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Besonders verständliche und anschauliche Berichterstattung: Putins Ground Zero - Die Kinder von Beslan

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Erschienen in DER SPIEGEL vom 27.12.2004

Uwe Buse

Geboren 1963, studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Hamburg, volontierte bei der OSTFRIESEN-ZEITUNG in Leer, wo er auch als Redakteur arbeitete. Seit 1997 berichtet er als Reporter für den SPIEGEL. 2001 erhielt er zusammen mit dem Fotografen Matthias Jung den Hansel-Mieth-Preis.

Ullrich Fichtner

Geboren 1965, volontierte bei der FRANKENPOST in Hof, studierte danach Germanistik in Bremen und Berlin. Während des Untergangs der DDR arbeitete er für die Nachrichtenagentur AP in Berlin. 1994 Wechsel zur FRANKFURTER RUNDSCHAU, erst in die Nachrichtenredaktion, dann als Korrespondent ins Berliner FR-Büro. Anschließend Redakteur im ZEIT-Dossier. Seit April 2001 ist er Reporter beim SPIEGEL, seit September 2003 mit Sitz in Paris. Fichtner wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet sowie 2000, 2001 und 2004 mit dem Egon Erwin Kisch-Preis.

Mario Kaiser

Geboren 1970 in Rheydt. Studium der Regionalwissenschaften Nordamerika, Politologie und Volkswirtschaftslehre in Bonn. Journalistenschule in New York. 1995 bis 1999 als Autor in New York. 1999 Redakteur im Dossier der ZEIT. 2000 bis 2003 wieder als Autor in New York. Reportagen für DIE ZEIT und GEO. Seit 2004 Reporter für den SPIEGEL. Axel-Springer-Preis 1994 und 2000. Deutscher Sozialpreis 2001. Lebt in Berlin.

Uwe Klußmann

Geboren 1961 in Flensburg. Studierte 1980 bis 1987 an der Universität Hamburg Geschichte, Politologie und Literaturwissenschaft. 1987-1990 als freier Journalist tätig. Seit Oktober 1990 beim SPIEGEL, 1990 bis 1998 als Korrespondent in Schwerin, Leipzig und Berlin. Seit Oktober 1998 Korrespondent im Moskauer Büro des SPIEGEL. 2003 zusammen mit Erich Follath (SPIEGEL) Preisträger des Journalistenpreises des deutschen Verbandes der Wirtschaft in Russland. Verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter.

Walter Mayr

Geboren 1960 in Aichach, Oberbayern. Studium der Germanistik und Romanistik. Seit 1990 beim SPIEGEL, anfangs als Redakteur für Innenpolitik, seit 1993 als Reporter. Beginnend mit dem Zerfall Jugoslawiens und dem Ende der Sowjetunion verstärkt Reportagen aus Südost- und Osteuropa. 1999-2002 Korrespondent in Wien. Seit 2003 Korrespondent in Moskau für das gesamte Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.

Christian Neef

Geboren 1952, studierte in Leipzig Journalistik und arbeitete nach der Promotion als Rundfunkjournalist in Berlin. 1983 ging er als Auslandskorrespondent nach Moskau, ab 1991 berichtete er von dort aus für den SPIEGEL. 1996 Wechsel in die Hamburger Zentrale, er ist derzeit stellvertretender Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts.

Putins Ground Zero - Die Kinder von Beslan

Erschienen in DER SPIEGEL vom 27.12.2004

Der Überfall islamistischer Terroristen auf eine Schule in Beslan war der brutalste Anschlag des Jahres - ein Akt der Barbarei allerdings, der im Westen schnell aus den Schlagzeilen verschwand. Bis heute leiden Tausende Osseten unter den Folgen der Geiselnahme, bis heute haben russische Stellen wenig zur Aufklärung beigetragen. Ein Team von SPIEGEL-Reportern recherchierte in Nordossetien, Inguschien und Tschetschenien die Hintergründe der Tat und der Täter.

Am frühen Morgen des 1. September machen sich in einem Waldstück auf den Sunschensker Höhen in Inguschien 31 Männer und 2 Frauen auf den Weg, den blutigsten Anschlag seit dem 11. September 2001 zu begehen. Sie haben Granatwerfer AGS-17 "Flamme" bei sich, Stetschkin-Pistolen, Flammenwerfer vom Typ "Hummel", Scharfschützengewehre, Maschinenpistolen. Sie werden mit diesem Waffenarsenal eine Schule überfallen. Die Schule Nummer eins von Beslan im benachbarten Nordossetien. Das Massaker, das sie dort anrichten, lässt sich annähernd in Zahlen bilanzieren, aber bis heute nur schwer fassen: Von den 1251 Geiseln, die die Terroristen über Tage hinweg quälten, verloren nach bisherigen Angaben der Untersuchungskommission 330 ihr Leben, darunter 176 Kinder, Erstklässler, Säuglinge. Noch einmal 600 Menschen, wiederum viele Kinder darunter, wurden verletzt. Und Beslan, ein ehedem idyllisches Städtchen unter der Silhouette des Kaukasus-Hauptkamms, ist zu einem elenden Ort geworden, verurteilt, von nun an mit einem Trauma zu leben. Wäre ein vergleichbares Verbrechen in einer deutschen Kleinstadt, in einem französischen Dorf, in der amerikanischen Provinz verübt worden, die Tat hätte monatelang die Schlagzeilen der Welt beherrscht. Und die Behörden hätten unter dem Druck der Öffentlichkeit keine Wahl gehabt, als minutiös zu ermitteln und schnellstmöglich Ergebnisse zu präsentieren. Nicht so in Russland. Nicht so im Kaukasus. Schweigen und Verschweigen sind hier über die Jahrhunderte zum festen Bestand der Kultur geworden, zu einem Schutzschirm vor den Zumutungen der Fremdherrscher. In der Region hängt alles mit allem zusammen, alle scheinen verbunden durch lange Freund- oder tiefe Feindschaften, und alle Wege sind kurz: Beslan im christlichen Nordossetien liegt nur 100 Kilometer entfernt von Grosny im muslimischen Tschetschenien, und zwischen beide schiebt sich noch die kleine, gleichfalls islamische Republik Inguschien. Es sind dies Länder in Miniatur, die sich aufreihen, 1300 Kilometer südöstlich von Moskau. Hier, am Nordrand der Berge, ist das alte Sowjetreich in Scherben zerfallen, und das neue Russland hat nicht die nötige Bindekraft entfaltet. Im Gegenteil: Der Tschetschenien-Krieg destabilisiert die Region und stärkt vielerorts separatistische Bewegungen. In den Wäldern und Bergen Tschetscheniens und Inguschiens trainieren islamische Gotteskrieger. So ist der Terrorangriff auf Beslan auch ein Versuch, Nordossetien, christlich und seit Jahrhunderten moskautreu, in den Krieg am Kaukasus zu zwingen. Russlands staatliche Stellen mauern, was Hintergründe und Interpretationen betrifft, die alte sowjetische Kunst der Desinformation blüht. Was aus Staatsanwaltschaft, Geheimdienst, Militär und Polizei an die Öffentlichkeit drang, verrät vor allem das Bemühen, eigenes Versagen zu bemänteln. Die Versäumnisse sind eklatant. Das ruinierte Gebäude der Schule Nummer eins ist zu keinem Zeitpunkt nach den Regeln polizeilicher Ermittlung als Tatort untersucht worden. Noch nicht einmal der Hergang der Geiselnahme ist von offizieller Seite bislang ausreichend geklärt, ganz zu schweigen vom katastrophalen Ende, zu dem die russischen Staatsorgane mangels professioneller Arbeit das Ihre beitrugen. Außerdem, so haben es die Recherchen des SPIEGEL ergeben, hätte die Tat von Beslan möglicherweise verhindert werden können. Viele Geiselnehmer, voran die Anführer, waren zum Teil seit Jahren gesuchte Verbrecher, blieben aber von der Polizei unbehelligt, obwohl sie in ihren Heimatdörfern ein- und ausgingen. Andere Täter waren vor Beslan zwar verhaftet, aber aus dunklen Gründen wieder freigelassen worden. Auch in den Wochen unmittelbar vor dem Überfall, als sich die Attentäter in einem Waldstück in Inguschien vorbereiteten, hätte die Polizei vielfach aktiv werden können - aber nichts geschah. Und wie will man das Versagen jener Grenzposten benennen, die die Mörderbande am ersten Schultag ohne Kontrolle nach Nordossetien ließen? Der SPIEGEL hat die Tragödie von Beslan mitsamt ihrer Vorgeschichte zu rekonstruieren versucht. Dem Protokoll zugrunde liegen Gespräche mit geretteten Geiseln, Beslaner Bürgern, Verwandten der Terroristen, Mitarbeitern der Sicherheitskräfte, Mitgliedern des Krisenstabs und politisch Verantwortlichen. Entstanden ist eine Chronologie der Bluttat von Beslan. Sie erzählt, was in jenen ersten September-Tagen am Nordrand des Kaukasus geschah, in einer Region, die zu den akuten Krisengebieten der Welt gezählt werden muss.

TAG EINS, 1. SEPTEMBER

Churikau, nahe der Grenze zu Inguschien, 6 Uhr

Sultan Guraschew dient seit 23 Jahren und sieben Monaten als Polizeiinspektor in seinem Geburtsort Churikau. Der untersetzte Major mit Schnurrbart ist Vater von acht Kindern und posiert auf Familienfotos stolz mit Pelzmütze wie ein kaukasischer Patriarch des 19. Jahrhunderts. Er gilt als Respektsperson im Dorf. Churikau ist ein unwirtlicher Außenposten der russischen Staatsmacht. 1300 Einwohner, kein Wasser, kein Gas, keine telefonische Verbindung zur Welt. Das mehrheitlich muslimische Dorf steckt "wie der Dorn im Auge", so sagen sie hier, im christlichen Nordossetien, an dessen schmalster Stelle. Im Osten, hinter dem Wald, liegt Inguschien, im Nordosten Tschetschenien. Ins 30 Kilometer entfernte Beslan führt seit 1992 keine Straße mehr, die diesen Namen verdienen würde. 1992 war das Jahr des Sechs-Wochen-Krieges zwischen Osseten und Inguschen, der fast 500 Tote forderte. Seither stehen die Inguschen von Churikau bei ihren ossetischen Mitbürgern unter Generalverdacht. Major Guraschew muss auf der Hut sein. Er ist der einzige Polizist im Dorf. Wie jeden Morgen steht er auch am 1. September 2004 um kurz vor sechs Uhr auf, versorgt Haus und Tiere und macht sich dann gegen sieben auf den Weg. In einem weißen Lada-2107 fährt der Polizist los. Sein erstes Ziel ist, wie immer, der Hügel am Rand von Churikau. Nur hier hat das Mobiltelefon Empfang. Nur von hier aus kann der Major seine Vorgesetzten in der Kreisstadt Mosdok erreichen, mit der täglichen Meldung zum Dienst. Gegen 7.10 Uhr sieht Guraschew von seinem Aussichtspunkt einen schwerbeladenen Lastwagen Marke GAS-66 heranfahren. Er trägt die Aufschrift "Staatsanwaltschaft Russland". Guraschew kennt im Umkreis seines Heimatdorfs jedes Fahrzeug. Diesen Laster kennt er nicht.

Beslan, Komintern-Straße, 7.15 Uhr

Trüb und warm geht der September auf über dem Nordkaukasus, Tag des Schulanfangs, "Tag des Wissens" in Russland, der Ernst des Lebens holt die Kinder ein, sagt man, auch in Beslan machen sie daraus von jeher ein Fest. Die sieben Schulen der kleinen Stadt stehen aufgeputzt, die Hausmeister schließen an Toren und Türen. Es ist still auf den Fluren, still in Klassenzimmern, Werkräumen, Turnhallen. Noch eine gute Stunde lang wird tiefer Frieden sein. Auch Beslans Schule Nummer eins liegt still an der Komintern-Straße, ein wuchtiger Gebäuderiegel, der sich wie ein großes, stumpfes E in den Stadtplan schreibt. In allen Ecken der Stadt beginnt um diese Stunde eine Sternwanderung hierher: Die Nummer eins ist eine große Schule, 890 Kinder, 59 Lehrer, sie ist die beste Schule weit und breit, sogar Familien aus der Hauptstadt Wladikawkas schicken ihre Kinder her. Mit guten, strengen Lehrern, wie Saurbek Gutijew einer war, mehr als 30 Jahre lang, Geschichte und Staatsbürgerkunde, auch er macht sich fein für den ersten Schultag, für seinen Auftritt als Ehrengast. Auf unsicheren Beinen geht er durch sein niedriges Ziegelhaus, das vom Schulgelände nur 20 Schritte, drei Häuser entfernt steht. Er hat es nicht weit, er hat noch viel Zeit, er brummt vergnügt, er bestückt seinen guten Anzug. Aus einem karierten, weichen Tuch wickelt er Orden und Medaillen. Er steckt die Nadeln in den Stoff. Zwei rote Sowjetsterne. Zwei Orden für die Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg. Abzeichen für die Befreiung Warschaus. Abzeichen für den Schuss ins rechte Bein in Stalingrad. Abzeichen für den Schuss ins linke Bein bei Torgau an der Elbe. 4 Orden und 18 Abzeichen steckt Saurbek Charitonowitsch Gutijew, 84 Jahre alt, in den dunkelblauen Stoff des aufgebügelten Jacketts. Er kennt die Schrecken des Krieges. 160 Tage und 160 Nächte hat er in Stalingrad ausgehalten. Keine 30 Meter stand er entfernt, als der deutsche Generalfeldmarschall Friedrich Paulus und seine Stabsoffiziere von der Roten Armee abgeführt wurden. Er hat, in Stalingrad, um einen Hügel gekämpft, immer wieder um denselben Hügel, den sie achtmal eroberten und achtmal verloren, ehe sie ihn zum neunten Mal gewannen und endlich halten konnten. Und er war dabei im April 1945, als sich Amerikaner und Russen an der Elbe trafen. Saurbek Gutijew kennt die Schrecken des Krieges. Er glaubt, dass kein Abgrund tiefer sein kann als Stalingrad, keine Zeitspanne länger als jene 160 Tage und 160 Nächte, die er dort erlebte, überlebte.

Churikau, 7.20 Uhr

Major Sultan Guraschew, der Dorfpolizist, bedeutet dem fremden GAS-66-Laster anzuhalten. Der Polizist hebt den linken Arm. Aber der GAS weicht aus. Guraschew nimmt die Verfolgung auf. Er fährt mit seinem weißen Lada hinterher und gibt mit der Lichthupe Zeichen. Einmal, zweimal. Der Laster wird langsamer. Endlich hält er an. Als beide Wagen stehen, springen Männer in Camouflage-Uniformen und schwarzen Masken aus dem Laster. Sie überwältigen den völlig überraschten Guraschew. Sie rufen auf Russisch "Leg dich hin". Seine Arme werden auf den Rücken gedreht, im Genick hat er einen Gewehrlauf. Sie nehmen ihm seine Dienstwaffe, eine PMM-12, ab. Dann findet er sich auf dem Rücksitz seines Lada wieder, eingeklemmt zwischen zwei Bewaffneten. Sie drücken ihm den Kopf nach unten und fahren los. Guraschew versucht, die Richtung zu bestimmen. Er denkt, dass es nach Süden geht, Richtung Wladikawkas, der Hauptstadt von Nordossetien. Nach einer Weile schert der Konvoi scharf nach rechts aus und nähert sich über eine Schotterstraße dem ossetischen Kosakendorf Stary Batakojurt. Vier Polizeiposten gibt es rund um das Dorf, der zentrale liegt am Ortsausgang, mit Schlagbaum und Kontrollturm im nackten Hügelland. Der Blick reicht in die ossetische Ebene hinein. Die Sichtweite an diesem Tag beträgt 20 Kilometer. Unkontrolliert kommt hier kaum einer durch, unbemerkt keiner. Normalerweise genügt eine Hand voll Rubel, um die Kontrollen an der Kante zwischen dem ossetischen Hügel- und dem Flachland zu überwinden. Beslan liegt dann plötzlich vor der dicken Schnauze des GAS-66-Lasters, offen und schutzlos wie ein Zielobjekt im Fadenkreuz.

Psedach, Inguschien, ein Waldstück nahe der Grenze

Die Terroristen haben nicht viel zurückgelassen, im Wald südöstlich des Grenzdorfs Psedach, wo sie sich zusammengefunden haben vor der Abfahrt. Psedach ist ein Dorf im toten Winkel Inguschiens. Bescheidene Ziegelhäuser hinter hohen Mauern und Zäunen, bucklige Staubpfade rund um die Moschee. Im verfallenden Kulturpalast aus sowjetischer Zeit leben Flüchtlinge aus Tschetschenien. Die Gegend hier oben, im Bezirk Malgobek, ist als Schmugglerschneise und Durchzugsgebiet der Bojewiki bekannt, der tschetschenischen Krieger. Sogar die örtliche Polizei rät, diese Region mit Waffen zu bereisen. In Psedach versieht ein einziger Inspektor regelmäßig Dienst. Wenn die Nacht hereinbricht, verlässt auch er den Ort. Im Wald südöstlich des Dorfs hatten sich seit dem 20. August die Männer und Frauen gesammelt, die später in Beslan einfielen. Die Terroristen waren spartanisch ausgerüstet und mit dem Leben in Wäldern vertraut. Dünne schwarze Schlafsäcke und Planen aus Polyäthylen gehörten zur Ausrüstung. Mit Stangen und Zweigen errichteten sie Gerüste für ihre Nachtlager. Einige von ihnen sind Inguschen und lebten mehrere Monate im Untergrund ihrer Heimatrepublik. Andere sind Tschetschenen, die in Inguschien, bei den ethnisch verwandten wainachischen Brüdern, Unterschlupf gefunden hatten. Ein Teil der Terroristen ist direkt aus Tschetschenien eingesickert, das im Bezirk Malgobek an Inguschien grenzt. Die Geiselnehmer haben sich rekrutiert aus der Märtyrerbrigade "Rijad al-Salihin", das heißt: Garten der Frommen. Die Brigade ist erstmals während der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost" in Erscheinung getreten, wo im Oktober 2002 nach einem Sturm durch russische Spezialeinheiten 130 Geiseln starben. Zum Emir der Märtyrerbrigade hat sich der fußamputierte tschetschenische Feldkommandeur Schamil Bassajew ausgerufen. Zwölf Tschetschenen und zwei Tschetscheninnen habe er für Beslan persönlich ausgewählt, wird Bassajew später sagen, dazu neun Inguschen, drei Russen, zwei Araber, zwei Osseten und je einen Tataren, Kabardiner und Guraner. Manche Beteiligten stießen erst in letzter Minute zum Trupp, viele kannten sich von früheren Einsätzen. Ein beträchtlicher Teil der Täter stammt aus dem Noschai-Jurt-Distrikt im Osten Tschetscheniens, dem Stammland Bassajews. Bassajew, Russlands Staatsfeind Nummer eins, Veteran des "Gasawat", des tschetschenischen Heiligen Krieges, und oberster Gastgeber der nach Tschetschenien einsickernden Wahhabiten, ist der Letzte aus der Garde von Feldkommandeuren der ersten Stunde. Um sich sammelt er jene, die aus Wut und Verzweiflung über das, was sie als russische Gewaltherrschaft verstehen, beschlossen haben, ihr Leben zu opfern: Männer im Feld der Ehre, Frauen mit dem Sprengstoffgürtel. Die Anwerbung Freiwilliger in abgelegenen Waldgebieten und in Bergdörfern hat schon im Dezember 2003 begonnen. Der Kopf der Aktion, Kampfname Hassan, hat über ein Netzwerk von Lockvögeln in Inguschien Geld an Terroristen in spe verteilt. Er sagte, er sei Schamil Bassajew unterstellt. Die Lager, in denen Anwerbungen durchgeführt wurden, waren zumeist Flüchtlingscamps wie die stillgelegte Milchfabrik bei Karabulak nahe dem inguschischen Nasran. Eines der insgesamt drei Camps soll sogar zur Ausbildung von Selbstmordattentätern dienen. Auch arabische Ausbilder werden dort bezeugt. Grenzposten am Zentralen Kontrollpunkt in Inguschien in Richtung Tschetschenien geben zu Protokoll, dass sich Bürger nahöstlicher Herkunft, sobald sie angehalten würden, umgehend per Handy bei Beamten des Innenministeriums in Inguschien beschwerten. Von dort komme dann Anweisung, die Fremden passieren zu lassen. Ohne die Helfershelfer im Staatsdienst, von höchsten Rängen abwärts bis zum Straßenpolizisten, hätten die Geiselnehmer von Beslan nicht einmal das Schulgebäude erreicht. 31 Männer, 2 Frauen. Mit dabei sind Berufsterroristen, im Guerillakampf gestählt, aber auch Anfänger, Hilfsarbeiter des Terrors, schmächtige junge Burschen, frisch rekrutiert. Sie haben drei Fahrzeuge vorbereitet für die Aktion in Beslan: einen Jeep der Marke UAS, einen weißen, fünfsitzigen Lada-2110 und den GAS-66, einen Armeelaster, grün, geländegängig, bullig. Er trägt die alten sowjetischen Nummernschilder A8130SE. Der Laster gehört Mussa Zetschojew, einem der Männer, die für den Anschlag ausgewählt sind. Zetschojew, 1998 vorübergehend in Haft wegen Menschenraubs, 2004 schon als Terrorist gesucht, hat sich noch am 23. Juli eine Schießerei mit Polizisten vor seinem Haus geliefert und ist entkommen. Wenig später stieß er dann zu den Wartenden im Wald, unter denen sich sein Verwandter Bei-Ala Zetschojew befand, auch er aus dem Dorf Sagopschi. Seit sechs Uhr morgens sind sie unterwegs an diesem 1. September. An Bord des Lastwagens, gestapelt, Granatwerfer, Pistolen, Flammenwerfer, Scharfschützengewehre, Maschinenpistolen. Der Himmel ist zu diesem Zeitpunkt bewölkt, die Luft 17 Grad Celsius warm, die Piste trocken.

Beslan, Plijew-Straße, 8.40 Uhr

Fatima Alikowa betritt die Redaktion der Beslaner Lokalzeitung "Das Leben am rechten Ufer". Ihre Mutter, Elsa Baskajewa, ist die Chefredakteurin des Blattes, das dreimal pro Woche unter dem Dach der Stadtverwaltung erscheint, die Optik karg und spätsowjetisch, die Fotos zeigen Bezirksfürsten, Mähdrescher und verdiente Werktätige. Fatima arbeitet als Fotografin für die Zeitung und soll an diesem Morgen ein Bild vom ersten Schultag an der Nummer eins machen. Es ist ein Pflichttermin. Ihre Mutter sitzt um diese Zeit schon hinter ihrem Schreibtisch im Kunstledersessel und fliegt über die Druckfahnen der Ausgabe vom 2. September. Der Redaktionsschluss der Zeitung liegt früh, das macht Aktualität schwer. Auf den ersten Schultag aber ist man gut vorbereitet. Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe wird ein Aufsatz den ersten Schultag würdigen. Aslan, ein Elftklässler von der Schule Nummer eins, hat ihn geschrieben, unter der Überschrift "Im Märchenland des Wissens". "Bald kommt der 1. September - der Tag des Wissens!", beginnt der Text. "Die kleinen Schulanfänger haben mit großer Ungeduld auf diesen wichtigen Tag ihres Lebens gewartet. Sie wollen erfahren, wie die Schule in Wirklichkeit ist und ob sie sich von einem Kindergarten unterscheidet. Ist die Schule wirklich das Märchenland des Wissens? Und helfen die Lehrer ihnen, sich in diesem Märchenland zurechtzufinden? Der Tag, an dem sie darauf die Antworten bekommen, ist nah." Der Chefredakteurin hat besonders das Ende des Aufsatzes gefallen: "Die erste Klingel ertönt. Und von diesem Moment an sind sie nicht mehr die Kleinen, die sie gestern noch waren." Diese Zeilen werden in einer Auflage von 8336 Exemplaren erscheinen. Das ist der Plan. Routine. Baskajewa gibt die Seiten frei. Fatima nimmt ihre Kamera aus dem Schrank, eine Yashica mit einem neuen Blitzgerät der Marke Metz, und verlässt wortlos das Büro. Die Schule liegt nur 200 Meter Luftlinie von der Redaktion entfernt. Um neun Uhr soll der Appell beginnen, und Pünktlichkeit ist eine der Tugenden, auf die an der Schule Nummer eins Wert gelegt wird. Fatima soll den Moment fotografieren, in dem der älteste Schüler die jüngste Schülerin auf seine Schultern setzt und diese mit einem goldenen Glöckchen das neue Schuljahr einläutet. Es ist eine Tradition, die an den Schulen Nordossetiens mit großem Pathos zelebriert wird. Fatima trägt an diesem Morgen ein schwarzes Kleid mit kurzen Ärmeln, zwei grauen Streifen, die diagonal über die Brust laufen, und einem Schlitz auf der rechten Seite. Es ist kein außergewöhnliches Kleid, aber es hat ihr bei Prüfungen in ihrem Leben oft Glück gebracht. Zuletzt trug sie es beim Staatsexamen, als sie ihre Abschlussarbeit über den ossetischen Schriftsteller Kosta Farnion vor der Prüfungskommission verteidigen musste. An Fatimas Hals hängt ein rotes Handy, ein Geburtstagsgeschenk ihrer Mutter. Sie hat erst am 13. September Geburtstag, aber Fatima wünschte sich das Handy so sehr, dass die Mutter ihr das Geschenk vorzeitig gab. Fatima hat in diesem Sommer ein Buch über den Philosophen Seneca gelesen, und seitdem wirkt sie verändert, so sehr, dass sich die Mutter Sorgen macht. Senecas Thema war der Tod, und auch Fatima beschäftigt sich jetzt mit den existentiellen Fragen des Lebens. Sie wirkt melancholisch und fern, sie hat kaum Appetit und isst nur dunkles Brot. Als Fotografin für die Zeitung arbeitet sie seit fünf Jahren. Sie hat die Zeremonie an der Schule Nummer eins auch im vergangenen Jahr fotografiert. Die Wiederholungen im Leben einer Lokalfotografin beginnen sie zu ermüden. Sie mag die Schule nicht, sie spürt dort eine Strenge, eine Enge des Geistes, die ihr widerstrebt.

