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Unterwegs: Eine Großfamilien-Reise nach Südafrika: Teil 3 – Weiße Weihnacht und Großfamilien-Koller

Lisa schreibt diese Woche über die Vorteile einer Reise als Großfamilie und die Gratwanderung zwischen Gruppenkoller und Gemeinschaftsgefühl.

Schon am Mittag funktionierte der Rasierer nicht mehr einwandfrei. Das Shampoo war im Koffer in das Gerät gelaufen. Nun war es Abend. Die Kinder schliefen schon. Wir wollten ins Bett. Müde und beseelt vom südafrikanischen Sundowner-Wein drückte Markus nun einfach nochmal drauf. Und der Rasierer begann zu surren. Unaufhörlich. Er ging einfach nicht mehr aus. Ich würde nicht schlafen können bei dem Gesurre… „Wieso drückst Du da JETZT drauf?“ – „Wieso denn nicht? Das kann ja keiner ahnen.“ Szenen einer Ehe eben, Szenen einer Großfamilienreise.

Wir bewegen uns hier zu Acht durch das Land am südlichsten Zipfel von Afrika. Wir kämpfen nicht nur mit Rasierapparaten. Wir beobachten Pinguine in Boulders Bay, wir fahren mit dem Schiff durch tosendes Wasser zu einer Robben-Insel, wir bewegen uns – auch innerfamiliär. Aufeinander zu, voneinander weg. Wir haben da eine gute Mischung gefunden, bisher. Und die Hälfte der Reise liegt schon hinter uns. Jeder bekommt mal seinen Gruppen-Koller, kurz und heftig. Dann zieht er sich zurück, ist genervt und springt schließlich in den Pool, um zu merken, dass dieses Land keine schlechte Laune zulässt. Es sind zwischen 25 und 35 Grad im Dezember.

Neben dem üblichen Koller hat die Großfamilie aber vor allem Vorteile. Unsere hier zumindest. So denken sich Oma und Pflegetochter unaufhörlich Zwischendurch-Spielchen für die Kinder aus. Und Opas Walkie Talkies haben sich tatsächlich als wertvolle Begleiter bewährt, nachdem wir sie zu Beginn doch eher belächelt hatten. Durch sie können wir auch auf Bergpässen kommunizieren, wenn wir den angedachten Picknickplatz doch lieber meiden sollten, weil Paviane auf den Bänken sitzen und auf unsere Brötchen warten. Da ich hier komplett handyfrei lebe, um mal abzuschalten, ist diese Funkerei also wirklich sinnvoll. Anders der Stromschlag-Mückenstich-Verarzter. Wir bewegen uns zwar auf einer angeblich malariafreien Route, trotzdem gibt es hier und da natürlich einen Stich in die Kniekehle. Es gibt einige Dinge, die gegen den Juckreiz helfen – der Strom-Stick aus dem Outdoor-Shop gehört aber nicht dazu. Wenn überhaupt: Placebo-Effekt.

Die Großfamilie hat außerdem eine feine Undercover-Funktion. Keiner vermutet etwa, dass Markus und ich drei Kinder haben. Als wir im Gästehaus in Kapstadt ankamen und Franz mit Oma, Opa und der Pflegetochter schon vor uns ankam, weil wir zur Entzerrung des Ganzen mit zwei getrennten Mietwagen unterwegs sind, da wurde ich, die mit zwei Kindern hinterher kam, begrüßt mit: „Ah, and you will care for the kids?“ Was so viel bedeutete wie: Sie sind also der Babysitter! In einem anderen Gästehaus verstand eine Familie nicht, wieso sich „unser Sohn“ so oft umzog. Sie hatten unsere Zwillinge schlicht für ein und dieselbe Person gehalten. Da der eine blau und der andere grün trug, dachten sie: Umzieh-Fetisch.

