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Unterwegs: Karl der Koffer

Eine Vorlesegeschichte von Oliver Polak • Illustrationen von Mouni Feddag \ Vorlesezeit: 9 Minuten • für Kinder ab 5 Jahren

Herr Hunfeld, der Besitzer vom Koffergeschäft, in dem auch ich seit Jahren schon stehe und sehe, wie mich alle Modelle überholen, leichter und praktischer werden, ist seit Tagen total überfordert. Vor den Sommerferien ist die Nachfrage nach Koffern immer sehr hoch, im Minutentakt wird die Tür aufgerissen, die Glocken über der Tür hören nicht auf zu bimmeln, und Herr Hunfeld kommt mit dem Abkassieren und dem Bedienen gar nicht hinterher.

Die Kunden fragen Herrn Hunfeld, der schon Schweißperlen auf der Stirn hat, nach einer Empfehlung. Er zeigt ihnen die Koffer, die im Schaufensterlicht strahlen. Sie tragen Namen wie Samsonite und Rimowa. Es sind Trolleys, Hartschalenkoffer, gemusterte oder einfarbige. Er führt sie seiner Kundschaft vor, zieht die Bügel heraus und die Koffer hinter sich her, öffnet sie, schließt sie ab und wieder auf. Schließlich zeigt er noch auf die dunkle Ecke, in der ich stehe und sagt: „Dort sind noch ein paar alte Koffer. Sie kosten nicht viel und ich wäre froh, sie loszuwerden.“

Er meint mich. Ich habe keinen richtigen Namen. Seit etwa fünfundzwanzig Jahren stehe ich in diesem Laden, in dieser Ecke, und ich sehne mich schon so lange danach, die Welt zu erkunden. Wenn die Kunden in den Laden kommen und von ihren Reisezielen erzählen, steigt in mir die Sehnsucht hoch, endlich diesen Laden zu verlassen und zu reisen. In die Ferne, der Sonne entgegen. Und ich würde so gerne einmal Schnee sehen.

Ein einziges Mal bin ich schon gereist. Das war damals, als ich die Kofferfabrik, in der ich gezeugt wurde, verließ. Es war allerdings keine besonders gemütliche Reise. An einem Morgen, es war noch dunkel, wurde ich abgeholt. Ich war noch jung, kräftig und gelenkig. Deswegen machte es mir auch nicht viel aus, als ich auf einen Lastwagen geschmissen wurde. Aber die Plane, mit der wir zugedeckt waren, ging kaputt, da wurde es schon ein bisschen luftig. Aber immerhin konnte ich dadurch die ganze Fahrt über hinausblicken, und der Wind blies mir entgegen. Und so fuhr ich quer durch Deutschland, vom Süden hoch in den Norden. Am Ende der Reise wurde ich hier im Laden abgeladen. Koffer Hunfeld. In dieser norddeutschen Kleinstadt.

Es betreten nicht nur zukünftige Reisende das Geschäft von Herrn Hunfeld. Hin und wieder, besonders im Sommer, kommen auch Eltern mit ihren Kindern rein, und gemeinsam suchen sie Schulranzen aus. Ich freue mich immer, wenn Kinder in den Laden kommen, denn sie sind so cool. Manchmal träume ich, ich wäre ein Schulranzen. Dann könnte ich den ganzen Tag mit coolen Kindern rumhängen und dürfte zur Schule gehen und würde so viel lernen.

Aber leider bin ich ein Koffer, noch dazu einer, den niemand haben will, und das Einzige, was ich in diesem Laden lerne, ist das, was ich aus dem Radio aufschnappe, das Herr Hunfeld manchmal anschaltet, wenn er gute Laune hat. Radio NDR 2.

Hier in der Ecke, in der ich stehe, wird selten geputzt. Alles ist verstaubt – was halb so wild wäre, hätte ich nicht diese Hausstauballergie. Oft schaffe ich es, mich zusammenzureißen, doch am Abend, wenn Herr Hunfeld die Ladentür hinter sich abgeschlossen hat, muss ich heftig niesen, manchmal die ganze Nacht durch. Wegen des vielen Staubs kann man leider meine Farbe gar nicht mehr erkennen. Lila. Auf meine Farbe bin ich besonders stolz.

