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Autobahnen in Deutschland: Betrunkene osteuropäische Lkw-Fahrer sind leider keine Seltenheit - auf Kontrollgang mit der Polizei

Betrunken am Steuer eines Lastwagens: ein Horrorszenario – und zugleich Alltag auf deutschen Autobahnen. Gerade viele Fahrer aus Osteuropa, die hierzulande unterwegs sind, trinken. Unterwegs mit Polizisten, die versuchen, Unfälle zu verhindern.

Von Jan Bergrath

Ein Lkw-Fahrer, dem ein Bier gereicht wird

Immer wieder erwischt die Polizei auf der Autobahn betrunkene Lkw-Fahrer.

Es ist kalt, es ist früh dunkel, und es regnet auf dem Parkplatz der Rastanlage Kraichgau-Süd in Baden-Württemberg, einem trostlosen Ort bei Sinsheim. Von weihnachtlicher Stimmung ist an diesem Advents-Sonntagabend hier nichts zu spüren. Igor K. (Name geändert) sitzt mit nacktem Oberkörper in der warmen Kabine seines Lkws. Seit Freitagabend verbringt er hier schon seine Freizeit. Erst ab 22 Uhr darf er wieder auf die Autobahn. Um 21.25 Uhr stehen zwei Polizeibeamte vor seinem ziemlich neuen Mercedes-Actros und wollen, dass er bläst. "Präventive Alkoholkontrolle", erklären sie. Der 57-Jährige aus Litauen versteht die Welt nicht mehr. Halb auf Deutsch, halb mit Kuli auf einem Notizblock erklärt er mit Unschuldsmiene den Beamten: "Nur zwei Dosen Bier!" Außerdem sei doch bis zur Abfahrt noch Zeit. Er wolle erst am Montagmorgen los.

Die Fahrer werden regelmäßig kontrolliert

Doch die Kontrolle ist kein Irrtum und auch keine Schikane: Bereits zum dritten Mal in den vergangenen drei Monaten lässt Alexander Ulmer, Leiter des Verkehrskommissariats Walldorf, seine Leute am Wochenende flächendeckend Lkw-Fahrer zu Alkoholtests bitten. Neben Kraichgau-Süd wird in dieser Nacht auf den Rastplätzen am Hockenheimring und Hardtwaldt geprüft. "Insgesamt 20 Beamte sind kurz vor Ende des Sonntagsfahrverbots im Einsatz", erläutert Ulmer. Er ist für den südlichen Autobahnbereich des Polizeipräsidiums Mannheim mit den Autobahnen A 5, A 6 und A 61 zuständig. Auch hier kommt es – wie überall in Deutschland – regelmäßig zu schweren Lkw-Unfällen. "Ich muss mir oft selbst die verheerenden Auswirkungen ansehen, die ein 40-Tonner bei einen Verkehrsunfall verursacht", sagt er. "Beim Gedanken, dass Fahrer solcher Schwerlaster sonntagabends mit Alkoholwerten von über 1,0 Promille auf die Autobahn fahren, bekomme ich mehr als nur Bauchweh."

Truck mit Bier

"Nur zwei", wiederholt Igor und hält eine Bierdose aus dem Fenster. Inhalt: ein Liter extra starkes dänisches Faxe-Bier mit zehn Prozent Alkohol. Zwei davon reichen bei ihm für 1,46 Promille Alkohol in der Atemluft. "Billig-Bier", sagt er. "Kein Problem."

Ein Fahrer lag in seinem Erbrochenen im Fahrerhaus

Doch: Alkohol am Lkw-Steuer ist ein Riesenproblem. Am späten Nachmittag, als zwei seiner Beamten in Kraichgau-Süd eigentlich nur die ankommenden Lkws zählen wollten, haben sie einem polnischen Trucker wahrscheinlich schon das Leben gerettet. "Drei bereits leicht angetrunkene Fahrer hatten ihren Kollegen vermisst", sagt Ulmer, "er wurde schließlich auf dem Boden seines Lkws gefunden. Er lag in seinem Erbrochenen und wurde mit einer schweren Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht." Die Feuerwehr musste vorher das Fahrzeug öffnen, weil er nicht mehr ansprechbar war.

