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"Weltmacht Wasser": Wo Böhmen am Meer liegt

Es waren die Kommunisten, die einst die Moldau stauten und so den mächtigen Lipno-See schufen. Damals brachte er den Bewohnern neue Häuser und Strom. Nach der Wende kamen die Touristen und mit ihnen viel Geld. Wie ein Mammutbau vom Prestigeprojekt zum Urlaubsparadies wurde.

Von Kilian Kirchgeßner

Er war schon lange nicht mehr hier unten. Einen Moment blinzelt er in die Sonne, er schaut vom Uferweg hinaus auf das Wasser und atmet tief durch. Direkt vor ihm liegt ein Segelboot vor Anker, eine dieser kleinen Sportjachten, und schaukelt mit jeder Welle auf und ab. Dort vorne am anderen Ufer steigen die Hügel des Böhmerwaldes auf, die sich bis zum Horizont hin aneinanderreihen und jetzt in der Abendsonne schwarz und blau schimmern. Frantisek Bartik streckt seinen Arm aus in Richtung der Wasserfläche. "Da, wo jetzt das Boot liegt", sagt er dann, "da stand früher mein Haus." (…)

(…) Valik arbeitet da, wo sich die Berge des Böhmerwaldes mit dem großen Wasser verloben, so heißt das bei den Einheimischen. Andere sprechen vom böhmischen Meer, und Tatsache ist, dass der Lipno-Stausee die mächtigste Wasserfläche weit und breit ist. Er misst 48 Kilometer in der Länge, ist an seiner ausgedehntesten Stelle sechs Kilometer breit, insgesamt umfasst er 4600 Hektar, und irgendwo auf seinem Grund verläuft das ursprüngliche Bett der Moldau.

Ein strategisches Meisterstück

In den 1950er-Jahren haben die Kommunisten den Böhmerwald geflutet, hier im Dreiländereck zwischen Tschechien, Österreich und Deutschland. Sie haben eine gewaltige Staumauer bauen lassen und gleich daneben das Kraftwerk, in dem heute Vladimir Valik arbeitet. "Die Technik hier ist so solide", sagt er, "dass die Turbinen erst nach 25 Jahren ausgetauscht werden mussten. Bei einigen Kraftwerken im Westen haben die nicht einmal zehn Jahre durchgehalten!" Er ist stolz auf das Bauwerk, und genau das hatten die Kommunisten damals beabsichtigt. Mit ihrem Stausee wollten sie es denen im Westen mal so richtig zeigen: Der Lipno-Stausee ist ein strategisches Meisterstück. Er bietet alles, was den kommunistischen Chefplanern damals für ihre Propaganda wichtig gewesen ist: die besten Turbinen, die mächtigste Staumauer, die größte Leistung, die ganze Palette der Superlative.

Dazu die Moldau mit ihrer mystischen Bedeutung für die Tschechen und der hügelige Böhmerwald, der sich auf den Fotos vom kommunistischen Wunderwerk so harmonisch in den Hintergrund einfügt. Und das alles direkt an der Grenze zum kapitalistischen Westen. (…)

(…) Die Geschichte von Frantisek Bartik ist eine dieser Geschichten, wie sie damals spielten, hier im Böhmerwald. Gleich nach dem Krieg wollten sich Bartik und seine Frau in Frymburk ein Haus kaufen und ein neues Leben beginnen. Es herrschte endlich Frieden in Europa, die kommunistische Partei versprach Fortschritt und Wohlstand, die kleine Tochter des jungen Paares lernte gerade laufen, und alles sah danach aus, als gebe es endlich einen Grund zum Optimismus. Arbeit fand Bartik in einer Papiermühle, die Schichten waren lang, aber sie warfen gutes Geld ab. Bald war seine Frau wieder schwanger. Bartik wollte sein Haus vergrößern und lief mit dem Antrag zum Amt. "Als er zurückkam, schüttelte er nur seinen Kopf", erinnert sich Marie, seine Frau: In das Haus solle man lieber nicht investieren, wurde ihnen beschieden, es werde ohnehin bald überflutet. Das war im Frühling 1950 und Frantisek Bartik hörte zum ersten Mal von dem geplanten Stauwehr. Gerade sein Frymburk hatten sich die Kommunisten ausgesucht, um der ganzen Welt ihre technologischen Großtaten vorzuführen! (…)

