HOME

"Alternativlos" ist das "Unwort des Jahres": Das Basta für Softies

Mit dem "Unwort des Jahres" will die Jury ihr Missfallen über ignorante Politiker ausdrücken. Doch dafür ist das Unwort zu schwach. Hauen Sie doch mal auf den Tisch und schreien "Alternativlos!"

Von Ralf Klassen

Also "Alternativlos" (das wir ab hier übrigens deshalb konsequent groß schreiben, weil es ja jetzt einen Titel hat!). Hmmm. Soso. Dieses eher harmlos daherkommende Wort soll ein Unwort sein, gar DAS Unwort des ganzen Jahres 2010? Hmmmm. Kommt ja ein bisschen schwachsemantisch daher, wo wir uns doch an so großartige Unworte erinnern wie "Humankapital" (2004), "Rentnerschwemme" (1996) oder, dem Kopper sei Dank, "Peanuts" (1994). Vergangenes Jahr fiel die Wahl übrigens auf das auch eher unschmissige "Betriebsratsverseucht". Ja Herrgott, das sagt doch heute jeder Lidl-Filialleiter, und schon das deutete auf eine Formkrise der deutschen Sprachverhunzer (oder ihrer Jury?) hin.

Schauen wir uns doch mal die Alternativen der geschlagenen Unwort-Konkurrenz an: Auf den Plätzen 2 und 3 folgen "Integrationsverweigerer" (Thilo Sarrazin) und "Geschwätz des Augenblicks"(Vatikan-Kardinal Sordano über den Missbrauchsskandal). Ist doch gar nicht so schlecht. Aber wahrscheinlich hat sich die sprachkritische Jury gedacht, dass es jetzt mal gut ist mit Ehre und Aufregung und Aufmerksamkeit und Hype für den Herrn Sarrazin - und damit hat sie ja zumindest eins richtig gemacht.

Also, zurück zu "Alternativlos", was anderes bleibt uns ja auch gar nicht übrig. Als Begründung für die Wahl gibt die Jury an, dass "Alternativlos" sich in den vergangenen zwölf Monaten massiv in den Sprachgebrauch der Politiker eingeschlichen hätte. Und die würden mit diesem Wort rigoros Schlussstriche genau da ziehen, wo es doch eigentlich weitergehen sollte. Zitat der Jury: "Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe."

"'Alternativlos' ist das 'Basta' der Merkel-Regierung"

Wie gesagt, die Jury meint damit hauptsächlich unsere wie üblich verdächtigen Politiker und deren Diskussionsverhalten bei Themen wie der Gesundheitsreform, dem Bahnprojekt Stuttgart 21 oder dem Ausbau des Frankfurter Flughafens. Alles "Alternativlos" - laut Politik laut Jury: "Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden. Sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken." Und auch die Kanzlerin sei so eine von diesen "Alternativlosen", sagt Unwort-Jurysprecher Horst Dieter Schlosser. Die habe das Wort ja zur Bewältigung der Griechenland-Krise benutzt. Und nun gibt uns der Schlosser den Rest: "Das (Alternativlos) ist das 'Basta' der Merkel-Regierung." Nicht schlecht, dieser Argumentationsstrang, zumindest auf den ersten Blick: Denn "Basta", damit hatte ja Gerhard Schröder lästige Diskussionen zu beenden gepflegt, so oft, dass er als "Basta-Kanzler" in die Geschichtsbücher einging.

Ach so, und die Merkel soll sich jetzt als "Alternativlos-Kanzlerin" in die Geschichte einreihen? Ha, das könnte Volker Kauder so passen! Nein, nein, das stimmt irgendwie hinten und vorne nicht. Zumal sich der Normalbürger ja auch Schläfen reibend vor allem eines fragt: Hat diese Bundesregierung, hat vor allem Angela Merkel 2010 wirklich irgendetwas unnachgiebig, "Alternativlos", vorangetrieben und beschlossen?

Da wackelt kein Kabinett

Ja, gut, die paar Milliarden für die siechen Griechen vielleicht, aber da gilt in erster Linie "mitgefangen mit Europa, mitgehangen mit Europa" - und ansonsten? Gilt die Frau Bundeskanzlerin doch wohl zu Recht als eine, die erst zögert, dann zaudert, dann abwartet, dann abwägt – und dann haben sich viele Dinge, die man als Bundeskanzlerin vielleicht mal energisch vorantreiben sollte, ja sowieso erledigt. Dass man auf diese Art easypeasy Probleme und Ministerpräsidenten los wird, und damit auch, hehe, ein paar lästige Alternativen, lassen wir mal aus dem Rahmen unserer Betrachtung fallen.

Nein, die Merkel ist kein Schröder. Und selbst wenn das kein Drama sein sollte im ewigen Lauf des Universums und im Jahr der Meisterschaft von Borussia Dortmund - also im Angesicht wirklich wichtiger Ereignisse: Diese Wahl ist falsch. Diese Unwort-Wahl, meinen wir natürlich.

Denn: "Alternativlos", das ist doch nur ein mickriges "Basta" für Softies. Mit dem man nicht - wie mit "Basta" - auf den Tisch hauen kann. Versuchen Sie das doch bitte einmal: aussprechen und hauen. "Alternativlos!" Und bumm. Eine Katastrophe. Da wackelt keine Wand und kein Kabinett. Da tut höchstens das Handgelenk weh.

Nein, "Alternativlos", das kommt so schlapp daher, dass es ja schon in der ersten Silbe verrät, dass es nur ein anderer Ausdruck für "Wir haben keine andere Idee" ist. Das so geschmeidig ist, dass es sich problemlos zwischen zwei Aktendeckel pressen lässt. Das als höchste Eskalationsstufe gelten kann, mit der, huch, im Außenministerium Redeentwürfe von Jungreferenten abgelehnt werden. Ein Wort, so leicht im Wind der öffentlichen und veröffentlichten Meinung hingehängt, dass es jederzeit relativiert, korrigiert, einkassiert oder gar vergessen werden kann.

Das mag zwar alles prima auf unsere Politik und unsere Politiker passen - aber, lieber Herr Schlosser, das ist doch kein Unwort! Überlegen Sie es sich bitte noch einmal. Es gibt doch Alternativen. "Wutbürger" zum Beispiel, das hat Kraft und Saft und ... ach ja, das ist ja schon "Wort des Jahres!" So nah liegt das manchmal beieinander.

Vielleicht nehmen Sie ja doch das mit der Integration und dem Sarrazin.