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"Anne Will" zur Terrorgefahr - eine TV-Kritik Zeit für Sorgen


Die ARD-Polittalkshow nach dem "Tatort" griff das Thema Terror auf: Der Innenminister Thomas de Maizière nutzte seine Chance. Und die Phrasendrescher mussten draußen bleiben. Aber wer war die hübsche junge Frau?
Von Frank Thomsen

Diese Ausgabe von Anne Wills allsonntäglicher Talkshow ist mit normalen Maßstäben nicht zu messen. Normal in den politischen TV-Debatten ist: Einer sagt, was er immer sagt. Reflexartig widerspricht ein anderer, was er bei diesem Thema immer tut. Und damit nicht nur Politiker dasitzen, hat das Fernsehen noch einen Schauspieler oder persönlich Betroffenen eingeladen, der dann aber leider doch nur dummes Zeug redet.

Doch seit vergangener Woche Mittwoch leben wir in Deutschland erstmals unter einer "konkreten Bedrohung" islamistischer Terroristen, wie es Bundesinnenminister Thomas de Maizière formuliert. Und während ZDF-Kontrahentin Maybrit Illner das Thema Nummer eins am Donnerstag noch verpasste und lieber über Pflege diskutieren ließ, griff Anne Will den Terror auf. Und so war nichts normal.

Handfeste Stunde Polittalk

"Im Visier der Terroristen - wie bedroht sind wir?", hieß die Sendung erfreulich handfest. Und die Stunde blieb handfest. Was an Anne Will und ihrem wichtigsten Gast lag, dem Innenminister. Wills Fragen kreisten um das, was man sich als Bürger derzeit so fragt: Wie viel mehr weiß de Maizière, als er uns sagt? Wie sollen wir uns verhalten? Wann ist der Spuk vorbei? De Maizière antwortete kraftvoll, ruhig. Da saß kein Macho wie einst Otto Schily, sondern ein nüchterner Mann. Seine Botschaft: Wenn ich sage, es ist ernst, dann ist es auch ernst. Wörtlich: "Jetzt ist eine Zeit für Sorgen." Er forderte die Bürger zu Wachsamkeit, aber zu keinerlei Panik auf. Und er war Realist: Absolute Sicherheit gibt es nicht.

Wenn es denn stimmt, dass die Lage ernst ist, dann war das ein angemessener Auftritt für eine solche Bedrohung. De Maizière durfte am meisten reden, er nutzte diese Chance. Dass bei einem solchen Thema der übliche Parteienstreit und die tausendmal gehörten Phrasen nicht kommen, lag am Thema. Kaum kam das Gespräch auf einen Dauerbrenner der Politik - die Vorratsdatenspeicherung für Telefonverbindungsdaten -, setzte für einen kurzen Moment sofort wieder das übliche Phrasendreschen ein.

Baum und Mascolo als kluge Beisitzer

Als kluge Beisitzer neben de Maizière erwiesen sich Gerhart Baum, ein echter Liberaler und unter Helmut Schmidt Innenminister, und mehr noch Georg Mascolo, Chefredakteur des "Spiegel". Sein Blatt bringt am Montag die intensivste Geschichte zu den Informationen, die den Innenminister zu der Warnung veranlasst haben. Mascolo kennt sich aus, und er brachte sein Wissen zurückhaltend an.

Außerdem anwesend waren: der schwer in die Jahre gekommene US-Journalist Don Jordan, dessen Abwesenheit niemandem störend aufgefallen wäre, und fürs Auge Melody Sucharewicz, eine junge Deutsche, die in Israel lebt, dort im Fernsehen in einer Castingshow groß rausgekommen ist, als "Botschafterin Israels" überall auf der Welt kluge Dinge sagt und dabei immer sehr hübsch anzusehen ist. Die ihr zugedachte Rolle bei Anne Will war grotesk: Sie sollte erzählen, wie es sich in einem Land lebt, das vom Terror bedroht ist: Israel. Und so berichtete sie, dass sie niemals Bus fährt. Da musste de Maizière dann mal einspringen, denn in Deutschland ist das Busfahren weiterhin doch reichlich unbedenklich.

Es muss immer eine große Runde sein

Hier sieht man, in welchem Dilemma das Format Polit-Talkshow bei ARD und ZDF steckt. Es muss immer eine große Runde sein. Es muss immer der Parteienproporz bedacht werden. Bei den üblichen Themen tötet das jede Diskussion. Gestern verzögerte es die Diskussion nur, es unterband sie aber nicht.

Am Montagabend tritt der Innenminister wieder in einer Fernsehtalkshow auf, schon wieder in der ARD - bei "Beckmann". Wer will, kann also vergleichen, wer es besser macht: Anne Will oder Reinhold Beckmann.


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