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Unterwegs: Wie das Fräulein Rosine Froh in die Elbe plumpste und keine Angst hatte

Eine Vorlesegeschichte von Marie Biermann • Illustrationen von Nele Palmtag • Vorlesezeit: 8 Minuten • für Kinder ab 5 Jahren

Das Mädchen Rosine Froh hatte ihren Namen von Eltern bekommen, die zum Frühstück gern Dörrfrüchte aßen und sich dabei stritten. Wie jeden Tag nach der Schule saß Rosine Froh an der Kaimauer beim Fischereihafen Övelgönne, um auf das graue Elbwasser zu starren, und um sich selbst und seine Traurigkeit zu vergessen.

Rosine Froh träumte vom Schwimmen, fürchtete sich aber vor dem Wasser. Das Wasser war dunkel und trüb, und das machte Rosine Angst.

Es war wirklich schade: Noch nie war Fräulein Froh so richtig geschwommen, in der Elbe schon gar nicht. Die Elbe war sehr schmutzig und das Wasser roch manchmal nach faulen Eiern. „In diesem Wasser“, dachte Rosine, „will ich sowieso nicht schwimmen.“ Sie ekelte sich sehr.

Ein paar Mal hatte sie Schwimmunterricht im Altonaer Bismarck-Bad genommen, bei der staatlich geprüften Oberbademeisterin Sabine. Sabine war nett und trug den ganzen Tag einen schwarzen Neoprenanzug. Sie war streng, etwas zu dick und immer sehr laut. Rosine hatte sich alle Mühe gegeben: An die hundert Mal versuchte sie, einen roten Plastikring aus dem tiefen Wasser zu holen. Mindestens genauso oft versuchte sie, genau 25 Meter am Stück zu schwimmen. Doch sobald sie sich im tiefen Wasser befand, hatte sie nach Luft gejapst und wild um sich geschlagen. Die laute Sabine hatte sich daraufhin samt Neoprenanzug ins Becken gestürzt, um Rosine zu retten. Sabine sagte hinterher zu ihr: „Fräulein Rosine Froh, es ist hoffnungslos, du schwimmst wie ein Hund.“

Betrübt starrte Rosine weiter auf das graue Elbwasser. Immerhin hatte sie Rosinen, ihre Lieblingsdörrfrüchte. Sie waren klein und nicht so nass wie getrocknete Aprikosen oder Pflaumen. Sie steckte sich 20 Rosinen auf einmal in den Mund und zerkaute sie zu einem herrlichen Rosinenbrei. Der süße Brei tröstete sie in ihrem Kummer.

„Einfach reinspringen, kurz untergluckern, wieder auftauchen und wegschwimmen – das müsste man können!“, sagte sie sich. Sie wollte so gern ins tiefe Wasser springen, um ihre streitenden Eltern zu vergessen.

Aber sie traute sich nicht. Ihre Sehnsucht nach dem Wasser war so groß, dass Rosines Arme wie taub waren.

Auf einmal setzte sich der Kater Picaczu zu ihr. Picaczu war eine alte, liebe Seele. Er hatte die ganze Welt gesehen und war nicht dumm. „Mein Mädchen. Wenn du Angst und Kummer hast“, sagte Picaczu, und seine struppigen, vom Nordwind leicht verfilzten Haare stellten sich auf, „dann ist es am besten, wenn du einfach weinst.“

Rosine dachte an ihre Eltern. Die sagten immer, nichts wäre so schlimm, als dass man davon weinen müsste. Und nun forderte der liebe, alte Kater sie dazu auf, einfach loszuweinen. Sie sollte nicht nur ein bisschen herumweinen. Nein, sie sollte so lang und so viel weinen, bis sie vergessen hatte, wieso ihre Eltern sie Rosine genannt hatten. „Weinen“, sagte Picaczu bedeutungsvoll, „befreit die Seele.“

Rosine aber zögerte. Sie fragte sich, ob es wohl gesund für die armen Stinte wäre, wenn sich das süßliche, trübe Elbwasser mit klaren, salzigen Mädchentränen vermischen würde. „Ich will doch keinem Fisch das Wasser versalzen“, sagte sie vor sich hin. Der alte Kater Picaczu guckte frech und lächelte dabei geheimnisvoll: „Mein Mädchen, sorge dich nicht! Deine sauberen Rosinen-Tränen werden nur Gutes bewirken. Du wirst schon sehen.“

Rosine weinte also los. Das klappte richtig gut, weil noch nie zuvor jemand sie so lieb zum Weinen aufgefordert hatte. Sie weinte so viel, dass sie vergaß, warum ihre Eltern ihre Eltern waren. Und sogar, warum sie so traurig gewesen war. Dann geschah etwas Verrücktes. Das Flusswasser stieg an. Es stieg immer höher und höher und reichte Rosine irgendwann bis zu den Kniekehlen. Die tollen Tränen ließen die Elbe allmählich überlaufen. Und noch etwas Zauberhaftes war geschehen: Das trübe, verschlickte Flusswasser war durch die frischen, klaren und sehr salzigen Tränen sauber geworden. Es glitzerte sogar ein bisschen. Der modrige Gestank verwandelte sich in den süßen Duft von Apfelkuchenkaugummi.

Sie fasste sich ein Herz, stand auf und sprang mit einem großen Plumps in die saubere Elbe. Das Wasser fühlte sich wunderbar weich an. Fräulein Rosine Froh konnte schwimmen. Sie konnte es längst! Rosines Arme fühlten sich jetzt nicht mehr taub, sondern stark an. Mit kräftigen Zügen schwamm sie durchs Wasser. Und während sie so schwamm und die Leute an den Ufern sich freuten, dass die Elbe nun nicht mehr dreckig war, fühlte sie sich viel besser und mutiger, und sie wünschte ihren traurigen Eltern einen klugen Freund wie Picaczu.

Rosine war vor Glück so übermütig, dass sie unter der Barkasse „Simone Ehlers“ durchtauchte. Ja, durchtauchte. Am Athabasca-Kai wartete der alte Kater auf sie. Der Wasserspiegel ging zurück. Rosine kletterte die Leiter der rostigen Spundwand hinauf und lächelte. Picaczu saß auf einem alten Seesack und schnurrte zufrieden.

Foto: privat

Marie Biermann,35, ist Sängerin undeine echte Hamburger Deern. Ihre CD „Marie singt Biermann“ ist voller Hafen-, Kneipen- und Liebeslieder. Die Stadt an der Elbe lässt sie einfach nicht los.

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