Beslan, Komintern-Straße, 8.50 Uhr

Saurbek Gutijew, der pensionierte Lehrer und Stalingrad-Held, tritt mit allen Orden an der Jacke vor sein Haus, er hat es vor 57 Jahren mit eigenen Händen erbaut, ein kleines Anwesen um zwei schöne Innenhöfe, in denen Blumenkübel stehen unter einem Dach aus Weinlaub, vor der Tür liegt die Komintern-Straße wie ein breiter Feldweg, unbefestigt, staubig. Gutijew wendet sich nach rechts, zur Schule hin, die Häuser entlang läuft ein breiter Streifen Grün, bestanden mit Nussbäumen und Kastanien, Gänse gehen spazieren, Hühner picken. Links von Gutijew, der sich auf wackeligen Beinen in Bewegung setzt wie eine Marionette, zieht sich der große Damm der Moskauer Bahnstrecke parallel zur Straße hin, er zerschneidet die Stadt in einen östlichen und einen westlichen Teil. Der Fernzug Moskau-Wladikawkas, dazu zwei-, dreimal am Tag ein Güterzug, viel mehr Schienenverkehr ist nicht zu vermelden aus Beslan, 35 000 Einwohner, die Stadt ist ein kaukasisches Idyll. Auf der Komintern-Straße fahren und gehen geputzte Familien im Sonntagsstaat Richtung Schule Nummer eins, Luftballons in Händen, Schleifen im Haar, Lachen im Gesicht. Ein Glück, dass ich es nicht so weit habe, denkt Saurbek Gutijew, nach 20 Schritten beginnt zu seiner Rechten das Schulgelände. Das Gebäude zeigt der Komintern-Straße seine längste Front, eine einstöckige Fassade von 70 Meter Länge, dahinter auf jedem Stock neun Klassenzimmer und an der südöstlichen Ecke unten der Speisesaal, oben die Aula. Die Turnhalle ist von hier nicht zu sehen. Blassblaue Gitter hegen die Schule ein, Saurbek Gutijew geht an ihnen entlang und trifft alte Bekannte, alte Kollegen, ehemalige Schüler, viele kennen ihn, eigentlich alle, er wird gerufen: "Saurbek Charitonowitsch! Wie schön! Wie geht's? Was machen die Beine?" Der Alte winkt zurück, singt ein paar Floskeln mit hoher, dünner Stimme, er trifft, zum letzten Mal, den Werkkundelehrer Alexander Michailow, er grüßt, zum letzten Mal, die Hausmeisterin Balikojewa, er winkt, zum letzten Mal, dem alten Schuldirektor Tarkan Sabanow, 89 Jahre. Er begegnet Bekannten, vielen, ohne es zu wissen, zum allerletzten Mal.

Beslan, Spannbrücke, 8.55 Uhr

Der kleine Konvoi mit dem GAS-66-Laster erreicht den Ortseingang von Beslan, die Spannbrücke, die den Eisenbahnstrang Beslan-Nasran überwölbt. Wenig später biegt der Konvoi rechts ab. So merkt es sich Major Sultan Guraschew, die erste Geisel dieses Tages, er sitzt im Fond zwischen zwei Terroristen. Er hebt vorsichtig den Kopf. Er sieht ein typisch kaukasisches Ziegelhaus rechts und Bahnschienen links. Beslan. Die Komintern-Straße. Er sieht Autos und Kinder. Viele Kinder.

Schule Nummer eins, Hof, 9.08 Uhr

Fatima, die Fotografin der Lokalzeitung, hat ihre Kamera angesetzt. Die Erstklässler stehen vor ihr entlang einer weißen Linie zum Appell. Sie stehen in zwei Reihen, Jungen und Mädchen halten sich an den Händen. Der älteste Schüler hat die jüngste Schülerin auf seine Schultern gehoben, Fatima hat das Paar mit der Sonne im Rücken, weiches Licht, sie schaut in den Sucher. Aber darin bewegt sich jetzt etwas Fremdes. Tarnuniformen. Schüsse. Fatima setzt die Kamera ab. Sie versteht, dass etwas geschieht, aber nicht, was es bedeutet. Sie duckt sich und rennt zum Portal. Sie stolpert die vier Stufen hoch, biegt links ins Treppenhaus, läuft hinauf, 25 Stufen, dann ins Lehrerzimmer, vorbei an der Tafel neben der Tür mit dem Ehrenkodex der Schule: "Nichts ist so schwer zu erwerben und so leicht zu verlieren wie Würde, und denke immer an die Worte Puschkins: Die Selbständigkeit des Menschen ist das Unterpfand seiner Größe." Im Lehrerzimmer hört Fatima jemanden schreien: "Ruft die Polizei!", es kommt ihr lächerlich vor, sie läuft in die linke hintere Ecke des Zimmers, wo eine Tür zu einer Abstellkammer führt. Die Kammer misst zwei mal zwei Meter, keine Fenster. Fatima hockt sich links hinter der Tür auf den Boden, sie legt ihre Kamera und ihren Notizblock vorsichtig in die Ecke. Neben ihr weint eine Frau, die in der Panik ihren Enkel verloren hat. Sie schließen die Tür und verharren in der Dunkelheit.

Schule Nummer eins, Hof, 9.15 Uhr

Larissa Mamitowa hat 17 Stunden Nachtschicht als Notärztin auf dem Krankenwagen hinter sich, es war eine ruhige Nacht, sie hat keinen Patienten verloren, aber nun steht sie mit ihrem 13-jährigen Sohn Tamerlan mitten im Feuer. Sie sieht Männer in Tarnuniformen durch das Tor an der Komintern-Straße auf den Schulhof stürmen, zehn etwa. Die meisten sind mit schwarzen Wollmützen maskiert, die Unmaskierten haben Bärte. Sie schießen mit Maschinenpistolen in die Luft, sie drängen die Menschen zusammen, in die auf dem Schulhof versammelte Festgesellschaft ist panisches Tempo gefahren, die Familien, die Kinder, die Lehrer, alles rennt, will sich retten, flüchtet, und über den langen Schulflur, durch Türen und Tore geht es hinein in die Schule, zur Turnhalle hin, gestoßen, angeschrien von diesen Angreifern aus dem Nichts. Mamitowa nimmt ihren Sohn an die Hand und läuft mit ihm in Richtung Turnhalle. Auf dem langen Korridor des Hauptgebäudes hat sich eine Reihe von Geiselnehmern postiert und den Weg zum hinteren Teil des Gebäudes abgeschnitten. Sie schießen immerzu in die Decke, dann richten sie die Gewehre auf Geiseln und herrschen sie an, in die Turnhalle zu gehen. Mamitowa und ihr Sohn stolpern durch den Korridor in die Halle. Dort stehen Terroristen in einer Reihe vor der Fensterfront, auch sie schießen immer wieder mit Maschinenpistolen in die Decke. Sie schreien die Geiseln an, sich auf den Boden zu setzen und still zu sein. Einige der Terroristen beginnen sofort, in der Halle Sprengladungen zu installieren. Sie spannen Drähte zwischen den Basketballkörben und befestigen Sprengstoffpakete daran, die mit braunem Klebeband umwickelt sind. Sie zwingen ältere Schüler, ihnen zu helfen. Auf dem Boden müssen die Geiseln einen Korridor freihalten. Auch dort legen die Terroristen verkabelte Bomben aus.

Schule Nummer eins, Lehrerzimmer, 9.45 Uhr

In der Dunkelheit der Abstellkammer leuchtet Fatimas Handy. Sie klappt es auf und hört die Stimme ihrer Mutter. Sie hat, in der nahen Redaktion, die Schüsse gehört. "Was ist los?", fragt die Mutter. "Sie schießen auf dem Schulhof!", schreit Fatima. "Du musst fortlaufen!" "Unmöglich!" "Wo bist du?" "Im Obergeschoss." "Versteck dich und bleib vom Fenster weg!" Die Verbindung wird unterbrochen. Mutter und Tochter versuchen verzweifelt, sich gegenseitig anzurufen, doch sie bekommen keine Verbindung. Dann stößt ein Geiselnehmer die Tür zur Abstellkammer auf, und Fatima lässt ihr Handy fallen. Der Terrorist ist maskiert, er richtet das Gewehr auf Fatima und sagt, sie solle hinunter in die Turnhalle gehen. Sie läuft die Treppe hinunter, 25 Stufen, dann über den Korridor des Hauptgebäudes. Kurz vor dem Verbindungsgang zur Turnhalle muss sie stoppen. Auf dem Korridor drängeln sich so viele Menschen, dass sie an die Wand gepresst wird. Die Geiselnehmer schießen in die Decke, immer wieder, und der Putz regnet auf die Geiseln. Neben Fatima weint ein Erstklässler, der seine Eltern verloren hat. Sie nimmt ihn an die Hand und zieht ihn in die Turnhalle, dort verliert sie ihn wieder.

Schule Nummer eins, Turnhalle, 9.55 Uhr

Saurbek Gutijew, der Stalingrad-Kämpfer, ist im vorderen Teil der Halle zum Sitzen gekommen. Er hockt in der größeren der beiden Gruppen, zwischen ihnen eine Gasse, in der sie seit einer halben Stunde Sprengfallen montieren, Bomben verkabeln, mit Isolierband hantieren. Es geht dabei nüchtern zu, als wären lange anstehende Handwerksarbeiten zu erledigen. Alle Kabel laufen an einer Stelle am Ende der Halle zusammen, zu einem Trittschalter wie bei einer Nähmaschine. An diesem Schalter ist ununterbrochen ein Geiselnehmer postiert. Er sieht aus, als könnte er das gesamte Sprengarsenal in der Halle zünden. Gutijew glaubt, dass diese Leute ihn erschießen werden, wenn sie seine Orden und Abzeichen sehen. Also hat er das linke Revers seiner Anzugjacke über dem Herzen zurückgeschlagen, so dass Spangen und Medaillen nicht mehr zu sehen sind. Er sitzt da mit seiner eigentümlich verdrehten Jacke. Er versteckt sein Leben. Er kommt sich sehr schäbig vor. Er denkt an Möglichkeiten der Rettung. Eigentlich erwartet er jeden Moment eine Aktion der Polizei, einen Sturm durch das Militär, ein schnelles, gutes Ende, noch ehe alles richtig beginnt. Denn jetzt, in diesen Minuten, in den ersten zwei Stunden, da die Terroristen damit beschäftigt sind, ihr Regime zu etablieren, da sie noch nicht auf Posten sind, da alles noch offen scheint, jetzt, denkt Saurbek Gutijew, gibt es eine Chance, der Sache schnell ein Ende zu machen. Aber es erfolgt kein Sturm. Es folgen Befehle der Geiselnehmer. "Tretet nicht auf die Drähte! Werft eure Taschen und Telefone weg! Wer noch ein Funktelefon hat, wird erschossen!" Gutijew zählt nicht die Sprengsätze im Raum. Aber fünf der Bomben fallen ihm auf, weil sie besonders groß sind, ungefähr wie Reisekoffer. Mit klirrenden Schlägen zerbrechen die Geiselnehmer das Glas der Fenster oder schießen hinein. Um Gutijew herum lagern Mütter und Großmütter, Kinder, niemand dabei, den er besonders gut kennt, bekannte Gesichter, aber keine Namen dazu, die Bilder deprimieren ihn; die Mütter mit den weinenden Kindern; die alten Frauen mit ihren Enkeln im Schoß; die Erstklässler, verängstigt, scheu, ratlos. Er ist selbst vierfacher Vater, vier Söhne hat er großgezogen, neun Enkel haben sie ihm geschenkt. Nun sitzt er da, Saurbek Gutijew, 84 Jahre alt, allein, und er kann seine Lage nicht fassen.

Beslan, Stadtverwaltung, Krisenstab, 9.59 Uhr

Im grauen Gebäude der Stadtverwaltung, 200 Meter Luftlinie von der Schule, bildet sich ein Krisenstab, das heißt, es laufen Leute zusammen und reden darüber, was draußen vorgeht. Es gibt schon Berichte über erste Pannen. Im Polizeirevier war der Diensthabende mit dem Schlüssel für den Waffenschrank 40 Minuten lang nicht aufzufinden. Um 10.17 Uhr setzen sich vier Motschützen-Kompanien aus der Republik-Hauptstadt Wladikawkas in Bewegung Richtung Beslan. Auch Alexander Dsassochow ist sofort alarmiert worden und trifft nun am Tatort ein. Dsassochow ist 70 Jahre alt und seit 1998 Präsident Nordossetiens. Früher einmal war er Komsomol-Sekretär in Wladikawkas und stieg in den letzten Tagen der Sowjetunion sogar noch zum Mitglied des Politbüros in der Moskauer Parteizentrale auf. Die Jahre im Dienst von Partei und Staat haben ihn gezeichnet. Er wirkt müde und ausgebrannt. Er steht unter Druck, weil er ahnt, dass die Angehörigen zuallererst von ihm Rechenschaft darüber fordern werden, warum die Terroristen ungestört bis vor das Beslaner Schultor fahren konnten. Denn die Geiselnahme kommt nicht aus heiterem Himmel. Das russische Innenministerium hat am 18. August ein Telegramm an alle Gebietskommandeure der Polizei verschickt. Darin steht, es gebe Erkenntnisse, dass tschetschenische Rebellen in Nordossetien eine Operation planten. Sie solle jener gleichen, die Schamil Bassajew einst im Krankenhaus der Stadt Budjonnowsk startete, im Sommer 1995. Und in einer E-Mail Bassajews vom 27. August, verschickt also genau fünf Tage zuvor, heißt es: "Im Namen Allahs des Allmächtigen und Gnädigen erkläre ich, Abdallah Schamil Abu-Idris, Emir der Islamischen Märtyrerbrigade 'Rijad al-Salihin', das dritte Jahrtausend der Erfüllung der Prophezeiung des Propheten Mohammed ... Wir werden eure Häuser, Schiffe, Flugzeuge sprengen, wir werden euch direkt in den Straßen eurer gottlosen Städte töten, weil der Tod von wollüstigen und widerlichen Ungläubigen die Zustimmung Allahs findet. Der Weg des Heiligen Krieges ist der Weg der wahren Muslime. Allahu akbar!" Nicht, dass die Behörden angesichts solcher Drohbotschaften gar nichts getan hätten. In Beslan wie im Rest Nordossetiens gilt an diesem Morgen des 1. September Urlaubs- und Ausgangssperre für die Polizei. Verwaltungsgebäude, Polizeistationen und Bahnhöfe werden verstärkt bewacht, vor allem aber Krankenhäuser und Hauptverkehrsstraßen. Vor den Schulen sind je zwei bis drei Mann postiert. In der Rückschau wirkt das sehr hilflos. In der Rückschau wirkt der ganze Sommer im Nordkaukasus wie eine Ouvertüre zu Beslan, voll unguter Zeichen und ungeheurer Aktionen, gegen die Militär, Polizei und Justiz wie machtlos wirkten. Es gärte in der Region über Monate hinweg, und schon am 17. Juni hatte Bassajews Märtyrerbrigade "Rijad al-Salihin" die Warnung ins Internet gestellt: Es seien Terroranschläge in Vorbereitung, die für das Putin-Regime "unerwartete und äußerst wirkungsvolle" Folgen haben würden. Vier Tage später, in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni, zwischen 22.30 Uhr und 3 Uhr morgens, errichteten 200 Kämpfer im inguschischen Nasran ein Schreckensregime auf Zeit. Sie überfielen das Gebäude des Innenministeriums und das der 137. Grenztruppen-Einheit, sie plünderten Waffendepots, errichteten Straßensperren und erschossen allein 51 Polizisten, außerdem Staatsanwälte, den Innenminister, 98 Menschen insgesamt. Einige Täter von Nasran finden sich auch in der Turnhalle von Beslan wieder. In ihrem Gepäck werden in Nasran geplünderte Waffen auftauchen. 22 Kilometer nur sind es von Nasran nach Beslan. Nasran ist das Präludium zum offenkundig lange geplanten Anschlag auf die Schule Nummer eins. Und es gab weitere Warnsignale, immer wieder, und immer wieder war es die Gegend um Malgobek im Norden Inguschiens, wo sie laut wurden. Am 1. Juli 2004 starben bei einer Schießerei mit mutmaßlichen Terroristen der stellvertretende Polizeichef von Malgobek und der Vize der Malgobeker Kripo am Rand der Kreisstadt. Am 12. Juli 2004 stellten Beamte des Innenministeriums im Wald bei Sagopschi südwestlich von Malgobek ein gewaltiges Waffenlager sicher, mit Maschinengewehren, -pistolen, Granatwerfern und Munition aus der Beute von Nasran. Am 20. Juli wurde gleichfalls in Sagopschi ein 31 Jahre alter Mann aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny nach heftiger Gegenwehr erschossen. Am 23. Juli schließlich entkam in Sagopschi der spätere Beslan-Terrorist Mussa Zetschojew bei einer Schießerei. Keiner der Vorfälle ereignete sich mehr als zehn Kilometer von jenem Zeltlager im Wald entfernt, von dem aus die Geiselnehmer am frühen Morgen des 1. September 2004 aufgebrochen sind. Keiner der Vorfälle kam aus heiterem Himmel. Hätte der Polizeichef Muchoschir Jewlojew in Malgobek, ein mit dem Tapferkeitsorden dekorierter Mann von schneidiger Erscheinung und fliehendem Blick, nur ein wenig genauer wissen wollen, was in den Wäldern seiner Gegend und hinter den hohen Mauern der Häuser geschieht - Beslan wäre bis heute irgendein Ortsname, den kaum einer kennt.

Schule Nummer eins, Turnhalle, 10 Uhr

Larissa Mamitowa, die Ärztin, sitzt mit ihrem Sohn Tamerlan in der Mitte der Halle. Sie haben sich schön gemacht für den feierlichen Tag. Der 13-Jährige trägt einen dunklen Anzug mit Weste, ein weißes Seidenhemd und blankpolierte Schuhe. Die Ärztin hat sich das Gesicht geschminkt, was sie nur zu besonderen Anlässen tut. Sie ist eine kleine Frau mit kurzen Haaren, dunkelrot gefärbt, sie bewegt sich bescheiden, uneitel, unauffällig. Mamitowa, 54 Jahre alt, hat im Krankenhausdienst gelernt, dass widrige Umstände kein Argument sind für Tatenlosigkeit. Auf Befehl der Terroristen werfen die Geiseln jetzt Telefone und Taschen durch die Halle zu ihnen hin. Auch Mamitowa wirft ihres. Die Geiselnehmer treten die Telefone mit ihren Stiefeln kaputt und rufen Warnungen in den Sportsaal: "Für jedes Handy, das wir jetzt noch finden, werden wir 20 Geiseln erschießen! Habt ihr verstanden? 20 Geiseln!" Die Ärztin beobachtet, wie einige Geiseln ihre Handys verstecken. Sie bittet sie, kein Risiko einzugehen, sie drängt sie, die Telefone abzugeben. Dann sieht sie, wie zwei Terroristen einen Mann durch die Halle schleifen, er ist dick, etwa 40 Jahre alt und tot. Mamitowa weiß nicht, dass der Mann Soslan Betrosow heißt, sie weiß nicht, dass er eben vor den Augen seiner beiden Söhne erschossen wurde. Sie sieht nur die breite Blutspur auf dem Boden, die eine Schülerin aufwischen muss. Das Mädchen wischt dem Toten mit einem weißen Hemd hinterher. Mamitowa schreit die Geiseln in ihrer Umgebung an, endlich ihre verdammten Telefone abzugeben. Wieder fliegen Handys durch den Saal. Die Terroristen fragen in die Menge hinein nach einem Arzt. Mamitowa meldet sich. Sie wird auf den Hauptkorridor geführt. Zwei Terroristen sitzen dort auf dem Boden, sie lehnen mit dem Rücken an der Wand und bluten stark. Den einen schätzt Mamitowa auf 25, den anderen auf 35 Jahre. Der Jüngere hat einen Bauchschuss, der Ältere einen Durchschuss des rechten Unterarms. Ein Geiselnehmer bringt Mamitowa einen Rucksack mit Jod und Mull. Sie verbindet zunächst den Älteren. Das Projektil ist quer durch seinen Unterarm gefahren und hat eine lange Wunde gerissen. Mamitowa bekommt das Gefühl, dass der Mann eine Führungsrolle unter den Geiselnehmern hat. Er ist besonders aggressiv und erteilt anderen Befehle. Er trägt einen Bart, und er fällt vielen Geiseln auf, weil er sie besonders brutal behandelt und von nun an ständig den Arm hochhält, um die Blutung zu stoppen. Die russischen Ermittler identifizieren ihn später als Wladimir Chodow. Mamitowa fragt ihn, was das Ziel der Geiselnahme sei. "Wir haben nur ein Ziel", sagt Chodow. "Die russische Armee soll aus Tschetschenien verschwinden." Mamitowa schlägt ihm vor, einen Zettel mit einer Nachricht nach draußen zu geben. "Das kann nur der Oberst entscheiden", sagt Chodow. "Dann lassen Sie mich mit dem Oberst reden", bittet Mamitowa. Chodow fragt sie nach ihrem Namen, ihrem Alter und wo sie arbeitet. "Sind Sie allein hier?" "Mein Sohn ist in der Turnhalle." "Sonst niemand?" "Nur ich und mein Sohn." Als Mamitowa die Verletzten verbunden hat, bringt ein Terrorist ihr zum Dank zwei Pralinen. Chodow verbietet ihr, sie anzurühren. Er sagt, sie werde die Süßigkeiten doch nur ihrem Sohn geben. Auf dem Korridor sieht sie ein gutes Dutzend Geiseln mit im Nacken verschränkten Armen vor den Fenstern stehen. Andere Männer bauen Barrikaden. Die Terroristen schlagen Löcher in die Fensterscheiben, offenbar aus Angst vor einem Giftgasangriff. Sie schießen auf alles, was sich vor den Fenstern der Schule bewegt, mit schweren Waffen, Maschinengewehren auf Dreifüßen, Granatwerfern. Über den Korridor geht eine Schahidka, eine schwarze Witwe. Sie führt eine Gruppe Kinder zu den Toiletten. Sie ist in ein schwarzes Gewand gehüllt, sie hält eine Pistole in der rechten Hand und trägt einen Sprengstoffgürtel um die Hüfte. Mamitowa sieht nur ihre dunklen Augen. Der am Arm verletzte Chodow, direkt vor ihr, steht auf und geht. Er befiehlt Mamitowa zu warten. Sie weiß nicht, wen sie vor sich hat. Sie ahnt nicht, wer dieser Chodow ist: ein Ossete wie sie.