Es gibt Fahrer, die auch bei voller Fahrt nicht mehr reagieren: Am Wochenende danach versuchen Ulmers Leute einen Lkw zu stoppen, der auf der A 5 Schlangenlinien fährt. Sie haben mit ihrem kleinen Streifenwagen trotz Blaulicht keine Chance gegen den 40-Tonner, werden abgedrängt und ignoriert, mehr als eine halbe Stunde lang. Der Truck donnert sogar mit 80 Sachen über Rastplätze und nähert sich mit Vollgas einem Stauende. Also sperrt die Polizei mit einem Streufahrzeug die Autobahn. Der Truck fährt ungebremst in den orange blinkenden Lkw. Der 41-jährige Fahrer aus der Ukraine wurde eingeklemmt, ist aber nicht ernsthaft verletzt. Die Polizei findet mehrere leere Wodkaflaschen in seiner Kabine und schätzt den Schaden auf 300.000 Euro.

Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo ein alkoholisierter Fahrer erwischt wird

An einem Samstagabend im September fuhr der polnische Fahrer eines Kleintransporters als Geisterfahrer in den Gegenverkehr. Drei Menschen starben, vier wurden verletzt, unter ihnen der 34-Jährige am Steuer. Er hatte 3,09 Promille, leere Bierdosen lagen auf dem Boden der Kabine. "Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo in Deutschland ein alkoholisierter Fahrer aus Osteuropa erwischt wird", so Polizist Ulmer. "Noch am Samstag vor unserer Kontrolle ist ein weißrussischer Fahrer mit einem in Litauen zugelassenen Lkw mit 1,86 Promille unweit von Mannheim im Grünstreifen einer Landstraße gelandet."

Der Hund ist an den LKW gebunden

Das im Grunde unlösbare Problem: An den Wochenenden haben die Fahrer aus Osteuropa, die meist mehrere Wochen vor allem in Westeuropa auf Tour gehen, Freizeit. Und in ihrer Freizeit können Fahrer tun und lassen, was sie wollen – also eben auch trinken. So wie Igor K., der bei einer deutschen Spedition beschäftigt ist. "50 Tage Straße, schlafen Lkw, 30 Tage Litauen" , so beschreibt er seinen Rhythmus seit sieben Jahren. "Für mich gut."

Gefangen im Lastwagen

In Ludwigshafen hat er am Freitag einen beladenen Container übernommen, den er am Montag um neun Uhr eine Stunde von Kraichgau-Süd entfernt entladen soll. Laut den geltenden Vorschriften müsste sein Chef ihn an den langen Wochenenden von 45 Stunden eigentlich im Hotel unterbringen. Sonst gelten sie nicht als Pausenzeit, und die Fahrer verstoßen gegen die vorgeschriebenen Ruhezeiten.

Stattdessen sitzt Igor in seinem Lkw, obwohl er heute eigentlich frei hat: Er muss ihn im Blick behalten. Viele Transportunternehmen verpflichten ihre Fahrer dazu. "Bandit" , sagt Igor in seinem gebrochenen Deutsch. "Überall Bandit." Erst im November wurden auf der Raststätte von professionellen Dieben die Planen von 100 Lkws aufgeschlitzt. Im Prinzip ist Igor am Wochenende 45 Stunden gefangen. Über Satellitenfernsehen halten viele der Fahrer Kontakt in die Heimat. Sein Smartphone klingelt. Er schaut auf die Nummer und wirkt erleichtert. Es ist seine Frau. Hat er Kinder? "Ja, zwei. Arbeiten in England."

