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"Motherfucker"-Skandal: Botschafter der Bronx in Berlin

Als stern.de das "Motherfucker"-Video vor einem Jahr im Internet entdeckte, hagelte es im New Yorker Generalkonsulat Beschwerden: In dem Video wurden Bürger der Bronx beleidigt. Jetzt sind drei Schüler aus dem Stadtteil zu Gast in Berlin und erzählen von ihrem Alltag.

Von Kristina Pezzei

Deutschland hat Isaiah Holston überrascht. "Ich dachte immer, das sei ein Dritte-Welt-Land, Nazis und so", sagt der 14-Jährige. "Aber es ist ja alles ganz modern hier, fast moderner als bei uns." Der Schüler aus der Bronx sitzt im Computerraum des Oranienburger F.F.-Runge-Gymnasiums und staunt. Offen seien die Menschen, und so vertrauensvoll. Er würde hier seine Ausbildung fortsetzen, wenn er könnte, sagt Isaiah nach drei Tagen in Deutschland - vollkommen überzeugt.

Sein weißer Anzug, die weißen Schuhe und die cremefarbene Krawatte betonen die dunkle Hautfarbe des Jugendlichen. Isaiah ist Farbiger und ein Aushängeschild der Bronx, genauso wie seine zwei Mitschüler Durrell und Nasais. Sie sehen ungefähr so aus wie die Menschen, die ein Bundeswehrausbilder in einem von stern.de entdeckten Skandal-Video im Kopf hatte, als er einem Rekruten befahl: "Motherfucker" brüllen und an Afroamerikaner in der Bronx denken.

"Der war eben geprägt von den Musikvideos, die ständig über die Kanäle laufen", sagt Isaiah. Er hat das Video nicht gesehen, im Gegensatz zu dem gleichaltrigen Durrell, der sagt, dass der Ausbilder Terroristen erwähne, könne er ja noch verstehen - aber warum ausgerechnet Afro-Amerikaner? Überhaupt verwende den Begriff seit Jahren keiner mehr, sagen die drei und ihre Lehrerin June Smith Bryant. Sie sind einfach aus der Bronx, das schon. Dieses Image haftet ihnen an. "Wir spüren täglich Rassismus, überall."

Täglicher Rassismus macht stärker

Farbige aus der Bronx - ob sie nun wie die 17-jährige Nasais aus Puerto Rico stammen oder wie Smith Bryant aus Trinidad-Tobago - müssten für alles härter arbeiten als Weiße. "Das Leben ist nicht immer fair", sagt Nasais. Verbittert sei sie darüber nicht, eher mache es sie stärker. "Ich lebe immer so, als ob es mein letzter Tag wäre. "Sie versuche, alle sich bietenden Möglichkeiten zu ergreifen, ihr Tag ist von Disziplin und Lernen bestimmt. Nasais lebt in einer der gefährlicheren Gegenden in der Bronx, sie sieht täglich Gewalt. "Wenn ich es zu etwas gebracht habe, dann will ich meinem Viertel davon zurückgeben, damit die Situation dort besser wird", sagt die kleine, selbstbewusste junge Frau.

Die Reise nach Deutschland sieht sie wie Durrell und Isaiah als ersten Schritt, um im Leben weiter zu kommen als der Durchschnitt in der Bronx. Dass Deutschland kein Entwicklungsland ist, wissen sie jetzt schon. Mit offenem Rassismus sind die New Yorker bisher nicht konfrontiert worden - Neonazis haben es in Oranienburg, wo die Polizei wegen der KZ-Gedenkstätte im Ort präsent ist, sowieso schwerer als anderswo. Bei ihren Ausflügen nach Berlin hätten sie zwar Aufmerksamkeit erregt, angesprochen habe sie aber keiner.

"Klar, die Leute schauen schon und denken wahrscheinlich, was macht denn der hier", sagt Isaiah. Mitschüler hätten sich gewundert, dass er mit Messer und Gabel ist und nicht von der Hand in den Mund. Einige wollten auch wissen, ob er mit einem Gewehr umgehen kann. Isaiah schüttelt den Kopf.

Currywurst und Radfahren

Was die jungen Austauschschüler gut finden? Currywurst, Radfahren und das Sicherheitsgefühl. Am Gymnasium patrouillieren keine Sicherheitswächter, wie die Gruppe erstaunt feststellt. Schüler lassen ihre Taschen in den Umkleideräumen, wenn sie zum Sportunterricht gehen. Überhaupt sei es in den Klassen ruhiger. "Es gibt keine Kämpfe, keine Gewalt", sagt Nasais. "Die ganze Lebenseinstellung drückt aus: Nimm es leicht, entspann dich." Das sei Lebensqualität.

In den zwei Wochen absolviert die Gruppe ein strammes Programm - sie sollen nicht nur den Alltag kennenlernen, sondern auch die Sehenswürdigkeiten in Berlin und im Umland. Ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ist geplant und eine Visite im Kanzleramt stand an. Die vier hofften sehr, die Kanzlerin zu treffen, deswegen hatte sich Isaiah derart in Schale geworfen. "Ich würde gern wissen, wie es ist als Frau unter lauter Männern", sagt Lehrerin Smith Bryant. "Wie sie den Weg an die Spitze geschafft hat." Im Prinzip gehe es ihr nicht anders; sie sei die einzige Frau in einer Führungsposition an der Schule.

Die Kanzlerin hatte keine Zeit, die Austauschschüler zu treffen. Schade, sehen sich Isaiah und die anderen doch als Botschafter gegen die Ignoranz, wie sie sagen. Sie wollen vermitteln, Horizonte erweitern. Es sind Worte, die altklug klingen mögen aus dem Mund eines 14-Jährigen; bei Isaiah überzeugen sie. Seit er da sei, habe er begonnen Stereotypen zu überdenken. "Ich frage mich immer öfter: warum machst du das so und nicht anders, warum biegst du nicht einmal links ab und statt rechts?" Dieses Hinterfragen, das wolle er mit zurücknehmen in die Bronx, sagt Isaiah.