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"Sunday Assembly" in Hamburg: Der Gottesdienst der Gottlosen

In England existiert die "Sunday Assembly" seit zwei Jahren. Jetzt gibt es auch in Hamburg diese Art von Gottesdienst für Menschen, die nicht an Gott glauben. Besuch bei einer Gemeinde ohne Kirche.

Von Carsten Heidböhmer

"Live better" ist einer der drei Grundsätze der "Sunday Assembly". Der Kabarettist Sebastian Schnoy führt durch die rund einstündige Versammlung in Hamburg

"Live better" ist einer der drei Grundsätze der "Sunday Assembly". Der Kabarettist Sebastian Schnoy führt durch die rund einstündige Versammlung in Hamburg

"Because maybe/You're gonna be the one that saves me". Rund 80 Menschen singen den Oasis-Song "Wonderwall" aus voller Kehle, den zwei Männer auf der Bühne mit schrammeligen Gitarren begleiten. Es sind Menschen allen Alters, von Säugling bis Rentner, die meisten jedoch um die 40. Viele haben ihre Kinder mitgebracht, die in einer Ecke des Raumes herumtoben und immer mal wieder über die Bühne huschen. Die Atmosphäre ist irgendwo zwischen CVJM und Kirchentag. Und genau das ist es auch, die "Sunday Assembly", die an diesem Sonntag erstmals in Hamburg abgehalten wird: eine Art Kirche für Menschen, die nicht an Gott glauben.

Die Idee stammt aus England. Die beiden Stand-up-Comedians Pippa Evans und Sanderson Jones riefen im Januar 2013 die erste Versammlung dieser Art ins Leben, es sollte "eine Kirche ohne Gott" sein. Und sie stießen auf ein weit verbreitetes Bedürfnis: Gleich die erste Veranstaltung besuchten mehr als 300 Menschen. Die Ausrichtung ist lebensbejahend, das Motto lautet "Live Better - Help Often - Wonder More". Schnell fand die Veranstaltung Nachahmer: Im gleichen Jahr entstanden "Sunday Assemblys" in den USA, Kanada und Australien.

Konfessionslose, Atheisten, aber auch Kirchenmitglieder

Seit vergangenem Sonntag hat dieses Phänomen auch Deutschland erreicht, in Hamburg und Berlin fanden erste Versammlungen statt. Auch Brüssel, Paris und Budapest und 30 weitere Städte hielten Assemblys ab. In Hamburg war der Andrang größer als erwartet. Der große Raum im "Haus 73" im Hamburger Schanzenviertel platze aus allen Nähten. Die Besucher kamen nicht nur aus allen Altergruppen, sondern auch aus den verschiedensten Richtungen: Konfessionslose, organisierte Atheisten, Mitglieder der großen Kirchen oder einfach nur Neugierige. Ein Mann trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Gut ohne Gott". Ein anderer erzählt, dass er sich bei der "Giordano Bruno Stiftung" engagiert und Veranstaltungen der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" besucht.

Was ist der Sinn dieser Veranstaltungsreihe? "Der Sonntag als Tag der Besinnung und der Gemeinschaft ist irgendwie aus der Mode gekommen, und da ist Sunday Assembly genau das Richtige. Im Freundeskreis und in der Familie kommt es ja bei vielen Menschen nicht dazu, dass man sich über die Welt, über das Leben und die Mitmenschen unterhält", sagt Mitinitiatorin Vanessa Boysen. "Dafür können wir mit Sunday Assembly genau den Raum schaffen, aus dem dann auch andere Dinge erwachsen können."

Ganz wie im christlichen Gottesdienst wird hier zunächst gesungen. Wo in der evangelischen Kirche alte Luther-Chorälte geschmettert werden, setzten die Assemblianer ganz auf die Segnungen der Popkultur: "Walking on Sunshine" von Katrina and the Waves und "Wonderwall" von Oasis. Lieder, die in ihren Texten das Leben feiern. Fast alle singen laut mit, einige tanzen sogar.

"Das Leben feiern"

Wer als Herz der Veranstaltung eine Art Predigt erwartet hat, bei der jemand Gedanken über ein moralisches Problem vorträgt, sieht sich enttäuscht. Auf ein Reading, bei dem in schneller Abfolge englischsprachige Textpassagen über das Leben verlesen werden, folgt der kurze Vortrag der Lüneburger Literaturwissenschaftlerin Claudia Heuer, die in bestem akademischen Duktus über eine Erzählung von Virginia Woolf redete. Deutlich griffiger wird es, als Mitinitiator Rainer Sax ein alltägliches Problem schildert, und wie er damit umgeht. Hier bekommt der Besucher tatsächlich lehrreiche Hinweise über den Umgang mit einem ethischen Problem geboten - und das sogar intellektuell nachvollziehbar.

Insgesamt fehlte aber doch ein wenig der rote Faden. So ganz war nicht klar, worauf die Veranstaltung hinauslaufen soll. Eine Sängerin singt ein selbstkomponiertes Lied, es folgt andächtige Stille und ein kurzes Kennenlernspiel. Die Veranstaltung endet passend mit John Lennons berühmten Song über eine Welt ohne Gott: "Imagine there's no heaven/ It's easy if you try/ No hell below us/ Above us only sky".

Auch wenn noch nicht alles rund ist: Die Sunday Assembly ist eine erfreulich undogmatische und unmissionarische Veranstaltung. "Wir wollen eine positive Gemeinschaft bauen. Wir wollen mit netten Leuten gemeinsam singen und interessante Vorträge hören und dann eine Kraft des Guten in der Gesellschaft sein", erklärt Rainer Sax das Ziel der Reihe. Die Assembly erfülle für ihn das Bedürfnis nach Gemeinschaft. "Wir wollen zusammen das Leben feiern und unsere Begeisterung dafür teilen." Das ist ein so sympathisches Ziel, dass man dem Vorhaben einfach Glück wünschen muss. Die nächste Veranstaltung in Hamburg findet am 19. Oktober statt.

Weitere Infos zur Sunday Assembly in Hamburg