Elchotowo, Vormittag

Elchotowo, die Hochburg der Muslime im vorwiegend christlichen Nordossetien und Heimat von Wladimir Chodow, liegt hart an der Grenze zur Kabardei. Eine Stadt von 11 000 Einwohnern, in der adrette Ziegelhäuser von bürgerlichem Wohlstand künden und kreuzendes Kleinvieh in Seitenstraßen Schritttempo erzwingt. Chodows Zuhause liegt in der Sortow-Straße 17, hinterer Eingang, Parterre rechts, in einem einstöckigen staatlichen Mietshaus. Die Mutter hatte den kleinen "Wolodja" mit drei Jahren hierher gebracht aus der Ukraine, wo er geboren wurde. Kindergarten-Bilder zeigen ihn als Dickschädel im weißen Strickpullover mit ernsten, dunklen Augen. Der Adoptivvater Chodows diente als Ingenieur in der Sowjetarmee, die Mutter als Krankenschwester am Ort, zusammen sind sie ein respektiertes Paar mit zwei Söhnen. Wladimir begeisterte sich an der Hauptschule drei für russische Sprache und Literatur. Er galt als scheu und kränklich, ein Einzelgänger, der einmal so arg verprügelt wurde, dass sein linkes Auge dauerhaft beschädigt blieb. In der Bibliothek, im ersten Stock des Hauses der Kultur, fiel Wladimir auf, weil ihn nur eines interessierte: das Regal mit der Enzyklopädie. Irgendwann wurde ihm Elchotowo dann zu eng. War der Punkt erreicht, an dem aus dem Jungen, der in seiner Heimatstadt als harmloser Sonderling galt, der Mann wurde, den die Geiseln als besonders rücksichtslos erleben? Chodow ist ein spätberufener Muslim. Erst Bruder Boris, der mit 16 wegen Mordes zu acht Jahren Haft verurteilt wurde und in der Zelle zum Islam übertrat, brachte ihn mit der fremden Religion in Kontakt. Als Boris freikam, Anfang 2003, nahm die Verwandlung der Brüder Fahrt auf. Schon am 11. Juni 2003 wurde Boris mit Waffen und Drogen erwischt. Boris Chodow wurde verhaftet, aber nach drei Tagen wieder freigelassen. Zweieinhalb Wochen später, am 1. Juli 2003, entführte er ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das ihm gefiel und das er heiraten wollte. Am 19. Juli starb er durch vier Kugeln, die der Bruder des Mädchens auf ihn abfeuerte. Zur Beerdigung am 22. Juli 2003 erschien auch Wladimir Chodow, der zuvor untergetaucht war. Gegen ihn lag seit 1998 ein Haftbefehl vor wegen des Verdachts einer Vergewaltigung. Trotzdem ging er in seiner Heimatstadt unbehelligt ein und aus. In letzter Sekunde, bevor die Leiche des Bruders zum Friedhof gebracht und nach ossetischem Brauch bestattet werden konnte, verlangte Wladimir vor versammelter Nachbarschaft ein Begräbnis nach streng muslimischem Ritus. Der Leichnam musste noch einmal aus dem Sarg genommen und gewaschen werden. Das besorgte Hadschi Ali, ein Mekka-Pilger und ehemaliger Imam von Elchotowo. Der große, massige Mann mit Häkelkappe gilt bei den Einwohnern Elchotowos als zwielichtiger Händler mit guten Verbindungen nach Inguschien, wenige Monate vor der Geiselnahme in Beslan ist sein Keller nach Waffen durchsucht worden. Hadschi Ali, bürgerlich Alik Gabissow, residiert in einem prächtigen Haus, nur 100 Meter von Chodows Wohnung entfernt. Er ist es, der in der Moschee am Stadtrand, von deutschen Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg zu einer Ruine gebombt, Chodow feierlich in die muslimische Gemeinde aufgenommen hat und ihm den Namen Abdullah gab - Anfang 2003, keine zwei Jahre vor der Geiselnahme. Im Keller Hadschi Alis verbrachte Chodow, der wegen Vergewaltigung russlandweit Gesuchte, Tage und Wochen nach der Beerdigung seines Bruders. Die Polizei, sechste Abteilung des nordossetischen Innenministeriums, vernimmt ihn und lässt ihn postwendend wieder frei. Vielleicht war ja der Computer in Elchotowo kaputt, in dem der Haftbefehl gegen Chodow gespeichert gewesen sein sollte. Oder der Beamte vergaß nachzusehen. Oder der spätere Geiselnehmer hatte schon zu diesem Zeitpunkt genügend Geld, um sich freizukaufen. Anfang August 2003 wird Chodow noch einmal gesehen, in Inguschien, gemeinsam mit Hadschi Ali. Die beiden trafen im Dorf Inarki den Händler Mussa Jandijew und erbaten von ihm 150 000 Rubel, rund 5500 Euro. Inarki grenzt direkt an jenen Wald, in dem ein Jahr später das Kommando Beslan sein letztes Hauptquartier aufschlagen wird. Sollte der Händler für die gemeinsame Sache gewonnen werden? Sammelte Chodow schon jetzt Geld, Fahrzeuge, Kontakte, Informationen? Chodows Spur verliert sich in der Folge. Er sei an einer Koranschule in Dagestan gewesen, sagt Hadschi Ali. Er habe sich nahe Galaschki in Inguschien in einem Ausbildungscamp für Terroristen aufgehalten, heißt es beim russischen Geheimdienst. Dort soll er angehende Beslan-Teilnehmer kennen gelernt haben. Sicher ist: Am 3. Februar 2004 tauchte Chodow in Wladikawkas wieder auf. Er verübte einen Sprengstoffanschlag in der Gorkistraße, offenkundig auf die Nordkaukasische Militärjuristische Fakultät. Zwei Menschen starben, zehn wurden verletzt, ein weiterer Haftbefehl gegen ihn wurde ausgestellt. In einer Regionalzeitung erschien sein Bild auf Seite eins, das Foto zeigt einen ernsten jungen Mann von 28 Jahren im schwarzen Jackett. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits mit doppeltem Haftbefehl gesucht, spazierte Chodow im Frühjahr und Sommer 2004 immer noch durch die Straßen seiner Heimatstadt Elchotowo. Der dortige Polizeichef aber, Oberstleutnant Walerij Dschibilow, ließ den Mann, der an seinem Büro vorbeilief, nicht verhaften. Ob aus Schlamperei, Gleichmut oder Leichtsinn, ist nicht bekannt. Chodows Probelauf für Beslan jedenfalls fand unter den Augen der Staatsmacht statt.

Wladikawkas, Polizeihauptquartier, Vormittag

Major Guraschew, der Dorfpolizist von Churikau, die erste Geisel dieses Tages, sitzt unweit der Schule Nummer eins, Komintern-Straße 89. Der Polizist aus Churikau hat sich in dieses Haus geflüchtet, kaum dass die Terroristen ausgestiegen waren. Die Terroristen hatten ihn einfach sitzen lassen hinten in seinem Lada, und er hatte sich mit Beginn der Schießerei, als er sah, dass hier für einen Mann nichts auszurichten war, unters Auto gerollt. Nun alarmiert er seine Vorgesetzten. Und die schalten die zuständigen Ermittler ein. Kurz darauf ist Guraschew zum zweiten Mal an diesem Tag das Opfer: Die Kollegen in Wladikawkas glauben ihm, dem Muslim, kein Wort. Sie halten ihn, der seit fast einem Vierteljahrhundert tadelsfrei Dienst tut in seinem Heimatdorf, für einen potentiellen Lügner. Sie bezichtigen ihn, der aus freien Stücken zum Rapport gekommen ist, ein Komplize zu sein. Major Guraschew lernt die Organe russischer Rechtspflege von jener Seite kennen, die Uniformierten wie ihm ansonsten vorenthalten bleibt. Er gerät an eine Truppe, die dem Spezialermittler Igor Tkatschew untersteht und im Auftrag des Generalstaatsanwalts von Wladikawkas handelt. Als sie ihn nach acht Tagen freilassen, hat der Major, der sich den Geiselnehmern entgegenstellte, als es noch nicht zu spät war, eine acht Zentimeter lange Platzwunde über der Stirn. Sein linkes Auge ist schwarz unterlaufen, auch Brustkorb und linker Oberschenkel sind von Blutergüssen gezeichnet. Sie haben ihm auch die Hoden zertreten.

Schule Nummer eins, Hauptkorridor, 11 Uhr

Kasbek Dsarassow, ein 35 Jahre alter Ossete, ein langer, dünner Mann, ist mit seiner Mutter und seinem Sohn zur Geisel geworden, und er ist von der ersten Minute an in höchster Lebensgefahr. Die Angreifer haben ein Auge auf die erwachsenen, kräftigen Männer, noch am Vormittag sortieren sie gut 20 von ihnen aus und führen sie auf den großen Korridor, darunter auch Kasbek Dsarassow, groß, knochig, gute Augen im Gesicht. Auf dem Flur herrscht reger Betrieb. Die Terroristen laufen herum "wie bei sich zu Hause", denkt Dsarassow, geschäftig gehen sie hin und her, kaum einer der Angreifer hier trägt eine Maske. Gut 50 Meter lang ist der Hauptflur der Schule Nummer eins, knapp 4 Meter breit, zweimal sieben Fenster gehen auf Innenhöfe hinaus. Vor diesen Fenstern, mit dem Rücken zu ihnen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, müssen sich Dsarassow und die anderen aufstellen. Sie sind menschliche Schutzschilde. Andere Geiseln, auch ältere Schüler darunter, müssen die Fenster verbauen. Sie holen Bücher heran, Möbel, ausgehängte Türen. Immer wieder stürzen halbfertige Barrikaden ein. Büchertürme fallen um. Sichtblenden aus Plakaten, aus gerahmten Bildern stehen nicht stabil, sie verrutschen und geben die Fenster wieder frei. Die Wachen gehen auf und ab. Sie verteilen Fußtritte. Sie puffen die Geiseln in die Nieren mit ihren Gewehrkolben. Sie sagen, immerzu: "Seid ruhig! Bleibt ruhig!" Dsarassow hat Krämpfe in den Beinen, er fühlt kein Blut mehr in den Armen, er steht vor diesem Fenster und hält seine Arme hoch, die Gliederschmerzen sind unerträglich. Aber wenn er sich bewegt, wenn er nur von einem Bein aufs andere tritt, schlagen sie ihn. Auf die Beine. In die Seiten. So steht er stundenlang.

Beslan, Komintern-, Ecke Lermontow-Straße, 11.30 Uhr

Seit 11.30 Uhr haben Einheiten der 58. Armee die Schule abgeriegelt. Auch Roman Alijew, ein junger Streifenpolizist, seit einem Jahr im Dienst, ist in Stellung gegangen an der Komintern-Straße. Er hatte dazu keinen ausdrücklichen Befehl. Er und die anderen Polizisten haben sich eher "auf Zuruf" entschieden, die Ecken dieser Kreuzung, etwa 150 Meter von der Schule entfernt, zu besetzen. Von einem Einsatzplan weiß Alijew nichts. Es gibt knapp 500 Polizisten in Beslan. Sie stellen sich nun alle in Dienst. Sie postieren sich in einem weiten Ring um die Schule. Befehle hören sie kaum. Die Funkgeräte schweigen die meiste Zeit. Der neue Polizeichef ist erst seit einem Monat im Amt und lässt sich nicht blicken. Stattdessen drängen im Lauf des Tages immer mehr Leute heran, Angehörige, die ihre Kinder, Schwestern, Väter in der Schule wissen. Die Polizisten an der Absperrung werden mit Fragen überschüttet. Aber sie wissen ja selbst nichts. Sie hören, wie alle anderen, nur Gerüchte. Sie schicken die Leute zur Stadtverwaltung. Zum Kulturpalast. Dort würden alle Informationen gegeben, die zur Verfügung stünden. Roman Alijew hört, hier an der Sperre, dass Diana, seine Freundin, einen Nervenzusammenbruch erlitten hat. Sie ist im Krankenhaus. Ihr kleiner Bruder und ihre kleine Schwester sind Schüler der Schule Nummer eins. Beide sind in den ersten Minuten der Tragödie entkommen, davongelaufen. Einige Dutzend schaffen das ganz zu Beginn. Und selbst im Verlauf dieses ersten Tages werden aus der Schule noch ein paar davonkommen. Zwei Mädchen gelingt die Flucht aus dem von den Terroristen schon besetzten Gebäude.

Schule Nummer eins, Hauptkorridor

Die Ärztin Larissa Mamitowa, die Mutter von Tamerlan, wird zu dem Mann geführt, den die Terroristen "Oberst" nennen. Er sitzt in der Bibliothek im Erdgeschoss an einem Tisch und bittet Mamitowa, sich zu ihm zu setzen. Der Boden ist übersät mit Büchern, die meisten stammen aus den Zeiten der Sowjetunion: Jurij Bondarews "Weißer Schnee" über die Schlacht von Stalingrad; Nikolai Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde"; auch ein Nachdruck von Lenins erster Zeitung "Iskra" (Der Funke) ist dabei. An der Wand hängt eine Tafel mit einem Satz Tschechows: "Gleichgültigkeit lähmt unsere Seelen und führt zum frühzeitigen Tod." Der Oberst hat ein langes Gesicht und einen spitzen Bart. Sein Kopf ist kahl geschoren und bedeckt von einer muslimischen Häkelkappe. Er trägt eine Tarnhose, ein schwarzes T-Shirt und einen Gürtel mit Handgranaten, einem Messer und einem Bajonett. Seine schwarzen Handschuhe sind an den Fingerspitzen abgeschnitten. Er hat das Gewehr eines Scharfschützen, mit einem großen Zielfernrohr. Der Oberst geht ans Fenster und nimmt ein Haus ins Visier, in dem er einen Scharfschützen vermutet. Er beobachtet das Fenster einige Minuten lang durch sein Zielfernrohr. Dann schießt er dreimal. Der Oberst wirkt überlegt und sicher, so sicher, dass Mamitowa das Gefühl hat, er sei mit Geiselnahmen vertraut. Die anderen Terroristen kommen ihr dagegen unreif vor. Sie schießen zum Spaß auf Autos vor der Schule, auf Hühner und Gänse, und wenn sie treffen, freuen sie sich wie Kinder. Sie haben Angst vor dem Oberst, das spürt die Ärztin, und sie tun, was er befiehlt. Der Oberst setzt sich wieder zu Mamitowa an den Tisch. Er gibt ihr ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber und diktiert ihr eine Telefonnummer, unter der soll ihn die russische Regierung anrufen. Dann kramt er in seinen Hosentaschen. Er zieht einen Plan der Schule hervor, betrachtet ihn kurz und steckt ihn zurück in die Tasche. Dann zückt er ein beschriebenes Blatt Papier und diktiert Mamitowa seine Forderungen: Die Präsidenten Nordossetiens und Inguschiens sollen zu Verhandlungen in die Schule kommen, außerdem Putins Kaukasus-Berater Aslambek Aslachanow und Leonid Roschal, Kinderarzt in Moskau, Vertrauter Putins. Für jeden verwundeten Geiselnehmer würden 20 Geiseln erschossen, für jeden toten 50. Bei einem Sturmangriff werde er die Schule sprengen. Außerdem fordert der Oberst die Lieferung von Wasser aus Nasran, inguschisches Wasser, reines Wasser. Der Oberst warnt Mamitowa. Sie solle nur die Botschaft überbringen und nichts sagen. Wenn sie versuchen sollte zu fliehen, werde ihr Sohn erschossen. Dann lässt er einen Scharfschützen hereinbringen. Er zeigt auf ihn und sagt zu Mamitowa, der werde sie im Auge behalten. Mamitowa reißt einen weißen Vorhang vom linken Fenster der Bibliothek und verlässt die Schule durch das Portal. Sie winkt mit dem Vorhang und geht zum Schultor an der Komintern-Straße. Sie ruft, dass sie eine Botschaft der Geiselnehmer überbringe, und von der anderen Seite nähert sich ein junger Mann mit einem Gewehr. Er legt das Gewehr ins Gras, kommt näher und nimmt den Zettel. Mamitowa fragt ihn, ob er Ossete sei. Er nickt, und sie sagt ihm auf Ossetisch, dass etwa 1300 Geiseln in der Schule seien, dass die Turnhalle vermint sei und dass die Schule auf keinen Fall gestürmt werden dürfe. Vor dem Tor liegt eine Frau auf dem Schulhof, sie blutet aus einer Schusswunde am Bein und kann sich nicht bewegen. Mamitowa entschuldigt sich dafür, dass sie ihr nicht helfen kann. Sie geht zurück in die Schule und bittet die Terroristen, die Frau behandeln zu dürfen, sie werde sonst vielleicht verbluten. Die Terroristen sagen Nein. Der Oberst sagt Nein.

Galaschki, Inguschien

Der "Oberst", der in der Schule die Fäden zieht, heißt Ruslan Chutschbarow. Das sagt der Geheimdienst. Eines der wenigen Fotos, die es aus Chutschbarows früherem Leben gibt, zeigt einen durchtrainierten, glatzköpfigen jungen Mann in Sportkleidung, der hochmütig und lauernd der Kamera trotzt. Er sieht aus wie ein Pitbull auf Hinterbeinen. Von Galaschki in Inguschien, wo Chutschbarow am 12. November 1972 geboren wurde, nach Nordossetien ist es genau einen Hügel weit. Das Straßendorf am reißenden Assa-Fluss, mit seiner nagelneuen Moschee, liegt hinter einer Straßensperre mit Schlagbaum und Denkmal. Der Stein unter einer Fahne in der lindgrünen Farbe des Islam erinnert an die hier im Mai 2000 getöteten Soldaten, erschossen von den Hügeln herunter mit Granatwerfern und automatischen Waffen durch Bojewiki. Einer der Täter war, so steht es in den Akten des Inlandsgeheimdienstes, der ortskundige Ruslan Chutschbarow. Insgesamt starben damals 18 Offiziere und Soldaten der russischen Bundestruppen. Zu diesem Zeitpunkt war Chutschbarow schon ein landesweit gesuchter Mörder. Gegen ihn lag ein Haftbefehl vor, seit er im Mai 1998 in der zentralrussischen Stadt Orjol vor dem dort gelegenen Café Nektar zwei Armenier erschossen hatte. Es ging um ein Mädchen. In Snamenka bei Orjol, wo er mit der rothaarigen Lena Zorikaschwili als Ergebnis einer eher unverbindlichen Liaison die Tochter Lilija zeugte, fiel er vor allem als Frauenheld auf, der im Wohnheim des Käse- und Butterwerks ungeniert Liebschaften pflegte. Zu Hause ging er mit bärtigen Besuchern zum Rauchen auf die Straße. Ein Gigolo mit Kinderstube. Von geregelter Arbeit ist nichts bekannt. Nach dem Mord an den Armeniern tauchte Chutschbarow ab. In Tschetschenien, wo Chutschbarow im Untergrund Zuflucht vor seinen Verfolgern sucht, landete er an der Seite von Feldkommandeur Schamil Bassajew. Chutschbarow hat ein klassisches Rebellenleben geführt. Den Sicherheitsorganen entwischte er regelmäßig: einmal beim Versuch, im kabardinischen Naltschik seine Freundin zu treffen; dann wieder, im Jahr 2002, als er der Polizei bei einer Schießerei an der Bushaltestelle in der inguschischen Siedlung Slepzowskaja entkam; ein weiteres Mal, als er zu Besuch bei seinem Vater in Galaschki war und vor anrückenden Ordnungskräften ins angrenzende Maisfeld flüchtete. Hier, in der Partisanen-Straße 11 von Galaschki, wo Ruslan geboren ist, in einem der ältesten, ärmlichsten Häuser des Dorfs, klingt es, als sei der Junge so gut wie nie da gewesen. Der Vater Tagir Chutschbarow, ein Traktorist im Ruhestand, schwarze Baskenmütze, schwarzes Hemd, sagt, er habe seinen Sohn zum letzten Mal vor fünf Jahren gesehen. 20 Quadratmeter hat das einzige große Zimmer des Hauses, in dem Ruslan geboren ist. Teppiche an den Wänden, ein gemustertes Sofa, eine Fassung ohne Glühbirne. Das Geschirr steht in Ermangelung eines Schranks auf dem Tisch. Durch das Fenster geht der Blick auf den Garten mit Plumpsklo und Maisstauden. Unterm Walnussbaum steht, der ganze Stolz, ein grüner Lada mit dem Kennzeichen A-4763. Worüber haben Vater und Sohn gesprochen beim letzten Besuch? Über Ruslans Leben, seine Ziele, den Mord an den Armeniern? "Hätte ich sie nicht erschossen, wäre ich selbst dran gewesen", habe der Sohn ihm auf Fragen geantwortet, sagt Tagir Chutschbarow. Er glaubte ihm das: "Ruslan war ein ruhiger Kerl." Vater und Sohn haben sich nicht oft gesehen, nach früher Trennung der Eltern lebte Ruslan bei der Mutter. Erst als er acht oder neun war, kam er wieder nach Galaschki, ging zur Schule und ist als sommersprossiger, "absolut durchschnittlicher" Schüler bei Klassenkameraden in Erinnerung geblieben. Und nicht als einer, der sich vorgedrängt hätte. Erst viel später, in Orjol, hat Chutschbarow begonnen, Muskeln zu machen und sich "Oberst" nennen zu lassen. In Tschetschenien wurde er vom gewöhnlichen Kriminellen zum Terroristen. Ob durch Kaderschulung, Verrohung im Feld, religiöse Verblendung, niemand kann das sagen. Wenn Chutschbarows Vater behauptet, er habe seinen Sohn seit 1999 nicht mehr gesehen, dann erwartet er selbst nicht, dass man ihm glaubt. Er sagt: "Seit zehn Jahren kommen die Geheimdienstler jede Woche zu mir. Entweder nachts um elf oder morgens um vier. Ich ziehe zum Schlafen nicht einmal mehr die Hose aus." Der Alte weiß, was die nächtlichen Besucher von ihm wollen, und die Besucher wissen, dass er schweigen wird wie ein Grab. Es ist ein Ritual im Umgang der Zentralmacht mit den Menschen im Nordkaukasus. Ein Spiel zwischen Katze und Maus. "Sie fragen nach meinen Söhnen. Beziehungsweise nur noch nach Ruslan, seit sie meinen jüngeren Sohn Baschir vor zwei Jahren im Wald erschossen haben. Ich sage dann immer: Ihr wisst doch, wo ihr ihn findet." Auch bei Ruslan Chutschbarow fehlt es nicht an Indizien dafür, dass sich seine Spuren vor dem Geiseldrama von Beslan im Grenzgebiet zu Nordossetien vervielfachen. Folgenlos. Nach seiner Schießerei mit den Armeniern und dem Attentat auf die Soldatenkolonne in Galaschki soll der "Oberst" sogar noch den Sprengstoff selbst gekauft haben für den Anschlag auf das Gebäude des inguschischen Geheimdienstes am 15. September 2003 in der Nähe Nasrans, bei dem drei Menschen sterben. Und dass er danach, aktiv oder logistisch, auch beim generalstabsmäßig vorbereiteten Überfall auf Nasran vom 21. Juni 2004 mitgewirkt hat, scheint für die Ermittler festzustehen. Am 20. Juli 2004 rückte deshalb ein Kommando unter Leitung des Geheimdienstes FSB, vertreten durch Leutnant Kostenko aus Schelesnowodsk, mit sieben bis acht Maskierten in der Partisanen-Straße von Galaschki an, Kalaschnikows und Infrarotstrahler im Gepäck. Es war kurz nach vier Uhr morgens. Der Trupp stoppte vor einem Steinhaus samt hölzerner Pergola. Der Hausherr wurde herausgerufen, mit Handschellen gefesselt, verprügelt, das Haus durchsucht, die weinenden Kinder wurden weggesperrt. Im Schlafzimmer fand sich eine Kalaschnikow. Die Ehefrau wurde mit den Worten "Hau ab, Hündin" verscheucht. Dann fielen Schüsse im Garten. Der Hausherr war tot, niedergestreckt durch drei Kugeln in die Brust und eine in den Kopf. Doch es traf nicht Ruslan Chutschbarow, auf dessen Namen der Hausdurchsuchungsbefehl ausgestellt war, mit dem die Einheit 38/0 aus Schelesnowodsk angerückt ist. Es traf Beslan Arapchanow, wohnhaft Partisanen-Straße 1, einen armen Kolchosnik und Vater von sieben Kindern. Die Geheimdienstler hatten sich um ein paar Häuser geirrt. Die Witwe musste noch am Tatort ein Protokoll über den Waffenfund unterzeichnen. In der Strafsache 04600044, die sie auf Anraten von Verwandten angestrengt hat, hat sie nach Auskunft des Staatsanwalts "Chance null". Nur weil der Onkel des Erschossenen, Mussa Arapchanow, bisweilen ein Gläschen trinkt mit dem alten Chutschbarow, ist durchgesickert, dass die Geheimdienstler nicht zufällig im Dorf gesucht haben. Mussa sagt, noch in diesem Jahr sei der "Oberst" in Galaschki gewesen, zur Gedenkfeier für die verstorbene Mutter. "Er war ein sehr frommer Mensch. Keiner kann sich vorstellen, dass er so etwas tut", sagt Mussa. So etwas, das heißt: Beslan. Ruslan Chutschbarow ist zum Zeitpunkt der Geiselnahme frisch verheiratet in Tschetschenien und hat einen Sohn gezeugt. Am 1. September 2004 ist sein eigenes Kind, in Tschetschenien zurückgelassen, sieben Monate alt. Ungefähr so alt wie die jüngsten seiner Geiseln in Beslan.

Moskau, Institut für Kinderheilkunde, Mittagszeit

Leonid Roschal ist Kinderarzt, ein bulliger Mann mit lauter Stimme. Er ist erst seit wenigen Minuten im Büro, er kommt direkt aus einer Moskauer Schule. In der Aula hielt er eine Rede zum Beginn des neuen Schuljahres, und sein Tagesplan sah Termine vor bis in den Abend. Roschal ist 71 Jahre alt, eine bekannte Größe in Russland, man nennt ihn einen Vertrauten von Präsident Putin, wobei niemand genau weiß, wie vertraut die beiden wirklich sind. Roschals Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung spricht ein Journalist der russischen Agentur Interfax: "Wissen Sie, dass die Terroristen Sie sprechen wollen?" "Welche Terroristen?", fragt Roschal. Statt einer Antwort auf seine Frage hört er den Satz: "Wissen Sie denn nichts?" "Nein, ich weiß nichts", sagt Roschal gereizt. Er ist kein sehr geduldiger Mensch. "In Beslan, in Nordossetien", sagt der Journalist, "ist eine Schule von Terroristen besetzt worden. Die verlangen, dass Putins Berater für den Nordkaukasus, der Präsident von Nordossetien, der Präsident von Inguschien und Sie nach Beslan kommen - und zwar sofort." Der Journalist macht eine kurze Pause, dann fragt er: "Sind Sie bereit, dorthin zu fliegen?" "Ich bin bereit." "Sofort?" "Sofort." Der Journalist legt auf. Roschal sitzt da, den Hörer in der Hand. Terroristen in einer Schule voller Kinder. Vor knapp zwei Jahren besetzte ein tschetschenischer Terrortrupp das Musical-Theater "Nord-Ost" in Moskau, nahm die Zuschauer als Geiseln, platzierte Bomben im Saal und forderte den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien innerhalb von sieben Tagen. Putin ließ das Theater von Sondereinheiten stürmen. Während des Angriffs wurden alle Terroristen erschossen, 130 Geiseln starben, die meisten an der Wirkung des Narkosemittels, das eingesetzt wurde, um die Tschetschenen kampfunfähig zu machen. Roschal hatte vor dem Sturm mit den Geiselnehmern verhandelt. Er war der erste Arzt, der den Zuschauerraum betreten durfte. In mühseligen Gesprächen rang er den Bewaffneten das Zugeständnis ab, Wasser und Medikamente in den Zuschauersaal hineinbringen zu dürfen und einige Kinder hinaus. Er ist berühmt seitdem, in Russland, aber auch im Ausland. Roschal ist darauf stolz. Er wählt jetzt eine Nummer im Kreml. Er sagt: "Mein Name ist Leonid Roschal. Ich brauche ein Flugzeug der Regierung, das mich nach Beslan bringt."

