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"Vom Saulus zum Paulus": Skinhead wird nach Totschlag Pastor

Als jugendlicher Skinhead schlägt er einen Menschen tot, jetzt wird er Pastor. Sein Abgleiten in die rechte Szene und den schweren Weg zurück beschreibt Johannes Kneifel in seiner Autobiografie.

Die Tat sorgte weit über die Lüneburger Heide hinaus für Entsetzen: Zwei jugendliche Skinheads schlagen 1999 im Alkoholrausch einen Mann tot, der sich offen gegen Rechts ausspricht. Einer der Täter von damals macht heute erneut Schlagzeilen. In der Haft rückt er von der rechten Szene ab, studiert Theologie, demnächst wird er als Pastor arbeiten. Hinter ihm liegt ein langer und schwerer Weg. Ihn zeichnet Johannes Kneifel in seiner jetzt erschienenen Lebensgeschichte "Vom Saulus zum Paulus" nach.

Am Anfang ist von einem Denkzettel die Rede, den der damals 17-Jährige und ein Kumpel dem im Heideort Eschede als "Hippie" bekannten Opfer verpassen wollen. Aufgeputscht von rechter Musik treten die beiden die Türe des 44-jährigen Peter Deutschmann ein. Kneifel tritt mit seinen Springerstiefeln zu, bis sein Komplize ihn wegzerrt. Am nächsten Tag ist Deutschmann tot. Für die Attacke bekommt Kneifel fünf Jahre Jugendhaft.

Massiver Alkoholmissbrauch und Ausländerhass

Von einer "Dummheit", einem "Albtraum" spricht der geläuterte Nazi in seinem Buch. Als er in Untersuchungshaft wandert, beschreibt er sich voller Selbstmitleid als "Abschaum", in dem alle nur noch den "brutalen Mörder" sehen. Das Hinterfragen seiner Tat, der Blick auf das Opfer, die Auseinandersetzung mit seiner rechten Gesinnung werden in dem Buch erst nach und nach beschrieben - die Wandlung Kneifels wirkt dadurch umso glaubhafter. Zunächst schildert er seine schwierige Kindheit: Die Mutter ist durch eine schwere Krankheit zunehmend behindert, der Vater arbeitslos - er fühlt sich isoliert.

Was treibt einen junge Menschen in die Fänge der Neonazis? Fehlende Anerkennung und scheinbare Perspektivlosigkeit sind es bei Kneifel, der im Schulbus ersten Kontakt zu rechten Sympathisanten bekommt. Auf Partys schließt er sich dann rechtsextremen Kreisen an - zum Skinhead-Outfit gesellen sich massiver Alkoholmissbrauch und Ausländerhass. In der Haft, wo er sehr viel mit Ausländern zu tun hat, lernt Kneifel diesen zu überwinden. Sie stehen ihm bei - anders als andere Rechte, mit denen er hinter Gittern in Berührung kommt.

"Mir wird immer klarer, dass mein Glaube an Kameradschaftlichkeit und Freundschaft innerhalb der Szene ein naiver Irrglaube war. Ich durchschaue mehr und mehr, was wirklich dahintersteckt", erkennt Kneifel. "Die Frage, ob ich weiterhin in der rechten Szene bleiben soll, hat sich für mich erledigt."

Gefängnis-Gottesdienst bringt ihn mit Christen in Kontakt

Kneifels Buch dreht sich nicht nur um den Weg in den Rechtsradikalismus und zurück, um die Annahme von Schuld und Strafe. Es liefert zugleich auch einen detaillierten Einblick in den Alltag von Deutschlands größter Jugendhaftanstalt in Hameln. Der Gefängnis-Gottesdienst bringt ihn mit Christen in Kontakt, die ehrenamtlich hinter Gittern aktiv sind. Etwas weltfremd und naiv findet er sie zunächst, später springt der Funke über. Die evangelisch-freikirchliche Gemeinde hilft ihm nach der Entlassung ins Alltagsleben zurück. Nach dem Fachabitur stellt Kneifel dann die Weichen: Er will Pastor werden. Sein Studium am Theologischen Seminar Elstal bei Berlin hat er inzwischen fast abgeschlossen.

So beeindruckend Kneifels Weg vom Skinhead zum Pastor ist, so ernüchternd das Schicksal des zweiten Täters. Während Kneifel in der evangelischen Kirche regelmäßig bei Veranstaltungen gegen Rechts auftritt, gibt es gegen seinen Kumpel von einst nach der Haftentlassung serienweise Strafverfahren wegen schwerer Gewalttaten. Er wird zu einer bekannten Größe in der rechten Szene.

Michael Evers, DPA / DPA
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