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"Erotischer Gottesdienst" in Mainz: Nix los im Weinberg der Liebe

Ein evangelischer Pfarrer kündigt einen "erotischen Gottesdienst" an, freigegeben ab 16. Das Medieninteresse ist gewaltig, daraufhin entschärft er seine Predigt. Aber zum Glück ist sexy immer relativ.

Von Stephan Knieps, Mainz

Um 10.31 Uhr sagt er das erste Mal "Penis". Er verpackt es in den schönen Satz: "Mein Hintern, meine Hände, meine Zunge, mein Penis, meine Ohrläppchen sind Landeplätze der Lust." Es folgt zwar kein Amen, nicht einmal ein merkliches Raunen, aber als Pfarrer Ralf Schmidt, 47, diesen Satz seiner Predigt ausgesprochen hat, da dachten sie wohl alle in der Evangelischen Erlösergemeinde Mainz-Kastel, dass die Show jetzt endlich losgehen werde.

Schließlich hatte Pfarrer Schmidt diesen Gottesdienst, den ersten erotischen Gottesdienst, in einem Interview medienwirksam angekündigt: "Ich werde vom Ficken und Poppen sprechen". Als er zudem noch eine Altersgrenze verfügte (freigegeben ab 16 Jahren), eine Boulevardzeitung am Vortag titelte: "Sex in der Kirche", und sich auch noch zwei Kamerateams und fünf Fotografen in den überschaubaren heiligen Räumen drängten, da war die allgemeine Aufregung unter den rund 200 Kirchengängern spürbar, und man erwartete jetzt eigentlich einen nackt um den Altar tanzenden Pfarrer. Drunter würde er's wohl nicht machen. Der "Penis"-Satz blieb dann aber der einzige geschlechtsspezifische in seiner Predigt, Schmidt behielt seinen Talar an – und um den Altar tanzte nur die örtliche Senioren-Gymnastikgruppe.

Vom Medienrummel überrollt

Er habe die Predigt schon vor vier Wochen geschrieben, "mit einigen vulgären Begriffen", erklärt Pfarrer Schmidt hinterher vor dem Kirchengebäude. Diese Begriffe habe er aber kurz vorher, als das öffentliche Interesse unerwartete Ausmaße annahm, wieder rausgestrichen, "weil sich sonst alle nur auf diese Worte gestürzt hätten und sie dann im falschen Kontext erschienen wären". Dabei habe er doch nur zeigen wollen, dass Erotik und Lust "keine vom Glauben abgetrennten Sperrgebiete" sind.

Der Medienrummel habe ihn überrollt, sagt er. "Ich konnte nachher gar nicht mehr allen Anfragen nachkommen." Pfarrer Schmidt ist nach der Predigt sichtlich mitgenommen, die Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Seine schwarzen Haare sind klatschnass und glänzen. Aber er wirkt zufrieden: "Ich hatte das Gefühl, es sind alle mit voller Inbrunst bei der Sache." Dann wird er wieder zurück in die Kirche geholt, das nächste TV-Interview steht an.

Hier und da amüsiertes Gemurmel

Man hätte es schon am Anfang ahnen können. Gleich zu Beginn seiner Ansprache, als Schmidt von der "lustvollen Erwartung hier im Raum" sprach, aber hinzufügte, dass ein erotischer Gottesdienst viele wohl auch enttäuschen werde, da vieles in die Phantasie gehöre. Oder man sich nicht getraut habe, oder es "unseres Erachtens nicht in einen Gottesdienst passt". Aber wann eine Predigt sexy ist und wann prüde, das ist natürlich relativ. Und so störte die Besucher, mehrheitlich jenseits der 70, der vulgäre Mangel kaum. Vielmehr schienen viele zu zögern, als Schmidt seine Gemeindemitglieder zu Salbung oder Hostie und Rotwein zu sich nach vorne bat; es standen ja überall Kameras und Fotografen im Weg.

Auch die Fürbitten passten thematisch: Lust, Zärtlichkeit, Kraft der Erotik wurden ersucht – "lass uns das Leben lieben", antwortete der Chor brav, als würde man schönes Wetter erbitten. Hier und da habe er schon amüsiertes Gemurmel unter seinen Jüngern wahrgenommen, berichtet Pfarrer Schmidt später amüsiert.

"Es gibt Schlimmeres als Sex"

"Heute war es schon ungewöhnlich", sagt Wilma Seidenschwarz, die als Mitglied der Tanzgruppe mit um den Altar getänzelt ist. Sie komme schon seit Jahren in seine Gottesdienste, und sie schätzt ihren Gemeindepfarrer: "Pfarrer Schmidt spricht die Dinge immer direkt an." Georgia Schulz-Briegleb, ebensfalls Gemeindemitglied, war "positiv überrascht, dass es so stimmig war". Ihren Pfarrer beschreibt sie als "einfühlsam, ästhetisch, behutsam".

Er wolle die Themen Sexualität und Kirche wieder in ein positives Licht rücken, "nach diesen Missbrauchsgeschichten ist es enorm wichtig, dass wir einen normalen Umgang mit Sexualität entwickeln", sagt Pfarrer Schmidt. Das klang in seiner Predigt dann zum Beispiel so: "In frommen Kreisen fragen Männer einander: 'Betet ihr noch?', und in geselligen Kreisen fragen sich die Männer: 'Und wie steht's mit dem Sex, kriegste noch einen hoch? Alles klar?'" Kunstpause. "Und bei Ihnen – alles klar?", fragte er seine Gemeinde.

Bleibt die Frage: Pfarrer Schmidt, sollen die Leute jetzt nach Hause gehen und Sex haben? Schmidt lächelt, überlegt kurz und antwortet dann: "Es gibt Schlimmeres."

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