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100. Geburtstag von Henri Nannen: Raubein mit Seele

Auch die besten stern-Geschichten können es nicht mit seinem Leben aufnehmen. Henri Nannen war gewaltig – als Journalist, als Mann, als Mensch.

Von Claus Lutterbeck

Hamburg, 1973.  Blattmacher  Henri Nannen  in Aktion: Im Pressehaus  am Hamburger  Speersort, wo der  stern bis Ende 1973  seinen Sitz hatte,  wählt der Chefredakteur  Bilder für eine  Fotostrecke aus.

Hamburg, 1973.
Blattmacher
Henri Nannen
in Aktion: Im Pressehaus
am Hamburger
Speersort, wo der
stern bis Ende 1973
seinen Sitz hatte,
wählt der Chefredakteur
Bilder für eine
Fotostrecke aus.

Wie Henri Nannen einmal sein ostfriesisches Rrr laut gerollt hat

Damals, in der guten alten Zeit, als der stern so dick war, dass die 360 Seiten dicken Hefte kaum zu klammern waren, als man mittags das Saufen anfing und sowieso alle rauchten, als man erster Klasse verreiste und fünf Sterne wohnte, als Gütersloh weit weg und ein Reporter noch kein Kostenträger war, irgendwann in dieser goldenen Print-Zeit klingelte einmal mein Telefon: "Herr Nannen möchte Sie sprechen – und zwar sofort", sagte seine Sekretärin. Ich hörte am Ton von Maggie Hellgrewe, dass es ernst war. Ich machte die Tür zu seinem Büro auf, ahnungslos. Da saß er hinter seinem Schreibtisch. Ein Bild von einem Mann, messerscharfer Scheitel, blaue Augen, breite Schultern, als sei er dem Ring des Nibelungen entstiegen.

Alles an diesem silbrigen Rabauken war einschüchternd, und das lag nicht nur an reichlich zwei Zentnern Kampfgewicht und 1,89 Meter Körperlänge, auf die er, wenn es sein musste, gern ein paar Zentimeter drauflegte. Als ein durchgeknallter Will Tremper ihm mal "die Fresse polieren" wollte, lachte Nannen seinen eher klein geratenen Vielschreiber aus, er sei "ja ulkig: Wissen Sie nicht, dass ich 1,95 groß bin?" Es war weniger seine Physis, die uns in Bann schlug, es war vor allem seine Ausstrahlung.

Siegfried war in Beißlaune. Der Blick, mit dem er mich musterte, verhieß Randale, sein Kinn mit dem tiefen Grübchen signalisierte Kampfeslust, die Stimme, die aus der massigen Brust kam, war eine Kriegserklärung. Seine Autorität war so anstrengend, so überwältigend, dass ein selbstbewusster Reporter sich noch heute schüttelt: "Wenn man neben ihm stand, ging dein Licht aus und seine Sonne an." Nannens zweite Frau Martha, die schwer an diesem raumgreifenden Ego zu tragen hatte, schrieb ihm verzweifelt: "Man verliert auf die Dauer seine Identität in deiner Gegenwart." Er selbst tat immer so, als verstehe er diesen "Nannen-Komplex" nicht. In einem offenherzigen "Playboy"-Interview behauptete er 1981 sogar, das sei etwas, worunter er "sehr leide".

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Die Leserbriefseite

Diesen Eindruck hatten wir nicht, im Gegenteil. Als ich in sein Büro trat, schüttelte er seinen Schädel wie der Löwe im Metro-Goldwyn-Mayer-Vorspann und machte mich nieder, wie ich es nie wieder erlebt habe. Ob ich sie noch alle hätte? Ob ich völlig verrückt geworden sei? Wie ich überhaupt beim stern gelandet sei? Ob er nur von Idioten umgeben sei? Anfängern? Arschlöchern?

Was war der Grund für seinen Wutausbruch? Ich muss etwas ausholen. Damals hatten wir jungen Redakteure des Politikressorts reihum die Leserbriefseite zu betreuen. Es war eine verhasste Aufgabe, aber Henri Nannen sah das ganz anders. Leserbriefe waren Volkes Meinung, und die war ihm heilig. In dem Ordner, den wir jede Woche aus der Chefredaktion bekamen, lag obenauf meist eine Vorauswahl jener Zuschriften, die ihm wohl wichtig waren. Ich fand sie langweilig und wählte fröhlich andere aus.