Igor ist Arbeitsnomade, genau wie sie. Er kampiert in einer Art Parallelwelt entlang der A 6, einer der wichtigsten Ost-West-Achsen in Deutschland, dem größten Transitland Europas. Lkws aus Osteuropa haben hier laut der offiziellen Mautstatistik des Bundesamtes für Güterverkehr mittlerweile einen Anteil von rund 43 Prozent. Kraichgau-Süd ist ein beliebter Treffpunkt. 340 Lastzüge parken heute Nacht hier. Der Platz ist völlig überbelegt. Zwischen den Reihen der Lkws gibt es einfache, für die Fahrer kostenlose Sanitäranlagen. Die 70 Cent für Sanifair können sie sparen. So müssen sie auch nicht unbedingt in das schicke, aber teure Bistro gehen. Die Drinks haben die meisten sowieso schon an Bord, wenn sie ankommen.

Wer erwischt wird, muss zahlen

Zwei Drittel der kontrollierten alkoholisierten Fahrer in Kraichgau-Süd haben diesmal gegen das Verbot verstoßen, die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit im Laster zu verbringen. Das gibt eine Anzeige. Sie kostet den Fahrer 500 Euro und den Arbeitgeber 1500 Euro. Ein Bußgeld für den gemessenen Alkohol dürfen die Kontrolleure dagegen nicht aussprechen, denn Igor und die anderen waren ja noch nicht losgefahren. "Wir haben ihm die Frachtpapiere abgenommen" , erläutert Ulmer die präventive Strategie. "Die bekommt er erst zwischen sechs und acht Uhr am Montagmorgen wieder, wenn er durch einen erneuten Alkoholtest bewiesen hat, dass er wieder nüchtern ist."

Allein im Großraum Walldorf bringt die Kontrolle erschreckende Ergebnisse: 33 Fahrer waren alkoholisiert. 18 Fahrer hatten deutlich über 1,0 Promille. Der Spitzenreiter mit 2,3 Promille am Abend hatte am Montagmorgen immer noch 0,94 Promille. Das macht selbst erfahrenen Polizisten Angst.

Wieso, zeigt ein Unfall vor ziemlich genau einem Jahr: Valerij Y., ein Fahrer aus der Ukraine, war mit einer Ladung Holzkohle auf dem Weg nach Belgien. Am Mittwoch nach Weihnachten traf er nach einer durchfahrenen Nacht auf einem Parkplatz bei Venlo zwei russische Fahrer. Es war seine vorletzte Fahrt vor einer geplanten Hüftoperation. Ibuprofen half gegen die Schmerzen. Statt zu schlafen, zogen die drei von Kabine zu Kabine und leerten gemeinsam einen mitgebrachten Plastikbeutel mit drei Liter Wodka. Der sei besser als das Ibuprofen, soll einer der russischen Fahrer gesagt haben. Das Einzige, woran sich Valerij Y. dann noch erinnern könne, sei ein Stück Käse gewesen, das er im Lkw gegessen habe. Das sagte er im Juni vor dem Landgericht Mönchengladbach aus, wo er schließlich zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt wurde. Ansonsten hat er einen Filmriss.

Er raste ungebremst in ein Einsatzfahrzeug

Nach dem Käse hatte Valerij Y. seinen Lkw gestartet und war komplett orientierungslos in Schlangenlinien zurück nach Deutschland gefahren. Dort wartete bereits eine Polizeistreife aus Viersen auf ihn, alarmiert von Autofahrern, die den schlingernden Lastzug beobachtet hatten. Sie stand auf dem Seitenstreifen, um den Lkw überholen zu lassen und dann zu kontrollieren. Valerij Y. krachte ungebremst in das gut beleuchtete Einsatzfahrzeug. Da hatte er noch 2,58 Promille. Eine junge Polizistin starb auf der Rückbank des Dreier-BMWs, die Einsatzleiterin leidet bis heute an den Folgen des Unfalls.