Beslan, Krisenstab, 14 Uhr

Sie sind jetzt an die 20 Leute im Krisenstab. Der regionale Geheimdienstchef Walerij Andrejew ist da, der nordossetische Präsident Dsassochow, Parlamentssprecher Taimuras Mamsurow, die Duma-Abgeordneten Rogosin und Markelow, der stellvertretende Generalstaatsanwalt Fridinski. Wer wirklich das Sagen hat, weiß niemand so richtig. Auch weiß niemand, was konkret zu tun sei. Von den durch die Terroristen bestellten Unterhändlern ist bislang nur Präsident Dsassochow eingetroffen. Vom Präsidenten Inguschiens, Murat Sjasikow, und von Putins Berater Aslachanow liegt noch keine Meldung vor. Es wird gerätselt, warum diese drei Männer des Systems, dazu noch Roschal, der Arzt, auf der Liste stehen. Keiner von ihnen kann aus Sicht der Terroristen wirklich als Vertrauensmann gelten. Das nährt den Verdacht, dass die Unterhändler womöglich in eine tödliche Falle gelockt werden sollen. Sjasikow, der inguschische Präsident und Geheimdienstgeneral a. D., bleibt vielleicht deshalb unauffindbar. Er, der seinen Mut ansonsten gern mit Anekdoten bebildert, in denen er einen wildgewordenen Bären im Zirkus von Astrachan mit der Dienstpistole niederstreckt, ist abgetaucht. Sein Handy ist tot. Vom Drama in Beslan, wird er später dem SPIEGEL sagen, erfährt er "aus den Medien". Die Medien wiederum schreiben, dass er die ganze Zeit des Geiseldramas über im Moskauer Hotel "Präsident" sitzt, von Putin, seinem Gönner, persönlich aus dem Verkehr gezogen. Statt Sjasikow werden nun eilends zwei wirklich Mächtige inguschischer Herkunft aus Moskau herbeizitiert: Michail Guzerijew, ehemals Vize-Vorsitzender der Staatsduma und jetzt Direktor des Ölkonzerns Russneft, und sein Bruder Chamsat, Ex-Innenminister und Präsidentschaftskandidat Inguschiens. Sie sind Autoritäten im Nordkaukasus. Und sie kennen die Sprache der Geiselnehmer.

Wladikawkas, Flughafen, 14.27 Uhr

Nikolai Patruschew, Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, landet auf dem Flughafen von Wladikawkas. In den Krisenstab fährt er nicht. Zwei Tage lang wird ihn dort niemand sehen. Womit sich Putins mächtiger Mann für nationale Sicherheit während der Krise beschäftigt, bleibt ein Rätsel. Bei einer geheimen Sitzung des Föderationsrats in Moskau wird Patruschew später zum Entsetzen der Senatoren sagen, es habe während der Geiselnahme keine Koordination zwischen Innenministerium, FSB und der Führung der Armee gegeben. Genau so wirkt die Arbeit im Krisenstab auf die Beteiligten. Er tagt in zwei Lagern im ersten Stock der Stadtverwaltung. Völlig getrennt vom zivilen Teil des Stabs, im gegenüberliegenden Flügel des Verwaltungsgebäudes, kampieren die Vertreter der bewaffneten Organe, die Silowiki, unter Leitung des FSB-Vizes Pronitschew und des Kommandierenden der 58. Armee. FSB-Abhörspezialisten haben sich mit ihrer Horchtechnik hier eingerichtet. Nordossetiens Parlamentssprecher Mamsurow, der selbst zwei Kinder als Geiseln in der Schule hat, pendelt zwischen den - beinahe feindlichen - Lagern im Krisenstab hin und her. Immer wieder geht er auch nach unten auf die Straße, um die wartenden Verwandten zu beruhigen. Die Straße vor der Stadtverwaltung ist voll von Menschen. Auch um den benachbarten Kulturpalast versammeln sich die Familien.

Schule Nummer eins, Hauptkorridor, Nachmittag

Die Barrikaden sind gebaut, Kasbek Dsarassow, der lange Dünne, und die anderen Männer werden als Schutzschilde nicht mehr gebraucht, sie werden zur Mitte des Flurs getrieben. Dort wird der Korridor, am Übergang zur Turnhalle, auf etwa zehn Metern zu einer schmalen, fensterlosen Gasse. Dsarassows Gruppe muss sich mit dem Gesicht zur Wand hinknien, das ist eine Wohltat nach dem langen Stehen, aber die Arme müssen sie hinter dem Kopf verschränkt halten, diese Qual bleibt. So knien sie. Dsarassow fängt an, Dinge zu zählen, Menschen zu beobachten, Erinnerungen zu sammeln. Er vertreibt sich, inmitten des Terrors, die Zeit. Er denkt, "wer weiß, was später alles wichtig sein wird? Besser, ich merke mir alles ganz genau". Er merkt sich, dass er als sechster Mann rechts der Tür zu einem Zimmer für die unteren Klassen kniet. Dass im Türrahmen jetzt eine der Frauen des Kommandos steht, ganz in Schwarz. Dass sie mit einem Mann drinnen streitet, das hört er. Er versteht nicht die Worte, weil die beiden weder Ossetisch noch Russisch sprechen, aber ihre Stimmen sind laut, besonders die der Frau ist laut, aufgebracht. Das Nächste, was Dsarassow hört, ist eine starke Explosion. Ein platzendes, kurzes Donnergeräusch, gefolgt von Schreien und Schüssen, sein eines Ohr ist wie betäubt, zu seiner Linken ist die Welt in Trümmer gefallen. Zwei der Männer, die mit ihm knien mussten, liegen tot, sechs krümmen sich mit tiefen Wunden. Gegenüber der Tür liegt ein Terrorist mit blutendem Bauch, auch einen anderen scheint es erwischt zu haben. Die Frau im Türrahmen ist verschwunden. Sie ist explodiert, wie und warum, das weiß Dsarassow nicht. Einige der Terroristen auf dem Flur glauben, die Schule werde gestürmt. Sie schreien und schießen wahllos durch den Korridor. Eine Kugel streift die Notärztin Mamitowa am rechten Schienbein. Als die Terroristen das Feuer einstellen, wird sie zu den Opfern geholt. Einer der Terroristen ist am Kopf verletzt, er ist bewusstlos und blutet aus dem Ohr, sein Brustkorb hebt und senkt sich hastig. Die Terroristen fordern Mamitowa auf, dem Schwerverwundeten zu helfen. "Es ist zu spät", sagt sie. Der Sterbende hat dunkle Haut. Mamitowa glaubt, dass er Araber ist. Er ist unrasiert, hat aber keinen Bart. Die Geiselnehmer fordern von Mamitowa, sie solle wenigstens seine Schmerzen lindern. Sie bringen einen Rucksack mit starken Medikamenten, wie sie normalerweise nur Militärärzte haben: Vitamin K und Etamsylat gegen starke Blutungen, Promidol und Moridol gegen starke Schmerzen. Mamitowa spritzt dem Sterbenden Moridol. Den verletzten Geiseln darf sie nicht helfen. Mamitowa schaut zum Türrahmen und versteht, was geschehen ist. Die schwarze Witwe ist im Türrahmen explodiert. Elemente ihres Körpers sind im Klassenzimmer und auf dem Korridor zu sehen wie hingesprüht. Blut benetzt eine Tafel über der Tür mit den Buchstaben des kyrillischen Alphabets. An der Decke sind Haarbüschel zu sehen, Partikel. Das tschetschenische Volk hat eine Märtyrerin mehr.

Schule Nummer eins, 1. Stock, Literaturzimmer, 16.30 Uhr

Kasbek Dsarassow, der lange, dünne Mann mit den guten Augen im Gesicht, kniet im Flur, ein Radio in der Nähe ist zu hören. Es laufen die 16-Uhr-Nachrichten. Die Terroristen wählen sieben der Männer aus und führen sie weg, ins Treppenhaus, in den ersten Stock. Eine halbe Stunde später holen sie zwei weitere Männer, einer davon ist Aslan Kudsajew, er hat sich zum Festtag ganz in Weiß gekleidet, trägt einen weißen Anzug, ein weißes Hemd, weiße Schuhe. Kudsajew wird ins Literaturzimmer im ersten Stock geführt. Der Raum ist in Hell- und Dunkelblau gehalten, unter der Decke hängen die Porträts großer russischer Schriftsteller, unter ihren Augen liegen jetzt sieben Leichen. Kudsajew, ganz in Weiß, erkennt, dass es die Männer sind, die eine halbe Stunde zuvor weggeführt wurden. Sie liegen verrenkt übereinander. "Damit die Regierung weiß, dass wir keine Witze machen", sagt einer der Terroristen und verlässt den Raum. Der andere Terrorist gibt den beiden Männern den Auftrag, die Leichen aus dem Fenster zu werfen. Die Wand, vor der die Toten liegen, ist übersät mit Einschusslöchern. Turgenjews Bild zeigt einen Blutspritzer in Höhe der Stirn, Tolstois Brustbild hat ein Einschussloch über dem Herzen. Kudsajew nähert sich den Leichen, und er erkennt, dass sie von vorn erschossen wurden. Sie haben Schusswunden in den Beinen, im Unterleib, in der Brust und in der Stirn. Ihre Kleider sind durchtränkt von Blut. Gemeinsam mit der anderen Geisel schleift er die erste Leiche zum rechten Fenster. Sie öffnen das zweiflügelige Fenster und hieven den Toten auf die Fensterbank, Blut tropft auf die Heizungsrohre. Dann stoßen sie den Toten hinaus. Er landet zwischen zwei Kastanienbäumen. Kudsajew ist überzeugt, dass er und der andere Mann die nächsten Leichen sein werden, und er denkt an Flucht. Er sieht, wie breit die Brüstung ist, knapp 70 Zentimeter. Er könnte springen, es könnte funktionieren. Es wäre schwer für einen Schützen, sich weit genug über die Brüstung zu lehnen und auf jemanden zu schießen, der unten an der Wand steht. Und außerdem, denkt Kudsajew, weiß der Terrorist, dass er am Fenster selbst ins Visier von Scharfschützen gerät. Sie werfen die zweite Leiche aus dem Fenster, und Kudsajew flüstert der anderen Geisel auf Ossetisch zu, dass sie springen sollten. Der Mann schüttelt den Kopf. Doch Kudsajew will lieber so sterben als mit dem Rücken an der Wand. Er wird springen. Er weiß, dass es das Todesurteil für den anderen ist. Aber er sagt sich, dass der es selbst unterschrieben hat. Der Terrorist steht im Eingang des Klassenzimmers, dass er Angst vor Scharfschützen hat, ist zu sehen. Der Terrorist hält eine Kalaschnikow AK-74, Kudsajew kennt das Modell, er hat das gleiche zu Hause stehen. Er weiß, dass genau 30 Kugeln im Magazin sind. Als sie die vierte Leiche aus dem Fenster werfen, bemerkt Kudsajew, dass der Terrorist das Magazin seines Gewehrs wechselt. Kudsajew steigt auf die Brüstung und springt. Ein großer Sprung, fast fünf Meter. Der Mann in Weiß landet auf den Leichen, sein rechter Fuß knickt um. Er spürt einen stechenden Schmerz. Er humpelt geduckt an der Hauswand entlang, dann klettert er über einen Zaun und läuft zu den Gleisen. Hinter ihm Schüsse. Er sieht Projektile in der Erde einschlagen, doch sie treffen ihn nicht. Kudsajew wirft sich hin, kriecht etwa hundert Meter nach rechts. Er spürt den Schmerz wieder, doch er denkt nur daran, dass er leben will. Dann schleifen ihn zwei Soldaten aus dem Schussfeld und tragen ihn in einen Krankenwagen.

Schule Nummer eins, Turnhalle, später Nachmittag

Fatima, die Fotografin, schaut sich die Terroristen an. Sie denkt, "ich bin Journalistin, ich muss sie zählen". Sie sieht zehn. Darunter eine Frau, sie hält den rechten Arm erhoben mit einer Pistole, den linken stützt sie auf die Sprengstoffgürtel in ihren Hüften. "Setzt euch hin, ihr Hammel!", rufen die Terroristen. Sie sprechen Russisch mit einem Akzent, den Fatima nicht zuordnen kann. Einmal, als es den Terroristen zu laut wird, ziehen sie eine Frau aus der Menge und drücken ihr den Lauf eines Gewehrs an den Kopf. Dann ist Ruhe. Kurze Zeit später ziehen sie am anderen Ende der Halle eine weitere Frau aus der Menge und machen mit ihr dasselbe. Wenn Geiseln ohne Erlaubnis aufstehen, schießen die Terroristen über ihre Köpfe hinweg. Einer der Terroristen fällt Fatima auf, weil er mit den Kindern behutsam umgeht. Er ist klein, trägt keine Maske und ist etwa 30 Jahre alt. Manchmal lächelt er. Über seinen Hals zieht sich eine Narbe von einem Ohr zum anderen, als hätte jemand versucht, ihm den Kopf abzuschneiden. Fatima nennt ihn "den Lächelnden". Einmal beobachtet Fatima, wie der Lächelnde mit einer Frau spricht, die einen Säugling in ihren Armen hält. Sie hat lange schwarze Haare und ein schönes, trauriges Gesicht. Sie wiegt den Säugling hin und her, streichelt den Kopf, doch er hört nicht auf zu weinen. Der Lächelnde nimmt ihre Babyflasche und bringt ihr Wasser. Fatima hört die Melodie ihres Handys. Sie sieht einen Terroristen, wie er ihr Telefon auf- und wieder zuklappt. Sie sitzt zwei Meter entfernt von einem Sprengstoffpaket und macht sich Sorgen um den Tamagochi-Hund in ihrem Handy. Er wird verhungern, wenn sie ihn nicht füttert. Fatima verspürt keinen Hunger. Sie ist durstig, aber sie trinkt nicht, weil sie den Kindern kein Wasser wegnehmen will. In der Turnhalle legt Fatima ihren Kopf auf die Beine des Sportlehrers Alik Zagolow und weint. Zagolow ist 54, ein untersetzter, fast kahler Mann, er war UdSSR-Meister im Gewichtheben. Zagolow beruhigt die Leute, seine Autorität wirkt besänftigend, die Terroristen akzeptieren ihn als Vermittler. Fatima fragt ihn, ob sie alle sterben werden. Zagolow beruhigt sie und sagt, um sie aufzuheitern: "Wenn das hier vorbei ist, werde ich allen erzählen, dass du mir zu Füßen gelegen hast."

Schule Nummer eins, Hauptkorridor, früher Abend

Kasbek Dsarassow, lang, dünn, kniet mit dem Gesicht zur Wand, bald darf er sitzen, dann sogar liegen, in seine Hände schießt das Blut. Es fühlt sich an wie tausend Nadeln. Auf dem Flur haben sie Schwer- und Leichtverletzte geteilt. Die stark Verwundeten liegen jetzt links von der Tür, die Leicht- und Unversehrten rechts. Er muss arbeiten. Wenn vor den Fenstern Barrikaden umfallen, scheuchen sie ihn hoch, neue Bücherstapel zu holen, Stühle, Schautafeln für den Chemieunterricht, Poster mit sowjetischen Kriegshelden "Aus den Flammen Afghanistans". Im Leerlauf des Terrors, wenn einmal Pausen entstehen, redet er die Geiselnehmer an. "Warum lasst ihr die Kinder nicht frei?", fragt er. "Sie verstehen doch nichts." - "Sie müssen auch nichts verstehen", antwortet einer, "es reicht, dass sie sterben." Am Abend des ersten Tages entscheiden sich die Terroristen, den Flur von Toten und Schwerverletzten zu räumen. Dsarassow und ein zweiter Mann müssen die beiden Leichen auf eine ausgehängte Tür legen, die als Bahre verwendet wird. Sie bringen die Toten ins Klassenzimmer Nummer 16, Dsarassow merkt sich die Zahl. Er sieht auf dem Weg, dass kleine Gruppen von Terroristen in die Schulkantine gehen, offenkundig, um zu Abend zu essen. Dsarassow denkt etwas Verrücktes, er denkt: "Sie sehen aus, als hätten sie Dienstschluss in einer Fabrik." Zwei Frauen aus der Schulküche bekochen die Geiselnehmer. Dsarassow verlädt derweil die Leichen in das dunkle Klassenzimmer. Dann wollen sie auch die Schwerverletzten nicht mehr auf dem Flur haben. Wieder zwingen sie Dsarassow und den zweiten Mann, den er nicht kennt, die Körper zu transportieren. Sie müssen die Verletzten in das Zimmer mit den Leichen bringen. Sie legen sie dort in der Dunkelheit ab. Die Männer, sechs insgesamt, sind schwer. Und sie stöhnen unter Schmerzen, sie schreien, wenn Dsarassow sie auf die Tür hebt zum Transport. Bis in die Nacht muss er weiterarbeiten, immer weiter, Bücher holen, Baumaterial. Er wird in ein Klassenzimmer Richtung Haupteingang geführt. Er ist mit einem Geiselnehmer allein. Er hört ihn sagen, in seinem Rücken: "Du bist für uns nichts. Du wirst sterben." Kasbek Dsarassow denkt für eine Schrecksekunde, dass es schon jetzt so weit sein könnte. Dass er jetzt, in dieser Nacht, von diesem Mann erschossen wird. Auf dem Boden liegen Patronenhülsen, überall. Der Terrorist sagt: "Wir sind Kinder Allahs, wir sind seine Söhne. Bete du zu deinem Gott, dass er dir gnädig ist." Er spielt mit seiner Waffe herum, aber er erschießt Dsarassow nicht. Er führt ihn wieder auf den Korridor hinaus, wo immer wieder Schüsse zu hören sind, sehr nah, sehr fern. Einmal scheint es Dsarassow, als könne er genau sagen, woher die Schüsse kommen: aus Richtung des Klassenzimmers 16, wo die Toten liegen und die Verletzten, die er dorthin gebracht hat. Dsarassow lehnt mit dem Rücken zur Wand. Er hat nach all der Arbeit brennenden Durst, eine pelzige, mehlige Zunge. Über den Flur laufen Geiselnehmer, wie aufgeputscht, darunter auch der eine, den Dsarassow bei sich "den Krüppel" nennt. Der Unterarm des Mannes ist amputiert.

Tschetschenien, Bezirk Noschai-Jurt

Der Krüppel heißt mit Namen Chan-Paschi Kulajew. Sein Bruder Nur-Paschi ist ebenfalls unter den Geiselnehmern. In der Turnhalle werden sie der "Einarmige" und der "Lächelnde" genannt. Sie kommen aus Stary Engenoi im Bezirk Noschai-Jurt in Tschetschenien, sie sind dort geboren. Das ist Bassajew-Land, Rebellen-Humus, es ist die Heimat von mindestens vier der Geiselnehmer in Beslan. An die 200 Höfe sind noch bewohnt in Stary Engenoi, fast zehn Jahre nach Ausbruch des ersten Tschetschenien-Kriegs. Mindestens 20 Männer aus dem Dorf sind im Kampf gegen die Russen gefallen. Wenn eine "Säuberung" ansteht, wenn föderale Truppen Haus für Haus durchkämmen nach Waffen und Verdächtigen, dann finden sie noch immer, was sie suchen. Zum Beispiel, im Herbst 2004, in einem einzigen Gehöft: sechs Kalaschnikows, zwei Makarow-Pistolen, 200 Gramm Sprengstoff, 8000 Patronen, zwei Nachtsichtgeräte, vier Funkgeräte. Die Kulajews bewohnen zwei bescheidene Häuser auf einem Wiesengrundstück am Ortsausgang von Stary Engenoi. 2500 Quadratmeter Grund, im Garten zu Garben gebündelte Maisstauden, Weißkohl, Honigmelonen und ein paar Hühner. Die Zimmer der Terroristen von Beslan sind von mönchischer Schlichtheit. Das des schmächtigen Nur-Paschi, der hier letztmals im Februar 2004 schlief, misst zwölf Quadratmeter samt Holzofen, Teppichen an den Wänden und Gurkengläsern am Fenster. Das des älteren Bruders Chan-Paschi, des Einarmigen, ist gleich groß, mit einem Bett aus Nussbaum und einer hellblauen Kommode. Die Eltern schlafen in der Nähe, in einem Verschlag aus Lehmwänden mit einem Stück Wellblech, unter dem Bild der Istanbuler Hagia Sofia. Vater Oburg-Hadsch, 69, war bis zur Rente Sowchos-Arbeiter. Mutter Ajmani, 70, arbeitete in der Tabakplantage. 1956 kehrten sie aus der kasachischen Verbannung zurück und wurden Eltern von elf Kindern. Chan-Paschi, der ältere der beiden Brüder, besuchte im Dorf die achtklassige Schule und fiel durch sein Interesse an Geschichte auf, vor allem an der Geschichte des Islam. Der Ziegelbau der Schule von Stary Engenoi, in dem er sich sein Grundwissen aneignet, gleicht jenem der Schule Nummer eins von Beslan bis in Details. Ab 1991 diente Chan-Paschi in der sowjetischen Armee. Nur-Paschi, der Jüngere, folgte ihm später in der Uniform der russischen Truppen, ein schneidiger Sergeant mit Fellmütze über dunklem Haar. Von 1994 an, dem Jahr des Kriegsausbruchs in Tschetschenien, kämpfte Chan-Paschi gegen die russischen Truppen. Er war damals 21 Jahre alt, hat nie geregelte Arbeit gefunden und sich für ein Leben im Untergrund entschieden. Er wurde in der Folge als Kommandeur unter Schamil Bassajew gehandelt, er war sogar dabei, als Bassajew, der "Sklave Allahs", auf eine Mine trat und sein Fuß amputiert wurde. Verbürgt ist, dass Chan-Paschi Kulajew im August 2001 bei einer Schießerei mit russischen Truppen so schwer verwundet wurde, dass ihm später der rechte Unterarm amputiert werden musste. Am 29. August 2001 ging er in der Rebellenhochburg Alleroi, nahe seinem Geburtsort, zusammen mit zwei Mitkämpfern den Verfolgern ins Netz. Er wurde verhaftet unter dem Verdacht, Mitglied einer illegalen bewaffneten Vereinigung zu sein. Den Zugriff im Stammland Bassajews werteten Geheimdienstler als bedeutenden Schlag. Chan-Paschi Kulajew wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Am 16. Dezember 2001 aber wurde er schon wieder aus dem Gefängnis entlassen, angeblich weil sich durch die Amputation seines Arms für die Generalstaatsanwaltschaft "die Umstände" geändert hätten. Vielleicht war es so. Vielleicht war Bestechung im Spiel. In Beslan wird er später einer der grausamsten Täter sein. Chan-Paschi Kulajew setzte sich nach seiner Freilassung in Richtung Inguschien ab. Er fühlte sich minderwertig. Die Schwiegereltern im tschetschenischen Gudermes spotteten über ihn. Im Guerillakrieg war er keine Hilfe mehr, im zivilen Leben entlarvte ihn die Verstümmelung vor den Augen der Sicherheitskräfte als ehemaligen Bojewik. Mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Nur-Paschi, der als Wasserträger und Hilfskraft in den Bergen bei den Rebellen Verdienste sammelte, ließ Chan-Paschi sich im Herbst 2003 im inguschischen Dorf Sagopschi nieder, lediglich fünf Kilometer entfernt von dem Ort, an dem sie ein Jahr später das Zeltlager vor der Abfahrt nach Beslan errichten werden. Und: nur wenige hundert Meter von den Häusern entfernt, in denen die angehenden Geiselnehmer Mussa und Bei-Ala Zetschojew lebten. Kennen sich die als Schläfer getarnten späteren Co-Terroristen zu diesem Zeitpunkt schon? Gibt es einen Plan, nach dem im Bezirk Malgobek, der zu Tschetschenien gehörte, bevor er an die Inguschen verschenkt wurde, die Fäden für den Terroranschlag in Beslan zusammenlaufen sollen? Vieles spricht dafür. Das Haus, das die Kulajew-Brüder mieteten, liegt in der Askanow-Straße 17 von Sagopschi. Es gehört, wie die drei angrenzenden, dem aus Tschetschenien geflüchteten Merschojew-Clan. Jener Familie, die vorübergehend auch den GAS-66 genutzt hat, der am 1. September waffenstarrend nach Beslan schaukeln wird. Sagopschi, 10 700 Einwohner, 400 Berufstätige, hat einen aufgebockten Weltkrieg-II-Panzer hinter dem Ortsschild zu bieten - und ansonsten Staubpisten, Gänseherden, Maisstauden und neben dem Kriegerdenkmal mit dem roten Stern eine große neue Moschee aus Ziegeln. Dem dazugehörigen Mufti haben radikale Wahhabiten im Dorf vor vier Jahren das Haus in die Luft gesprengt. Trotzdem sagt der spindeldürre Kriminalkommissar Saurbek Fargijew, von Terroristen im Dorf sei ihm nichts bekannt. Die Kulajew-Brüder haben dementsprechend ungestört in der Askanow-Straße für umgerechnet 45 Euro Miete im Monat eine Drei-Zimmer-Wohnung mit ihren Frauen und Kindern bewohnt. Man traf sich mit den Vermietern, schaute gemeinsam Filme und Boxkämpfe im Fernsehen. Die Brüder lebten unauffällig, halfen bei der Kartoffelernte, nahmen an Beerdigungen teil und an Dankgebeten. Am 15. Juni, sechs Tage vor dem Überfall auf Nasran und 77 Tage vor der Geiselnahme von Beslan, verließen die Brüder schlagartig das Dorf. Nur-Paschi mit Frau und zwei Kindern, das jüngste wenige Wochen alt, Chan-Paschi mit Frau und einem Kind. Sie fanden für die letzten Wochen Unterschlupf im benachbarten Rebellennest Psedach, in der Engenoi-Straße 2, hinter dem Friedhof am Ende einer ungeteerten Sackgasse gelegen. In dieser Straße hatten am 4. März 2003 russische Spezialeinheiten in einem mit Waffen bis unters Dach vollgestopften Haus fünf tschetschenische Terroristen getötet. Und als die Beamten am folgenden Tag im wenige Kilometer hügelaufwärts liegenden Stary Malgobek, in der Straße des Westens 102, wieder ein Haus umstellten und fünf junge Tschetschenen erschossen, die nach Inguschien eingedrungen waren, entkam nur der Mann, der den Kämpfern Quartier gegeben hatte, Issa Torschchojew, 26 Jahre alt, vorbestraft wegen Raubüberfalls. Am Morgen des 1. September taucht dieser Torschchojew wieder auf - in der Turnhalle von Beslan. Wie die Kulajew-Brüder, die Zetschojews und all die anderen, die im Bezirk Malgobek seit langem dem Staat den Krieg erklärt hatten.

