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"Unwort des Jahres 2010" Alternativlos macht ratlos


"Gutmensch", "Judengen", "Volksvertreter" - für die stern.de-Leser auf Facebook war die Wahl zum "Unwort des Jahres" durchaus nicht alternativlos. Die meisten User hätten lieber einen Begriff aus dem Bereich Integration gekürt.

Der "Wutbürger" war bis zum Schluss im Rennen. "Stuttgart 21" hätten viele sicher auch gerne gesehen. Oder "Integrationsverweigerer" oder "Geschwätz des Augenblicks" - aber die haben es nur auf die Plätze zwei und drei geschafft. Stattdessen hat die Jury nun "Alternativlos" zum "Unwort des Jahres" gekürt. Eine fade Entscheidung, wie etwa stern.de-Redakteur Ralf Klassen in seinem Kommentar schreibt.

Auch auf Facebook kommen die stern.de-Leser zu dem Urteil, dass die "Unwort"-Jury um den Frankfurter Germanisten Horst Dieter Schlosser, der übrigens demnächst emeritiert, dieses Jahr ein eher blasses Wort gewählt hat.

Alternativen zu "alternativlos" haben stern.de-Leser auf Facebook durchaus gehabt: Bei ihnen rangiert der "Wutbürger" weit oben oder Begriffe rund um das Thema Integration: ‎"Integrationsdebatte" schlägt etwa Christian Fischer vor, "Integration" sagt Tobias Vogelsang, "Migrant/in/n/en, also Migrant, Migrantin, Migranten und Migrantinnen", meint Ulrich Taubert. Aber auch "Volksvertreter", "Gutmensch", "Tatort Internet" und "Judengen" wurden ins Rennen geworfen. Einige User dagegen halten die Berichterstattung über das "Unwort" für überflüssig und schlagen "Online-Journalismus" vor.

"Einigen geht es nur darum, ständig zu diskutieren"

Zumeist aber reagierten die Leser ratlos auf die Entscheidung: "So so ... und was fange ich damit an?", schreibt etwa Iloma Kramer. Und Julius Neubarth witzelt: "Sie hatten keine Alternative". Einige stern.de-Nutzer allerdings können zumindest die Begründung der Entscheidung nachvollziehen. "Das Wort suggeriert unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe", heißt es in der Begründung.

Andreas Michel fühlt sich an alte Zeiten unter der damaligen britischen Premierministerin erinnert: Das "Thatcher-Prinzip TINA (='There Is No Alternative') ist eine Amtsanmaßung à la Gott, denn ein per se fehlbarer Mensch sollte nie über Alternativlosigkeiten reden." Und Wolfgang Stimmler meint: "Eine Politikerin sollte flexibel denken können und immer Alternativen auf Lager haben. Aber der Begriff kam auch schon zu Stoiberzeiten aus diesem Lager." Wolfgang Prill wiederum versteht das Wort offenbar nicht als Unwort: "In der Tat: Es gibt tatsächlich Entscheidungen, über die man nicht diskutieren kann. Wer das leugnet, dem geht es nur darum ständig rum zu diskutieren."

nik

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