"Die osteuropäischen Lkw-Fahrer haben besondere Trinkgewohnheiten", erläutert Dr. Joachim Seidl, Verkehrspsychologe aus Dresden, der auf Einladung des stern die Kontrolle bei Sinsheim beobachtet hat. "Die Fahrer sind an höhere Alkoholmengen gewöhnt, was insbesondere durch hochprozentige Getränke hervorgerufen wird." Deutsche Autofahrer würden in der Regel schon bei rund einem Promille Alkohol an die Grenze dessen geraten, was ihr Körper an Alkohol aufnehmen könne.

USA: Güterzug zerfetzt Truck auf den Gleisen

Eine gute Möglichkeit, alkoholisierte Fahrten zu vermeiden, wäre für Seidl der Einbau von Alkohol-Interlock-Geräten. Fahrer müssten erst pusten, bevor sie den Zündschlüssel drehen könnten. "So eine Wegfahrsperre kann vermeiden, dass das Fahrzeug im alkoholisierten Zustand gestartet wird", sagt Seidl. Allerdings müssten sich Fahrer auch ihres Alkoholproblems bewusst werden und es mit professioneller Hilfe überwinden. "Internationale Erfahrungen zeigen, dass der Einsatz der Technik allein nicht den gewünschten Erfolg bringen kann."

Doch Igor K. erweckt an diesem Abend nicht den Eindruck, dass er sich über sein Trinkverhalten Gedanken macht: So viel Aufregung wegen nur zwei Dosen Bier.

Restalkohol am Morgen

Das Risiko, erwischt zu werden, ist trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit gering. "Unsere Kontrollen betrafen nur die drei beidseitigen Rastanlagen des Polizeipräsidiums Mannheim", sagt Polizist Ulmer. "Die ganzen Autobahnparkplätze, Autohöfe, Hafenanlagen und alle sonstigen Haltemöglichkeiten in Gewerbegebieten werden gar nicht berücksichtigt. Hochgerechnet auf Landes-, Bundes- oder Europaebene kann man sich schnell ausmalen, was da in den Nächten von Sonntag auf Montag potenziell betrunken auf unseren Autobahnen unterwegs ist."

Sein Chef Dieter Schäfer, Polizeidirektor der Verkehrspolizei Mannheim und Initiator dieser Kontrolle, der ersten landesweiten in Baden-Württemberg, hat das bereits getan. "Schon bei unserer ersten Stichprobe Ende September zur Frage des Alkoholkonsums von Berufskraftfahrern auf unseren Rastanlagen war klar, auf welches brisante Kontrollphänomen wir uns einlassen. Nach drei Großkontrollen wissen wir, dass zwischen sieben und neun Prozent der meist osteuropäischen Fahrer ein Alkoholproblem haben."

Die meisten kommen einfach davon

Auch einige Polizeidienststellen in Rheinland-Pfalz und Hessen führen schon solche Abfahrtskontrollen durch. Mit derselben ernüchternden Bilanz. Doch in einem großen Flächenland wie Nordrhein-Westfalen gibt es sie nicht, in Bayern nur anlassbezogen. Das zeigte eine Umfrage des stern unter den größten Bundesländern.

"Manche Fahrer schätzen die Wirkung von Alkohol völlig falsch ein", sagt Ulmer. Am Montagmorgen um 7.15 Uhr muss Igor K. noch einmal ins Röhrchen pusten, er hat immer noch 0,62 Promille, die Abfahrt wird ihm untersagt. Erst um 12.40 Uhr darf er nach einer erneuten Kontrolle weiterfahren. Seinen Abladetermin hat er damit verpasst.

Im Internet kursieren bereits Warnungen unter osteuropäischen Fahrern, Kraichgau-Süd an Wochenenden aufgrund der vielen Polizeikontrollen besser zu meiden.

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Jan Bergrath / pawlo