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"Ni una menos": Frauenmorde: Wie der Protest gegen den Femizid Argentinien verändert

Eine Woche lang wird eine junge Argentinierin vermisst. Dann wird ihre Leiche am Straßenrand entdeckt. Sie wurde Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Das Erschreckende: Es ist kein Einzelfall im Land der Gauchos.

Von Dieter Hoß

"Heute sind wir alle Cinthia Morán": Der brutale Vergewaltigungs- und Mordfall an einer jungen Frau ist beispielhaft für ein tief sitzendes Problem in der Gesellschaft Argentiniens

"Heute sind wir alle Cinthia Morán": Der brutale Vergewaltigungs- und Mordfall an einer jungen Frau ist beispielhaft für ein tief sitzendes Problem in der Gesellschaft Argentiniens


"Hoy somos todos #CinthiaMorán"! "Heute sind wir alle Cinthia Morán" steht auf einem Plakat, das die Einwohner durch die Straßen von Clorinda tragen. Die Männer und Frauen der Kleinstadt in der argentinischen Provinz Formosa, direkt an der Grenze zu Paraguay gelegen, sind zutiefst erschüttert. Eine Woche lang wurde eine 19-jährige Schülerin vermisst, dann fand man ihre Leiche am Rand der Nationalstraße 86. Cinthia Morán, so ihr Name, wurde von mehreren Männern auf besonders brutale Weise vergewaltigt, unter Drogen gesetzt und ins Wasser geworfen. Wie die Tageszeitung "Pagina 12" und andere argentinische Medien berichten, ist die junge Frau nach allen Qualen, die sie erdulden musste, letztlich ertrunken und "wie Müll" an der Straße weggeworfen worden. Der erschreckende Fall ist ein weiteres Beispiel für Frauenmorde, die im Land der Gauchos an der Tagesordnung sind.

Cinthia Moráns Martyrium ereignete sich vor gut drei Wochen. An einem Freitag hatte sie sich aufgemacht, um Freunde zu treffen. Sie kehrte nie mehr nach Hause zurück. Irgendwann im Laufe des Abends nahm sie die Einladung eines 17-jährigen Bekannten zu einer Party an. Sie willigte ein, ohne zu ahnen, was sie dort erwarten würde. Sie wurde zum Objekt der "Gäste" des 17-Jährigen - mindestens sechs junge Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren.

"Das Dickerchen ist durchgebrannt"

Die sechs gingen nach Erkenntnissen der Gerichtsmedizin mit äußerster Brutalität vor. Leichenbeschauer Bienvenido Zárate sagte laut dem Zeitungsbericht, dass angesichts der schlimmen Verletzungen der Tod eine Erlösung für Cinthia gewesen sein müsse. Die Rede ist von einer mutwilligen "Zerstörung" der Genitalien, der Körper der jungen Frau sei "mit Grausamkeit und Hass überzogen worden". Die sechs jungen Männer wurden inzwischen verhaftet, ebenso der 17-Jährige, der Cinthia Morán mit seiner Einladung in die Falle gelockt hatte.

Bei der Suche nach der Vermissten und den mutmaßlichen Tätern legten die Ermittler offenbar keinen allzu großen Elan an den Tag. "Die Polizei hilft uns nur sehr wenig", berichtete Cinthias Großmutter María Graciele Oliveira der lokalen Presse in jenen Tagen, als das Schicksal ihrer Enkelin noch ungewiss war. "Wir sind es, die die Informationen zusammentragen." Hinter vorgehaltener Hand, so wird kolportiert, soll der zuständige Kommissar sogar über Cinthia gelästert haben: "La gordita", das Dickerchen, sei bestimmt mit ihrem Freund durchgebrannt. Die Menschen in Clorinda sahen das anders. In zwei Märschen durch die Stadt forderten sie Gerechtigkeit für Cinthia: "Hoy somos todos #CinthiaMorán".

"Sollen wir tatenlos zusehen, wie sie uns töten?"

Der furchtbare Fall in dem Städtchen im tropisch-heißen Norden des Landes hat alle Zutaten eines Phänomens, das eines der gravierendsten Probleme der im hohen Maße von Machismo geprägten argentinischen Gesellschaft ist: femicido - Frauentötung. Alle 30 Stunden wird laut der NGO "La casa del encuentro" ("Haus der Begegnung") eine Argentinierin Opfer eines durch (Ehe-)Männer verübten Mordes, der Oberste Gerichtshof spricht von einem Frauenmord alle 37 Stunden. Dass es diese Statistiken überhaupt gibt, ist bereits ein Erfolg - nach jahrelangem Schweigen, nach jahrelanger Arbeit. Ebenso wie die Verschärfung der Gesetze.

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Femizid ist inzwischen nicht nur ein Begriff der Alltagssprache in Argentinien, sondern schon seit Ende 2012 auch ein verschärfender Tatbestand. Die Gerichte nutzen ihn allerdings immer noch äußerst schleppend. Immerhin: Noch vor wenigen Jahren war es üblich, dass die Richter den Tätern den Umstand der "gewaltsamen Erregung" sogar strafmildernd zuerkannten. Das lässt nach - nicht zuletzt wegen des öffentlichen Drucks.

"Ni una menos" ("Nicht eine (Frau) weniger") nennt sich eine Bewegung, die vor zwei Jahren von zwei Journalistinnen ins Leben gerufen wurde. Durch wiederholte Demonstrationen in der Hauptstadt Buenos Aires, in vielen anderen Städten und durch ständige Präsenz in den sozialen Medien hält Bewegung den Druck auf Politik, Gerichte und Gesellschaft aufrecht. "Es reichte uns nicht mehr über die Frauenmorde zu berichten", zitiert der "Deutschlandfunk" Valerio Sampedro, eine der Initiatorinnen von #niunamenos. "Wir wollten als Frauen, als Bürgerinnen aktiv werden. Alles begann mit dem Tweet einer Kollegin, die fragte: Wollen wir etwa tatenlos zusehen, wie sie uns töten?"

Frauenmord: Nötig ist ein kultureller Wandel

Inzwischen ist "Ni una menos" praktisch jedem in Argentinien ein Begriff - und die Bewegung hat sich in die Nachbarländer ausgebreitet. Denn auch in den Gesellschaften in Peru, Chile und Uruguay hat Macho-Gewalt traditionell einen festen Platz. Die argentinische Bewegung kann da Vorbild sein. Zehntausende gehen regelmäßig aus Protest gegen Gewalt und Morde an Frauen auf die Straße. Erstmals gibt es für den Kampf gegen die Femizide einen festen Etat von umgerechnet rund 2,7 Millionen Euro. Ein deutliches Zeichen, dass die Politik das Thema inzwischen ernst nimmt.

Bis Schicksale wie das von Cinthia Morán aus Clorinda der Vergangenheit angehören, wird allerdings noch sehr viel Zeit vergehen. Denn nichts dauert länger als ein kultureller Wandel. "Wenn wir heute bei den Schülern ansetzen", sagt die Präsidentin des Frauenrats, Fabiana Tuñez, dem "Deutschlandfunk", "werden wird die Ergebnisse in 20 Jahren sehen. Dann werden wir sicher eine Gesellschaft mit anderen Werten haben."


dho
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