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"Haut ab!" - Ausstellung über Beschneidung: Eine Frage der Vorhaut

Das Jüdische Museum in Berlin traut sich, in einer Ausstellung dem Thema rituelle Beschneidung nachzugehen. Aufregung garantiert. Zum Glück haben die Kuratoren auch Humor.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Die grandiose US-Web-Comedy-Serie "Bubala Please" hat natürlich auch eine Beschneidungs-Folge ("Gangsta Bris")

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Egentlich könnte ich einfach nur die Überschrift "Beschneidung" auf der stern-Website veröffentlichen, meinen Computer runterfahren und nach Hause gehen. Denn bei diesem Thema reicht vielen allein das Wort, um hochemotional zu diskutieren und zu verteufeln, ohne überhaupt den dazugehörigen Artikel zu lesen. Gehören Sie zu dieser Spezies, brauchen Sie nicht weiterlesen. Schönen Tag noch. Für die Anderen, die ideologischen Reflexen misstrauen, die mehr wissen wollen, präsentiert das Jüdische Museum Berlin eine Sonderausstellung mit dem sprechenden Titel "Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung" (oder etwas lautmalerischer im Englischen: "Snip it!"). Ab Freitag können Sie lernen, was die Vorhaut den Juden, Muslimen und Christen eigentlich bedeutet.

Entgegen aller Erwartung beginnt der Ausstellungsrundgang für die Presse einen Tag vor Eröffnung fröhlich. Sie hätten bei der Vorbereitung viel gelacht, sagen die Ausstellungsmacherinnen, und auf einer Leinwand läuft auch gleich eine amüsante Szene aus der US-Serie "Masters of Sex", in der eine Frau ihren Schock über die Sichtung eines unbeschnittenen Penis' kundtut. Im Anschluss wird es aber ernster: Als ihr während der auf allen Kanälen äußerst hitzig geführten Beschneidungsdebatte 2012 die Idee angetragen wurde, eine Ausstellung zum Thema zu machen, habe sie sofort gedacht, das gehe nicht, sagt die Programmdirektorin und stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums Cilly Kugelmann. Zum Glück hat sie es sich noch mal anders überlegt.

Nach der Beschneidungsdebatte

Die Debatte, die das Kölner Landgericht vor zwei Jahren mit einem Urteil über die rituelle Beschneidung von Jungen auslöste, war auch stark von antimuslimischen und antijüdischen Ressentiments geprägt. Die Ausstellung stellt dem ein religionshistorisches Aufklärungskonzept entgegen. Hier geht es nicht um medizinische oder ethische Fragen, sondern um den religiösen und identitätsstiftenden Hintergrund des Rituals. Der Blick darauf habe in der Debatte gefehlt, sagt Martina Lüdicke, die am Museum Ausstellungen kuratiert. Die eigentliche Frage sei doch, welchen Platz Religion in einer säkularen Gesellschaft heute einnehme - und wie sichtbar sie sein dürfe. Die Hoffnung sei, dass die Ausstellung eine rationalere Diskussion ermögliche.

Eine Weltkarte zu Beginn der Ausstellung macht sichtbar, dass heutzutage gut ein Drittel der Männlichkeit ohne Vorhaut lebt. Vor allem in Afrika, arabischen und muslimisch-geprägten Ländern, Australien und Nordamerika. Da wird bereits deutlich, was der Ausstellungsarchitekt Martin Kohlbauer anschaulich umgesetzt hat: Die drei Weltreligionen sitzen zumindest bei diesem Thema an einem Tisch, egal wie sehr sie sich voneinander abzugrenzen suchen.

"Du willst, dass wir WAS abschneiden?"

"Du willst, dass wir WAS abschneiden?"

