es ist Abend geworden. Daisy wurde nicht entlassen. Gerwin James soll noch Fototherapie bekommen, gegen Neugeborenengelbsucht. Links vom Eingang stehen zwei blau bestrahlte Kinderbetten, dort soll er hinein, mit Augenmaske. Daisys Mann schläft auch heute Nacht wieder irgendwo auf dem Klinikgelände, auf dem Boden oder auf einem Stuhl, und wartet auf seine Frau. Daisys Mutter ist nach Hause gefahren, zu ihren anderen drei Töchtern.

Die Panlilios wohnen in einem Villenviertel, etwa eine halbe Stunde von der Klinik entfernt. Ihr Mehrfamilienhaus ist kaum mehr als eine Bretterbude, die sich zwischen eine Backsteinvilla und ein Restaurant zwängt. Das Zimmer von Daisy, ihrem Mann und den zwei Kindern ist sieben Quadratmeter groß. Sie besitzen zwei Kopfkissen, aber keine Matratzen, nachts schlafen sie auf Laken, die sie aufs Linoleum legen. Sie haben kein fließendes Wasser, keinen Ventilator, keine eigene Küche, kein Fenster nach draußen, nicht einmal eine Tür. Auf den Flur führt ein Vorhang. Die dunkle Kammer kostet 2400 Pesos im Monat, 50 Euro, ohne Wasser und Strom. Im Treppenhaus riecht es nach Fledermauskot.

Daisys Mutter wohnt einen Stock tiefer in dem wackligen Konstrukt aus Spanholz. Sie arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in Manila. In ihrer Heimat, einem Bergdorf im Norden, gibt es keine Jobs. Luzviminda Panlilio, 43, putzt das Haus einer reichen philippinischen Familie. Auch diesmal hat sie sich Geld von ihrem Boss geborgt, um die Geburt ihres Enkels zu bezahlen. Daisys ältere Schwester Grace hat eine Teilzeitstelle als Sekretärin. Die beiden jüngeren gehen noch zur Schule. Die zehnjährige Rhoda möchte Stewardess werden, die vierzehn Jahre alte Analene Geschäftsfrau. Auch Daisy hatte solche Träume. „Ich wollte nicht, dass sie so früh schwanger wird“, sagt ihre Mutter. „Aber Kinder sind ein Geschenk Gottes. Wir müssen ihm danken.“