Nannen war außer sich. Warum ich die einzig interessanten Briefe gegen völlig belanglose ausgetauscht hätte!? "Weil …", stammelte ich. "Raus!", brüllte er. Ich habe seine Stimme noch heute im Ohr, rau wie eine Holzraspel, mit friesisch rollendem Rrrr.

So hatte ich mir die Arbeit beim berühmten stern nicht vorgestellt. Warum schrie mein bewunderter Chef mich wegen drei Leserbriefen so an? Ich klagte dem Ressortchef mein Leid. "Willkommen im Klub", sagte Heiner Bremer ungerührt. "Was glaubst du, wie oft er uns schon zur Sau gemacht hat? Da musst du durch." Und was war nun mein Verbrechen? "Du hast wahrscheinlich genau die Leserbriefe rausgeschmissen", sagte Bremer, "die er selbst geschrieben hat."

Kleine Schurkereien

Wir versichern Ihnen, liebe stern-Leser, dass heute kein Brief mehr gefälscht wird. Seit den Hitler-Tagebüchern bemühen wir uns um Fakten, Fakten, Fakten, so öde sie gelegentlich auch sein mögen. Das Leserbriefschreiben und andere kleine Schurkereien – es gab derer einige in 83 Jahren Liebe, Krieg, Kunst und Beruf – beging Nannen selten aus Gemeinheit, sondern immer aus Leidenschaft. Schon als Schüler am humanistischen Wilhelmsgymnasium in Emden hat er mit wechselnden Identitäten gespielt. Aus lauter Lust am Schusswechsel duellierte er sich in den Spalten einer Lokalzeitung mit sich selbst. Mittwochs schrieb er einen Leserbrief für den Ausbau von Emden und donnerstags unter anderem Namen einen dagegen: "Da habe ich mich voll und ganz in die gegenteilige Meinung versetzt", erzählte er Jahre später, freudestrahlend, sich keiner Schuld bewusst.

Im stern hat er diese Masche auf die Spitze getrieben. Wenn ihm eine Konferenz zu langweilig war, vertrat er oft haarsträubende Positionen – nur um zu provozieren. Wenn es ungemütlich wurde, fühlte er sich wohl wie der Teufel im Schwefelbad. Solange er den stern regierte, von 1948 bis 1980, war die Luft bleihaltig, das Tempo stürmisch und der Ton grob. Die wöchentliche "Strukturkonferenz", in der die Plätze für die nächste Ausgabe verteilt wurden, war ein darwinistisches Gemetzel, bei dem jeder gegen jeden keilte, angestachelt von einem "peitschenschwingenden Dompteur", wie ihn der einstige Chef vom Dienst, Wolf Schneider, nannte. Als der 1978 erster Chef der Henri-Nannen-Journalistenschule werden sollte, knurrte Nannen: "Der Schneider ist zwar ein Arschloch, aber er ist der Einzige, der das kann."

So war er. Nie hintenrum, nie intrigant, immer zwischen die Augen. Schlusstage waren besonders turbulent, da wurde er zum Stromboli, der laufend neue Ideen ausspuckte. Immer musste er was verbessern, nie war er zufrieden. Wenn alle Texte fertig waren, wenn in der Druckerei die großen Walzen schon anliefen, raste er morgens um fünf in seinem Flügeltüren-Mercedes 300 SL hinaus nach Itzehoe und änderte im laufenden Andruck irgendeine Überschrift, die ihm nicht mehr gefiel. Für das Geld, das so etwas kostete, hätte er sich jedes Mal einen neuen SL kaufen können. "Sterne flimmern nun mal", beschrieb ihn Valentin Falin, sein Freund und einst mächtiger sowjetischer Botschafter in Bonn.

