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"Free-Hugs" in China: Umarme deinen Nächsten

Andere Leute zu umarmen ist für Chinesen ungefähr so normal wie das Essen mit Messer und Gabel. Aber diese fremde Sitte breitet sich im Reich der Mitte jetzt auf ungewöhnliche Weise aus. Und selbst die Polizei gibt sich plötzlich milde.

Von Ellen Deng, Peking

Peking, Fußgängerzone Wangfujing. Studentin Li hat gerade Geschenke eingekauft; mit vollen Plastiktüten will sie nun nach Hause. Plötzlich stürmt ein wildfremder Mann auf sie zu und möchte sie umarmen. Sie verzerrt ihr Gesicht, sie ist geschockt. Plumpe Anmache? Ein Verrückter? Dann sieht sie weitere Männer und grinst. Die tragen Pappschilder, auf denen steht "Umarme mich" oder "Nein zur Kälte zwischen den Menschen".

Die Popsängerin Yu Le umarmt einen Wanderarbeiter, der auf einer Baustelle schuftet. Der schreit: "Nein, nein, meine Kleider sind schmutzig!" Die Sängerin sagt, das mache nichts. Weitere Wanderarbeiter, die auf Hockern gerade zu Mittag essen, legen ihre Teller und Stäbchen beiseite und umarmen das Starlet, tragen sie sogar. Aber einige von ihnen sind zu schüchtern, um sie von vorne zu umfassen, berühren sie nur sanft von der Seite.

Die Umarmungskampagne hat das ganze Land erfasst

Peking, Shanghai, Changsha, Guangzhou, Suzhou... Die Umarmungskampagne hat wie eine Schockwelle ganz China erfasst. Eine ungewöhnliche Bewegung in einem Land, in dem sich selbst Verwandte selten und Liebespaare nicht unbedingt umarmen. Selbst die Hand geben Chinesen nur bei eher formellen Begegnungen.

"Es war, wie wenn plötzlich ein Loch in eine harte Schale gestoßen worden wäre", sagt der 24-jährige Wang Kai, der Initiator der Kampagne, über den Beginn der Aktion. Ein Freund hatte ihm und anderen Bekannten ein Video des Australiers Juan Mann gemailt, der in seinem Land eine "Free Hug"-Bewegung gestartet hatte, um gute Stimmung zu verbreiten - nachdem alle seine Freunde und seine Familie aus seiner Heimatstadt weggezogen und er allein zurückgeblieben war.

Wang Kai und seine Freunde entschieden sich, die Idee in China zu kopieren. In der Fußgängerzone Huang Xing von Changsha, der Hauptstadt von Maos Heimatprovinz Hunan, gingen sie erstmals in Umarmungsaktion. Zuerst waren die meisten Leute überrascht und wichen ihnen aus, einige beschimpften sie sogar. "Aber nach einer Stunde konnten wir schon fünf bis sechs Leute pro Minuten umarmen", erzählt Wang Kai begeistert. Da sie sechs Umarmungs-Aktivisten waren, nannten sie sich "Gruppe der ersten Sechs".

Alle sechs sind zwischen 1980 und 1984 geboren. Sie surfen ständig im Netz, chatten mit anderen in Internetforen und gehören zur Q-Gemeinschaft, Chinas populärster Online Community. Alle haben gerade die Hochschule abgeschlossen und arbeiten jetzt in den Medien, im IT-Bereich oder als Designer. "Die Gesellschaft entwickelt sich immer schneller, aber die Menschen kommunizieren immer weniger miteinander", beschreibt Wang Kai seine Gefühle. "Wir verstecken uns immer mehr voreinander."

Videos machen via Netz die Runde

Schnell verbreiteten sich die Videoaufnahmen der "Gruppe der ersten Sechs" auf beliebten chinesischen Websites wie Tianya, Mop und Youtube. Die Gruppe bearbeitetet die Bilder am Computer so, dass sie Schwarz-Weiß beginnen und dann nach erfolgreichem Umarmen farbig werden. Wang Shuai, ein Student in der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou, war so gerührt, dass er beinahe anfing zu weinen: "Ich erinnerte mich an meinen Vater, mit dem ich mich seit Jahren im Kalten Krieg befinde. Ich hoffe, auch er kann dieses Video sehen, und ich werde ihn bei der nächsten Begegnung umarmen." Wang Shuai begann, Fremde auf dem Platz des 7. Februar in seiner Heimatstadt zu umarmen.

Auch in der Pekinger Einkaufsstraße Wangfujing freuen sich immer mehr Menschen über diesen Ausdruck menschlicher Wärme in der Kälte des Winters. Nicht aber die Polizei. Sie geht plötzlich auf die "Umarmer", wie sie sich selbst nennen, zu und nimmt vier der jungen Männer mit auf die Wache. Ein Beamter sagt, dies sei eine frische und bedeutungsvolle Aktion. Aber sie hätte vorher angemeldet werden müssen. Erst als es dunkel wird, werden die vier mit einer Verwarnung nach Hause entlassen. Als sie aus dem Polizeigebäude kommen, warten draußen andere Umarmer auf sie und - umarmen sie. Einer der vier, der sich "Mars" nennt, sagt dies sei der bewegendste Augenblick seines Lebens gewesen.

In Chinas Online-Foren scheiden sich die Geister über die Umarmungsaktion. "Für uns junge Frauen ist das nicht geeignet", schreibt Haluaki. "Was sollen wir tun, wenn der Kerl, der uns umarmt, obszöne Absichten oder ansteckende Krankheiten hat?" 'Shiyu-1016' schreibt: "Das ist nur eine Show. Wir sollten unsere Freunde umarmen, aber keine Fremden." 'Netizen Fanfanly' hingegen kann es kaum noch erwarten: "Ich brauche eine Umarmung, sofort!"

Andere Umarmer wollen sich aufs Umarmen konzentrieren

Haben die Umarmungen eine tiefere Bedeutung? 'Mars' und seine Freunde gingen auch ins Pekinger Song-Tang-Krankenhaus, um dort alte Patienten zu umarmen. Wang Shuai in Zhengzhou spendete mit acht anderen Umarmern Blut und möchte bald armen Landbewohnern helfen. Andere Umarmer hingegen lehnen das ab, sagen, die Bewegung solle sich auf ihren Hauptzweck beschränken, dem Umarmen.

Denn das könne Chinesen anregen, netter zu Fremden zu sein, glaubt der Umarmer Zhe aus Changsha. Seine Landsleute würden sich nur um sich selbst, ihre Familien und ihre engsten Freunde kümmern. Er hat in den USA studiert und nennt ein Beispiel: "Wenn in Amerika dein Fahrrad kaputt geht, halten die Passanten an und fragen, ob sie dir helfen können. Bei uns in China fahren fast alle vorbei."