Beslan, Krisenstab, nach 20 Uhr

Später als geplant landet der Jet der Regierung mit Leonid Roschal, dem Kinderarzt aus Moskau, der vermitteln soll, in Beslan. Der Arzt und Unterhändler von Präsident Putin hatte einen ungemütlichen Flug. Gewitter haben den Piloten zu einem Umweg gezwungen. Vor dem Terminal des Flughafens von Wladikawkas, der näher an Beslan liegt als an der Hauptstadt, wartet ein Wagen der nordossetischen Regierung. Er bringt Roschal in die Stadt, ins Gebäude des Krisenstabs. Dort verkündet der Parlamentspräsident Mamsurow gerade aus dem FSB-Lager die frohe Nachricht: "Einen Sturm auf die Schule wird es nicht geben."

Schule Nummer eins, Turnhalle, Abend

Die Ärztin Larissa Mamitowa ist in der Turnhalle zurück. Sie hat den Auftrag, Kinder zur Toilette zu begleiten. Das Regime der Geiselnehmer bedroht wahllos Männer, Frauen, Kinder. Sie drücken ihnen die Gewehrläufe in Stirn und Hals, nur weil sich einige umdrehen oder weil Säuglinge weinen. Aber Mamitowa geben sie jetzt eine Tüte mit Snickers-Riegeln, Rosinen und Pulver für Babynahrung. Die Kinder, nicht die Männer, dürfen am ersten Tag auch Wasser trinken an den Waschbecken in den Umkleideräumen zu beiden Seiten der Turnhalle. Dennoch schreien die Säuglinge. Als die Terroristen das Weinen nicht länger ertragen können, schicken sie die Mütter mit den Säuglingen aus der Halle hinaus in die Umkleidekabine. Mamitowa bittet die Mütter, ihre Kinder zu stillen. Sie versuchen es. Doch sie können nicht. Sie legen die Säuglinge auf die Bänke und versuchen, sie in den Schlaf zu singen. Viele Kinder schreien gleichwohl die ganze Nacht. Larissa Mamitowa verbringt die Nacht neben dem Terroristen am Bombenzünder. Er sitzt in einer Ecke der Turnhalle auf einem Stuhl, den Fuß auf dem Detonator. Wenn die Terroristen sich abwechseln, hält immer ein Dritter die Hand auf den Detonator, um die Bomben zünden zu können. Mamitowa sagt ihnen, sie sollen vorsichtig sein. Die ganze Nacht lang beobachtet sie den Terroristen und ermahnt ihn, nicht einzuschlafen. Blitz und Donner stehen über der Schule. Regen prasselt gegen die Scheiben der Turnhalle. Durch die zerschlagenen Fenster zieht kühle Luft herein. Sie lindert die schwüle Hitze in der Halle, die Geiseln atmen, so tief sie können. Die Luft riecht nach Regen, er bringt den Geschmack von Wasser in den Mund.

Beslan, Krisenstab, nach Mitternacht

Leonid Roschal, der Vermittler, tippt die Nummer des Terrorkommandos in der Schule ein, drückt auf die Verbindungstaste und wartet. Es klingelt. Dann: "Hallo." Die Stimme gehört einem Mann. Sie klingt ruhig und entspannt. Roschal sagt, wer er ist, er fragt nicht nach dem Namen seines Verhandlungspartners, und er erfährt ihn auch nie. Der Mann am anderen Ende der Leitung nennt Roschal die Regeln für die Verhandlungen: "Wenn das Handy abgeschaltet wird, werden wir Geiseln erschießen." "Wenn das Handy an ist und Sie unseren Anruf nicht annehmen, werden wir Geiseln erschießen." "Wenn wir sehen, dass sich draußen Soldaten bewegen, werden wir Geiseln erschießen." "Wenn bei uns das Licht ausfällt, werden wir Geiseln erschießen." Roschal unterbricht. "Sie können keine Geiseln erschießen, bloß weil das Licht ausfällt, Sie wissen doch, wie es ist, hier in Nordossetien. Hier fällt das Licht andauernd aus." Der Terrorist überlegt, sagt dann: "Wir geben Ihnen drei Minuten Zeit, wenn das Licht ausfallen sollte. Ist es nach dieser Frist immer noch aus, werden wir Geiseln erschießen. Und: Wenn Sie sich der Schule allein nähern, werden wir auch Sie erschießen. Kommen Sie nur zusammen mit den Präsidenten von Nordossetien und Inguschien." Als Roschal weiterfeilschen will, brüllt sein Gegenüber am anderen Ende der Leitung: "Du Judenfresse, scher dich zum Pimmel, dich allein brauchen wir nicht. Gehst du allein 20 Schritte in Richtung Schule, machen wir dich platt." Roschal sagt daraufhin im Stab: "Das sind Bestien. Verglichen mit denen war Barajew ein Küken." Mowsar Barajew kommandierte die Geiselnehmer im Moskauer Musicaltheater.

TAG ZWEI, 2. SEPTEMBER

Schule Nummer eins, Hauptkorridor, 9 Uhr

Kasbek Dsarassow, der lange Dünne, kauert auf dem Flur, durch die Ritzen der Barrikaden scheint Tageslicht, seine Glieder und Muskeln schmerzen von den Torturen der vergangenen 24 Stunden, jetzt brauchen sie ihn wieder zum Arbeiten. Der zweite Tag der Geiselnahme ist angebrochen, die Zeit kriecht wie eine Schnecke. Dsarassow muss zurück ins Klassenzimmer 16, wohin er in der Nacht Tote und Verletzte gebracht hat. Jetzt, am Morgen, sind auch die Verletzten tot. Aber sie sind nicht an ihren Verletzungen gestorben. Dsarassow sieht Schusswunden an Köpfen und Rümpfen. Er erinnert sich des Schusslärms aus Richtung des Klassenzimmers Nummer 16. Er ist, innerlich, fassungslos. Aber nach außen trägt er eine Maske. Sein harmloses, gutmütiges Gesicht. Der Terrorist drängt zur Eile. Der Auftrag lautet, alle acht Leichen ins erste Stockwerk zu transportieren, ins Literaturzimmer. Dsarassow kennt es gut. Er kennt die ganze Schule gut. Er hat selbst zehn Klassen an der Schule Nummer eins absolviert, er weiß, wie die Wege hier gehen, die Treppenhäuser, welche Winkel es gibt, welche Ecken. Eine nach der anderen tragen Dsarassow und eine zweite Geisel die Leichen nach oben, das heißt aus dem Klassenzimmer heraus, wo sie die als Bahre genutzte Tür ankippen müssen. Zum Treppenhaus geht es ein paar Schritte in den Flur Richtung Turnhalle, dann hoch, dann die paar Schritte zurück über den Flur. Der gesamte Weg ist eng, man eckt leicht an mit der quergelegten Tür, die toten Körper verrutschen. Im Literaturzimmer liegen bereits Tote, einige in der linken Ecke zu den Fenstern hin, ein Mann nahe der Tür. Auch auf der ersten Etage herrscht Betrieb. Auch hier gehen Terroristen den Flur entlang, sie wirken aufgekratzt, sie transportieren Gerät, Waffen, Munitionskästen. Es ist unklar, von wo nach wo sie gehen. Es ist unklar, was genau sie in diesen leeren Stunden eigentlich zu tun haben. Aber sie bewegen sich viel. Sie laufen herum. Sie tun beschäftigt. Als er die letzte Leiche aus dem Klassenzimmer 16 heraufbringt, denkt Kasbek Dsarassow wieder daran, dass jetzt er mit dem Sterben an der Reihe sein könnte. Eigentlich geht er in diesen Augenblicken fest davon aus. Die Drecksarbeit ist fast getan, er und die andere Geisel sind lästige Mitwisser, es ist für die Terroristen das Einfachste, sie jetzt umzubringen. Aber die Arbeit ist noch nicht ganz getan. Dsarassow wird mit vorgehaltener Waffe gezwungen, die Toten aus dem Fenster zu werfen. Es ist ungefähr zehn Uhr. Er gibt sich keine Mühe, die Arbeit schnell zu machen. Er zerrt die Leiber auf das Fensterbrett, er schaut sie sich möglichst nicht an, vermeidet den Blick in die Gesichter, dann schiebt er sie vor. Er schiebt, bis die Leichen fallen. Fünfmal macht er das. Fünf Tote wirft er hinaus zur Komintern-Straße. Und dann, es kommt für ihn überraschend, sagt der Terrorist: "Komm mit nach unten. Ab in die Turnhalle. Du hast doch Familie dort? Bete zu deinem Gott."

Beslan, Krisenstab, 9.30 Uhr

FSB-Vizechef Pronitschew und der inzwischen eingetroffene General Alexander Tichonow, Befehlshaber der Anti-Terror-Eliteeinheiten Alfa und Wimpel, diskutieren die Möglichkeit eines Sturms. Die nordossetischen Politiker widersprechen heftig. Sie beschwören die bewaffneten Einheiten, nichts zu unternehmen. Wenig später bieten sich die Ältestenräte Tschetscheniens und Inguschiens, aber auch arabische Fernsehsender als Vermittler an. Gutgemeinte, sinnlose Gesten. Die Geiselnehmer wollen nur die von ihnen genannten Persönlichkeiten sehen, niemanden sonst.

Schule Nummer eins, Turnhalle, Vormittag

Der Terrorist am Bombenauslöser sitzt auf einem Stuhl und hört Radio. Larissa Mamitowa, die Ärztin, erfährt, dass die Regierung die Nachricht auf dem Zettel erhalten habe, doch angeblich funktioniere die Telefonnummer nicht. Der Sender berichtet auch, dass die Regierung von nur 300 Geiseln spricht. Die Terroristen sind außer sich, als sie das hören. Sie rufen den Geiseln zu, dass niemand mit ihnen verhandeln wolle. Dass sie sich bis zur letzten Kugel verteidigen würden. Und dass sie im Namen Allahs handelten. Mamitowa bittet, den "Oberst" sprechen zu dürfen. Sie wird ins Treppenhaus geführt, und der Oberst kommt aus dem ersten Stock zu ihr herunter. Sie sagt ihm, dass sein Telefon nicht funktioniere. Der Oberst nimmt zwei Handys und ruft das eine mit dem anderen an. Und wirklich: Die Nummer funktioniert nicht. Hat der Krisenstab inzwischen die Nummer, die am Abend vorher noch funktionierte, sperren lassen, um Zeit zu gewinnen? Oder um die Geiselnehmer zu verunsichern? Der Oberst diktiert Mamitowa eine neue Nummer. Sie schreibt die Nummer auf einen Zettel. Sie schreibt auch, dass die Terroristen die Geduld verlieren. Das Unterhemd ihres Sohnes schwenkend, geht Mamitowa gegen elf Uhr mit der neuen Nachricht hinaus auf den Schulhof. Doch am Schultor an der Komintern-Straße steht niemand, um die Nachricht zu holen. Vom Schultor auf der anderen Seite ruft ein Mann, sie solle zu ihm kommen. Der Mann nimmt die Nachricht entgegen und sagt, dass seine beiden Kinder als Geiseln in der Schule seien. Mamitowa sagt ihm, dass 1 300 Geiseln in der Schule seien. Dass es unerträglich heiß sei. Und dass es den Kindern immer schlechter gehe. Die Kinder dürfen sich an diesem Morgen waschen. Aber trinken dürfen sie nicht mehr. Die Terroristen sagen, das sei die Strafe dafür, dass die Regierung nicht mit ihnen verhandle. Besonders Chodow, mit seinem verwundeten Arm, wird zunehmend aggressiv. Er stellt Wachen neben die Waschbecken. Er schreit, dass jedes Kind, das Wasser trinke, erschossen werde. Die Kinder verstehen nicht, warum sie nicht trinken dürfen. Mamitowa sagt ihnen, das Wasser sei vergiftet, um sie abzuhalten. Am Nachmittag schlagen die Terroristen in einem der Klassenzimmer ein Loch in den Boden. Sie sagen, dass die Kinder jetzt dort zur Toilette gehen sollen, weit weg von allen Wasserhähnen. In der Turnhalle haben sich inzwischen fast alle Kinder bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Die Terroristen werden wütend, wenn sie unbedeckte Mädchen sehen. Sie weisen Mamitowa an, dafür zu sorgen, dass die Mädchen sich nicht ausziehen. Sie versucht, es den Mädchen zu erklären, und beschwört sie, die Terroristen nicht zu verärgern.

Beslan, Krisenstab, Vormittag

Fünf Kinder und eine Frau hat der vermeintliche Terrorist Isnaur Kodsojew, er lebt getrennt von ihnen, aber der Krisenstab meint, sie könnten trotzdem nützlich sein. Sie haben Luissa, die Frau, holen lassen, am Vorabend kurz nach elf Uhr, aus ihrer ärmlichen Behausung in Kantyschewo mitsamt ihren Kindern. Die Geheimdienstler, die sie begleiten, warnte sie vor falschen Hoffnungen: "Wenn ihr mich zur Schule fahrt, kann es passieren, dass mein Mann auch mich und die Kinder umbringt." Ein Telefongespräch mit ihrem Mann in der Schule kommt nicht zustande, nicht am Abend, nicht an diesem Vormittag. Stattdessen wird ein Video gedreht. Darin spricht Luissa an die Adresse von Isnaur Sätze, die später im Fernsehen gesendet werden: "Wenn du dort bist, lass die Kinder frei. Hilf den Kindern, du hast doch selbst fünf." Ihre ersten Sätze allerdings, sagt Luissa Kodsojewa, seien nicht gesendet worden. Sie lauteten: "Isnaur, ich weiß, dass du nicht dort bist." Und: "Sie haben mich gezwungen." Isnaur Kodsojew ist ein Abkömmling der inguschischen Oberschicht. Er ist verwandt mit dem Duma-Abgeordneten Baschir Kodsojew und der Sohn von Issa Kodsojew, dem Nationaldichter Inguschiens und Begründer der Gerechtigkeitspartei. Zu Hause sind die Kodsojews in Kantyschewo, einem Ort, der mit 17 000 Einwohnern und zehn Moscheen auf einer Kante über dem christlichen ossetischen Flachland thront wie eine Bastion des Propheten. Den Flughafen von Wladikawkas, nahe Beslan, ja sogar die Stadt Beslan selbst mit ihren Wodkafabriken und mit der Schule Nummer eins hat man von hier aus zu Füßen liegen. Der Kodsojew-Clan hat in Kantyschewo die Koranschule gestiftet, gleich neben der Zentralmoschee, in der sich freitags bis zu 6000 Gläubige aus der Stadt und dem Umland einfinden. Inguschien ist ganz anders als Nordossetien. Die Männer sehen in ihren dunklen Anzügen und breitkrempigen Hüten, mit sonnengegerbten Gesichtern und hoher Gestalt aus wie kaukasische Residenten der Cosa Nostra. Die inguschischen Frauen schütteln keine Hände, tragen keine Miniröcke und trinken keinen Alkohol. Die Inguschen leben gut vom Schmuggel mit Benzin aus Tschetschenien und von der Förderung eigener Vorräte. Das Öl aus dieser Gegend ist hochwertig. Im Schatten der "nickenden Esel", die über die Republik verteilt sind und bis zu sieben Tonnen täglich fördern, fallen kleine Reichtümer ab. Über dieses Land, über seine Geschichte hat Kodsojew, der Nationaldichter, gearbeitet, sein Buch steht in den örtlichen Bibliotheken, und es zählt zur Pflichtlektüre bildungsbeflissener Inguschen. Die prachtvollen Illustrationen der Originalausgabe hat Isnaur Kodsojew angefertigt, der Sohn des Dichters, der Terrorist. Die russischen Ermittler haben Kodsojew junior seit längerem als Verbrecher geführt: 1998 gekidnappt und wieder befreit, im August 2003 im Terrortrainingslager Ali-Jurt aufgetaucht, im Juni 2004 beteiligt am Überfall auf Nasran und an der Ermordung eines Polizisten.

Beslan, Krisenstab, 12 Uhr

Putins Berater Aslachanow wird erwartet, hat es aber noch nicht von Moskau nach Beslan geschafft. Seit Beginn der Geiselnahme sind 27 Stunden vergangen. Der Flug von Moskau nach Wladikawkas dauert gut zwei Stunden. Wo bleibt Aslachanow? Dafür trifft Ruslan Auschew jetzt ein, der Ex-Präsident Inguschiens, aus seinem Gesicht spricht Draufgängertum, ein buschiger Schnauzbart sträubt sich unter der breiten Nase. Auschew zählt, wie die aus blanker Verzweiflung alarmierten Guzerijew-Brüder, zu den Intimfeinden Putins. Wie sie wird auch er nicht ins Gebäude des Krisenstabs gelassen, wo die Abgesandten Putins tagen. Auschew telefoniert und organisiert ab jetzt vom Hof aus. Auschew, ein Afghanistan-Veteran, ist für seine guten Kontakte zum tschetschenischen Untergrund bekannt. Unter seiner Regierung, von 1992 bis 2001, entwickelte sich Inguschien zu einer Art Schlaf- und Ruheraum für die erschöpfte tschetschenische Guerilla. Wer von ihnen hier verhaftet wurde, kam zumeist rasch wieder frei. Auschew war Waffenkamerad und Weggefährte Aslan Maschadows, lange bevor der 1999 als Tschetschenen-Präsident in den Untergrund ging. Russlands Präsident Wladimir Putin missfiel die Allianz der beiden Regionalfürsten im Nordkaukasus von Amtsantritt an. Im April 2002 ließ er deshalb mit dem Geheimdienstgeneral Murat Sjasikow einen Mann seines Vertrauens in Inguschien an die Spitze bringen. Er erhoffte sich so eine stabile Westflanke im damals schon fast zweieinhalb Jahre andauernden zweiten Tschetschenien-Krieg. Aber Putin irrte. Das Resultat seines Machtspiels ist lediglich eine vorverlagerte Frontlinie im Krieg der Zentralmacht gegen die Rebellen im Nordkaukasus. Der Tschetschenien-Krieg frisst sich weiter westwärts. Das massivere Durchgreifen der Bundesbehörden auf inguschischem Boden führt zu einer Eskalation der Lage. Hausdurchsuchungen, Razzien, Verhaftungen, das Arsenal der in Tschetschenien erprobten Mittel wird nun vom Inlandsgeheimdienst FSB und von mobilen Truppen des Innenministeriums auf Inguschien angewandt. Allein von Januar bis September 2004 sind in der 470 000-Einwohner-Republik 47 Menschen spurlos verschwunden. Gleichzeitig wird aus allen Teilen der Republik Zulauf, vor allem junger Leute, zu finanzstarken, radikalen Wahhabiten-Zirkeln gemeldet. Der Fanatismus wandert westwärts. Und mit ihm der Krieg im Kaukasus.

Schule Nummer eins, Turnhalle, Nachmittag

Saurbek Gutijew, der pensionierte Lehrer und Stalingrad-Kämpfer, sieht die Welt wie durch einen Nebel. Der alte Mann hat seit über 30 Stunden nichts getrunken und gegessen, er spürt seine kaputten Beine kaum mehr. Es ist heiß im Saal, wie in einer Sauna, die Luft kaum zu atmen, schwanger vom Dunst der Exkremente. Die Kinder verlangen immer öfter, immer lauter nach Wasser. Sie betteln Erwachsene an, in Flaschen zu urinieren, damit sie zu trinken haben. Gutijew hält noch immer seine Jacke zurückgeschlagen aus Angst, die Terroristen könnten seine Orden sehen, noch immer hat er seinen Hut auf dem zierlichen Kopf. Aber er schwitzt nicht. Innerlich ist ihm kalt. Er sitzt da wie ein Gestrandeter. Fast fehlt ihm die Kraft, sich zu wünschen, dass er überleben möge. Er hört eine Mädchenstimme sagen: "Saurbek Charitonowitsch! Machen Sie den Mund auf!" Er sieht das Mädchen erst nicht, es ist von rechts an ihn herangekrochen. Er hört nur die Stimme. Er wendet sich ihm zu. Er kennt es nicht. Er denkt: "Sie hat etwas zu trinken gefunden! Sie wird mir Wasser geben!" Er öffnet den Mund, darin alle Zähne aus purem Gold, alte Sowjetarbeit, vor 30 Jahren gemacht in Krasnodar, er legt den Kopf zurück, er schluckt. Drei Schluck. Warm, säuerlich, bitter. Er schluckt Urin, von einem unbekannten Mädchen aus einem Tuch in seinen Mund gewrungen, er möchte weinen wie die Kinder ringsum, aber er ist doch ein erwachsener Mann, ein verdienter Soldat, 160 Tage und 160 Nächte Stalingrad, er denkt: Das hier ist schlimmer. Die hier sind übler als alle Faschisten zusammen.

Beslan, Krisenstab, Nachmittag

Ruslan Auschew, der Ex-Präsident Inguschiens, ruft mit dem Mobiltelefon seinen alten Weggefährten Achmed Sakajew in London an, den Auslandsvertreter des tschetschenischen Untergrundpräsidenten Aslan Maschadow. Sakajew, vom Moskauer Geheimdienst gejagt, hat sich in London politisches Asyl und ein behagliches Unterkommen erkämpft. Seit er die Unterstützung der britischen Regierung genießt und sich als Diplomat des über die Welt verstreuten Tschetschenen-Sprengels sieht, trägt Sakajew dunkle Anzüge und silberfarbene Krawatten. Er residiert am Leicester Square unweit des Parlaments- und Regierungsviertels. Sein Büro wird inzwischen von Engländern geführt. Er hat an diesem Donnerstag, als Auschew anruft, gerade sein Büro verlassen, um in den BBC-Studios ein Interview zum Geiseldrama in Beslan zu geben. Sein Handy ist abgeschaltet. Erst beim zweiten Versuch kommt eine Verbindung zustande. Auschew gibt den Hörer an den Präsidenten Nordossetiens, Dsassochow, weiter, der 1999, bei Ausbruch des zweiten Tschetschenien-Kriegs, Frau und Tochter von Maschadow in seiner Republik untergebracht hat. Man kennt sich, man respektiert sich, man ist sich etwas schuldig. Sakajew verspricht, Maschadow mit der Bitte um Hilfe zu verständigen. Dsassochow telefoniert daraufhin wieder mit Putin. Der russische Präsident ist bereit, über die Freilassung von inhaftierten Terroristen zu verhandeln, wenn dafür eine "große Zahl" Kinder aus der Turnhalle freikomme. Russlands Staatsoberhaupt bittet den Krisenstab, alles zu tun, um die Kinder nicht zu gefährden. In Baku, Aserbaidschans Hauptstadt, wird zusätzlich der Kontaktmann "Ali" aktiviert, um eine Verbindung zu Tschetscheniens Untergrundpräsidenten Maschadow herzustellen. Aber Maschadow, so viel wird schnell klar, will Sicherheitsgarantien. Sein Vorgänger Dudajew ist ermordet worden, nachdem die Russen über das Satellitensignal seines Mobiltelefons herausgefunden hatten, wo er sich aufhielt. Maschadow will dieses Risiko nicht eingehen. Er meldet sich nur per Internet. Im militärischen Flügel des Krisenstabs wächst inzwischen die Gewissheit, dass die Terroristen in der Schule keine Unbekannten sind. Es gilt ab sofort, den Schaden für den Ruf der eigenen Truppen zu begrenzen. Der Kommandierende der FSB-Spezialtruppen fordert um 15.20 Uhr von der 58. Armee Panzer und Schützenpanzer an. Im zivilen Flügel des Stabs kommt Freude auf, weil die Terroristen einem Besuch von Ruslan Auschew, dem Ex-Präsidenten Inguschiens, zugestimmt haben. Ein direkter Kontakt. Das gibt Hoffnung.