Bartiks Haus versank in den Fluten

(…) Zwölf Kilometer lang windet sich die Straße Moldau abwärts, bis sie in den Ort Lipno hineinführt. "Das war eine einzige Baustelle da hinten", sagt Bartik, "zwischendurch haben wir da mit zweitausend Mann gearbeitet, alle auf einmal." Beton gießen, Erdwälle aufschütten, die Arbeit hörte gar nicht mehr auf, unterirdische Stollen sprengen, Turbinen installieren, immer weiter ging es. An jedem Abend brachte der Bus Bartik wieder nach Frymburk, zurück zu seiner Familie, zurück in sein Haus, das in den Fluten versinken würde, sobald seine Arbeit getan war. Frantisek Bartik erzählt seine Geschichte so gleichgültig, als gehe es um das Spiel von Sparta Prag am letzten Wochenende. Die ganzen Fragen versteht er nicht. "Wieso Widerstand? So was gab es im Kommunismus nicht! Niemand hätte gewagt, öffentlich gegen den Staudamm zu protestieren." Und der Dorfklatsch? Gab es kein Gerede über die, die hier Heimat versenkten? "Aber warum denn? Wir haben gewonnen durch den See, nicht verloren! Wissen Sie, unser altes Haus hatte einen kleinen Flur und drei Zimmer. Wenn wir sonntags baden wollten, musste ich Wasser aus der Moldau holen." Und dann kamen die Kommunisten mit ihrem Staudamm, sie bauten Frantisek Bartik und seiner Familie ein neues Haus. Einige hundert Meter weiter oben auf dem Hang über Frymburk liegt es, und darin gibt es fließendes Wasser, der Stromanschluss funktioniert und die Heizung ist neu. "Verstehen Sie? Wogegen hätte ich denn protestieren sollen?" (…)

(…) Die alten Postkarten mit der deutschen Aufschrift gehören zur Sammlung von Oto Rezac. Er ist Bürgermeister in Frymburk und als er 1959 geboren wurde, lief gerade erst das Wasser in den Stausee ein. "Wissen Sie, eigentlich sind die Pläne zum Stausee ja viel älter, das haben sich nicht die Kommunisten ausgedacht", erzählt er. Strom zu gewinnen, war schon davor interessant, und vor allem hoffte man, endlich moldauabwärts die Hochwasser in den Griff zu bekommen. Damals aber, zwischen den Weltkriegen, haben die Sudetendeutschen das monumentale Bauprojekt verhindert; sie wollten ihre Äcker nicht verkaufen und schon gar nicht die Häuser, in denen ihre Familien seit Generationen wohnten. Damit war das Thema über Jahrzehnte erledigt, gescheitert am erbitterten Widerstand der damaligen Einwohner. Nach dem Krieg war niemand mehr da, der protestiert hätte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Den neuen Einwohnern waren die alten Häuser egal. Und spektakuläre Gerüchte um den Lipno-Stausee

Frymburk lebt überwiegend vom Tourismus

Den neuen Einwohnern, die in das leere Sudentenland zogen, waren die alten Häuser egal, sie hatten keinen Bezug zur Landschaft. Und überhaupt zwang sie die neue Zeit zum Pragmatismus: Plötzlich lagen sie hier im Böhmerwald nicht mehr mitten in Europa, sondern am hintersten Rand des Sowjet-Reiches, die großen Städte und Industriezentren waren weit entfernt. Der Stausee wurde zur wichtigsten Überlebenshilfe für die Region: Parteifunktionäre kauften sich hier am Ufer Wochenendhäuser, viele Städter bauten sich in den neuen Hüttenkolonien aus ein paar Holzbalken ihre eigene bescheidene Chalupa, in die sie immer freitags aus der urbanen Plattenbautristesse flüchteten. Und dann die großen kommunistischen Staatskonzerne: Sie holzten den Wald entlang des Wassers ab und bauten kantige Hotels, in die sie ihre verdienten Mitarbeiter gleich zu Hunderten verfrachteten, wenn die Urlaubszeit anstand. (…)