Sein Leben war Leidenschaft

Dies ist der Versuch, einen Mann zu beschreiben, der nicht nur geflimmert, sondern sogar gefunkelt hat. Und das kann natürlich nur so geschehen, wie Nannen selbst das Leben und seine Akteure immer gesehen hat: als "packendes Welttheater" voll unglaublicher Anekdoten und Sagen, Fakten und Märchen, Geschichten und Dönekes. Man muss sie nur ausgraben. Diese Geschichten sind meist deswegen so farbig, weil er selbst sie so oft erzählt, ausgeschmückt und hinterher nur halbherzig dementiert hat. Das macht die Suche nach Wahrheit kompliziert. Und wenn nicht alle Geschichten seinen Heiligenschein polieren, so gilt, was er uns damals gesagt hat, als die wunderbare Serie "Runter kommen sie immer" lief: "Wir berichten nicht über Flugzeuge, die pünktlich landen, sondern über die, die runterfallen." Denn mit den pünktlich landenden Flugzeugen ist es wie "mit nackten Männern auf dem Titel. Die verkaufen sich nicht."

Geschichten waren der Treibstoff seines Erfolges, sie waren seine Leibspeise, neben Labskaus, Updrögt Bohnen und Rinderbraten Elsa. Er war unendlich neugierig auf unglaubliche, herzergreifende, wahnsinnige, erschütternde, bewegende, komische, wahre, halb wahre, frei erfundene Geschichten. Er saugte sie aus seinen Autoren wie ein Vampir, und sie sprudelten aus ihm heraus, unaufhaltsam und stundenlang. "Spiegel"-Chef Rudolf Augstein und er waren 1955 eingeladen, am ersten Flug der Lufthansa von Frankfurt nach New York teilzunehmen. Vorher hatten die beiden ausgemacht, sich auf der langen Reise ihr Leben zu erzählen. "Als wir nach 17 Stunden in New York ankamen", erzählte Augstein später, "kannte ich seins." Am besten war Nannen, wenn er Anekdoten über die Mächtigen erzählte, "ihr falscher Glanz löste sich dann in seiner ätzenden Ironie auf wie Papierblumen", beschrieb Auslandsreporter Jörg Andrees "Andy" Elten. Wie etwa über jenen Hamburger Senator, der ihm mal frech kam. Da sagte Nannen nur: "Dann lassen wir im nächsten stern mal den VW wackeln." Der Herr Senator hatte nämlich ein Verhältnis mit einer Sekretärin, und Nannen wusste, was die beiden an der Alster in ihrem engen Auto trieben.

Hamburg, 1968. Machtzentrum:  Mit hochgezogenen Augenbrauen  lässt sich Nannen von Artdirector Rolf  Gillhausen ein Layout zeigen. An der  Wand hängen die fertig produzierten  Doppelseiten des nächsten Hefts.

Hamburg, 1968. Machtzentrum: Mit hochgezogenen Augenbrauen lässt sich Nannen von Artdirector Rolf Gillhausen ein Layout zeigen. An der Wand hängen die fertig produzierten Doppelseiten des nächsten Hefts.

Wie Henri Nannen einmal einen isländischen Gesandten namens Arne Mjölk gab

Henri Franz Theodor Max Nannen wurde am 25. Dezember 1913 geboren, eine Woche nach Willy Brandt, ein halbes Jahr bevor der Erste Weltkrieg ausbrach. Sein Leben umspann gewissermaßen die große Zeit der gedruckten Presse. Illustrierte und Magazine erlebten ihre besten Jahrzehnte von 1920 bis in die 80er Jahre hinein. Als er 1996 starb, las man die ersten Nachrichten schon online. Heute kämpft Print ums Überleben.

Nannen war ein guter Schüler und studierte in München begeistert Kunstgeschichte, der Krieg beendete das Studium. Als Gefreiter schrieb er einer Freundin von der Ostfront: "Ich schaudere manchmal bei dem Gedanken, daß ich nun schon 28 Jahre alt bin und doch so gar keinen festen Grund gefunden habe." Nach dem Krieg schlug er sich als Handlanger auf Bauernhöfen durch, bis er 1948, im reifen Alter von 34 Jahren, seine Bestimmung fand: das Blattmachen. Hat aus einem harmlosen, 16 Seiten dünnen Filmstarheftchen in 20 Jahren die bestgemachte, interessanteste und rentabelste Illustrierte der Welt gemacht. Ihr Erfolgsgeheimnis? Ganz einfach, er hat sein Lebensgefühl auf das Blatt übertragen: "Ich ging davon aus, dass das, was mich interessiert, auch die Leser interessiert." Geholfen hat ihm dabei ein Selbstbewusstsein, das ausgereicht hätte, "um Cassius Clay auszustaffieren, und für Rambo wäre noch genug übrig geblieben", wie Kollege Claus Jacobi einst staunte. Und ein fast erotisches Verhältnis zum bedruckten Papier, "ich bin ja doch ein sehr sinnlicher Mensch".