Schule Nummer eins, Turnhalle, 15.30 Uhr

Ruslan Auschew, der Unterhändler, überquert den Hof und steuert auf die große Flügeltür der Turnhalle zu, die sich für ihn öffnet. Er bleibt auf der Schwelle stehen. Er fragt die Geiselnehmer, ob sie ihn erkennen. Das ist der Fall. Die Terroristen haben sich für diesen Anlass alle maskiert. Sie filmen die Ankunft Auschews mit einer Videokamera. Sie übergeben Auschew eine neue Liste mit Forderungen, adressiert an "Seine Exzellenz, den Präsidenten der Russischen Föderation, Putin", vom "Sklaven Allahs, Schamil Bassajew". Der "Oberst" teilt Auschew mit, dass die Regierung alle Angehörigen der Geiselnehmer auf dem Schulhof vorführen und erschießen könnte - auch das würde nichts ändern an seiner Entschlossenheit und den Forderungen. Von der Schuldirektorin hört Auschew, dass etwa 1200 Geiseln in der Schule seien. Einer der Geiselnehmer korrigiert sie und sagt, es seien 1020. Auschew, er hat die meiste Zeit beide Hände an den Kopf gelegt wie vor Entsetzen, darf Geiseln mitnehmen. Er verlässt den Ort mit 12 Frauen und 15 Säuglingen. Eine Frau gibt ihren Säugling einer anderen Frau und kehrt um, weil sie noch zwei weitere Kinder in der Halle hat. Eine Großmutter, die gehen durfte mit einem Enkelkind, bleibt, weil noch ein zweiter Enkel unter den Geiseln ist. Das Foto, das Auschew neben seinem Wagen zeigt, im Fond einen nackten, geretteten Jungen, geht um die Welt. Im Krisenstab analysieren sie die Liste der Terroristenforderungen. Der Text ist geschrieben auf die ausgerissene Seite eines Mathematikhefts. Er wimmelt von Rechtschreibfehlern. Die Geiselnehmer fordern die Beendigung des Krieges und den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien, die Aufnahme Tschetscheniens als souveränen Staat in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und den Einsatz von GUS-Friedenstruppen in Tschetschenien. Es sind Forderungen, die kurzfristig nicht zu erfüllen sind.

Beslan, Krankenhaus, Nachmittag

Die Direktion stellt einen Krisenstab aus zehn Ärzten zusammen. Die Mediziner gehen davon aus, dass in der Schule mehr als 1000 Menschen in Gefahr sind, die bald ärztliche Hilfe brauchen könnten. Die offiziell verlautbarte Zahl von 354 Geiseln ignorieren sie. Es stehen in Beslan fünf Operationssäle und 15 Chirurgen zur Verfügung. 215 Betten können frei gemacht werden, wenn man alle Patienten entlässt, deren Zustand nicht bedrohlich ist. Wenn alle Ärzte des Bezirks zusammengetrommelt werden, hat man an die 200 Mediziner zur Verfügung. 23 Ärzte des Krankenhauses haben Kinder als Geiseln in der Schule, zehn Krankenschwestern sind gefangen und eine Ärztin, Larissa Mamitowa. In den drei Krankenhäusern von Wladikawkas werden ebenfalls Betten für Notfälle vorbereitet, Operationssäle hergerichtet, sind Dutzende Ärzte in Bereitschaft. Insgesamt stehen in Beslan und Wladikawkas am zweiten Tag der Geiselnahme 1045 Betten in vier Krankenhäusern bereit. Die beteiligten Direktionen erhalten ihre Anweisungen direkt von den Gesundheitsbehörden in Moskau. Das heißt, dass dieselbe Regierung, die in offiziellen Stellungnahmen von 200 bis 400, später von 354 Geiseln spricht, in den Krankenhäusern gleichzeitig über 1000 Betten für Opfer hat herrichten lassen.

Beslan, Krisenstab, Nachmittag

Es sieht nicht gut aus. Die Unterhändler der Regierung kommen nicht weiter, obwohl fast ununterbrochen mit den Geiselnehmern Telefonkontakt besteht. Es kursieren Gerüchte, dass die Geiselnehmer mit Drogen vollgepumpt seien, dass sie Pillen nähmen, um wach zu bleiben und um im entscheidenden Moment die Bomben in der Turnhalle zu zünden. Die Generalstaatsanwaltschaft wird später allen Ernstes verkünden: Die Geiselnehmer von Beslan seien eine Bande Drogensüchtiger gewesen, die am Ende Fehler machten aufgrund von Entzugserscheinungen. Aber der Mann, der in der Regel am Telefon antwortet, ist bei glasklarem Verstand. Wenn etwa der Kinderarzt Roschal eine Bitte äußert, wenn er eine Frage stellt, antwortet sein Gesprächspartner ruhig und ohne zu zögern. "Sie und Ihre Männer kommen doch aus den Bergen, Sie sind ehrbare Männer", sagt Roschal einmal. "Halten ehrenvolle Männer Kleinkinder als Geiseln fest? Lassen Sie die Kleinsten gehen, bitte." Die Antwort: "Nein." "Lassen Sie die Frauen gehen. Sie haben dann doch genug Männer als Geiseln." "Nein." "Lassen Sie uns Wasser und Essen zu den Kindern bringen." Der Terrorist verweigert auch das: "Die Kinder sind im Hungerstreik. Sie brauchen kein Wasser, kein Essen." "Im Hungerstreik? Sie haben Kinder in Ihrer Gewalt, die fast noch Säuglinge sind. Wie sollen die in einen Hungerstreik treten? Lassen Sie mich zu den Kindern, bitte." "Nein."

Schule Nummer eins, Turnhalle, 20 Uhr

Am Abend um acht Uhr wird Saurbek Gutijew, der Stalingrad-Kämpfer, aufgeschreckt aus dem Dämmer der Erniedrigung. Die Terroristen schreien Befehle, sie hantieren mit ihren Gewehren, Kalaschnikows, Pistolen. Der alte Mann findet sich wieder in einer Gruppe von 35, 40 Menschen, lauter Erwachsene, ältere Frauen, Männer, sie werden aus der Turnhalle abgeführt, werden durch die enge Tür zum Kraftsportsaal getrieben, durch den kleinen Windfang dort, hinein in den niedrigen Nebenraum der Halle, wo Seitpferde stehen, Recks, Barren. Gutijew kennt den Raum als Saal, in dem früher das Boxtraining stattfand, er weiß, dass da eine Umkleidekabine ist, mit Duschen und Waschbecken, mit Wasser. In der Tat geben die Terroristen die Tür frei, wirklich darf auch Saurbek Gutijew hinein, er stürzt zum Waschbecken, er trinkt, so viel er trinken kann, schluckt, saugt, sein Körper genießt die Erfrischung. Dann stoßen sie ihn weg, zurück in den Kraftraum, und das Licht geht aus. Das Licht geht aus, und 35, 40 Menschen empfinden das schlagartig als furchtbares Signal, als Todesdrohung. Das Licht geht aus, und jetzt hören die 35, 40 Geiseln, wie Gewehre durchgeladen werden, sie hören Repetiergeräusche, ein Schleifen und Knacken wie vom Wechseln der Magazine, leise, schneidende Stimmen. In diesen Sekunden spricht alles für eine Massenexekution, und Saurbek Gutijew, der fürchten muss, in der Dunkelheit dieses Sportraums hingerichtet zu werden, der sich einnässt vor Angst, er muss lernen, mit 84 Jahren, dass die Schrecken des Krieges noch zu steigern sind. Dass der blinde Sadismus dieses Terrors alles von ihm bislang Erlebte, auch die 160 Tage und 160 Nächte Stalingrad, schlägt. Sie schießen nicht. Sie spielen nur mit ihrer Macht über Leben und Tod. Sie sagen: "Setzt euch hin! Betet zu eurem Gott!" Saurbek Gutijew betet nicht. Er hofft auf ein Wunder in der einen Sekunde, in der andern glaubt er alles verloren. Die Nacht kommt. 35, 40 Menschen sitzen hellwach in der Finsternis des Kraftsportraums. Sie werden so sitzen bis sechs Uhr am nächsten Morgen, bis sie wieder verlegt werden in die große Turnhalle. Zehn Stunden lang.

Beslan, Krisenstab, Abend

Leonid Roschal, der Unterhändler der Regierung, legt das Telefon zur Seite. Gerade hat er den Geiselnehmern in der Schule ein neues Angebot unterbreitet. "Wir möchten Ihnen eine Möglichkeit anbieten, die Schule zu verlassen. Es geht um einen Fluchtkorridor von hier bis nach Tschetschenien. Man wird Sie nicht angreifen. Sie können Geiseln mitnehmen." In der Sekunde, in der Roschal den Satz beendet, hört er die Antwort: "Nein." Sie sind weniger gesprächsbereit als der Trupp damals im Theater, denkt Roschal. Und: Sie haben dazugelernt. Sie wissen, dass sie in einer Situation sind, in der sie nicht verlieren können. Gibt die Regierung ihren Forderungen nach, haben sie gewonnen. Gibt sie ihnen nicht nach, dann stürmen Soldaten die Schule, Bomben werden gezündet, und ossetische Kinder werden sterben, durch inguschische und tschetschenische Selbstmordattentäter. Auch das wäre ein Sieg für die Terroristen, für die Sprache der Gewalt, für den Export des Tschetschenien-Kriegs in die angrenzenden Kaukasus-Republiken. So denkt Leonid Roschal, der Arzt.

Schule Nummer eins, Turnhalle, nach 22 Uhr

Einige Kinder sind ohnmächtig. Ein Junge aus der siebten Klasse fällt in eine Krampfstarre. In ihrer Verzweiflung reichen Eltern ihre Kinder nach vorn und flehen die Terroristen an, sie trinken zu lassen. Die Terroristen drohen, die Kinder zu erschießen, und feuern Gewehrsalven in Richtung Decke. In der Halle ist es so heiß und so eng geworden, dass einige der Geiseln sich neben die Sprengstoffpakete zum Schlafen legen, auch unter die großen Bomben an den Basketballkörben. Die Ärztin Larissa Mamitowa findet an diesem Abend keinen Platz mehr zwischen den anderen Geiseln. Sie fragt einen der Terroristen, ob sie sich auf den Stapel Taschen legen dürfe. Der Wächter bejaht. Mamitowa erinnert sich, dass sie in ihrer Tasche Arzneimittel hat. Sie beginnt, die Taschen nach Medikamenten zu durchsuchen. Einer der Terroristen bemerkt es, doch er tut so, als hätte er nichts gesehen. Viele Kinder haben inzwischen Fieber. Mamitowa verteilt unter den Geiseln, was sie in den Taschen findet: Schmerzmittel, Herztabletten, Aspirin. In den hinteren Reihen schreien die Geiseln, dass sie auch Medikamente wollen. Mamitowa fragt, was sie brauchen. Sie nehmen alles, es ist ihnen egal. Mamitowas Sohn Tamerlan und der Sohn eines Kollegen aus dem Krankenhaus kommen in dieser Nacht zu ihr. Die Jungen reden von ihrem Durst. Sie sind 13 Jahre alt. Sie haben Angst zu sterben.

Beslan, Komintern-Straße / Ecke Lermontow-Straße, nachts

An der Polizeisperre ist der Tag zäh dahingegangen. Roman Alijew, der Streifenpolizist, und seine ungefähr 30 Kollegen müssen die Leute in Schach halten, die Angehörigen, die sich zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden hier drängen. Manchmal droht Panik an der Sperre, die Leute flehen die Polizisten an, nichts zu unternehmen. Roman Alijew weiß nicht genau, wovon die Rede ist. Niemand plant einen Sturm, die Polizei schon gar nicht. Er hört von den Leuten nur, was im Fernsehen gesagt wird. Dass die Terroristen zu allem entschlossen seien, dass sie für einen Toten aus ihren Reihen im Gegenzug 50 Geiseln erschießen wollen, solche Sachen, er versucht, die Menschen im Gespräch zu beruhigen. Die Nacht bricht an. Nachts ist es ruhiger, weniger Angehörige sind da, sie gehen nach Hause, sie essen, sie versuchen zu schlafen, auch Roman Alijew und seine Kollegen reißen Fladenbrot und brechen sich Käsestücke ab, sie sitzen unter Nussbäumen und Kastanien und essen, dann wechseln sie sich mit Schlafen ab. Alijew ist wach, als hoher Besuch aufkreuzt an seinem Posten. Ein Oberst aus Wladikawkas ist da, dazu der Polizeichef, Leute aus dem Krisenstab, Politiker. Sie sagen: "Ihr müsst euch hier zurückziehen. Hebt die Sperre auf. Wir verhandeln, wahrscheinlich bekommen sie einen Korridor für den Abzug. Haltet sie nicht auf. Schießt nicht. Wir gehen davon aus, dass sie Geiseln mitnehmen." Die Polizisten sammeln sich zum Abmarsch, es ist ein Haufen, der von weitem aussieht wie die Truppe eines Warlords in irgendeinem Bürgerkrieg. Die eine Hälfte trägt Uniform, die andere nicht, die Uniformierten tragen verschiedene Mützen, unterschiedliche Jacken, Gürtel, mal Stiefel, mal Turnschuhe. Ein Teil der Leute hat offizielle Dienstwaffen in der Hand, Kalaschnikows, ein Teil hat Gewehre aus privatem Besitz dabei. So ziehen sie ab. Sie marschieren zur nahe gelegenen Eisenbahnüberführung, um dort abzuwarten. Die Überführung liegt im Schussfeld der Schule. Tatsächlich wird in ihre Richtung geschossen, ein paar Mal. Die Polizisten gehen in Deckung und beobachten. Sie sehen, wie drei Terroristen durch das Tor der Schule heraustreten, bewaffnet, auf der Hut, die Gewehre im Anschlag. Sie gehen ein paar Schritte. Sie wirken, als würden sie sich umsehen, die Lage prüfen. Dann hört Alijew, wie sie, alle drei, "Allah ist groß" rufen. Sie schießen in die Luft und ziehen sich wieder in die Schule zurück. Roman Alijew wartet darauf, dass die Terroristen nun abziehen, irgendwie. Dass gleich Fahrzeuge vorfahren werden zu ihrer Verfügung. Aber nichts geschieht. 15 Minuten lang geschieht nichts. Dann wird seiner Polizeieinheit der Befehl zugetragen, wieder auf ihren Posten zurückzukehren. Sie gehen, von Schüssen begleitet, im Schutz der Nacht. Offenbar wird es keinen Korridor geben.

Schule Nummer eins, Turnhalle, Mitternacht

Fatima, die Fotografin der Lokalzeitung, kriecht zwischen den anderen Geiseln hindurch in die Nähe des Geräteraums, der neben dem Korridor zwischen Turnhalle und Hauptgebäude liegt. Sie beobachtet, wie sich die Terroristen in dem Geräteraum abwechselnd schlafen legen. Ich bin Journalistin, denkt sie, ich muss aufmerksam sein. Doch die Luft ist vor dem Geräteraum noch schlechter, Fatima kann kaum atmen. Langsam kriecht sie hinüber zum Fenster und legt sich auf das Fensterbrett. Schlafen kann sie nicht. Sie hatte gehofft, dass die Geiselnehmer wenigstens die Kinder freilassen würden. Nun glaubt sie nicht mehr daran, dass sie überleben wird. Sie denkt, dass es besser ist, sich dem Schicksal zu fügen. Sie liegt auf dem Fensterbrett und denkt an Seneca. "Man muss über den Tod nachdenken, um keine Angst vor ihm zu haben", hat sie in einem seiner Bücher gelesen, so erinnert sie sich. "Denn wir haben keine Angst vor dem Tod, sondern vor dem Gedanken an ihn." Fatima hat keine Angst mehr vor dem Tod, auch nicht vor dem Gedanken an ihn. Aber sie hat Angst, dass er langsam und qualvoll kommen könnte.

Beslan, im Krisenzentrum, Mitternacht

Generalleutnant Wiktor Soboljew, der Kommandierende der 58. Armee, hat den Elitetruppen des Geheimdienstes inzwischen sechs Schützen- und drei Spähpanzer überlassen, und aus Wladikawkas sind Panzer angerollt. Gleichzeitig haben im zivilen Flügel des Krisenstabs Nordossetiens Parlamentssprecher Mamsurow und der Duma-Abgeordnete Rogosin den Entwurf eines Abkommens mit den Terroristen fertig gestellt. Kern ihres Papiers sind Verhandlungen der russischen Staatsführung mit Maschadow, ein Autonomieplan für Tschetschenien und ein schrittweiser Truppenabzug. Nach getaner Arbeit stärken sich die Verfasser, flankiert vom Chef der nordossetischen Nationalbank und einer Moskauer Senatorin, mit Huhn und Piroggen. Mamsurow und Rogosin teilen sich dazu eine Flasche Wodka. Aus der nahe gelegenen Schule, nur 200 Meter Luftlinie entfernt, sind Schüsse zu hören. Wieder einmal. Die Terroristen ballern vom Dach in die Nacht hinein. Als wollten sie sich die Zeit vertreiben.

TAG DREI, 3. SEPTEMBER

Beslan, Krisenstab, 7.30 Uhr

Die Nacht war kurz, bis nach zwei Uhr morgens gab es Kontakt mit den Geiselnehmern, jetzt reden die Unterhändler wieder, sie verhandeln, ob sie Medikamente, Wasser, Nahrung in die Halle bringen dürfen. Es geht darum, das Leid der Geiseln zu mindern. Irgendeine Normalität herzustellen inmitten dieses Wahnsinns. Der Mann am anderen Ende, vermutlich jedes Mal "Oberst" Chutschbarow, wiederholt die immer gleiche Antwort: Die Geiseln wollten kein Wasser und kein Essen. Sie befänden sich im Hungerstreik gegen die Regierung. Der Krisenstab ordnet an, die Sicherheitszone um die Schule zu erweitern. Die Familien der Geiseln, die Journalisten, die aus aller Welt angereist sind, müssen zurückweichen, noch einmal ein, zwei Gebäudeblocks weiter weg vom Zentrum der Geschehnisse. Lew Dsugajew, Pressechef des nordossetischen Präsidenten, diskutiert mit den Versammelten darüber, wie mit offiziellen Angaben zur Zahl der Geiseln weiter zu verfahren sei. Man entschließt sich, weiter zu mauern. Erst fünf Stunden später wird Dsugajew verkünden, dass die Geiselzahl "nach jüngsten Informationen höher ist als 354". In Dauertelefonaten gelingt es dem inguschischen Ölmanager Guzerijew, der sich zunehmend zum Chefunterhändler entwickelt, die Terroristen davon zu überzeugen, dass die Leichen auf dem Schulhof und auf dem Grünstreifen zur Straße hin geborgen werden müssen. Manche Leiber liegen seit 48 Stunden an der Luft.

Beslan, Wohnhaus von Murat Kazanow, 8 Uhr

Es ist still in der Wohnung von Murat Kazanow, das ist ein schmaler, dunkler Mann, 45 Jahre alt, die schwarzen Haare grau durchsetzt, Schnauzer, die Augen bernsteinfarben; er schaut hinunter auf die Schule. Er wohnt mit seiner Familie in der Soslan-Batagow-Straße 37, das ist der Gebäudeblock, dessen westliches Ende ans Schulgelände stößt; sie haben die Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Die Wohnzimmerfenster, die Loggia davor, haben Panoramablick auf den Schulhof, auf die Turnhalle, auf alle Gebäudeflügel. Eine seiner beiden Töchter sitzt da drunten als Geisel. Alana, die 15-Jährige, war mit der Mutter die paar Schritte hinübergegangen, um ihr neuntes Schuljahr zu beginnen, als die Banditen kamen. Kazanows Frau, getrennt von Alana, konnte sich retten im Wirrwarr der ersten Minuten. Die Tochter nicht. Murat Kazanow zählt nicht zu denen, die leicht außer Fassung geraten. Er hat sich im Leben hart gemacht. Ende der siebziger Jahre hat er bei den Fallschirmspringern gedient, danach trainierte er sich als Ringer und Boxer. Seit er sein Geld als Abschleppunternehmer verdient, ist er mit Unfällen aller Art vertraut. Aber das hier, das übersteigt alles. Seine Wohnung gilt eigentlich als evakuiert, aber die Familie ist geblieben. Sie kann zwar nicht zur Vordertür hinaus, weil die im Schussfeld liegt. Aber man kann über das Dach zu den hinteren Treppenhäusern gehen und dort hinuntersteigen auf die Straße. Die Polizei war schon zu Besuch, ein Dutzend Polizisten lungerten im Wohnzimmer herum, auf dem breiten Sofa mit dem Pfauenmuster, sie ließen sich Tee bringen, telefonierten viel, zur Schule schauten sie kaum hinüber. Sie spielten mit der Fernbedienung von Kazanows mattschwarzem Golden-Eye-Fernseher und zappten sich durchs russische Nachmittagsprogramm. Dann gingen sie und kamen nicht wieder. Der Fernseher läuft auch jetzt. Zur vollen Stunde, in den Nachrichten, reden sie wieder von 200 bis 400 Geiseln. Jeder in Beslan weiß, dass diese Zahl falsch ist. Sie klingt Murat Kazanow in den Ohren wie Hohn. "Allein die Erstklässler und ihre Angehörigen zählen weit über 300", denkt er. Will die Regierung schon jetzt die Zahlen kleinhalten, um später, nach einer Befreiungsaktion, nicht so viele Opfer zugeben zu müssen? Kazanow steigt hinauf aufs Dach des Wohnblocks, halb so lang wie ein Fußballfeld, breit wie ein halber Tennisplatz. Männer hocken dort oben, Nachbarn, und rauchen. Das Gebäude ragt höher auf als die Schule. Ein normal großer Mann ist hier oben von der anderen Seite nicht zu sehen, geschweige denn mit Schüssen zu treffen. Vom Dach bietet sich ein komplettes Panorama der Situation. Im Südwesten liegt das Schulgebäude, 35, 40 Meter Luftlinie entfernt die Turnhalle. Im Osten steht der Riegel der Beslaner Polizeistation, grau, drei Etagen, jede Etage 12 Fenster breit, 100 Meter Luftlinie entfernt. Im Westen das Haus der Stadtverwaltung, daneben der Kulturpalast, beide liegen 200 Meter von der Schule entfernt. Kurz sind alle Wege in Beslan, wo jeder jeden kennt. Im Süden hebt sich der Hauptkamm des Kaukasus, auch er wirkt zum Greifen nah, ein gewaltiges Gebirge, in seinen Spitzen über 5000 Meter hoch, darin der Doppelbuckel des Kasbek, von ewigem Eis überzogen, wie matt glasiert. Murat Kazanow steht und raucht.

Schule Nummer eins, Turnhalle, morgens

Die Terroristen verbieten den Kindern, zur Toilette zu gehen. Die Ärztin Larissa Mamitowa fragt, ob sie wenigstens jene Kinder hinaustragen dürfe, die kaum noch atmen können. Die Terroristen sagen: Nein, sie sollen sterben. Sie schicken Mamitowa, im Gebäude nach Plastikflaschen zu suchen. Die Kinder sollen in die Flaschen urinieren. Mamitowa findet einige Flaschen, und als sie damit in die Turnhalle zurückkehrt, denken die Geiseln, sie bringe Wasser. Sie schreien nach Wasser. Als sie merken, dass die Flaschen leer sind, schreien sie vor Verzweiflung. Die Terroristen schießen über ihre Köpfe hinweg. Mamitowa lässt sich zum "Oberst" führen, er sitzt im ersten Stock im Büro der Direktorin. Sie bittet ihn, eine Ärztin im Krankenhaus anrufen zu dürfen. Es handle sich dabei um eine vernünftige Frau, sagt Mamitowa, die werde den Behörden sagen, wie schlecht es um die Kinder steht. Der Oberst willigt ein - unter der Bedingung, dass sie nur Russisch spricht. Im Lehrerzimmer nebenan darf Mamitowa telefonieren. Sie erreicht die Ärztin nicht, doch sie erzählt einer Krankenschwester, wie dramatisch der Zustand der Kinder sei und dass sie keine Medikamente mehr habe. Sie solle den Behörden berichten, dass es eine Katastrophe geben werde, wenn den Kindern nicht bald geholfen werde. Mamitowa geht zurück in die Turnhalle und spricht mit der Direktorin der Schule. Wir müssen etwas tun, sagt sie. Mamitowa erinnert sich, dass zwei Kinder des nordossetischen Parlamentspräsidenten Mamsurow unter den Geiseln sind. Sie lässt sich von der Direktorin zu den Kindern führen. Mamitowa nimmt die Kinder an die Hand und geht mit ihnen zum Oberst. Sie fragt ihn, ob sie deren Vater anrufen dürfe. Der Oberst erlaubt es. Mamitowa erreicht den Parlamentspräsidenten im Krisenstab, im Gebäude der Stadtverwaltung von Beslan. Sie erzählt, wie schlecht der Zustand der Geiseln sei. Die Geiselnehmer würden immer aggressiver, und es bleibe nicht mehr viel Zeit, um eine Katastrophe zu verhindern. Dann reicht sie den Hörer weiter an den Sohn. Der fleht seinen Vater an, alles zu tun, um die Geiseln zu retten.