Auch wenn es hier in der Ecke ein bisschen langweilig und einsam ist, versuche ich immer zu lächeln, wenn die Kunden hereinkommen. Aber ich gebe zu, dass die Traurigkeit manchmal überwiegt. Für mich ist dieser Laden manchmal wie ein Gefängnis. Ein Koffergefängnis.

Ich bin kein neidischer Koffer, und ich finde Neid eine wirklich sehr schlechte Eigenschaft, denn meiner Meinung nach ist jeder so, wie er ist, genau richtig. Deswegen sollte man sich mit niemandem vergleichen. Aber ich gebe zu, dass mir das nicht immer gelingt. Denn es ist doch sehr frustrierend, wenn dich Jahrzehnte lang niemand auch nur eines Blickes würdigt. Die anderen Koffer in dem Laden sind zwar nett, aber sie bleiben nie lange. Da freundet man sich gerade mit einem von ihnen an, und schon wird der neue Freund verkauft. Er rollt fort, in die große Welt hinter den Schaufenstern, und kommt nie wieder zurück.

An einem Tag vor etwa fünf Jahren hatte ich das erste Mal richtige Hoffnung, dass ich den Laden vielleicht verlassen würde. Es hätte beinahe geklappt. Eine Mutter kam mit ihrer Tochter herein, die Frau war dünn und groß und hatte blaue Augen, die Tochter war etwa sechs Jahre alt und hatte riesige braune Augen. Außerdem hatte sie eine schwarze Katze dabei, die eine Leine um den Hals trug. Das Mädchen wirkte ein bisschen eingeschüchtert. Außerdem war sie traurig, weil ihr ein Mitschüler seit Wochen ihr Pausenbrot klaute, das erzählte sie ihrer Mutter, und ich hörte zu. Sie suchten also einen Ranzen mit einem Geheimfach, wo man das Pausenbrot verstecken könnte.

Von Weitem sah ich, wie sich Mutter und Tochter einige Ranzen anschauten. Herr Hunfeld war sehr bemüht, ihnen alle vorzuführen. Die beiden Kundinnen waren so vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, dass sich die schwarze Katze losgemacht hatte und auf Erkundungstour durch den Laden streunerte. Sie kam irgendwann auf mich zu und sprang auf mich drauf. Das fühlte sich komisch an, so ungewohnt, ein wenig kitzelig, denn mich hatte seit Jahren niemand mehr berührt. Sie war sehr flauschig, die Katze, und so warm. Sie hätte gerne eine Nacht bleiben dürfen.

Mutter und Tochter merkten irgendwann, dass die Katze verschwunden war. Das Mädchen rief: „Zelda, Zelda, komm her.“ Dann fiel ihr Blick auf Zelda – und auf mich. Sie kam auf mich zu, strahlte mich und die Katze an und sagte: „Mama, schau mal, Zelda ist hier! Sie liegt auf einem Koffer, der ist sooo süß, den möchte ich haben.“ Unter dem Staub wurde ich ganz rot, so sehr freute ich mich. Ich hätte das Mädchen am liebsten gestreichelt. Die Mutter entgegnete, sie solle die Katze holen und sich jetzt für einen Ranzen entscheiden, sie brauche keinen Koffer.

Das Mädchen nahm die Katze von mir herunter und ging zu ihrer Mutter, die sich der Kasse näherte. Herr Hunfeld packte einen rosa Tornister ein. Rosa, igitt. Mag ich nicht so. Ich finde es eh komisch, dass Mädchen immer rosafarbene Sachen haben und Jungen blaue. Ich finde, jeder sollte jede Farbe haben dürfen!

Als die beiden am Ausgang standen und die Tür öffneten, drehte sich das Mädchen noch einmal um. Es winkte mir zu und rief: „Auf bald vielleicht, schöner Koffer!“

Monate und Jahre sind seither vergangen, Koffer sind gekommen und gegangen. Nur ich stehe immer noch in meiner Ecke, die jeden Tag weiter einstaubt. Sommer, Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer.