Eigentlich, sagt der ehemalige stern-Artdirector Wolfgang Behnken, "müsste das Blatt 'Henri' heißen". Der erste stern vom 1. August 1948 kostete 40 Pfennig und erschien mit einer Auflage von 130.000 Exemplaren. Nur die Hälfte wurde verkauft. Fast 20 Jahre später, im Frühjahr 1967, verkaufte sich ein Titel über das Ehepaar Kennedy genau 1 931 438 Mal, es war die höchste Einzelauflage aller Zeiten. In der ersten Ausgabe waren neun kleine Anzeigen ("Mit Vim im Haus sieht's sauber aus"), im besten Jahr, 1980, waren es 6070, rund 118 Seiten pro Heft, der stern wurde zum "World Leader in Advertising" gekürt. Noch einmal zehn Jahre später schlug er alle Rekorde: "Den höchsten Anzeigenumsatz erreichte der stern 1990 mit 318 Millionen Mark netto – der höchste Wert, den eine Zeitschrift in Europa und wohl auch in der Welt je erreicht hat", erinnert sich voller Stolz der Mann, der das viele Geld damals angeschleppt hat, Anzeigenchef Rolf Grimm.

"Lieschen Müller", die unbekannte Leserin

Nannens illustrierte Wundertüte war "die Lokomotive, die den Bahnhof zog", so Nannen mit Blick auf seine Verleger, sie war eine Gelddruckmaschine, die ihre Besitzer, erst Gerd Bucerius, später Reinhard Mohn, zu reichen Leuten gemacht hat. Ein anderer stern-Verleger fuhr schon 1954 mit einem Cadillac durch Hamburg, da wurden die stern-Mitarbeiter morgens noch von einem klapprigen Kleinbus eingesammelt, weil keiner sich ein Auto leisten konnte. Kunsthistoriker und Verleger Hubert Burda, der von Zahlen und von Kunst etwas versteht, schätzt, dass Nannen seinen Verlegern "über die Jahre an die zwei Milliarden Mark verdient hat. Es gibt in der Kunstwelt nur zwei, die mit Bildern so viel Cash generiert haben: Picasso und Warhol. Rubens, ja, aber das ist lange her."

Wie er das geschafft hat, kann man in der Biografie von Walter Isaacson über den Apple-Gründer Steve Jobs nachlesen. Man glaubt auf vielen Seiten, da werde der Zwilling von Nannen beschrieben. Beide hatten die entscheidende Gabe, die Jobs so definierte: "Manche sagen, 'Gib den Kunden, was sie haben wollen.' Das denke ich nicht. Unser Job ist es, vor ihnen herauszufinden, was sie haben wollen."