Beslan, Wohnhaus von Murat Kazanow, 10.30 Uhr

Murat Kazanow, der Abschleppunternehmer, kommt über das Dach vom Einkaufen zurück. Er hat eine Stange Zigaretten geholt, zwei Wassermelonen, in seiner Wohnung sitzen sechs Nachbarn und Freunde, rauchen und halten Rat. Zusammen haben sie fast zwei Dutzend Angehörige in der Turnhalle. Aus dem Gebäudeblock Nummer 37 sind fast 60 Bewohner zu Geiseln geworden. Der Fernseher läuft. Nachrichten. Nichts Neues, wie immer; nichts, was sie nicht selbst aus den Fenstern besser sehen könnten. Immer noch reden sie im Fernsehen von 354 Geiseln. Rings um die Schule sind Polizeieinheiten zu sehen, gewöhnliche Polizei, aber auch Truppen des Innenministeriums, Männer der Sonderpolizei Omon, Katastrophenschützer, das bunte Durcheinander russischer Uniformen, dazu Schützenpanzer, Löschfahrzeuge, Ambulanzen. Die Häuser sind zur Schule hin evakuiert, aber nicht von Sicherheitskräften besetzt. Strategisch entscheidende Punkte wie das Hausdach über Kazanows Wohnung, wie andere Dächer ringsum, sie bleiben leer, die Scharfschützen sitzen anderswo, schlecht positioniert, irgendwo in der Nachbarschaft, aber nicht dort, wo sie nach dem Ermessen Kazanows und seiner Freunde eigentlich sitzen müssten. Am Vormittag gehen Elitesoldaten wenigstens in Kazanows Wohnung in Stellung. Sie sind zu viert. Vier Alfa-Leute, zwei von ihnen bauen ein Maschinengewehr am inneren Wohnzimmerfenster auf, ans äußere Fenster in die Loggia wagen sie sich nicht. Kazanow fragt, warum die Dächer nicht besetzt werden. Warum keine Schützen postiert sind. Welche Pläne es gibt. Die Alfa-Leute wissen nichts.

Schule Nummer eins, erster Stock, 12.40 Uhr

Ein Terrorist holt Larissa Mamitowa, die Ärztin, in den ersten Stock. Er fragt sie, ob sie Angst vor Blut und Leichen habe. Ich bin Ärztin, sagt Mamitowa, wie soll ich Angst vor Blut und dem Tod haben? Der Terrorist führt sie in das Literaturzimmer, sie sieht viel Blut an den Wänden und auf dem Boden. Es kämen bald Mitarbeiter des Ministeriums für Katastrophenschutz, um Leichen zu holen, sagt der Terrorist. Wo sind die Leichen?, fragt Mamitowa. Der Terrorist führt sie ans Fenster. Darunter sieht Mamitowa etwa 20 Leichen aufeinander liegen, Fliegen sitzen auf ihnen. Sie erkennt Geiseln wieder, die auf dem Korridor knieten. Warum ihr der Terrorist diese Szene zeigt, weiß sie nicht. Mamitowa geht zurück in die Turnhalle. Sie sieht, wie die Kinder Urin aus den Plastikflaschen trinken. Andere urinieren auf Kleidungsstücke und wringen sie über ihrem Mund aus. Die Luft in der Halle ist so heiß und stickig, dass die Geiseln kaum noch atmen können, es riecht nach Exkrementen. Mamitowa sieht ihren Sohn auf der anderen Hallenseite vor einem Fenster stehen. Sie ruft ihm zu, er solle sich hinlegen. Am Boden sei die Luft besser.

Beslan, Wohnhaus von Murat Kazanow, 13 Uhr

Wieder beginnt das Karussell der Nachrichtensendungen. Der Golden-Eye-Fernseher des Abschleppunternehmers Murat Kazanow versendet nichtssagende Live-Bilder aus schlecht postierten Kameras. Von der Komintern-Straße biegt ein Laster auf das Schulgelände ein. Auf seiner Ladepritsche stehen aufrecht zwei Helfer. Der Wagen fährt langsamer als Schritttempo, er kriecht. Die Terroristen haben zugestimmt, dass Leichen vom Schulhof geborgen werden, die seit fast zwei Tagen dort liegen. Es ist 13.01 Uhr. Vielleicht 13.02 Uhr. Vielleicht 13.03 Uhr. Von der Schule brüllt eine Explosion, ein gewaltiger Schlag. Es ist der Anfang vom Ende.

Schule Nummer eins, hinterer Schulhof, 13.03 Uhr

Fatima, die Fotografin der Lokalzeitung, spürt die Hitze der Explosion auf ihrem Körper, betäubt richtet sie sich auf, halb springt sie, halb fliegt sie aus dem Fenster. Sie denkt an nichts, sie läuft. Sie spürt Glas unter ihren Füßen. Sie läuft entlang der Rückwand der Turnhalle. Sie hört nichts, ihre Ohren sind taub. Sie sieht sich nicht um. Sie rennt wie durch einen Tunnel.

Beslan, Krisenstab, 13.05 Uhr

Im Stab bricht Panik aus. Nordossetiens Präsident Dsassochow schreit: "Das ist mein Ende!" Dem Unterhändler Guzerijew gelingt es, noch einmal eine Leitung in die Schule herzustellen. "Was habt ihr getan?", schreit er. Eine zweite große Explosion erschüttert die Luft. Dann Gewehrfeuer. Geräusche des Chaos, die bis hierher laut zu hören sind. "Ihr habt uns belogen", lautet die Antwort. "Aber es gibt keinen Sturm!", ruft Guzerijew. Der Terrorist am anderen Ende würgt das Gespräch ab mit den Worten: "Wsjo. My wsrywajem." "Das war's. Wir sprengen." Chaos bricht los, aber es ist schwer zu rekonstruieren, warum genau. Eindeutig ist, dass die erste, alles auslösende Explosion im Inneren der Halle, wohl an einem der Basketballkörbe, mit der Ankunft eines Lastwagens vom Katastrophenschutz zusammenfällt. Auf dessen Ladepritsche standen die zwei Männer, die die Leichen vom Schulhof bergen sollten. Die These, die mit den Geiselnehmern verabredete Bergungsaktion sei vom Geheimdienst oder von anderen bewaffneten Spezialkräften unterwandert worden, um die Halle zu stürmen, lässt sich durch nichts erhärten. Auch dass die Terroristen etwa vorgehabt hätten, der Aktion von sich aus ein gewaltsames Ende zu setzen, ist nicht zu belegen. Vielmehr scheint es, als sei eine der zahlreichen Bomben in der Turnhalle zufällig explodiert; weil die große Hitze die Klebestreifen lockerte, mit denen die Bomben befestigt waren, weil sich eine Halterung löste, weil sich ein Kontakt zufällig schloss, weil ein Warnschuss der Geiselnehmer fehlging.

Es sind jedenfalls aus der Halle drei starke Explosionen zu hören, die beiden ersten sehr kurz hintereinander, die dritte etwa 20 Minuten später, danach folgen noch kleinere, unspezifisch. Direkt nach den beiden ersten Explosionen kommen Geiseln durch die zerstörten Fenster ins Freie und fliehen, erst vereinzelt, dann laufen Dutzende auf dem Schulgelände um ihr Leben, zu benachbarten Häusern, auf die anliegenden Straßen, von hinten beschossen von den Geiselnehmern, in Gefahr aber auch von vorn, durch das Kreuzfeuer von staatlichen und inoffiziellen Kräften. Letztere werden sich in den Medien als "Heimwehrler" und ähnlich bezeichnet finden, tatsächlich sind es in der Regel Angehörige von Geiseln, die ihre Waffen aus dem Schrank geholt und sich bereitgehalten haben. Dass sie auch eigene Leute treffen, darf als gewiss gelten. Dass sie die chaotische Situation verschlimmern, ebenso. Warum sie überhaupt so nah an die Schule herangelassen werden, bleibt das Geheimnis der Kommandierenden der Sicherheitskräfte. Rund um das Schulgelände sind in diesen Minuten Rettungskräfte postiert, Krankenwagen, Feuerwehrautos, Polizei, auch Privatwagen, sie nehmen die Opfer schnell auf, und es beginnt ein großer Pendelverkehr zum Beslaner Krankenhaus. Gegen 13.30 Uhr aber wird das Dach der Turnhalle einstürzen, der ganze Flügel brennt. Löscharbeiten werden anfangs durch Dauerbeschuss unmöglich gemacht. Langsam nur arbeiten sich Sicherheitskräfte auf den Schulhof und ins Gebäude vor, später wird ein Schützenpanzer als Deckung auffahren. Das Bild dieses Panzers, vor den Fenstern der brennenden Turnhalle stehend, wird in Nachrichtensendungen rund um die Welt zu sehen sein.

Schule Nummer eins, Turnhalle, 13.09 Uhr

Im Moment der ersten Explosion wird es Larissa Mamitowa, der Ärztin, schwarz vor Augen. Sie ist bewusstlos - auch noch, als wenig später die zweite Bombe explodiert. Als sie wieder zur Besinnung kommt, liegt sie auf der anderen Seite der Halle, dort, wo sie ihren Sohn vor einem Moment noch gesehen hat. Sie trägt nur noch ihren Gürtel und ihre Unterwäsche am Leib, ihre Hose und Bluse sind bis auf Fetzen verschwunden. Sie spürt einen schrecklichen Schmerz im Rücken. Sie hebt den Kopf und sieht, dass die Bomben nicht mehr an den Basketballkörben hängen. Um sie herum kriechen Verletzte über den Boden. Ein Terrorist schießt in die Luft. Ein Teil des Dachs ist eingestürzt. Der Rest brennt. Sie dreht sich um und sieht einen Terroristen, der jetzt ein weißes T-Shirt trägt und sein Gewehr auf sie richtet. Sie lässt sich fallen und stellt sich tot.

Sie hat nur einen Gedanken: Tamerlan, mein Sohn. Sie muss ihn finden. Der Gedanke daran lässt sie aufstehen. Draußen hört sie die Kinder schreien, so laut, dass sie denkt, sie werden der Reihe nach erschossen. Sie sucht ihren Sohn dort, wo sie ihn unmittelbar vor der Explosion sah. Doch sie findet nur tote Kinder.

Ihre Gesichter sind blass, ihre Augen und Münder stehen offen, sie sehen sich alle sehr ähnlich. Sie nimmt sie auf den Arm, eines nach dem anderen, aber sie kann nicht erkennen, ob einer von ihnen ihr Sohn ist. Sie schaut nicht mehr in die Gesichter, sie untersucht die Kleidung. Sie findet einen toten Jungen, von dem sie glaubt, er könnte Tamerlan sein. Aber er trägt die falschen Socken. Sie nimmt einen anderen Jungen auf den Arm, aber sie kennt seine Hose nicht. Sie sucht die Narbe auf Tamerlans Stirn, drei Zentimeter lang, der Stein traf ihn damals zwischen den Brauen. Doch sie findet sie in keinem der blassen Gesichter. Die Terroristen schießen wild um sich und schreien, die Geiseln sollen in den Keller gehen. "In den Keller! Alle in den Keller!" Doch Mamitowa geht in den Kraftsportraum hinter der Turnhalle, vielleicht hat Tamerlan sich dort versteckt. Sie findet ihn nicht. Sie bricht zusammen und weint.

Schule Nummer eins, hinterer Schulhof, 13.15 Uhr

Fatima erreicht die hintere Mauer des Schulgeländes, dicht bei den Garagen an der Soslan-Batagow-Straße. Sie steigt auf ein Rohr und klettert hinüber. Dann über ein Eisentor. Sie wirft sich zwischen zwei Garagen auf den Boden und bedeckt sich mit einem Brett. Sie hört Schreie und betet. Sie hört Schüsse. Sie hört, wie die Projektile über sie hinwegfliegen und die Wände der Garagen durchfahren. Sie sieht eine Akazie, die ihre Blätter verliert.

Dann hört das Schießen für einen Moment auf, und sie hört eine ossetische Stimme. Das ist meine Chance, denkt sie, und ruft um Hilfe. Jemand schlägt gegen eine Wand zwischen den Garagen. Sie klettert hinüber und fällt in die Arme eines Mannes. Er schleift sie zu einem Soldaten, der legt sie auf eine Trage. Sie sieht den Himmel in seinem Blau, und sie kann nicht glauben, dass sie lebt. Sie schieben sie in den Krankenwagen.

Schule Nummer eins, Turnhalle, 13.20 Uhr

Nach dem großen Schlag spürt Saurbek Gutijew, der pensionierte Lehrer und Stalingrad-Kämpfer, von hinten eine Hitze, als würde sein Hemd brennen. Von der Decke stürzen glühende Teile herab, sie treffen seinen Hut, sie verhaken sich in seinem Jackett. Die Welt ringsum ist in Auflösung, ein Gemisch aus Verderben und Rettung; er sieht, wie die Terroristen Kinder erschießen, direkt vor seinen Augen erschießen sie einen kleinen Jungen und ein Mädchen, aus nächster Nähe, er spürt Feuer von allen Seiten, Gutijew steht auf, er geht auf schwankenden Beinen, wie eine verdreckte Marionette.

Es treibt ihn zur Fensterfront, Richtung vorderer Schulhof, aber die Fensterbretter liegen hoch, seine Beine arbeiten nicht, wie sie sollen, sie geben ihm nicht den Schub, den er braucht. Er hört Schüsse. Er riecht Dinge, die er sich nicht vorstellen will. Er fürchtet das Feuer. Es treibt ihn an. Er hebt sein rechtes Bein mit beiden Armen auf das Fensterbrett, nun liegt er halb, dann ruckelt er sich mit den Armen Richtung Außenkante, zieht irgendwie das zweite Bein nach, fällt nach draußen, einen guten Meter tief, weich, auf Körper, die da liegen. Drinnen treiben Terroristen Geiseln aus der Halle. Sie jagen Kinder vor sich her auf den Hauptkorridor. Rechts und links stehen Terroristen an den Wänden und treiben sie vorwärts. Angeführt von Alik Zagolow, dem Sportlehrer, flieht eine Gruppe von 20 Kindern in den ersten Stock, in die Aula. Es ist dort für ein paar Momente lang kein Geiselnehmer zu sehen.

Beslan, Wohnung von Murat Kazanow, 13.30 Uhr

Murat Kazanows Wohnung bebt unter dem ratternden Feuer des Maschinengewehrs der Alfa-Leute, in der Loggia spritzen Holzsplitter von Streifschüssen auf. Drüben, an der Komintern-Straße, bei den Eisenbahngleisen, sieht es so aus, als sei dies ein geplanter Sturm. Zwei Panzer sind aufgefahren, dazu Panzerfahrzeuge, es sind todbringende Granat- und Flammenwerfer in Stellung gebracht. Kaum Gerät zur Rettung, viel Gerät für den Krieg. Kampfhubschrauber vom Typ Mi-24 kreisen.

Über den Schulhof laufen und kriechen Kinder und Alte in ungeordneter Bewegung, aus Richtung Turnhalle kommen nackte Mädchen, Mütter. Die sieben Freunde in Kazanows Wohnung haben sich erst auf den Boden geworfen, jetzt heben sie den Kopf, jetzt sehen sie, dass das Regime der Terroristen zerbrochen ist, dass die Geiseln sich befreien. Sie sehen, dass das Dach der Halle einstürzt, dass alles in Trümmer fällt. Sie sehen, dass nun Taten gefragt sind.

Die Männer machen sich auf nach unten, zwei der Alfa-Leute gehen mit. Sie nehmen noch einmal den weiten Weg über das Dach. Sie finden, drunten, Spezialkräfte des Militärs. Kazanow geht einen Offizier der Alfa-Truppen an. Er bietet seine Dienste an. Er sagt: "Ich kann euch den Weg zeigen. Wir müssen durch die Garagen. Durch die Garagen geht es direkt in den Kraftraum hinter der Turnhalle. Gebt uns Waffen. Ich zeige euch den Weg."

Der Offizier schaut ihn nicht an. Kazanow wiederholt seine Rede. Er sagt: "Komm! Gib mir deine Leute. Ich zeige euch den Weg." Der Offizier sagt, spöttisch, er wendet sich einem Untergebenen zu: "Gebt dem Mann lieber eine Beruhigungsspritze." Kazanow lässt den Offizier stehen, weit vom Zentrum der Ereignisse, er geht los auf eigene Faust, aber die zwei Alfa-Leute aus der Wohnung folgen ihm, zwei Nachbarn sind auch dabei. Sie laufen den Gebäudeblock entlang zum Schulgelände.

Geduckt rennen sie durch Gewehrfeuer vom Dach der Schule, 20 Schritte lang im Schussfeld, dann erreichen sie den Schutz der Garagen, den geklinkerten Schuppen von Elbrus Tochtijew. Kazanow weiß, dass es einen hinteren Ausgang gibt, einen Ausgang, der direkt zu den Fenstern des Kraftraums führt. Drei Fenster. Sie sind vergittert. Kazanows kleiner Trupp geht in die Knie geduckt heran, Maschendrahtzaun reißt an ihren Hemden, sie hocken jetzt unter dem Fenster ganz rechts. Sie hantieren mit Stangen. Sie hebeln am Gitter herum. Von drinnen keine Reaktion. Bald stehen sie aufrecht, stemmen sich gegen die Wand, reißen endlich das Eisen aus der Verankerung, sie sind in der Schule, die Alfa-Soldaten vorneweg. In einer Ecke, zusammengedrängt, 15 Geiseln, verschmiert, schockstarr, aber am Leben, unter ihnen Larissa Mamitowa.

Die Retter zerren eine Bank ans Fenster, um eine Treppe zu bauen. Kazanows Nachbarn führen die Leute hinaus, sie helfen ihnen in die Freiheit, binnen Minuten retten sie die ersten 15 Leben. Larissa Mamitowa will stehen bleiben, umkehren, sie muss ihren Sohn finden. Aber ihr Bruder Boris läuft ihr entgegen, er sagt: Tamerlan lebt! Er ist schon zu Hause! Die Mutter glaubt ihm nicht. Doch, es ist wahr, sagt er, Tamerlan lebt. Da spürt sie die Schmerzen in ihrem Rücken wieder. Sie legt sich bäuchlings auf eine Trage und wird ins Krankenhaus von Beslan gefahren. Sie bekommt Spritzen. Die Verbrennungen auf ihrem Rücken und an ihren Beinen sind so schwer, dass sie nach Wladikawkas verlegt werden muss. Sie spürt einen Splitter im linken Ohr. Aber Tamerlan lebt. Und sie selbst lebt. Larissa Mamitowa ist gerettet.

Schule Nummer eins, Schulhof, 13.35 Uhr

Die Schüsse. Das Feuer. Saurbek Gutijew liegt benommen vor dem Fenster der Turnhalle. Er muss endlich hoch. Er sagt zu sich selbst: Steh auf, alter Waschlappen! Die Hitze in seinem Rücken hört nicht auf, brennt sein Hemd? Schmerzen breiten sich aus, Saurbek Gutijew schleppt sich weiter, geradeaus, im direkten Weg fort von der Folterstätte, fort von der Turnhalle, die Wege sind weit, 40, 50 Meter muss er schaffen, vielleicht 60, aber diese Schrecken kennt er, die Schrecken des Kriegs, er überquert den Hof, er erreicht die kleinen Häuser jenseits des Schulgeländes, dort schütten sie ihm Wasser aus Eimern über den Rücken, dort nehmen sie ihn in Empfang, seine Retter, vier Leute, sie tragen ihn. Saurbek Gutijew ist gerettet. 160 Tage, 160 Nächte Stalingrad. Drei Tage, zwei Nächte Beslan.

Beslan, Gegend um die Schule Nummer eins, 13.40 Uhr Ohne Koordination stürzen sich russische Elitekämpfer in das Feuer. Sie arbeiten ohne begleitende Ablenkungs- oder Täuschungsmanöver, sie beweisen Heldenmut, der an Irrsinn grenzt. Hinter den Elitekämpfern, in ihrem Rücken, stehen örtliche ossetische Omon-Kräfte und Einheiten der russischen Armee, dahinter Heimwehrler aus Beslan. Vor allem sie feuern aus allen verfügbaren Rohren. Für den naheliegenden Versuch, die Schule von verschiedenen Seiten gleichzeitig zu stürmen, ist es längst zu spät. Hohe Verluste im Kampf Mann gegen Mann sind die Folge. Oberstleutnant Dmitrij Rasumowski und Leutnant Andrej Turkin, genannt der "Tscherkesse", sind Veteranen der russischen Grenztruppen in Tadschikistan und des zweiten Tschetschenien-Feldzugs, hochdekorierte Soldaten, sie sterben im Nahkampf.

Zehn Mann der Eliteeinheiten Alfa und Wimpel lassen ihr Leben in Beslan. Das ist der höchste Verlust in der Geschichte der russischen Spezialeinheiten. Selbst der Sturm auf den Palast des afghanischen Präsidenten in Kabul am 27. Dezember 1979 hat nur sechs Mann das Leben gekostet.

Die Alfa- und Wimpel-Truppen werden vom Ablauf der Ereignisse in Beslan überrascht, viele sind bei Beginn der Explosionen auf dem weit entfernten Trainingsgelände Sputnik und erreichen den Tatort mit großer Verspätung. Dass ein durch die Hitze gelöster Klebestreifen zum Zünden der ersten Bombe, zu allgemeiner Panik führen könnte oder dass am Ende die Terroristen selbst die Nerven verlieren könnten, derartiges war im Krisenstab nicht erwogen worden. "Es gab einen hervorragenden Plan zum Sturm", wird ein Alfa-Mann später sagen, "aber keiner wagte die Entscheidung."

Schule Nummer eins, Kraftsportraum, gegen 13.45 Uhr

Der Kraftraum, den sie Boxsaal nennen, ist von der Turnhalle durch zwei Türen getrennt, die einen Windfang bilden, darin ein Fenster auf den rückwärtigen Flügel der Schule. Die Türen sind geschlossen. Die Türen könnten Sprengfallen sein. Es sind Drähte zu sehen, die irgendwohin führen. Murat Kazanow und die Alfa-Leute entscheiden sich, die Tür nicht zu öffnen. Das Risiko ist nicht kalkulierbar. Sie entscheiden sich dafür, ein Loch in die Wand zur Turnhalle zu schlagen. Sie zerlegen Sportgeräte und rammen Reckstangen in die Ziegel, wieder und wieder, das dauert, 10 Minuten, 15, es ist eine furchtbare Arbeit gegen die Zeit. Sie wissen, dass sie durchgestoßen sind, als eine Wolke aus Rauch und unsagbaren Gerüchen in den Kraftraum weht. Aus dem Loch kommen Menschen. Kinder. Erwachsene. Alte. Das Loch ist zu klein. Immer nur ein Mensch zwängt sich durch. Die Alfa-Leute schreien den Geiseln Fragen zu, ob an den Türen Bomben seien, ob sie von Minen wüssten. Sie wägen neu ab. Sie finden das Risiko jetzt nicht mehr zu groß. Sie finden Draht und haken ihn in die Türaufhängungen ein. Sie ziehen sich zurück, so weit es geht, dann reißen sie, fünf Männer mit vereinten Kräften, die Tür aus den Angeln. Keine Explosion. Der Windfang ist offen. Ein Alfa-Mann geht hinein, er öffnet die zweite Tür zur Turnhalle, aber er achtet nicht auf das Fenster, er stürzt, von einem Schuss ins Bein getroffen.

Menschen drängen heraus, aber es werden weniger. Nicht, weil die Halle sich wirklich leeren würde, sondern weil unter den Geiseln immer mehr Verwundete sind, die sich nicht mehr bewegen können. Murat Kazanow geht jetzt hinein. Natürlich hofft er, Alana zu finden, seine Tochter. Aber gezielt sucht er nicht nach ihr. Er greift nach allem, was lebt.

Im Entengang, weil die Terroristen vom Dach in die Halle hinunterschießen, arbeitet er sich unter der Linie der Fensterbretter immer weiter vor. Er geht wie durch einen Alptraum. Vorbei an verstümmelten Kindern; vorbei an einzelnen menschlichen Gliedern, an Rümpfen, vorbei an offenen Leibern, an Leichen. Menschen, die noch leben, nimmt er auf beide Arme, schwere Körper legt er sich über die Schulter und trägt sie zum Windfang, zum Kraftraum. Er spürt bald seine Beine nicht mehr. Ihm fahren Krämpfe in die Waden. Seine Unterarme sind schwer wie Blei. Ein gutes Dutzend Männer macht es Kazanows Beispiel nach. Sie buckeln sich hinein in die Halle, sie zerren Lebende heraus, wieder und wieder.