Überhaupt die Leute: Die Familien, die wir hier kennenlernen – und man lernt hier schnell Menschen kennen, denn alle sind irgendwie auf der (Durch-)Reise – sind glücklich. Glücklich, in Südafrika zu sein, glücklich, sich diesen Traum erfüllt zu haben. Eine tolle Grundstimmung ist das. Dazu kommt die große Gastfreundschaft, die uns hier begegnet. Paul himmelt mal die Gästehaus-Praktikantin, mal das Mädchen aus dem Nachbar-Apartment, mal den weiblichen Guide auf der Straußenfarm bei Oudtshoorn an – wie gerade eben, als die Dame ihm ein Albino-Küken auf den Arm setzte. Franz ist da kritischer. Nach der Führung durch das Reptilienzentrum mit Krokodilen und Schlangen gab er dem Ranger sogar einen eigenen Namen: „Herr Quasselsturm“. Was den Opa zu zustimmenden Lachanfällen veranlasste. Und uns auch.

Mit Kindern zu reisen, das ist, wie mit Journalisten zu verreisen. Sie fragen, fragen, fragen. „Warum musste Nelson Mandela ins Gefängnis, wenn er doch nur etwas Gutes wollte?“, fragen sie und finden es nach unseren Erklärungen eine „Frechheit, dass ihm das passiert ist“. Sie fragen, warum der Vogel vor unserem Fenster immer das Gleiche zwitschert und ob er wohl „einen Ohrwurm“ hat. Und warum wir nicht herunterfallen von der Erdkugel – jetzt, wo wir doch auf der „unteren“ Seite sind. Mit Großeltern zu verreisen, passt dazu sehr gut, denn sie löschen den Wissensdurst, wenn wir mal kurz in unsere Romane entgleiten oder in der Sonne dösen. Der Mehrwert: wir profitieren alle. Wir lernen durch Opas neue Sternen-App, wie die Konstellationen im dunklen Himmel über uns heißen. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, ob Mücken nur unser Blut oder auch eigenes Blut im Körper haben, spinnen wir wilde Theorien – gemeinsam, generationenübergreifend – bis wir eine Lösung haben. Im Notfall eben durch Google.

WiFi gibt es hier nämlich in jeder Destination und das auch noch „for free“. Außerdem gibt es überall Toiletten. Wer mit Kindern unterwegs ist, der weiß eine solche Information wohl genauso zu schätzen, wie die, dass Klippschliefer (so etwas wie Keinohrhasen) Verwandte von Elefanten sind. Dazu sind die „Lavatories“ alle sehr gepflegt. Ich bin von anderen Reisen anderes gewöhnt – auch auf den touristischen Routen wie der Garden Route, auf der wir hier gerade unterwegs sind – aber das hier toppt an Sauberkeit alles. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass man hier selbst das Eis am Straßenrand mit Kreditkarte zahlen kann. Das ist praktisch. Das erleichtert einiges. Trotzdem haben wir natürlich Bargeld dabei. Hauptsächlich für Trinkgelder.

Etwa für den lieben Ranger Hannes, der uns nach der Safari samt thronendem Löwen und gähnendem Nilpferd auch noch zum Stall eines Elefanten brachte und die Kinder Futter in den Rüssel werfen ließ. Oder für die nette Farmhausbesitzerin, die uns Omelette aus Straußeneiern (1 Straußenei = 24 Hühner-Eier) zubereitete. Oder für den freundlichen Kellner, der uns Picknick-Körbe zusammenstellte, als wir an Heiligabend unser Mittagessen im De Hoop Nature Reserve, in den Dünen von Kopie Alleen planten. Ein Ort, der uns mit seinem hellen Sand ganz unverhofft doch noch weiße Weihnacht bescherte und der mich wirklich vor Rührung schlucken ließ mit seiner Schönheit und Pracht.

Trinkgeld gab es schließlich auch für den Haustechniker, der es schaffte, den Rasierapparat wieder auszustellen. Abends, damit ich doch noch ein bisschen Schlaf finden konnte, ganz ohne Surren und Ehestreit. Gastfreundschaft ist eben alles.


Teil 1 – Die Vorbereitungengeschrieben von Lisa und Markus Harmann

Teil 2 – Sind Weiße Haie hier eigentlich schwarz?geschrieben von Markus Harmann