Nannen beherrschte diese seltene Kunst ebenfalls, und wenn er gefragt wurde, woher dieser Riecher komme, aus dem Kopf oder dem Bauch, hatte er keinen Zweifel: "Der Bauch ist größer." Er kokettierte gern damit, er sei "Lieschen Müller", die unbekannte Leserin. Das war natürlich Quatsch, dazu war er viel zu gerissen, zu neugierig und draufgängerisch. Power-Point-Präsentation? Leserbefragung? Media-Analyse? Einmal hat Nannen ein Meinungsforschungsinstitut damit beauftragt, einen Titel testen zu lassen. In den 50er Jahren sollte Frau Noelle-Neumann untersuchen, was die Leser lieber auf dem stern-Titel sehen wollten, Adenauer auf einem Esel reitend oder Marilyn Monroe mit tiefem Dekolleté. Eine klare Mehrheit sagte: Adenauer. Gedruckt hat Nannen beide Titel, erst Adenauer, dann den Filmstar, und siehe: Die junge Frau mit Busen verkaufte sich deutlich besser als der alte Mann mit Esel. "Ist doch klar", sagte Nannen, "wenn sie gefragt werden, sind die Leute prüde. Aber beim Kaufen nicht." Grund genug für ihn, Leserbefragungen zu missachten. Sein Spott über die Theoretiker der Branche war vernichtend: "Sie sind wie die Eunuchen. Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht." Beide fingen sie klein an, Nannen in einem ungeheizten Kabuff im zerbombten Hannover, Jobs in einer Garage, in der sein Vater Autos frisierte. Beide kommandierten ihren Laden wie absolutistische Herrscher, beide waren sie kreative Leuteschinder, unerträgliche Rumbrüller, manische Perfektionisten, geniale Vereinfacher und gerissene Verkäufer ihrer Sache. Beide hatten nichts, was man ein normales Familienleben nennen könnte, beide waren besessen von sich. Die Firma war Familie, das Produkt ihr Kind. Beiden ging es nicht um Geld oder ein Geschäftsmodell, es ging um ihr Leben. Sie waren, jeder auf seinem Gebiet, unbeschreiblich erfolgreich – und doch keine glücklichen Menschen. Das ist wohl der Preis, den Perfektionisten bezahlen müssen. Auf die Frage im "FAZ-Magazin", was für ihn das größte Unglück sei, antwortete Nannen: "Die Unfähigkeit, wirklich glücklich zu sein."

Sich auf das Wesentliche fokussieren

Nannen hatte wie Jobs das Talent, sich auf das Wesentliche fokussieren zu können. Daran feilte der Heimwerker, der zu Hause im Souterrain eine perfekt eingerichtete Schreinerwerkstatt besaß, so hartnäckig herum, bis er sich und allen rundherum "auf den Wecker ging". Egal, ob das eine Unterzeile war, die nicht hundertprozentig saß, oder ein Holzboden, der nicht völlig eben war. Er durchkämmte sämtliche Baumärkte der Umgebung, erinnert sich sein Sohn Christian, heute ein erfolgreicher Geschäftsmann, "bis er den richtigen Zweikomponentenlack für die Haustür gefunden hatte. Und dann ließ er den armen Malermeister die Tür sechsmal umstreichen, weil ihm irgendwas nicht passte." Genauso machte er den stern. Zielsicher fand er die Schwachstellen in jedem Artikel: "Ihre Geschichte hat eine starke und eine schwache Seite", kanzelte er seine Schreiber ab, "sie fängt schwach an und fällt dann stark ab." Dann ließ er sie so oft umschreiben, bis es ihm passte, wenn es sein musste, tagelang, in vielen Fassungen. Widerworte gab es nicht, denn alle erkannten seine Autorität an: "Er war nicht hochmütig oder arrogant, er wusste nur genau, wie die Struktur einer Geschichte auszusehen hatte. Darin war er unschlagbar", sagt Axel Hecht, damals Ressortleiter Kultur. Und er wusste, wie man eine Geschichte verkauft, "da stand er nachts im Layout", erzählt Behnken, "und fragte: 'Was steht denn in der Geschichte drin?', weil er sie oft gar nicht gelesen hatte. Aber dann warf er ein paar Überschriften hin, einen Vorspann, der genial war. Das konnte niemand so gut wie er." Diesen kreativen Akt beschrieb sein Vize Gillhausen so: "Manchmal ist es bewusst, was man da macht. Und manchmal ist es unbewusst. Unbewusst machen es eigentlich alle, die wirklich etwas draufhaben."

