"Streetwars" in Paris Töte Deinen Nächsten


Ein neues Spiel geistert durch die Straßen von Paris und hält den Adrenalinspiegel der Teilnehmer auf einem Dauerhoch. Bei "Streetwars" ist jeder Mitspieler Täter und Opfer zugleich, geschossen wird mit Wasserpistolen. Die Erfinder tun die Straßenkämpfe als harmloses Räuber- und Gendarmspiel ab. Nicht so seine Kritiker.
Von Stéphanie Souron

Seinen ersten Mord hat Christian Samoilovich im Treppenhaus eines Pariser Mietshauses begangen. Als Lieferant verkleidet, schlich er sich an dem Concierge im Eingang vorbei. Zur Tarnung trug er einen dicken Umschlag in seiner Hand, der angeblich wichtige Dokumente für den Mieter im zweiten Stock enthielt.

Samoilovich klingelte mehrmals an der Wohnungstür seines Opfers. Da der Mann aber offenbar nicht zu Hause war, setzte er sich auf die Stufen und wartete. Als sein Opfer zwei Stunden später die Treppe herauf stapft, drückt Samoilovich ab. Der Mann ist auf der Stelle tot.

60 Leichen in zwei Wochen

In der französischen Hauptstadt wird derzeit gemeuchelt und gemordet wie in einem Actionfilm. Der Grund dafür ist "Streetwars", ein Krimi-Spiel, das seit dem 3. September in den Straßen und Hinterhöfen gespielt wird. Rund 200 Pariser nehmen daran teil, die Regeln sind einfach: Töte Deinen Nächsten ohne dabei selbst drauf zu gehen.

Nicht allen gelingt das, 60 Leichen hat die Spielleitung in den vergangenen zwei Wochen bereits beerdigt. Dass dabei kein Tropfen Blut vergossen wurde, liegt an den Waffen: Nur Wasserpistolen und -bomben sind als Mordinstrumente erlaubt. "Es ist ein Spiel, aber man fühlt sich plötzlich wie in einem Agentenfilm", sagt Samoilovich.

Den Namen seines Opfers sowie das Bild und eine Adresse hat der 25-jährige Anwalt bei einem konspirativen Treffen Anfang September erhalten - stilecht in einer schmierigen Bar. Seither schießt ihm dauerhaft das Adrenalin ins Blut. Denn: Jeder Täter ist gleichzeitig auch potentielles Opfer. Er muss ständig fürchten, dass sein Mörder hinter der nächsten Hecke hervorspringt. "Alle 200 Meter wechsele ich die Straßenseite", sagt Samoilovich. Wer von einem nassen Strahl getroffen wird, scheidet sofort aus. Und nur wer am 24. September als Überlebender am vereinbarten Treffpunkt erscheint, hat Chancen auf die 500 Dollar Siegprämie - und eine goldene Wasserpistole.

Tarnung ist alles

Nach 14 Spieltagen geht unter den Teilnehmern mittlerweile die Paranoia um. "Angst ist jetzt mein ständiger Begleiter", klagt eine Spielerin im "Streetwars"-Forum. "Ich gebe auf, ich halte den Stress nicht mehr aus", schreibt ein anderer. "Ich gehe jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit zur Arbeit", sagt auch Samoilovich.

"Wenn ich das Haus verlasse, schaue ich mich drei Mal um. Mit dem Fahrstuhl fahre ich immer in den sechsten Stock und gehe dann zwei Etagen zu Fuß wieder runter, damit ich nicht von oben erschossen werden kann." Andere Spieler tragen als Tarnung Perücken oder verlassen ihr Haus nur noch nachts.

"'Streetwars' hilft, das Leben etwas aufregender zu gestalten", sagt Franz Aliquo, 31, alias Supreme Commander. Zusammen mit seinem Kollegen Mustache Commander bildet der Rechtsanwalt aus den USA das "Shadow government". 2004 hat die Schattenregierung das Spiel zum ersten Mal in New York betreut. Seither sind auch in San Francisco, Los Angeles, Chicago, Vancouver, London und Wien brave Bürger zu Mördern mutiert. Im kommenden Sommer soll auch in Berlin "Streetwars" gespielt werden.

Die Vorbereitung auf den Mord

Nicht alle sind von den Ideen der Schattenregierung begeistert. Ähnlich wie die Ego-Shooter könne das Spiel dazu führen, die Hemmschwelle der Gewalt zu senken, sagen Kritiker. Der Supreme Commander zögert kurz. "Wir versuchen hier nicht, das Töten real zu gestalten. Wir jagen uns mit bunten Wasserpistolen. Das ist wie Räuber- und Gendarm, ein Kinderspiel." Wer bei "Streetwars" Erfolg haben will, darf sich nicht auf die faule Haut legen. "Die beste Taktik ist, sein Opfer aktiv auszuspionieren", sagt Supreme Commander. "Man muss mit einer List an die Sache herangehen."

Für seinen zweiten Mord hat sich Samoilovich drei Stunden lang auf die Lauer gelegt. Weil fast alle Gebäude in Paris über einen Eingangs-Code verfügen, ist es schwierig, sein Opfer zu Hause zu erledigen. "Aber ich habe eine alte Dame beobachtet, die in dem selben Haus wohnt. Als sie den Code eingegeben hat, stand ich hinter ihr und hab' ihn mir gemerkt", sagt Samoilovich. Sein Opfer kam ihm auf der Treppe entgegen. "Er hat mich zwar noch gesehen, konnte aber nicht schnell genug seine Pistole zücken."

Samoilovich arbeitet mit einer einfachen grünen Plastikwaffe aus dem Supermarkt. "Der Mord aus nächster Nähe ist mir lieber als ein Fernschuss", sagt er. Die bunten Supersoakers mit den meterlangen Reichweiten sind bei "Streetwars" zwar auch erlaubt, erfordern aber viel Training bei der Schusstechnik. Samoilovich hat nur den Lauf seiner Wasserpistole manipuliert, "um präziser schießen zu können".

Der Jäger wird zum Gejagten

Am Anfang haben ihn seine Kollegen ausgelacht, doch nach ein paar Tagen waren auch sie Feuer und Flamme für den Straßenkrieg. Samoilovich musste ihnen jeden Morgen Berichte seiner nächtlichen Jagden liefern. "Ich habe nur noch an Streetwars gedacht", sagt er. "Alles andere war unwichtig."

Am vergangenen Wochenende hat er seinen vierten Mord begangen. Bis um halb ein Uhr nachts stand er auf einer Gartenmauer vor dem Apartment seines Opfers. Der feierte drinnen ausgelassen mit seinen Freunden - bis er sich unvorsichtigerweise ans offene Fenster lehnte. Samoilovich drückte ab - und traf sein Opfer mit einem sauberen Schuss in den Rücken.

"Das Schönste an dem Spiel ist, dass man das Gefühl hat, etwas Illegales zu tun", sagt Samoilovich. "Das ist der totale Kick." Entsprechend gut gelaunt war er auch nach dem Mord. Er dachte an seine Freundin, die zu Hause auf ihn wartete.

Das Schlafzimmer erreicht er jedoch nur noch als Leiche. Just in dem Augenblick, als er die Straßenseite wechselt, trifft ihn ein feiner Wasserstrahl zwischen die Rippen. Sein Mörder hatte gutes Sitzfleisch: 17 Stunden lang hatte er hinter der Mülltonne auf Samoilovich gewartet.


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