(…) Dem heutigen Frymburk sieht man den neuen Wohlstand an. Die Fassaden am Marktplatz sind allesamt frisch renoviert, an Sommerabenden stauen sich die Gäste vor den Restaurantterrassen mit Blick auf die Moldau und die Parzellen in den Neubaugebieten sind so schnell vergeben, dass selbst Bürgermeister Oto Rezac staunt. Achtzig Prozent der Frymburker, schätzt er, leben heute vom Tourismus, und die meisten leben sehr gut davon. (…)

(…) Was mit der Gegend um den böhmischen Stausee seit der Wende passiert ist, lässt sich noch besser direkt an der Staumauer ablesen, im Fünfhundertfünfzig-Einwohner-Dorf Lipno. Der ursprüngliche Stadtkern ist so hoch gelegen, dass er in den 50er-Jahren vom Wasser verschont geblieben ist. Dafür haben ihn in den vergangenen fünf Jahren westliche Investoren überflutet. (…)

"Nicht alles ist gut, was passiert ist"

(…) Es ist dieser Wirbel rund um den Lipno-Stausee, über den Jan Voldrich den Kopf schüttelt. "Nicht alles ist gut, was hier in den letzten Jahren passiert ist", sagt er und aus seinem Munde ist das eine erstaunliche Äußerung. Voldrich ist nämlich Bürgermeister, er steht der Gemeinde Cerna vor und auch die profitiert vom Boom der Region. Einen Strand gibt es hier, einen kleinen Hafen und eine Handvoll Pensionen. "In den 1990er-Jahren sah es so aus, als könnten wir künftig ganz vom Tourismus leben", erinnert sich Voldrich. Inzwischen weiß er es besser: Eine Holländer-Siedlung wie in Lipno, ein Freizeitbad oder ein riesiges Wellnesshotel wie in Frymburk wolle man in seiner Gemeinde nicht. "Wir können nicht alles zubauen", sagt er, und bis jetzt konnte er den Investoren widerstehen, die ihn mit allerhand hochfliegenden Plänen und wohlklingenden Versprechungen bestürmt haben. Jan Voldrich ist das genaue Gegenteil von seinen geschäftstüchtigen Kollegen in den Nachbarorten. "Unser Cerna muss organisch wachsen, alles andere wäre für die Gemeinde nicht gut." Ob er es wirklich aus Überzeugung sagt, lässt sich nicht abschätzen. Selbst wenn er wollte, könnte er nur sehr beschränkt Bauplätze ausweisen - Cerna liegt gerade noch im Landschaftsschutzgebiet, die Regularien sind hier viel strenger als ein paar Kilometer weiter. Wegen dieser paar Kilometer ist auch die alte Zeit in Cerna noch greifbar, die Zeit des Kalten Krieges und der Ost-West-Konfrontation. Cerna war damals eine Gemeinde an der Frontlinie des Konflikts: Ganz in der Nähe begann noch vor zwanzig Jahren das gefährliche Niemandsland, eine Gegend, in der außer den tschechoslowakischen Militärs keiner etwas verloren hatte. (…)

(…) Umso spektakulärer hören sich die Gerüchte an, die sich um den Lipno-Stausee und seine Bedeutung im Kalten Krieg ranken. Jeder, der hier am Ufer wohnt, kennt einige der Mythen. Den Mythos um die Brücke zum Beispiel: Dass die Armee von Anfang an verboten hat, eine Straße von einer Seite zur anderen zu bauen, damit mögliche Invasoren nicht ins Landesinnere kommen. Oder den Mythos über die Österreicher, den es sogar in zwei Varianten gibt: Wütend hätten sie beim Bau des Stausees protestiert, heißt es in der einen Version, weil das gestaute Wasser aufgrund einer ungenauen Berechnung auf österreichisches Gebiet schwappt. Andere behaupten das genaue Gegenteil; die Österreicher hätten der Tschechoslowakei sogar viel Geld geboten, damit sie die Staumauer um ein paar Meter erhöhen. Dann wäre noch mehr Wasser nach Österreich geflossen und man hätte die Region auch auf der westlichen Seite für den Tourismus erschließen können.

