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"Mutmacher" von Stiftung stern und Arche: Eine Frau, die Jugendlichen zuhört und Mut macht

Shabnam Jalali hilft Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen, zu mündigen, jungen Erwachsene zu werden. Sie ist eine der Mutmacher beim Kinderhilfswerk "Die Arche".

Shabnam Jalali (r.) mit Nina, die in dem Pilotprojekt "Mutmacher" unterstützt wird

Shabnam Jalali (r.) mit Nina, die in dem Pilotprojekt "Mutmacher" unterstützt wird

Seit August 2012 arbeitet Shabnam Jalali, 38, für das Kinderhilfswerk "Die Arche" in Hamburg – sie betreut Jugendliche, die oft schon als Kinder in die Arche gekommen sind. Als Coach und Berufsberaterin begleitet sie sie auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Mit dem Pilotprojekt "Mutmacher" sollen Spenden gesammelt werden, damit die Arche drei weitere Mutmacher beschäftigen kann, die den Jugendlichen in ihrem Schulalltag helfen, einen Ausbildungsplatz suchen und ihnen Mut zusprechen, wenn es sonst niemand tut.

Wie merken Sie, wo Jugendliche Unterstützung brauchen?

Das ist mitunter ein langwieriger Prozess: Eine Jugendliche wird seit vier Jahren von der Arche betreut. Da geht es darum, mit der Mutter zu sprechen. Zu klären: Welche Ressourcen hat diese Jugendliche? Wenn sie gerne Reiten geht, organisiert man Unterricht. Oder sie hat ein musikalisches Talent, das gefördert werden kann. Das beginnt mit Mathenachhilfe und hört letztendlich bei einer intensiven Einzelbegleitung auf. Das vordergründige Problem ist vielleicht, dass der Jugendliche nicht zur Schule geht. Aber dahinter stehen massive andere Herausforderungen. Parallel läuft dann die Berufsorientierung: Kann der Jugendliche Abitur machen? Welche Ausbildung soll angestrebt werden? Das geschieht aber oft mit den Eltern zusammen. Wir helfen den Eltern, oder sagen ihnen, wo sie Hilfe und Beratung bekommen.

Sodass die Eltern eingebunden bleiben?

Genau. Der Fokus liegt darin, zu aktivieren. Unser Ziel ist es, Menschen lebensfähig zu machen. Dass sie nicht nur schulische Bildung, sondern auch Lebensbildung vermittelt bekommen. Jugendliche, die teilweise schon als Kinder in die Arche gekommen sind, sollen als mündige, lebensfähige junge Erwachsene ins Leben starten, sobald sie die Arche verlassen. Dazu brauchen wir aber unbedingt die Eltern. Wir möchten den Eltern nicht ihren Job abnehmen, aber sie sind häufig einfach überfordert. Da versuchen wir nach besten Kräften auch die Eltern zu befähigen.

Was ist das größte Problem, vor dem Sie als "Mutmacher" stehen?

Ich würde eher von Herausforderungen sprechen: Die Jugendlichen gehen häufig ein ganzes Stück des Weges mit, doch plötzlich wird dieses Spannungsfeld zwischen Zuhause und Zukunft, zwischen "Ich-kann-nicht" und "Ich-will-unbedingt" zu groß, und die Jugendlichen entgleiten uns. Wenn mit nur zweieinhalb Stellen 50 Jugendliche betreut werden, kann man aber nicht weiter nachfassen. Wir konnten den Jugendlichen nicht zuhause besuchen, die Eltern fragen, was los ist – und so sind manche uns weggerutscht. Durch "Mutmacher", die Kooperation mit der Stiftung stern, sollen drei zusätzliche Stellen geschaffen werden. Diese drei Leute haben darum auch die Freiheit, mal mit den Jugendlichen in Ruhe Kaffee trinken zu gehen.

Und die Kinder nehmen diese Hilfe von der Arche an?

Sie dürfen auf keinen Fall das Gefühl haben, dass ihnen geholfen wird. Das ist eine Frage der Würde – je schlechter es einem Jugendlichen geht, umso härter wirkt er nach außen. Er sagt: "Ich bin doch nicht hilfebedürftig – bisher habe ich das auch alleine hinbekommen." Die haben sich bisher wirklich durchgeboxt – ihre Eltern waren drogenabhängig oder können kein Wort Deutsch sprechen – und diese Kinder haben es bis hierher geschafft. Man muss zu ihnen eine Be-ziehung aufbauen, das geschieht im Rahmen unserer offenen Jugendarbeit, beispielsweise bei Gruppenaktivitäten. Dann kommen die Jugendlichen von sich aus und sagen zum Beispiel: "Ich brauche Mathenachhilfe" – und dann setzt man sich hin und macht zusammen Hausausgaben.

Wie gehen die Mutmacher dann konkret in die Beratung über? Jedes Kind ist ja anders.

Wir sind natürlich geschulte Mitarbeiter, nicht einfach nur Menschen die aus einer Laune heraus so etwas machen, sondern wir sind darauf vorbereitet. Was für ein Typ Mensch steht vor mir: hochsensibel oder eher nicht? Ist das Kind hochintelligent? Da sind wir mit entsprechenden Werkzeugen ausgerüstet. Und dazu läuft dann die Berufsorientierung: Kann das Kind oder der Jugendliche Abitur machen? Welche Ausbildung soll angestrebt werden?

Was war bisher das schönste Erlebnis in Ihrer Zeit bei der Arche?

Oh, es gibt so viele. Das sind kleine, für uns sehr große Sätze. Wenn ich zum Beispiel einem Jugendlichen einen Jobpaten vermittelt habe. Jobpaten sind Berufstätige, die ehrenamtlich die Jugendlichen über eineinhalb Jahre in der Ausbildung begleiten. Wenn also dieser Jugendliche, der ansonsten ein total cooler Junge ist, der eigentlich nicht wirklich Gefühle zeigt, plötzlich reinkommt und sagt: "Ich will euch danken, ihr habt mein Leben verändert." Das sind die Sternstunden. Es gibt leider aber auch sehr hässliche Momente, in denen man nachts mit einem Mädchen, dem massive körperliche Gewalt zugefügt wurde, im Krankenhaus sitzt. Schön ist, wenn dann auch genau dieses Mädchen kommt und sagt: "Ich lasse nicht mehr zu, dass mir das passiert. Helft mir!"

Wird man quasi zur großen Schwester?

Ich sage schon lieber Mutmacher oder Begleiter. Wir müssen da definitiv eine professionelle Linie ziehen, und Distanz wahren. Aber die Jugendlichen haben auf jeden Fall das Gefühl: Da ist jemand, der ständig da ist.

Wie grenzt man sich persönlich ab?

Für mich persönlich ist der christliche Glaube meine große Kraftquelle. Aber auch Supervision ist sehr wichtig: Wir Mutmacher werden selbst gecoacht. Jetzt wird es auch die Möglichkeit geben, als Team beraten zu werden und einfach mal Dinge rauslassen zu können, damit wir die nicht mit uns rumtragen müssen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, für "Mutmacher", was wäre das?

Dass das Projekt ganz groß wird und es sich überall in Deutschland verteilt, sodass man sieht, wie viel diese Investition in einen einzelnen Menschen Wert ist. Und wie das die ganze Gesellschaft verändert.

Interview: Lara Wiedeking
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