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"Vatileaks"-Affäre: "Paoletto" gesteht und klagt über Haftbedingungen

Was hat ihn getrieben? Und hat er alleine gehandelt? Die spannendsten Fragen im "Vatileaks"-Prozess beantwortete Paolo Gabriele erwartungsgemäß. Allerdings beklagte er sich über seine Haftbedingungen.

Er habe keine Mittäter gehabt, und getrieben habe ihn allein die Sorge über bedenkliche Entwicklungen in seiner Kirche. Der frühere päpstliche Kammerdiener in der Enthüllungsaffäre "Vatileaks" gibt alles zu: Er habe vertrauliche Dokumente von den Schreibtischen in den päpstlichen Räumen genommen, sagte Paolo Gabriele am Dienstag nach Angaben der vom Vatikan zugelassenen Prozessbeobachter nach der etwa zweieinhalbstündigen Verhandlung. Er sehe nicht wie die Anklage schweren Diebstahl, betonte der 46-jährige Familienvater. "Aber ich fühle mich schuldig, das Vertrauen missbraucht zu haben, das der Heilige Vater in mich gesetzt hatte."

"Paoletto", der unter Hausarrest steht, erscheint überpünktlich bei Gericht, wie schon am ersten Verhandlungstag perfekt gekleidet in grauem Anzug, weißem Hemd, jedoch mit einer etwas dunkleren Seidenkrawatte. Als das Gericht den kleinen holzvertäfelten Saal in dem Justizgebäude hinter dem Petersdom betritt, schließt er kurz die Augen. Eine gute Stunde vernimmt ihn das Tribunal unter Vorsitz von Präsident Giuseppe Dalla Torre.

Er habe etwa 2010 oder 2011 angefangen, Kopien zu machen, weil er Unbehagen verspürt habe über die Vorgänge im Vatikan, sagt Gabriele. In der Arbeitszeit nutzte er den Kopierer in den Büroräumen - auch wenn andere anwesend waren. Er habe schließlich nicht das Gefühl gehabt, etwas Böses zu tun. Die Auswahl der Dokumente habe er intuitiv getroffen: "Ich ließ mich von meinem Instinkt leiten."

Der Sammler Gabriele

Die Schilderung Gabrieles über seine Haftbedingungen treibt dem Chef der vatikanischen Gendarmerie, Polizeichef Domenico Giani, die Schamröte ins Gesicht. Er sei zu Anfang in eine winzige Zelle gebracht worden, in der er nicht einmal die Arme ausbreiten konnte, und in der ersten Nacht habe er kein Kopfkissen bekommen, klagt der Ex-Kammerdiener, der dem Papst das Schlafgemach richtete. 15 bis 20 Tage lang habe ununterbrochen das Licht gebrannt. Der vatikanische Staatsanwalt Nicola Picardi will die Haftbedingungen nun untersuchen.

Als der päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein in den Zeugenstand tritt, erhebt sich Gabriele ehrfürchtig - doch Gänswein sieht ihn nicht an. Er habe über all die Jahre nicht an Gabriele gezweifelt, sagt Gänswein - Gabriele lächelt. Einige der sichergestellten Papiere stammten laut Gänswein aus dem Jahr 2006 - damals hatte Gabriele seinen Dienst als Kammerdiener aufgenommen.

Gabriele, der sich früheren Berichten zufolge als Mittler des Heiligen Geistes sah, sammelte alles Mögliche. In seiner Wohnung fanden die Ermittler einen ganzen Schrank voller Papier, darunter Ausdrucke aus dem Internet über Geheimdienste und Freimaurer. 82 Kisten schafften sie aus der Wohnung, in der Gabriele mit seiner Frau und den drei Kindern innerhalb der Vatikanmauern lebte.

Gabriele übernimmt alleinige Verantwortung

Was erwartete Gabriele, den ein psychiatrisches Gutachten als leicht beeinflussbar beschreibt, von der Weitergabe der Dokumente? "Das Buch, das ist sicher, habe ich nicht gewollt", sagt er mit Blick auf das Buch "Sua Santità" (Seine Heiligkeit) von Gianluigi Nuzzi, der viele Dokumente veröffentlichte. In einem anonymen Interview mit Nuzzi sagte er früher, die Mauer des Schweigens müsse durchbrochen werden, er habe etwa 20 Gleichgesinnte.

Vor Gericht übernimmt er nun allein die Verantwortung - genau so, wie es im Vatikan erwartet worden war. "Die Fakten bis heute sagen, dass Gabriele allein gehandelt hat", sagte der Kardinal und Jurist Velasio De Paolis am Sonntag der "La Repubblica". "Ich persönlich glaube, dass es keine Überraschungen gibt; alles wird aufgeklärt werden." Ein Urteil könnte schon Ende dieser Woche gesprochen werden.

Sabine Dobel, DPA / DPA
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?