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#FreeTheNipples: Die Angst vor der Brustwarze

Weil soziale Netzwerke US-Firmen gehören, wird Amerikas Angst vor der Brust auch bei uns immer wieder zum Problem. Dabei ist die Angst sogar eher neu.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Brüste machen Babys und Männer glücklich - bei Frauen ist es komplizierter

Brüste machen Babys und Männer glücklich - bei Frauen ist es komplizierter

Scout Willis war schon ein Affront, da war sie noch nicht mal auf der Welt. 1991 ließ sich ihre Mutter zur großen allgemeinen Aufregung nackt von Annie Leibovitz ablichten. Die Hollywoodschauspielerin war im siebten Monat schwanger mit Scout. Anders als ihre Tochter gehorchte Demi Moore damals aber einem Tabu: Sie hielt ihre Brustwarzen bedeckt. Dieses Tabu soll nun neu verhandelt werden.

23 Jahre später nämlich ist die "Große Schlacht um die Brüste" ("I-D Magazine") in vollem Gange und Scout Willis mit ihrer Oben-Ohne-in-New-York-Aktion eine weitere Soldatin in der Armee der Nippelbefreier. Ja, Sie haben richtig gelesen. Unter dem Hashtag FreeTheNipple versammeln sich seit zwei Jahren schon Verfechter der Gleichstellung von Mann und Frau, was die gesellschaftliche Akzeptanz nackter Brüste angeht. Miley Cyrus ist auch schon Fan. Und 25.000 andere.

Gegen die Kriminalisierung der Brustwarze

Als Scout Willis am 28. Mai ein Foto von sich oben ohne in den Straßen von New York via Twitter verbreitete, wollte sie das weniger als Schrei nach Aufmerksamkeit, denn als politisches Statement verstanden wissen. Das hat sie fünf Tage später in einem offenen Brief auf "xoJane" auch wortgewandt klargestellt. Die Tochter von Demi Moore und Bruce Willis kritisiert vor allem den Fotodienst Instagram, der, wie auch Mutterfirma Facebook, jegliches Foto, auf dem eine rundum nackte weibliche Brust zu sehen ist, zensiert. Willis fand ihren Account wegen "Missbrauchs" gesperrt, nachdem sie eine Jacke gepostet hatte, die wiederum ein Foto von zwei brustfreien Frauen zeigt. Willis ritt zum Angriff gegen die Kriminalisierung der Brustwarze.

Ähnlich erging es Rihanna, deren brustfreie Bilder eines Fotoshootings für ein französisches Männermagazin Ende April zur Sperrung ihres Accounts führten. Weil Rihanna ein paar mehr Follower hat, erbarmte sich Instagram und schaltete den Account wieder frei. Da war Rihanna aber schon die Lust vergangen. Vielleicht auch als Rache an den Sozialen Netzwerken zwang sie vor wenigen Tagen das nippel-feindliche Amerika in die Knie, als sie sich in einem mittlerweile berühmten durchsichtigen Kleid ihren CFDA-Award als Modeikone bei Mode-Kaiserin Anna Wintour persönlich abholte. "Regen meine Titten dich auf?", fragte Rihanna einen Journalisten. Die folgende Repost- und Retweet-Orgie war unkontrollierbar.

"Vogue"-Vordenkerin Grace Coddingtons Instagram-Account war Mitte Mai wegen eines gezeichneten Selbstporträts "mit Nippeln" gesperrt worden. Und unvergesslich ist natürlich das historische "Nipple-Gate", als Janet Jackson 2004 in ihrer Superbowl-Show einen Teil ihrer Corsage "verlor", halb Amerika vor Schreck in Ohnmacht fiel und den TV-Sender in einer Klageflut ersäufte.

Stillende Mütter und Brustkrebskranke

Nun ist nicht jede Frau Rihanna und kaum eine verspürt den Drang, nur noch oben ohne herumzulaufen. Was die streitbaren Prominenten aber klar und deutlich formulieren, ist, dass etwas nicht stimmt mit dieser Kriminalsierung der Brust. Und nimmt man sich in unseren beschleunigten Zeiten doch mal drei Minuten, um genauer nachzusehen, haben sie auch noch recht.

Neben den lautstarken Kampfansagen von Rihanna, Willis und anderen Nippelbefreierinnen gibt es nämlich viele leise ausgefochtene Schlachten. Vor allem stillende Mütter und brustkrebskranke Frauen schlagen sich mit Facebooks und Instagrams Brustangst herum. Fühlt sich die Löschung von Fotos mit angedocktem Baby schließlich an wie eine digitale Verlängerung der Forderung, zum Stillen doch gefälligst aufs Klo zu gehen. Oder was sollen Frauen denken, die den Mut aufbringen - für sich und andere -, sich nach einer Mastektomie mit nur einer Brust und Narben zu zeigen, und ihre Bilder verschwinden mit dem Hinweis auf "Missbrauch"... "Und das sogar wenn gar keine 'Nippel' zu sehen sind", sagt Uta Melle lakonisch, die sich seit Jahren immer wieder mit Facebook anlegt, wenn sie den eigenen Kampf mit dem Krebs und ihre mittlerweile internationale "Amazonen"-Kampagne bebildert.

Ja, warum eigentlich wird die weibliche Brust versteckt, zensiert und kontrolliert, während Männer das Hemd ausziehen, sobald die Sonne rauskommt?

"Ruin your Day with Tits"

Tatsächlich scheint die Angst vor der Brustwarze kunst- und modegeschichtlich relativ neu zu sein. Man denke nur an die ganzen Oben-ohne Bilder der Renaissance (siehe history), Marien-Darstellungen, Lucrezia Borgia. Oder man betrachte dieses als züchtig geltende Hochzeitskleid aus dem Irak Ende des 19. Jahrhunderts: Die Brust lag komplett frei unter einem Hauch von Spitze.

Offensichtlich hat sich die Sicht auf den weiblichen Körper alles andere als emanzipiert, die in unseren Zeiten tatsächlich vor allem eines ist: sexualisiert. Deshalb ist das FunnyOrDie-Video zum Thema Nippelbefreiung auch wie immer gekonnt lustig. Nah dran war auch schon Woody Allen mit seiner Brustangst. Wunderbar auf den Punkt bringt es das australische Parodie-Duo Sparrow Folk mit "Ruin Your Day with Tits".

Und dann ist da noch Annie Leibovitz, die vor zwei Jahren in einem Interview über das berühmte Demi-Moore-nackt-und-schwanger-Foto gesagt hat, dass es kein gutes Porträt im künstlerischen Sinne sei, denn "wenn es ein großartiges Porträt wäre, hätte sie ihre Brüste nicht verdeckt."


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