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"Occupy Wall Street": Prêt-à-Protest

Modeblogs und Zeitungen stürzen sich auf die hippen Demonstranten aus Manhattan. Verkommt der Protest zur Fashionshow? Oder sind die New Yorker Aktivisten nur clever?

Von Katharina Miklis

Sie tragen Hornbrillen und akkurate Scheitel, kombinieren Vintage mit hochwertigen Designer-Klamotten. Sie könnten auch Models einer urbanen Fashionshow sein, sind aber die Protestler der Occupy Wall Street-Bewegung in Manhattan. Seit Wochen belagern etliche New Yorker den Liberty Square nahe der Wall Street, um gegen das Finanzsystem zu demonstrieren. Und zeigen, dass Protest auch Stil haben kann. Längst haben es die modebewussten jungen Amerikaner auf die Modeseiten von Blogs, Zeitschriften und Zeitungen geschafft. Selbst die New York Times druckt Modestrecken mit American-Apparel-Aktivisten und Pucci-Protestlern. Egal ob Second Hand oder Edeldesigner, wer in Manhattan auf die Straße geht, scheint immer auch ein Fashionstatement setzen zu wollen.

Verkommt der politische Protest zur Fashionshow? Das befürchten Kritiker. Auf jeden Fall böte das Camp der Bewegung, die vor allem den überbordenden Kapitalismus anprangert, die perfekte Kulisse für einen Werbespot: Mit hippen, gut aussehenden New Yorkern, die gemeinsam für eine Sache brennen. "Occupy Wall Street" ist eine Bewegung, die Nachrichtenseiten wie Modezeitschriften gleichermaßen interessiert. Teilweise sind die Grenzen fließend.

Was zieht man zum Protest an?, fragt also die "New York Times" und hippe New Yorker diktieren den Journalisten nicht nur in die Blöcke, warum sie dabei sind, sondern vor allem: was sie tragen, wenn sie protestieren. Wie vor einer Fashionshow in Paris oder Mailand beten die Protagonisten der Bewegung ihre favorisierten Designer runter. Prêt-à-Protest in den Straßen von New York. "Die Boots sind von 'Aldo', das Top von 'American Apparel', die Weste von 'Forever 21'", sagt beispielsweise die Studentin Marissa Mickelberg. Ihre Freundin Liza Tichenor trägt nicht nur ein Schild mit dem Protest-Slogan "We are the 99%", sondern auch schicke High Heels. Ihr geht es vor allem darum, nicht zu Hause rumzusitzen. Ihre Brille ist übrigens von Michael Kors.

Reality-Show oder echter Protest?

Was zählt mehr: Aktivismus oder die richtigen Accessoires? Auf den ersten Blick mag es nicht verwunderlich sein, dass zum Beispiel Brendan O'Neill, Kolumnist des britischen "Telegraph", der Bewegung vorwirft, sie würde eine Modenschau als politisch motivierte Bewegung tarnen. Dieser Protest, so O'Neill, sei eigentlich nur eine Show für die Medien, eine Reality-Show über das "emotionale Elend und den exzellenten Sinn für Mode" der New Yorker Hippster.

Nicht zuletzt der Auftritt von so manchem Promi im New Yorker Hot Spot dürfte diesen Eindruck verstärken. So etwa der Besuch von US-Rapper Kanye West vor ein paar Tagen. Viele Worte verlor er nicht, als er mit HipHop-Impressario Russell Simmons durch die Massen am Liberty Square defilierte. Aber er trug eine 1000-Dollar-Jeans von Balmain. Und ein Hemd von Givenchy. US-Modeblogs überschlugen sich danach mit Kommentaren. Die Bilder, auf denen er laut Fashion-Bloggern Goldketten aus seiner eigenen Kollektion trug, gingen um die Welt. Es dauerte nicht lange, da war das Hemd vergriffen. Sein Auftritt im Park war aus Marketinggesichtspunkten sicherlich mehr wert, als sein etwas verhalten aufgenommenes Debüt als Modedesigner bei den Prêt-à-Porter-Schauen in Paris einige Tage zuvor.

Protest ist Pop

Mit der Occupy-Bewegung sympathisierenden Prominenten Selbstvermarktung vorzuwerfen, mag etwas gewagt sein. Wie ernst ihnen der Protest ist, lässt sich schwer beurteilen. Fakt ist, dass es nicht gerade uncool ist, sich in der modebewussten Masse zu zeigen, die zudem auch noch gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt protestiert. Und so soll auch Hollywood-Regisseur Christopher Nolan derzeit überlegen, die demonstrierenden New Yorker als Statisten in seinen neuen "Batman"-Film, "The Dark Knight Rises", einzubauen. Protest goes Hollywood.

Protest ist Pop. Das erkannte auch Jeanshersteller Levi's und bewarb kürzlich eine Hose in einem Werbespot mit Bildern von Demonstrationen. In schnell geschnittenen Szenen wandelte ein Demonstrant durch Rauschschwaden. "Du bist fabelhaft", zitiert eine Stimme aus dem Off Charles Bukowski, wenn das Model auf eine Reihe von Polizisten zugeht. Weder der Zusammenhang noch die Aussage lässt sich erkennen. Aber wozu auch. Es zählt nicht wofür du auf die Straße gehst, sondern wie du dabei aussiehst.

Jedoch: Ist die Bewegung entwertet, nur weil Jeanshersteller Protestbilder für Marketingzwecke benutzen und Modeblogs Fotostrecken von stylishen Demonstranten zeigen? Sind die Aktivisten deshalb weniger ernst zu nehmen als aufgebrachte schwäbische Wutbürger in gedeckten Wind-und-Wetter-Jacken? Vielleicht haben es die Amerikaner einfach nur besser verstanden, die Regeln des Showbusiness für sich zu nutzen.