Im ersten Raum geht es um den jüdischen Ritus, die Geschichte von Stammesvater Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern soll, was sich als Glaubenstest entpuppt, aus dem sich das Ritual der Beschneidung entwickelt haben soll. Als Zeichen des ewigen Bundes mit Gott, das bei den Jungen im Alter von acht Tagen gesetzt wird. Ein Beschneidungsstuhl ist zu sehen, Tora-Wimpel aus Windeln und sogenannte Beschneidungsklemmen. Was viele Menschen vielleicht nicht wissen: Die Ausbildung eines Mohel (Beschneiders) dauert Jahre. Und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat es schon einmal eine Beschneidungsdebatte gegeben, nach der das Ritual den medizinischen Standards angepasst wurde.

Der nächste Raum thematisiert die Beschneidung muslimischer Jungen als Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft, was meist passiert, wenn deren Alter zweistellig wird. Hier beeindruckt vor allem eine Fotoreihe von Henning Christoph aus den 70er und 80er Jahren: "Türken im Ruhrgebiet". Die Bilder zeigen die große Bedeutung und Normalität der Beschneidungsfeste, bei denen die Jungen wie Prinzen gefeiert werden. Es sind Suren und ein Schattentheater zu sehen, das bei solchen Festen aufgeführt wurde.

Die dritte Religion am Tisch sind die Christen, die sich seit ihrer Entstehung am Ritual der Beschneidung abarbeiten. Im ersten Jahrhundert nach Christus wurde es abgeschafft, trotzdem hat das Geschlechtsteil Christi Kleriker jahrhundertelang beschäftigt. Lange wurde der 1. Januar als Beschneidungstag Christi gefeiert, während gleichzeitig versucht wurde, "das Jüdische" aus dem Christlichen zu tilgen, erklärt ein Christentum-Experte. Mitte des 20. Jahrhunderts änderte die katholische Kirche das Datum um in das Hochfest der Mutter Gottes. Die Religionen hätten immer in Konkurrenz gestanden. Da fällt mir dieser Witz wieder ein: "Warum wird Jesus immer mit Lendenschurz dargestellt? Damit man nicht sieht, dass er Jude ist". Das Lachen vergeht einem allerdings angesichts der christlich-geprägten Bilder von angeblichen Ritualmorden durch Juden, in denen aus der Beschneidung das Hinmetzeln von Kindern wird. Das hat das Nazihetzblatt "Stürmer" natürlich begeistert aufgenommen.

Die Vorhaut Jesu Christi

Die meiste Zeit habe ich in dieser Ausstellung im letzten Raum verbracht, in dem mehrere Leinwände mit Kopfhörern stehen. Hier ist nicht nur die Beschneidungsdebatte im Bundestag zu sehen, sondern auch die Bedeutung der Vorhaut in "South Park", bei "Alle lieben Jimmy", in "Meet the Fockers", "Judging Amy" oder auch beim genialen Stephen Fry, der in "Quite Interesting" davon berichtet, dass ein päpstlicher Bibliothekar einst eine Abhandlung darüber geschrieben hat, dass die Ringe des Saturn die Vorhaut des Messias seien. In diesem Raum läuft auch ein Video, das wirklich alle zum Thema Beschneidung sehen sollten: Der Ausschnitt aus Eliyahu Ungar-Sargons Dokumentation "Cut", der ein Gespräch zwischen einem Sohn und seinem jüdisch-orthodoxen Vater zeigt.

Der Sohn fragt, wie der Vater reagieren würde, wenn er sein Kind nicht beschneiden ließe. Der Vater (selbst Mediziner) läßt sich voll und ganz auf das Gespräch ein, und er macht klar, dass es sich bei der Entscheidung für oder gegen die Beschneidung der Vorhaut eines Jungen nicht um eine moralische oder rationale handele (der medizinische Nutzen/ Schaden ist bis heute nicht belegt). Sondern immer um eine religiöse, eine, die der Stiftung von Identität dient. Und die bleibe eine persönliche. "Ich wäre unglücklich", sagt er. "Aber ich würde deine Entscheidung respektieren."

Das ist der Anfang einer Debatte.

PS. Die weibliche Beschneidung wird in der Ausstellung nicht behandelt, da sie weder im jüdischen, noch im islamischen, noch im christlichen Glauben vorgesehen ist.

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