VG-Wort Pixel

Anwalt der Germanwings-Opfer "Die Eltern wollten ihre Kinder endlich beerdigen"


Die Rückführung der Germanwings-Opfer ist kurzfristig verschoben worden. Für die Angehörigen ein neuer Schock. Der stern sprach mit Rechtsbeistand Giemulla über die unerträgliche Situation.

Rechtsanwalt Elmar Giemulla vertritt die 16 Elternpaare aus Haltern am See, die ihre Kinder bei dem Absturz der Germanwings-Maschine Ende März in Frankreich verloren haben. Die Teenager waren auf dem Rückweg von einem Schüleraustausch, als der Pilot Andreas Lubitz das Flugzeug absichtlich gegen eine Felswand steuerte. Mit ihm starben 149 Menschen. Die Leichen sollten in der kommenden Woche nach Deutschland überführt werden. Nun wurde der Termin verschoben. Mit dem stern sprach Giemulla darüber, was das für die Angehörigen bedeutet.

Herr Giemulla, die erste und wichtigste Frage: Wie geht es den Angehörigen?

Schlecht. Die Angehörigen haben sich in den letzten Wochen auf den Termin der Rückführung vorbereitet. Die Eltern wollten ihre Kinder endlich beerdigen. Bisher war die Katastrophe für die Hinterbliebenen noch immer zu abstrakt, um sie begreifen zu können. Die Beerdigung ist ein wichtiger Schritt, um diesen Schicksalsschlag verarbeiten zu können. Erst wenn die Leichen wieder in Deutschland sind, wird die Katastrophe greifbarer. Umso größer war der Schock, dass die Rückführung der Leichen plötzlich verschoben werden sollte.

Was ist der Grund dafür? Falsch übersetzte Urkunden?

Die Gründe sind total undurchsichtig. Ich weiß auch nicht mehr als das, was in der Presse steht. Nein, ich muss es sogar umgekehrt sagen: Wir, das heißt die Angehörigen und ich, haben sogar weniger Informationen bekommen, als hinterher in der Presse zu lesen war. Nun kann es natürlich passieren, dass Urkunden falsch ausgestellt werden. Trotzdem ist nicht plausibel, warum wegen eines solchen Fehlers, der ja innerhalb weniger Stunden korrigiert worden ist, die gesamte Rückführung abgesagt wurde. Ich glaube, dass bei den französischen Behörden etwas schief gelaufen ist.

Ist das Vertrauen der Angehörigen in die Lufthansa erschüttert?

Es ist zumindest sehr beschädigt. Und das ist schade, weil die Angehörigen bisher keinen Groll gegen Lufthansa hegten. Die Opfer haben bislang keine Trennlinie zwischen sich und der Fluggesellschaft gezogen. Im Gegenteil. Sie haben sich mit Lufthansa solidarisiert. Schließlich hat die Fluglinie auch Personal und Kollegen verloren. Und sie wurde von dem Piloten, der das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hat, in gewisser Weise auch betrogen.

Die Lufthansa wollte den Angehörigen schnell einen Vorschuss auf die Entschädigung von 50.000 Euro überwiesen. Ist das geschehen?

Ja. Darüber gibt es auch keine Beschwerden. Lufthansa hat sich vorbildlich verhalten.

Gibt es Kontakte zwischen Angehörigen und den Eltern von Andreas Lubitz?

Nein, es gibt keinen Kontakt. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass der Täter für die Angehörigen im Vordergrund steht. Vielleicht kommt das später. Die Hinterbliebenen machen den Eltern von Andreas Lubitz auch keine Vorwürfe. Sie sind mit ihrer Trauer beschäftigt. Bei einem Treffen habe ich den Untersuchungsbericht kommentiert. Ein Vater hat mich nach fünf Minuten unterbrochen und mich gebeten, meinen Vortrag zu beenden, weil es zu belastend sei.

Sie waren ja ein paar Mal in Haltern. Sind die Menschen dort zum Alltag zurückgekehrt?

Nein. In Haltern ist der Flugzeugabsturz noch immer präsent. Ich hatte den Eindruck, die Leute leben dort noch immer in einem totalen Ausnahmezustand. Dieses Kapitel wird vielleicht erst mit der Beerdigung abgeschlossen sein.

Wie äußert sich das?

Ein Elternpaar, dessen Tochter bei dem Absturz ums Leben gekommen ist, betreibt einen Gasthof. Nun bleiben die Gäste aus. Offenbar, weil sie nicht wissen, wie sie den Eltern gegenübertreten sollen.

Nehmen die Angehörigen psychologische Hilfe in Anspruch?

Ja, einige schon.

Die Beerdigungen waren ja schon geplant und müssen nun abgeblasen werden ...

Ja, die Hinterbliebenen haben die Beerdigungsfeierlichkeiten organisiert. Karten verschickt. Verwandte, die nicht in Haltern wohnen, haben Flüge und Hotels gebucht, die nun wieder storniert werden müssen. Und dann heißt es in einer lapidaren Mail von Lufthansa an die Angehörigen plötzlich: Wegen neuer Vorgaben ist es uns leider nicht möglich, den Termin zu halten. Wir melden uns, um Ihnen einen neuen Termin mitzuteilen. Was das für die Angehörigen bedeutet, mag man sich gar nicht vorstellen.

Wird die Lufthansa für die Kosten aufkommen, die durch die Verschiebung der Beerdigung entstanden sind?

Davon gehe ich mal aus.

Wann beginnen die Verhandlungen mit Lufthansa über die Entschädigungen?

Wir haben die erste Verhandlungsstufe vor zwei Wochen gehabt. Die Lufthansa hat signalisiert, dass sie nicht kleinlich sein wird. Das große Problem ist der immaterielle Schadensersatz, der in Deutschland nicht vorgesehen ist. Da will sich die Lufthansa öffnen. Aber über Zahlen haben wir noch nicht geredet. Ich bin auf die nächsten Verhandlungen gespannt.

Die Angehörigen müssen nicht nur entschädigt werden. Der Fall muss auch noch aufgeklärt werden. Wie weit sind die Ermittlungen?

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat mir mitgeteilt, dass sie noch auf die Akte wartet. Die Unfalluntersuchung ist abgeschlossen, der Hergang anhand der Blackboxen rekonstruiert. Es besteht kein Zweifel, dass Andreas Lubitz das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hat. Aber die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein depressiver Pilot im Cockpit saß, muss noch geklärt werden.

Update: Die Lufthansa hat inzwischen etwa die Hälfte der Elternpaare darüber informiert, dass die Rückführung der Leichen ihrer Kinder nun doch, wie angekündigt, am 10. Juni stattfinden soll. Die Eltern können ihre Kinder wie geplant beerdigen. "Damit hat sich für diese Familien ein leidvolles und völlig überflüssiges Problem doch noch rechtzeitig aufgelöst", sagt Hinterbliebenen-Anwalt Elmar Giemulla.

Interview: Kerstin Herrnkind

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker