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Hashtag befördert Debatte Sexuelle Gewalt in Familien: Unter #metooinceste brechen Betroffene ihr Schweigen

Schatten einer Hand einer erwachsenen Person und der Kopf eines Kindes an einer Wand eines Zimmers.
Sexuelle Gewalt in Familien: Wenn Kinder zum Schweigen gebracht werden. (Symbolbild)
© Patrick Pleul / DPA
Unter dem Hashtag #metooinceste ist in Frankreich eine Debatte über sexuelle Gewalt in Familien entbrannt. Nun teilen Tausende online ihre Geschichte.

"Ich war 9 Jahre alt. Ich werde dieses Gefühl von Scham, Schuld und Verletzlichkeit nie vergessen. Sein Name ist Khalid Meliane, er war mein Vater. Er hat mich vergewaltigt, bis ich 17 war."

"Du hast damit angefangen, mir ein Bad zu geben! Meine ersten Erinnerungen an dich waren mit 5 Jahren, und du hast mich missbraucht, bis ich 12 war. Du hast meine Wertschätzung und meine Sicht auf die Menschen beschmutzt. Du bist der Bruder meiner Mutter und obendrein ein Priester! Möge dein Gott dir verzeihen, ich werde es nie."

"Ich, Elsa, wurde im Alter von 6 bis 11 Jahren von meinem Vater vergewaltigt. Ich habe 2014 alles offengelegt. Früher hat er mich geliebt, jetzt nennt er mich verrückt, eine Lügnerin. Ich wollte mich lieber am Wochenende meines 31. Geburtstages umbringen, ich wollte nicht mehr leiden."

#metooinceste auf Twitter

Diese und viele weitere Geschichten sind seit wenigen Tagen unter dem Hashtag #metooinceste auf Twitter zu lesen. In den ersten 24 Stunden haben über 140.000 Betroffene ihre Erfahrungen öffentlich gemacht. Grund dafür ist die französische Juristin Camille Kouchner, die in ihrem neuen Buch "La Familia Grande“ ("Die große Familie") den sexuellen Missbrauch in ihrer berühmten Pariser Intellektuellenfamilie öffentlich macht.   

Seitdem ist in Frankreich eine Debatte über sexualisierte Gewalt in Familien entbrannt, der Hashtag #metooinceste ist an das Schlagwort "MeToo" angelehnt, das seit Mitte Oktober 2017 im Zuge des Weinstein-Skandals für den Kampf gegen Alltagssexismus, Missbrauch und Nötigung steht.

Der Satz "Me too" ("ich auch") geht auf die Aktivistin Tarana Burke zurück, durch die US-Schauspielerin Alyssa Milano wurde die Phrase als Hashtag in den sozialen Medien bekannt und ermutigte Betroffene, ihre Geschichten öffentlich zu machen. Mittlerweile sogar millionenfach.

Wieso Hashtags Debatten fördern

Hashtags fördern Debatten – doch wieso eigentlich? "In einer Welt aus Stein, Papier und Wolle kann der Hashtag nicht angeklickt werden, kann nichts vernetzen, aber er formuliert inzwischen auch auf diesen Materialien ein Versprechen – das Versprechen, wahrgenommen zu werden, Gehör zu finden, Interessen zu bündeln. Das # ist also längst kein rein funktionales Sonderzeichen mehr, sondern ein verheißungsvolles gesellschaftliches Symbol. Es steht für die Erzeugung und Anhäufung öffentlicher Aufmerksamkeit.", schreibt Andreas Bernard, Autor des Buches "Das Diktat des Hashtags", in einem Bericht in der "Zeit". 

Betroffene, die unter einem Hashtag ihre Geschichte öffentlich machen, fühlen sich "in einer großen Gruppe weniger schwach und isoliert und durch die mediale Unterstützung 'gestärkt'", vermutet die psychologische Psychotherapeutin PD Dr. Kirsten von Sydow auf Nachfrage von stern. Für unproblematisch halte sie das allerdings nicht. "In der Regel leiden Kinder, die von Familienmitgliedern sexuell belästigt wurden, unter gravierenden Folgeschäden, die unbehandelt die Betroffenen ein Leben lang verfolgen können", so Kirsten von Sydow und nennt als Beispiel "komplexe Posttrautmatische Belastungsstörungen". Generell gilt: "Das Risiko für fast alle psychischen Störungen und manche somatischen Probleme sind erhöht", wenn Kinder in ihrer Kindheit sexuell belästigt wurden. 

Quellen: Twitter, Zeit


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