Nannen war ein Meister der Täuschung, "mundus vult decipi", sagte der Mann mit dem großen Latinum gern, er hatte den Spruch auf einem Abreißkalender entdeckt und zu "seinem Lieblingsspruch" erklärt, wie Kommilitone Curt Hohoff in seinen Erinnerungen berichtet. Die Welt will betrogen werden. Als der Kunststudent Nannen 1939 sülzte, der feinsinnige Führer Adolf sei "aus unserer innersten Mitte gleichsam als Verdichtung unseres ganzen Volkes wunderhaft heraufgestiegen", sei das nicht ernst gemeint gewesen, sagte er später. Die Hymnen auf Hitler seien nichts als ein Trick gewesen, um endlich von den Behörden im Dritten Reich in Ruhe gelassen zu werden. Ob das so stimmt, weiß er allein, aber seine Auftritte im Bayerischen Hof zu München, wohin Hohoff und Nannen samstags zum Tanzen gingen, sind verbürgt. Das war Mitte der 30er Jahre. Der blendend aussehende Nannen, schwarze Haare, blaue Augen, Filmstarlächeln, setzte sich gut sichtbar an die Tanzfläche, Hohoff, der Schüchterne, musste von außerhalb anrufen und den "isländischen Gesandten Arne Mjölk" ausrufen lassen. Wenn "seine Exzellenz, Gesandter der Republik Island, an den Apparat gebeten wurde, ging er durch den Saal, verfolgt von den Blicken der Weiblichkeit". Nannen gab der Kapelle eine Runde Bier aus, damit sie zur Damenwahl aufspielte, und Hohoff staunte: "20 Damen suchten seine Exzellenz, den Gesandten, zum Tango zu erreichen."

Im Krieg schaffte er das Kunststück, seine Geliebte, die er in Berlin kennengelernt hatte, mit an die Front nach Italien zu nehmen. Martha Kimm, später seine zweite Frau, stammte aus Siebenbürgen und hatte einen dunklen Teint. Nannen steckte sie in eine Fantasie-Uniform und verkaufte sie seiner Einheit als "indischen Verbindungsoffizier". Ehefrau Monika lebte derweil in Bad Tölz in einem kleinen Häuschen, zu ihr zog er nach dem Krieg, samt der schwangeren Geliebten. Mit einem gewagten Trick rettete er sich auch bei Kriegsende in die amerikanische Besatzungszone. Er stellte sich und seiner Freundin gefälschte Reisedokumente aus, beglaubigt mit einem echten Stempel des Oberkommandos der Wehrmacht, den er "im Tauerntunnel gefunden" haben will. Das Spiel mit den falschen Hoheitsabzeichen setzte er später als Chef im stern fort. Weil der stern bei Bundeskanzler Erhard nicht sehr beliebt war, bekamen Reporter Gerd Gründler und Fotograf Max Scheler keinen Zugang im Wahlkampf. Nannen mietete einen großen schwarzen Mercedes, ließ einen Stander auf den rechten Kotflügel montieren und schickte seine Leute Richtung Bonn, sie sollten "einfach in der Wagenkolonne des Kanzlers mitfahren". So nah war niemand von der Konkurrenz an Erhard dran.

Arbeit und Dolce Vita

All diese Tricks – die Lust an der Verwandlung, der Sinn für theatralische Inszenierungen, das Gedöns um den eigenen Auftritt – waren bestimmt schon früh in ihm angelegt. Aber richtig gelernt hat er den großen Bluff erst bei der Wehrmacht. Da hat er, wie er später oft betonte, "psychologische Kriegsführung studiert". 1943 meldete sich Nannen, der "keine Lust mehr hatte, meinem Feldwebel mit kaltem Wasser das Geschirr zu waschen", zu einem Offizierslehrgang in Berlin-Tempelhof. Den absolvierte er so erfolgreich, dass man ihn zum Leutnant der Reserve ernannte und "gleich im Bereich der sogenannten Aktivpropaganda einsetzte", wie sein Biograf Hermann Schreiber berichtet. Anfang 1944 wurde er nach Italien an die Front geschickt, in der Propaganda-Kompanie lernte er, was er später zur Meisterschaft brachte: "Nannen konnte komplexe Fragen traumwandlerisch sicher auf ihren Kern reduzieren", sagt Axel Hecht, "und er wusste obendrein, wie man sie optisch umsetzt."

Er produzierte Flugblätter, mit denen die Kampfmoral der schnell vorrückenden Amerikaner untergraben werden sollte. Deren Botschaften waren simpel. Auf der Vorderseite war ein gefallener Soldat zu sehen, auf der Rückseite ein nacktes Mädchen, dazu die Frage: "Was ist Dir lieber?" Es gab jedoch ein kleines Problem. Wie kam man damals, Mitte 1944, an Bilder von unbekleideten jungen Frauen? Nannen wusste, wie man Arbeit und Dolce Vita verband. Zusammen mit dem Obersturmführer der Waffen-SS, Hans Weidemann, und einem Fotografen zog er in ein römisches Bordell, wo sie wahrscheinlich nicht nur die Fotos für die Flugblätter geknipst haben.

