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Simulation von Sea-Watch: Bedrückendes Experiment: 40 Menschen erleben den Horror einer Flucht übers Mittelmeer

Weiterhin sterben täglich Menschen auf dem Mittelmeer. Die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch hat ein Experiment durchgeführt, um Deutsche in die Lage von Flüchtlingen zu versetzen.

Lifeboat Experiment von Seawatch

40 Freiwillige simulieren eine Flucht übers Mittelmeer – am Ende bleibt es nur eine Simulation

Mehr als 2200 Flüchtlinge sind nach UN-Angaben im vergangenen Jahr im Mittelmeer gestorben – ertrunken beim Versuch, auf dem Wasserweg nach Europa zu gelangen. Im Jahr davor waren es sogar über 3000. Die Zahlen offenbaren die Dimension der Katastrophe, die sich seit Jahren auf dem Mittelmeer ereignet, und doch bleiben sie, wie es Zahlen nun einmal an sich haben, abstrakt. Egal, wie viele Flüchtlinge man persönlich kennenlernt, wie viele von ihnen in den Medien porträtiert werden: Das Trauma der Überfahrt unter Lebensgefahr wird allen, die es nicht erlebt haben, wohl immer unzugänglich bleiben.

Die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch hat versucht, mit einem Experiment Menschen aus Deutschland in die Situation von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu versetzen. Mit einer aufwendig angelegten Aktion wurde eine Fahrt in einem Boot unter ähnlichen Bedingungen, wie sie auf einer Flucht herrschen, simuliert. Das Video zum "Lifeboat Experiment" ist mit weiteren Informationen online abrufbar.

40 Menschen simulieren eine Flucht übers Mittelmeer

Ein dunkler Raum, die Teilnehmer werden notdürftig mit Schwimmwesten ausgestattet und von einem Mann mit furchteinflößendem Befehlston auf ein viel zu kleines Boot gescheucht. Die Wellen lassen das Schlauchboot schaukeln, es ist stockdunkel. Die 40 Menschen, die sich auf das Experiment eingelassen haben, sind Freiwillige: Studenten, Schüler, ein Polizist, Kaufleute. Doch in diesen Momenten erleben sie, was es heißt, sich in einer körperlichen und nervlichen Ausnahmesituation zu befinden.

Konzipiert wurde das "Lifeboat Experiment" mit Flüchtlingen, die diese Erfahrungen unter realen Bedingungen machen mussten. Umgesetzt haben es der Psychologe Michael Thiel und der Oscar-nominierte Regisseur Skye Fitzgerald. Der Perspektivwechsel sei der zentrale Aspekt des Experiments, erklärt Thiel: "Wir können die Situation eines Flüchtlings besser verstehen, wenn wir jemanden, der so ist wie wir, in seiner Lage sehen. Das Experiment zeigt, was uns zu Menschen macht: die Fähigkeit, Empathie zu empfinden."

Seawatch will Abstumpfung entgegenwirken

Genau diese Empathie geht in den Ländern, die die Flüchtlinge anstreben, immer mehr verloren: Wurden Geflüchtete 2015 noch von vielen an Bahnhöfen und Grenzen willkommen geheißen, ist dieser Zuspruch mittlerweile deutlich abgeebt. Rechtspopulistische Parteien gewinnen mit Stimmungsmache gegen Migranten Wählerstimmen.

Und auch bei Menschen, denen das Schicksal der Flüchtenden eigentlich nahegeht, tritt ein Gewöhnungseffekt ein: Es mangelt nicht an schockierenden Bildern, Zahlen und Geschichten, doch diese lösen bei den Rezipienten immer weniger aus. Umfragen belegen die Abstumpfung – laut einer von Sea-Watch in Auftrag gegebenen Umfrage ist 85 Prozent der Deutschen das Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe nicht bewusst.

Sieben Teilnehmer mussten das Experiment abbrechen

Die Seenotrettungsorganisation will mit dem Experiment mehr Verständnis schaffen. Tatsächlich wirkt die Stimmung in dem Dokumentarfilm beklemmend, die Berichte der Teilnehmer bewegen. Und doch bleibt alles nur mittelbar, solange man auf der guten, sicheren Seite des Bildschirms verharrt. Selbst für die Teilnehmer des Experiments hat die Grenzerfahrung Netz und doppelten Boden: Das Mittelmeer ist in diesem Fall eben doch nur eine Halle in Schleswig-Holstein, die Wellen werden maschinell erzeugt. 

Trotzdem brachen mehrere Teilnehmer auf dem Boot in Tränen aus, viele wurden von Übelkeit geplagt, teilte Sea-Watch mit. Sieben von ihnen brachen das Experiment vorzeitig ab. Aber sie mussten sich nur ins Wasser fallen lassen und wurden dann von Rettungstauchern aufgefangen – anschließend ging ihr sicheres Leben weiter. Für Flüchtlinge bedeutet das den Tod. Denn, wie es am Ende in dem Dokumentarfilm heißt: "Was auf dem Mittelmeer passiert, ist kein Experiment."

JWD: Team Joko an Bord der "Sea-Watch 3" im Mittelmeer