An diesem Morgen höre ich, wie Herr Hunfeld am Telefon zu jemandem sagt, dass er heute mal ausmisten wolle und ein paar Koffer auf die Müllhalde gebracht werden sollen. Oh nein, das ist mein Ende. Herr Hunfeld will doch sicher keine Samsonites und keine Rimovas wegwerfen. Den ganzen Tag ist wieder Hochbetrieb wegen der anstehenden Ferien. Vielleicht habe ich ja Glück und er vergisst, dass er ausmisten wollte. Eines Tages wird mich bestimmt ein Kunde auf Reisen mitnehmen, und ich kann die Welt erkunden.

Kurz vor Feierabend kommt Herr Hunfeld in meine Ecke, oh nein, er wird doch wohl nicht … Er nimmt ein paar Koffer links und rechts von mir, begutachtet sie, schiebt sie an einen anderen Platz, schließlich packt er mich und stellt mich vor die Tür des Ladens. Das war’s dann wohl.

Gerade als er die Tür hinter sich abgeschlossen hat, fährt ein großes schwarzes Auto vor. Der Fahrer steigt aus und öffnet die Hintertür, aus der ein in schwarz gekleideter Mann aussteigt. Er erklärt Herrn Hunfeld, dass er dringend einen Koffer benötige. Herr Hunfeld entgegnet, er habe schon abgerechnet, und der Mann solle doch bitte morgen wiederkommen, er müsse sich jetzt beeilen, damit er diesen alten Koffer, also mich, noch zur Müllhalde bringen könne. Ich will nicht sterben.

Der Mann in Schwarz schaut Herrn Hunfeld an, dann blickt er herunter zu mir und sagt: „Wieso werfen Sie den auf die Müllhalde? Ist er kaputt?“ Herr Hunfeld lacht und sagt: „Nein, kaputt ist er nicht, aber er ist so alt, mit dem kann man nichts mehr anfangen.“ „Den will ich!“, sagt der Geschäftsmann. Herr Hunfeld wehrt ab und schlägt erneut vor, morgen in seinen Laden zu kommen. „Da können Sie für 400 oder 500 Euro einen tollen Rimowa bekommen.“ Der Geschäftsmann entgegnet, er brauche den Koffer jetzt, und er wolle genau diesen alten lilafarbenen Koffer. Nach ewigem Hin und Her sagt Herr Hunfeld schließlich genervt: „Wissen Sie was? Nehmen Sie ihn.“ Mir plumpst ein Riesenstein vom Herzen. Dass dieser Mann so für mich kämpft, rührt mich sehr. Er sagt seinem Chauffeur, dass er mich nicht in den Kofferraum, nein, sondern zu ihm auf die Rückbank legen soll.

Herr Hunfeld steht wie angewurzelt vor seinem Laden, als wir davonfahren. Ich habe das Gefühl, dass Herr Hunfeld vielleicht auch gerade einen klitzekleinen Moment darüber nachdenkt, wie viel Zeit wir zusammen waren. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein.

Auf der Rückbank ist es sehr bequem. Mein neuer Besitzer sagt zu seinem Chauffeur: „Sie wissen nicht, wie glücklich mich dieser lilafarbene Koffer macht. Nicht so modern. Praktisch und einfach schön. Genau so einen hatte meine Oma auch. Ihr Name war Karla und ihre Lieblingsfarbe und auch meine ist Lila. Ich werde diesen Koffer nach ihr benennen. Karl. Karl der Koffer.“

Überglücklich kuschele ich mich in das Leder der Rückbank. Ich bin der Müllhalde entkommen. Und ich bin schrecklich gespannt, wo mich diese Reise hinführen wird. Das Beste von allem aber ist: Ich habe endlich einen Namen. Karl. Und wer weiß, vielleicht habe ich bald auch einen neuen Freund.

Foto: Gerald von Foris

Oliver Polak, 39, ist Komiker und Autor, seit 2006 tritt er als Stand-up-Comedian auf. Im Buch „Der jüdische Patient“ machte er 2014 seine Depressionen öffentlich. „Supersad“ ist der Titel seiner „Welt am Sonntag“-Kolumne und seiner aktuellen Tournee.

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