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"VatiLeaks"-Affäre: Polizei sucht nach möglichen Komplizen

In der Affäre um die Weitergabe sensibler Daten wurde nun offiziell Anklage gegen den Kammerdiener des Papstes erhoben. Unterdessen sucht die Polizei nach möglichen Komplizen. Es gibt erste Hinweise.

Im Enthüllungsskandal des Vatikans ist Anklage gegen den Kammerdiener von Papst Benedikt XVI. wegen unerlaubten Besitzes von geheimen Unterlagen erhoben worden. Zugleich weiteten die Ermittler ihre Untersuchungen aus und gehen nun der Frage nach, ob der 46-jährige Paolo Gabriele Komplizen hatte. "Jagd auf Komplizen im Vatikan", titelte die italienische Zeitung "La Stampa". Die Ermittler suchen demnach nach Beweisen, Komplizen und einer möglichen Beteiligung höherer Stellen im Kirchenstaat.

Ein Freund des Kammerdieners, der namentlich nicht genannt wurde, äußerte gegenüber "La Stampa" die Vermutung, dass Gabriele von "jemand Wichtigem" dazu gebracht worden sein, die Dokumente aufzubewahren. Der Kammerdiener sei "entweder plötzlich verrückt geworden, oder er ist in eine Falle geraten", sagte der Mann. Ein anderer Freund berichtete, er habe zuletzt am Montag mit Gabriele gesprochen. Da sei der Kammerdiener "betrübt" gewesen, weil er kurz zuvor erfahren habe, dass er verdächtigt werde. "Wenn er diese Dokumente hatte und wenn er wusste, dass er verdächtigt wird, warum hat er sie dann nicht vernichtet?", fragte der Freund.

Laut der Zeitung "La Repubblica" ist unter den möglichen weiteren Verdächtigen auch eine Frau. Sie sei verheiratet und habe auch noch eine Arbeit außerhalb des Vatikans, schrieb das Blatt. Die Frau habe schon unter Papst Johannes Paul II. im Vatikan gearbeitet und seinen Nachfolger Benedikt XVI. zuletzt im März auf seiner Reise nach Mexiko und Kuba begleitet.

Der am Mittwochabend verhaftete Vater dreier Kinder wird beschuldigt, seit Jahresbeginn brisante Dokumente, in denen es unter anderem um Vorwürfe der Korruption und des Missmanagements ging, an Medien weitergegeben zu haben. In Anlehnung an das Enthüllungsportal WikiLeaks ist von VatiLeaks die Rede.

Intern große Zerwürfnisse

Wie der Vatikan mitteilte, ist Gabriele mit Erhebung der Anklage nun formell Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren. Gabriele, der sich zwei Anwälte genommen habe, erwarte ein faires Verfahren gemäß dem Strafrecht des Kirchenstaates. Weil der Vatikan kein eigenes Gefängnis betreibt, wird der Butler des Papstes in einer von drei Arrestzellen des päpstlichen Polizeiwache festgehalten. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu 30 Jahre Haft, die er gemäß einer Vereinbarung zwischen Italien und dem Vatikan in einem italienischen Gefängnis verbüßen müsste.

Der Papst soll entsetzt auf die Nachricht reagiert haben, dass ein Mitarbeiter aus seiner engsten Umgebung verhaftet wurde. Der Kammerdiener arbeitete in Benedikts Wohnung im Apostolischen Palast. In dieser Vertrauensstellung hatte er Zugang zu den streng abgeriegelten Privaträumen des Kirchenoberhauptes und war mit den Vorgängen dort bestens bekannt. Er bediente den Papst bei Tisch, begleitete ihn im Papamobil und überreichte Würdenträgern, die das Kirchenoberhaupt aufsuchen, den Rosenkranz.

Benedikt hatte mehrere Ermittlungsverfahren angeordnet, die unter anderem von der vatikanischen Polizei und von einer Kardinalskommission geleitet wurden. Italienische Medien waren seit Anfang des Jahres mit Interna versorgt worden: Teilweise handelte es sich um persönliche Briefe an den Papst. In einigen Unterlagen ging es um Vorwürfe der Korruption, des Missmanagements, der Vetternwirtschaft und um Kritik an der Führung der Vatikan-Bank. Deren Präsident Ettore Gotti Tedeschi war am Donnerstag entlassen worden.

ono/Reuters/AFP / Reuters