"Unwort des Jahres" "Entlassungsproduktivität" macht das Rennen


Einmal mehr kommt das "Unwort des Jahres" aus der Wirtschaft, genauer aus der Betriebswirtschaftslehre. Das Börsen-Unwort 2005 stammt hingegen aus dem Tierreich.

Mal wieder hat sich ein Begriff aus der Wirtschaft durchgesetzt: Das sprachliche Ungetüm "Entlassungsproduktivität" ist zum Unwort des Jahres 2005 gewählt worden. Mit diesem Begriff, so Jury-Vorsitzende Horst Dieter Schlosser, werde der volkswirtschaftliche Schaden von Personaleinsparungen schamhaft verschwiegen.

"Entlassungsproduktivität" bezeichnet demnach in der Betriebswirtschaftslehre eine gleich bleibende oder gesteigerte Produktionsleistung, nachdem Mitarbeiter entlassen wurden. Zudem werde die Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten konnten, verschleiert. Das Wort zeige, dass Unternehmen ihre Produktivität mit Entlassungen steigerten, so Schlosser.

Das Wort war Schlosser zufolge unter anderen von Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser verwendet worden. Auf dem zweiten Platz landete demnach der Ausdruck "Ehrenmord", an dritter Stelle platzierte die Jury aus fünf Sprachwissenschaftlern den Begriff "Bombenholocaust". Der Hinweis auf "Entlassungsproduktivität" erfolgte Schlosser zufolge auch von einem Studenten, der das Wort im Fachbereich Betriebswirtschaft an einer deutschen Hochschule gehört haben will. Es sei nicht das erste Mal, dass das Wort vorgeschlagen worden sei. Schlosser zufolge wurde der Ausdruck bereits 1998 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder kritisiert.

Mit "Entlassungsproduktivität" kritisiert die Unwort-Jury zum wiederholten Mal einen Begriff aus der Welt der Wirtschaft. Im Vorjahr hatte es teils scharfe Kritik an der Wahl von "Humankapital" gegeben, weil dies ein etablierter wirtschaftswissenschaftlicher Ausdruck sei. Schlosser sagte, er riskiere bewusst, wieder "als Wirtschaftsfeind geziehen zu werden". "Entlassungsproduktivität" sei aber "eigentlich eine Unverschämtheit".

"Heuschrecken"- Vergleich irreführend

Das Börsen-Unwort des Jahres 2005 ist die von Bundesarbeitsminister Franz Müntefering gewählte Bezeichnung von Finanzinvestoren als "Heuschrecken". Der Begriff sei von den Kursmaklern, Wertpapierhändlern und Analysten an der Börse Düsseldorf mit großer Mehrheit ausgewählt worden, erklärte die Börse am Dienstag. Es gebe seitdem keinen Medienbericht mehr, in dem der Begriff vor allem im Zusammenhang mit ausländischen Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften nicht verwendet werde: "Dabei ist er nicht nur irreführend, sondern verunglimpft auch eine ganze Branche." Studien belegten dagegen, dass mit Beteiligungskapital finanzierte Firmen schneller wüchsen, überdurchschnittlich Arbeitsplätze schafften und eine signifikant höhere Rendite erwirtschafteten.

Der damalige SPD-Chef Müntefering hatte im Frühjahr 2005, von anonymen Finanzinvestoren gesprochen, "die wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen herfallen, sie abgrasen und weiterziehen". Die Börse schrieb, der Vergleich mit Heuschrecken sei trotz vereinzelt rüder Methoden in jedem Fall irreführend: "Investoren ziehen selten in riesigen Schwärmen auf, sind nicht so nahrhaft und lassen sich auch vom Parasiten Saitenwurm nicht befallen und in den Selbstmord treiben." Ein Jahr zuvor war "Seitwärtsbewegung" das Börsenunwort, das in Anlehnung an die Sprachkritik des Germanisten Dieter Schlosser ermittelt wird.

AP/Reuters AP Reuters

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