Kazanow geht 20-mal, 25-mal, 30-mal, schweißüberströmt trägt er Kinder und Erwachsene auf den Knien hin und her, um ihn die Schüsse, die Hilfeschreie, unter ihm so viele Leiber, dass er seine Füße vorsichtig setzen muss, um nicht in Menschen zu treten. Die Terroristen schießen noch in die Toten hinein. Wahllos feuern sie in die Halle, wahllos suchen sie Opfer zu produzieren, Opfer, Opfer. In der Hallenmitte, aber zum Glück unter den Fenstern, sieht Kazanow einen Jungen sitzen, fünf oder sechs Jahre alt, unverletzt. Er sitzt da, ernst, regungslos, wie unbeteiligt. Er ist schwer zu erreichen. Körper liegen um ihn, Trümmer.

Murat Kazanow ruft das Kind. Er macht Bewegungen mit der Hand. "Komm! Komm hierher! Komm, Junge!" Das Kind geht auf allen vieren. Es kriecht vorwärts, ein Stück auf Kazanow zu, der an der Fensterfront kauert, drei, vier Meter weg, und die Hand ausstreckt. "Komm weiter! Weiter!" Aber der Junge kann nicht weiter. Er erstarrt. Regungslos steckt er fest, wie versteinert. Die Leichen. Das Blut. Das Feuer. Die Schüsse. Kazanow bewegt sich auf ihn zu. Er geht auf Zehenspitzen, um keinen Leib zu treten. Er schiebt die Füße vorsichtig zum Boden durch. Er erreicht den Jungen. Er spricht mit fester Stimme zu ihm, er sagt: "Geh jetzt! Geh zur Tür! Krabbel hin! Mach schon!" Es fallen noch immer brennende Teile vom Dach. Der Junge kann nicht. Kazanow brüllt ihn an. Er schlägt ihm auf den Hintern. Er sagt: "Du kriegst eine Tracht Prügel von mir!", aber es hilft nichts. Kazanow muss ihn doch nehmen, auf die Arme, auf die Knie, seine Muskeln brennen, er kann den Schritt nicht kontrollieren, er tritt in Weiches und Festes, es geht nicht anders, das Kind muss hier raus. Zur Tür. Und dort kehrt Kazanow wieder um.

Wieder in die Halle. Dann zur Tür ins Hauptgebäude, wo auch schon Retter zu sehen sind. So trägt Murat Kazanow 60 Menschen, vielleicht mehr, vielleicht 80, in die Freiheit und ins Leben zurück. Seine Tochter Alana ist nicht darunter.

Schule Nummer eins, Aula, 14 Uhr

Die Gruppe um den Sportlehrer Zagolow hält sich hinter dem Bühnenvorhang in der Aula versteckt. Das könnte gutgehen, wenn nicht der schwerverletzte Junge wäre, den ein paar andere Kinder hergebracht haben. Er liegt auf dem Boden, er ist vielleicht 19 Jahre alt, er schreit und trommelt vor Schmerzen mit den Fersen und Händen auf den Boden. Blut pulst aus seinen Wunden. Sie können ihn nicht zum Schweigen bringen. Er wird sie verraten.

Sie hören eine Stimme: "He, ihr da, hinter dem Vorhang, kommt raus, oder ich knalle euch ab. Kommt schon." Ein Terrorist zeigt mit dem Gewehr die Richtung. Zur Kantine, ein Stockwerk tiefer. Um die 50 Geiseln sind hier schon zusammengetrieben. Die Geiselnehmer sind erregt, sie schreien Befehle. Die Kinder sollen die weißen Vorhänge von den Wänden reißen, in die Fenster treten, die Vorhänge schwenken und rufen: Schießt nicht, schießt nicht. Die Kinder gehorchen, bis eine Stimme ruft, sie kommt anderswoher, sie klingt lauter: "Legt euch hin!"

Terroristen sind zu sehen, wie sie panisch von den Fenstern weglaufen, dann fegt eine Explosion durch den Raum, dann sind die Geiselnehmer weg, bis auf einen - Nur-Paschi Kulajew, den "Lächelnden". Er steht plötzlich da, vor dem Sportlehrer Zagolow, er trägt jetzt Zivil, einen Trainingsanzug. Er versteht Ossetisch, er sagt: "Ich habe niemanden hier ermordet. Sie haben mich gezwungen mitzumachen." Er bleibt bei der Gruppe, unbewaffnet. Er will in ihrer Gesellschaft fliehen.

Panzer stehen draußen. Sportlehrer Zagolow winkt, er und die Kinder rufen: "Schießt nicht! Hier sind Geiseln!", aber die Schießerei wird eher stärker. Es hat an dieser Ecke des Hauses keinen Sinn. Die Gruppe, mit dem Terroristen im Gefolge, verlässt die Kantine. Im Gefechtslärm rennen sie den Flur entlang bis in den hintersten Klassenraum.

Wie überall im Erdgeschoss sind auch hier die Fenster vergittert. Aber Zagolow ist nicht nur Sportlehrer. Er war UdSSR-Meister im Gewichtheben. Er hat Bärenkräfte. Er stemmt das Eisen aus der Halterung. Er biegt die Stäbe zurück. Draußen hagelt es Kugeln aus Gewehren, Pistolen, es schießen alle durcheinander, Polizei, Militär, Privatleute, Schüsse von allen Seiten, Kreuzfeuer von Seiten der Terroristen. Eine Frau wagt sich als Erste hinaus. Sie wird erschossen. Dann springt ein Junge. Eine Kugel durchschlägt seinen Hinterkopf. Ein dritter Junge geht hinaus, er wird ins Herz getroffen und fällt. Niemand weiß mehr, in diesem Chaos, wer wen erschießt. Alle scheinen auf alles zu schießen, was sich bewegt.

Beslan, südlich der Bahnlinie, 14.45 Uhr

Mitglieder des Terrorkommandos haben sich unter die Fliehenden gemischt. Sie haben die Waffen weggeworfen, sie tragen jetzt T-Shirts und Jeans, aber auch diese Zivilkleidung verrät sie. Alle Geiseln kamen im Sonntagsstaat zur Schule, nicht in Jeans. Die Terroristen sind leicht zu erkennen, sie sind so auffällig, als hätten sie noch ihre Tarnuniformen am Leib. Dennoch gelingt einigen für kurze Zeit die Flucht. Im Strom der fliehenden Geiseln laufen sie zur Komintern-Straße hinaus und überqueren die Bahngleise. Der Ortsrand auf dieser Seite ist nah, womöglich gibt es Absprachen der Terroristen, Rettungspläne. Jedenfalls gibt es Schießereien dort. Hubschrauber verfolgen fliehende Täter, Zeugen sehen, wie einzelne aus dem Hubschrauber heraus erschossen werden. Andere werden in Privathäusern umstellt, Speznas-Truppen ziehen dort auf, die Täter werden dort ebenfalls erschossen. Nichts wirkt, als sei es von Spezialisten geplant. Nichts wirkt, als sollten hier Festnahmen stattfinden. Die Sicherheitskräfte schießen, ehe sie Fragen stellen.

Schule Nummer eins, hinterer Gebäudeteil, 15.30 Uhr

Sportlehrer Zagolow hockt mit seiner Gruppe und dem Geiselnehmer im Trainingsanzug noch immer unter dem Fensterbrett in einem Klassenzimmer ganz hinten. Die Schießerei hat nachgelassen, aber niemand wagt es, den Kopf zu heben. Stimmen sind draußen zu hören. Es ist nicht zu sagen, ob es eigene Leute sind oder Terroristen.

Der Sportlehrer herrscht den Geiselnehmer Nur-Paschi Kulajew neben sich an: "Schau du nach, wer da ist, los!" Der Mann hat Angst. Er sagt: "Aber die schießen doch noch!" Zagolow sagt: "Wenn du hierher gekommen bist und mitgemacht hast, dann hast du auch nichts Besseres verdient. Los, schau nach!" Er tut es.

Draußen sind Speznas-Kämpfer. Sie nehmen die Geiseln, Kinder, in Empfang, schwerverletzte, halbtote Menschen. Nur-Paschi Kulajew, der Terrorist, wird verhaftet. Als einziger von 33 Terroristen wird er nicht erschossen, sondern festgenommen. Er läuft wie auf den Planken eines schaukelnden Schiffs. Die Explosionen haben bei ihm Gleichgewichtsstörungen verursacht. Als sie ihn überwältigen, ruft er nur: "Leben will ich, ich will leben."

Beslan, Krisenstab, 16.35 Uhr

Die Nachrichten gehen wirr durcheinander. Das nordossetische Innenministerium gibt bekannt, die Terroristen hätten sich in drei Gruppen geteilt. Fünf Banditen leisteten weiterhin Widerstand in der Schule, andere kämpften im Stadtgebiet von Beslan, vier Terroristen hätten versucht, als Geiseln getarnt zu entkommen, darunter auch die Anführer. Es heißt jetzt wechselweise, drei der Angreifer seien lebend gefangen oder zwei oder nur einer. Es heißt, zwei weibliche Terroristen seien als Krankenschwestern verkleidet geflohen. Ein aufgebrachter Mob habe einen Tatverdächtigen gelyncht. Die Schule sei vollständig unter Kontrolle. Und dann wieder: Es werde dort noch immer wild geschossen. Es wird dort in der Tat noch immer geschossen. Besonders im hinteren Gebäudeteil leisten Terroristen heftigen Widerstand, aber auch im Obergeschoss. Einige von ihnen haben sich im Werkraum verschanzt, einige scheinen in den Keller vorgedrungen zu sein, der nur dort hinten zugänglich ist. Sie schießen Granaten aus dem Gebäude. Es gibt erste Gerüchte über die Zahl der Toten. Es heißt, es gebe 200 Opfer. 300. Noch mehr. Allein die beiden Brüder Totijew, die elf Kinder großzogen, haben sechs Söhne und Töchter verloren. Es werden erste Theorien laut und Legenden gesponnen über den Hergang der Tat. Es heißt, das Terrorkommando habe schon Wochen zuvor, während Renovierungsarbeiten, mithilfe inguschischer Bauarbeiter mindestens sechs Munitionskisten in der Schule deponiert.

Ein 13-jähriger Junge berichtet, die Geiselnehmer hätten ihn zu Beginn des Anschlags gezwungen, den Boden in der Schulbibliothek aufzustemmen, wo die Kisten gelagert worden seien. Aber mehr als diese Zeugenaussage gibt es darüber nicht. Der Junge widerspricht sich in zeitlichen Details. Die Renovierungsarbeiten sind nach allen verfügbaren Quellen bis in die Bibliothek nie vorgedrungen. Andererseits: Im Boden des benannten Zimmers finden sich wirklich zwei große Löcher, nirgendwo sonst im Haus haben die Terroristen solche geschlagen. Und wirklich, die Größe könnte zu Munitionskisten passen. Warum ist der Boden dort aufgeschlagen? Warum nirgendwo sonst? Die Tat löst sich auf in Thesen.

Beslan, Krankenhaus, 16.40 Uhr

Das Schlimmste ist schon vorüber. Der Stau vor dem Krankenhaus wird kürzer. In den Büchern der Notaufnahme stehen 554 Einlieferungen binnen weniger Stunden. 500 Patienten haben sie gleich weitergeschickt nach Wladikawkas. Die gröbste Arbeit ist getan. Die Toten und Sterbenden sind von den Verwundeten getrennt. Die Schwerverwundeten von den Leichtverletzten geschieden. In den 5 Operationssälen arbeiten 15 Chirurgen. 200 Ärzte sind im Dienst. 57 Krankenwagen pendeln. Vor dem Haus ist ein Notlazarett unter Zeltplanen errichtet. Im Zentralkrankenhaus von Wladikawkas werden 219 Verletzte durch die Notaufnahme geschleust. Viele haben furchtbare Wunden vom Feuer und von Schüssen. Im Laufe des Tages sterben 5 Patienten.

Im Kinderkrankenhaus werden 309 Verletzte behandelt, 30 müssen reanimiert werden. Am häufigsten sind Splitterschäden, Bauchwunden, Knochenbrüche, Augen- und Ohrenverletzungen. Die Kinder weinen nicht. Sie sind still. Regungslos nehmen sie es hin, wenn Ärzte ihnen Spritzen geben. Der Ablauf ist geschäftsmäßig, ruhig, keine Panik mehr.

Schule Nummer eins, 17 Uhr

Das große Gefecht verebbt. Die Turnhalle, der Hauptkorridor, Aula, Kantine, die Klassenzimmer im vorderen Gebäudeteil sind in der Hand der Sicherheitskräfte. Teile der Schule brennen immer noch. Die Schule sieht aus wie nach einem Bombardement aus der Luft.

Ärzte, Feuerwehrleute, Katastrophenschützer arbeiten im Gebäude. Die toten Geiseln werden zum Leichenschauhaus gebracht. Die toten Terroristen werden zehn Meter vom Haupteingang der Schule, an einer Mauer, in eine Reihe gelegt. 32 Leichen werden es Stunden später sein, das widerspricht der offiziellen Darstellung von 31 toten Terroristen. Es sind 32. Ein ganzer Zug Feuerwehrleute sieht sie liegen und beschwört die Zahl. Auf den Leichensäcken liegen Nummern, 1 bis 32.

Das sind die Toten. Aber gibt es womöglich auch solche, die am Leben blieben? Treiben sich noch Terroristen in und um Beslan herum, geflohen im Chaos des Showdown? Und haben sie womöglich sogar Kinder mitgenommen? So fragen die Leute an der Stadtverwaltung, am Kulturpalast. Antworten darauf gibt es nicht.

Beslan, Krisenstab, 18.13 Uhr

Die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern von Beslan und Wladikawkas wird offiziell mit 346 angegeben. Tatsächlich sind es um diese Zeit schon über 600. Putins Beauftragter Aslambek Aslachanow lässt erklären, die Zahl der Opfer könne "über 150" liegen. Tatsächlich werden es am Ende des Tages mehr als 300 sein.

Es gibt einen letzten Kontakt zu Geiselnehmern in der Schule. Michail Guzerijew telefoniert. Die Stimme am anderen Ende sagt: "Schuld an allem seid ihr."

Beslan, Leichenschauhaus, 19 Uhr

Als der Abend kommt, hat Murat Kazanow, Abschleppunternehmer, das Schlachtfeld verlassen. Nachrichten von Alana hat die Familie nicht. Aber Kazanow will auch nicht mehr hinunterschauen auf die Schule. Er will die Schüsse nicht mehr hören, er will ein Bad nehmen.

Die eigene Wohnung hat keine Badewanne. Die Familie zieht um zum Haus der Eltern, ein paar Blocks entfernt. Dort legt sich Murat Kazanow ins heiße Badewasser. Es ist gegen sieben am Abend. Es hämmert an der Tür. Seine Mutter steht draußen. Sie ruft: "Sie haben Alana gefunden. Sie liegt im Leichenschauhaus." Mit der älteren Tochter und mit einer Schwester fährt Murat Kazanow zum Leichenschauhaus. Zwischen den Gebäuden, grober Backstein, stehen große Menschengruppen, still. Viele hier tragen kleine Masken aus Zellstoff über Mund und Nase gegen den allgegenwärtigen Leichengeruch.

Sie werden zu einer Bahre geführt. Der kleine Mensch darauf ist nicht mehr zu erkennen. Verletzungen haben das Gesicht entstellt, Verbrennungen. Aber sie könnte es sein. Es sind ihre Ohrringe. Es ist ihre schwarze Unterhose. Die Größe stimmt. Die zum Knoten gebundenen Haare. Der Vater, die Schwester, die Tante, sie schwanken. Sie wünschen, Alana wäre noch am Leben. Sie wünschen, wenigstens, sie wäre vermisst. Die Leiche, die sie sehen, bringt nicht die letzte Klarheit. Sie ist es, denkt Murat Kazanow. Aber ist sie es wirklich?

Er zögert, das Papier zu unterzeichnen, das man ihm hinhält. Das Papier, ein vorgedrucktes Formular, in dem steht, dass Alana Kazanowa, geboren am 23. Februar 1989, tot sei. Todesursache: Mord. Er wird informiert, dass er eine Genprobe machen lassen könne, in Rostow am Don, für 300 Euro. Murat Kazanow hat keine 300 Euro. Er unterschreibt.

Er wird aufgefordert, jetzt zu gehen und mit zwei Decken und sieben Meter Zellophan wiederzukommen. Nichts bleibt den Opfern, den überlebenden wie den toten, erspart.

Beslan, Krisenstab, 19.08 Uhr

Es wird bekannt, dass einzelne Kinder noch immer in der Hand der Terroristen sind. Rund um die Stadtverwaltung, rund um den Kulturpalast sind Tausende Angehörige von Geiseln versammelt. Viele trauern laut und wehklagend. Eltern gehen herum mit Fotos ihrer vermissten Kinder. Es werden Gerüchte laut, einigen Terroristen sei die Flucht gelungen und - sie hätten noch Kinder in ihrer Gewalt. In der Schule werde noch immer geschossen.

Beslan, Krankenhaus, gegen 19.30 Uhr

Im Erdgeschoss des Krankenhauses liegt Fatima auf einem Bett und trinkt. Sie kann nicht aufhören, sie trinkt eine ganze Flasche. Das Wasser ist warm, aber in ihrem Mund schmeckt es köstlich. Sie hat drei Tage nicht getrunken. Keinen Tropfen. Sie hat es überlebt. Sie ist gerettet.

Sie hört eine Stimme, die ihren Namen ruft. "Fatja! Fatja!", ruft die Stimme. Durch das Fenster sieht sie ihre Mutter. Sie berühren beide die Scheibe, dann läuft die Mutter ins Krankenhaus hinein. Sie findet Fatima am Ende des Korridors. Als sie sieht, wie blass und mager ihre Tochter ist, fällt sie in Fatimas Arme und weint. Die Tochter weint nicht. Sie ist gefasst. Sie hält ihre Mutter. Sie sagt: "Warum weinst du? Ich lebe."

Beslan, Leichenschauhaus, 21 Uhr

Bei der Rückkehr wird Murat Kazanow die Leiche seiner Tochter auf einer Bahre übergeben. Er muss sich nun aufs Neue in eine Reihe stellen, vor die Tür der Abteilung, in der sie die Leichen waschen und in Decken und Folie einhüllen. Zwei Stunden steht Kazanow neben der Bahre mit der Leiche seiner Tochter in der Schlange. Dann bekommt er sie gewaschen und wie eine Mumie eingewickelt zurück.

Er fragt die Pathologen, ob er sein totes Kind nicht im Leichenschauhaus lassen könne über Nacht, im Kühlhaus. Er bekommt zur Antwort, dass man erst den Chef fragen müsse. Der Chef sagt Nein. Zu wenig Platz. Aber vor der Tür stehen Kühllaster. Spediteure haben sie vorfahren lassen. Sie verkaufen für die Nacht ihren Stauraum. Sie nehmen pro Leiche pro Nacht 300 Rubel. Murat Kazanow kauft einen Platz.

Beslan, Krisenstab, 21.21 Uhr

Walerij Andrejew, FSB-Chef in Nordossetien, spricht von 79 identifizierten Leichen. Es wird bekannt gegeben, was in Beslan jeder mit eigenen Ohren hören kann: dass in der Schule noch immer gekämpft wird, vor allem im hinteren Teil, wo sich der große Werkraum befindet. Auch Explosionen seien zu hören.

Panzer Nummer 325 aus dem Panzerbataillon der 58. Armee fährt an die Schule heran und schießt mit gesenktem Rohr in den Keller. Was und wer immer sich dort noch befunden haben mag, wird danach nicht mehr zu sagen sein. Das gilt für große Teile der Schule.

Beslan, Wohnung Murat Kazanow, nachts

Es geht gegen Mitternacht, der Abschleppunternehmer Murat Kazanow ist zurückgekehrt in die Soslan-Batagow-Straße 37. Er hört von den Nachbarn, dass allein sein Wohnhaus 28 Tote zählt und 4 Vermisste. Keine Familie, die nicht betroffen ist. Es ist ein Totenhaus.

Aus der Schule sind noch immer Schüsse zu hören, vereinzelt. Und aus dem hinteren Gebäudeteil der Schule, die längst eine Ruine ist, von dort, wo der Werkraum war, hört er immer wieder Kampfgeräusche, platzende Schüsse, Explosionen. Murat Kazanow betrinkt sich mit Wodka. Dann legt er sich hin. Zum ersten Mal seit 66 Stunden. Und schläft. Traumlos. Traurig. Wie ein Stein.

Schule Nummer eins, hinterer Gebäudeteil, 4. September, 2 Uhr

Zehn Explosionen, wie von Handgranaten, erschüttern den hinteren Flügel der Schule. In der Stille nach dem Schlag ist noch einmal ein Ruf zu hören, ein Todesschrei: "Allah ist groß! Allah ist groß!" Dann wieder Stille. Dann ist es vorbei. Es ist endlich zu Ende.

EPILOG

Die Männer und Frauen, die sich am frühen Morgen des 1. September 2004 in einem Waldstück auf den Sunschensker Höhen in Inguschien auf den Weg gemacht haben, den blutigsten Anschlag seit dem 11. September 2001 in New York zu begehen, sind tot. Mit einer Ausnahme. Das sagen die Vertreter der Untersuchungskommission: 16, die Hälfte der toten Täter, seien identifiziert. Aber ist das die Wahrheit? Überlebende Geiseln sprechen von wesentlich mehr Terroristen. Der Vorsitzende der nordossetischen Untersuchungskommission, Stanislaw Kessajew, bestätigt, dass die Zahl der Täter höher gewesen sein müsse. Ein Mitglied der in Beslan beteiligten Spezialeinheiten des Geheimdienstes spricht von 49 getöteten, 3 verhafteten Generalstaatsanwaltschaft räumt immerhin ein, dass ihre Daten unvollständig sein könnten. Und dass demzufolge Terroristen unbeschadet entkommen sein könnten. Wird sich je befriedigend aufklären, was in Beslan, am "Tag des Wissens", geschah? Erste Schuldige sind inzwischen zur Rechenschaft gezogen. Zurücktreten mussten Nordossetiens Innenminister und Geheimdienstchef. Gegen die leitenden Polizeibeamten im inguschischen Bezirk Malgobek und im nordossetischen Gebiet Beslan wird wegen Fahrlässigkeit ermittelt. Die Bestätigung, dass ein hoher Mitarbeiter der inguschischen Polizeiaufsichtsbehörde unter den Terroristen gewesen sein könnte, steht noch aus.

Nur, die bisher Beschuldigten sind dem Rang nach Erfüllungsgehilfen: Minister von Kleinstrepubliken, mittlere Beamte. Die von Putin zementierte Vertikale der Macht, die russische Forderung und Praxis, möglichst viel Verantwortung in möglichst wenig Händen zu konzentrieren, all das hat im Schuldfall keine Folgen für die wirklich Mächtigen. Es ist kein einziger Politiker der Moskauer Zentrale zu finden, kein Minister, auch nicht der Geheimdienstchef, der Verantwortung für das größte Blutbad der jüngeren russischen Geschichte übernommen hätte.

Unverändert im Amt, auch nach Beslan, sind: Innenminister Raschid Nurgalijew, zuständig für die Polizei, die den Terroristen helfende Hand war; Nikolai Patruschew, Direktor des Inlandsgeheimdienstes, der nun, zu spät, mit Material aus Altakten prahlt über die Mörder von Beslan; und, nicht zuletzt, Präsident Wladimir Putin selbst.

Er, der den Überfall auf die Schule Nummer eins in Beslan als "Kriegserklärung" gegen das größte Land der Erde bezeichnet hat, machte im Anschluss daran Wahlkampfwerbung für George W. Bush, den er als Bekämpfer des internationalen Terrorismus besang. Angaben darüber, wie den Opfern des Terrorismus vor der eigenen, der kaukasischen Haustür Gerechtigkeit widerfahren solle, machte er nicht.

"Wir haben auf Putin gewartet, und es kam nur Auschew", der inguschische Ex-Präsident, klagten Angehörige der toten Geiseln am 3. November auf einer öffentlichen Versammlung in Beslan, in deren Verlauf sich der stellvertretende Generalstaatsanwalt für Russlands Süden dem Zorn der Menge durch Flucht entziehen musste.

"Wo war Putin?", rufen die Menschen und äußern die Befürchtung, die Wahrheit werde wie so oft in Russland wieder nicht ans Licht kommen. Sie sprechen von Uniformträgern, die ihnen verboten hätten, gegenüber Ermittlern und Journalisten die Wahrheit zu sagen; sie bezeugen, dass die Terroristen, anders als von Russlands Machthabern behauptet, konkrete, womöglich erfüllbare Forderungen gestellt hätten; und sie brüllen ihre Wut über die Korruption im Land heraus. Darüber, dass sich ein Mörderkommando womöglich den Weg freikaufen konnte zur Schule Nummer eins von Beslan.

Sind die Proteste der Überlebenden nur eine Variation des alten Lieds, das Russlands Untertanen seit Jahrhunderten singen, wenn ihnen die Herrscher unermessliches Leid zumuten als Preis für den Erhalt des Riesenreichs?

Oder ist der Zorn über Lug und Trug und Käuflichkeit im Land diesmal so groß, dass er auch das System Putin gefährden könnte? Daran, wie mit den Opfern der Bluttat und daran, wie mit den Schuldigen für die toten Geiseln verfahren wird, für verbrannte Säuglinge, erschossene Halbwüchsige und exekutierte Familienväter, wird sich ablesen lassen, wohin Russlands Weg führt.

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