Wasser als Waffe im Ost-West-Konflikt

Am weitesten verbreitet ist aber das Gerücht über Invasionspläne: Wenn der Krieg ausbricht, so erzählt man sich hier, dann könne die Armee innerhalb kürzester Zeit fast das ganze Wasser aus dem Stausee ablassen. Trockenen Fußes wären dann die Soldaten in den Westen gelangt - und zwar an einer Stelle, an der wegen des Sees kein Nato-Stratege mit einem Angriff gerechnet hätte. Das Wasser als Waffe im Ost-West-Konflikt.

Der Mann, der mehr darüber weiß, ist von bulliger Statur. Milos Bohac trägt die Haare in einem kurzen Bürstenschnitt, er ist fünfzig Jahre alt, und irgendwann in den 1980ern hat er gemerkt, wie unangenehm die tschechoslowakische Staatssicherheit werden kann. Milos Bohac ist Sporttaucher, sein kleiner Tauchclub heißt Aqualung und hieß so auch schon zu sozialistischen Zeiten. Der Stausee ist sein Revier, er kennt die siebzehn Meter tiefen Abschnitte genauso wie die Bereiche, in denen das Wasser nur halbmetertief dümpelt. Und er wusste, wo die Alarmdrähte verliefen, die die Staatssicherheit gespannt hatte, oberhalb der Wasseroberfläche und darunter. (…)

Im Wasser findet man Relikte aus allen Epochen

(…) Milos Bohac selbst wollte nie auf die andere Seite. (…) Wahrscheinlich ist es die Perspektive eines Tauchers, aus der man die Spannungen und Konflikte um den Lipno-Stausee am besten versteht. Dort im Wasser findet man Relikte aus allen Epochen der Vergangenheit; die Drähte zum Beispiel, die immer noch irgendwo durch das Wasser verlaufen und für Bohac bis heute den Sozialismus verkörpern. Und dann ist da die Sache mit der Mariensäule. "Auf alten Fotos aus Frymburk haben wir die Säule noch gesehen, sie stand mitten im späteren Überflutungsbereich", erzählt der Taucher. Die Madonna war anderthalb Meter groß und die Bauarbeiter damals in den 1950er-Jahren haben sie nicht in Sicherheit gebracht, bevor sie das neue Staubecken fluteten. Irgendwo dort unten im See muss sie also liegen, die zentnerschwere Statue, die noch die deutschen Bewohner im Ort aufgestellt hatten. Also machten sich Milos Bohac und seine Taucher auf die Suche nach der Jungfrau Maria, (…) sie haben sie bis heute nicht gefunden. "Wahrscheinlich ist sie inzwischen in die Sedimentschicht eingesunken", sagt Milos Bohac, "dann taucht sie nie wieder auf."

Oben am Uferweg von Frymburk schaut Frantisek Bartik, der alte Bauarbeiter vom Lipno-Stauwehr, noch einmal hinaus auf den See und sucht mit den Augen die Stelle, an der früher sein Haus gestanden hat. Er war schon lange nicht mehr hier am Wasser, die paar hundert Meter sind ihm viel zu lang geworden, seit die Beine ihm zu schaffen machen, schließlich ist er schon sechsundachtzig Jahre alt. Einen Blick wirft er noch auf den See, dann dreht er sich um und schickt sich an, den Hügel zu bezwingen, auf den sie damals sein neues Haus gebaut haben. "Schön", sagt er im Gehen, "dass ich noch einmal hier unten gewesen bin."

Kilian Kirchgeßner ist Mitglied des Auslandskorrespondentennetzes Weltreporter.net

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(