Nachzulesen sind die Heldentaten an der Front ausführlich in Hermann Schreibers umfassender Biografie: "Henri Nannen – Drei Leben". SS-Mann Weidemann rettete ihm kurz darauf wohl das Leben, als er eine Ermittlung erstickte, die für Nannen hätte fatal werden können. Er war angeblich in einen Schmuggelfall verwickelt, bei dem "anstelle von Infanteriemunition Liköre und andere Luxusgüter in einem Bahnwaggon untergebracht wurden". Nach dem Krieg zeigte Nannen sich bei Weidemann erkenntlich, der Kriegskamerad wurde der erste – heute würde man sagen – Event-Manager für den stern. Er setzte die Ideen um, die Nannen dauernd hatte: Miss-Germany-Wahlen, bei denen Nannen die Siegerkrone verlieh; die erste deutsche Fertighaus-Ausstellung, 1963 ein Riesenerfolg, mit dem der stern der Zeit weit voraus war. Noch spektakulärer war eine Aktion, die noch heute Schlagzeilen macht: "Jugend forscht".

Polen, 1957.  Perfekte  Inszenierung:  Im offenen Mercedes  gen Russland, das  war ganz nach  seinem Geschmack.  Umso mehr, wenn  sich solche Bilder wie  hier hinter einem  polnischen Leichentransport  ergaben.

Polen, 1957. Perfekte Inszenierung: Im offenen Mercedes gen Russland, das war ganz nach seinem Geschmack. Umso mehr, wenn sich solche Bilder wie hier hinter einem polnischen Leichentransport ergaben.

Wie Henri Nannen bei Willy Brandt einschlief

Ein Hauch von Front wehte immer auch durch den stern. Welches deutsche Blatt hatte schon einen Chefredakteur, der am 21. Juli 1941 beim "1. Großangriff auf Moskau" mitgefeuert hatte? Nannen saß als Bordschütze und Kriegsberichterstatter in einem Heinkel-Bomber He-111 hinter dem Piloten. Über solche Einsätze hat er so fabuliert: "Da spritzen die Erdfontänen hoch. Graubraun stehen die Pilze über der Erde. Da bersten Panzer auseinander, brennen Lkw und stürzen Brücken krachend ein. Noch einmal und noch einmal stürzen wir, werfen Bomben und schießen, was aus den Rohren heraus will." Nicht nur Nannen hatte Fronterfahrung, sein langjähriger Vize Victor Schuller war ebenfalls Kriegsberichterstatter gewesen, viele Redakteure waren an der Front und dort verletzt worden, ein Layouter trug die Runen der SS auf den Arm tätowiert. Und auf den schäbigen Büromöbeln, die anfangs in der Redaktion standen, prangte manchmal noch ein Hakenkreuz. Der offizielle Nannen, wie er im "Völkischen Beobachter" abgedruckt wurde, klang martialisch. Der private schrieb an seine Freundin, wie es wirklich zuging an der russischen Front, wie man verrohte, wie hungernde russische Gefangene erschossen wurden, wie die noch Lebenden sich auf die Gestorbenen stürzten und "mit ihren Messern Stücke herausschneiden und sie verzehren".

Die schrecklichen Erlebnisse an der Ostfront, das frühe Wissen, dass Juden dort zu Tausenden ermordet wurden – er berichtete darüber schon 1941 – haben ihn gezeichnet. Die neue Ostpolitik, die er später mit dem stern verfolgte, vor allem die Verständigung mit Polen und der Sowjetunion, war ein Versuch, etwas von dieser Schuld wiedergutzumachen: "Auf uns lastete Scham über das, was wir, meine Generation, angerichtet und hatten geschehen lassen."

Zeitlebens verband ihn mit Russland ein besonderes Band. 1955 begleitete er Bundeskanzler Adenauer nach Moskau, es war die denkwürdige Reise, bei der die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen vereinbart wurde. Am Ende des Besuchs kam es zu einem gemeinsamen Auftritt von Adenauer, Chruschtschow und Ministerpräsident Bulganin. Wer aber war der strahlende Mittelpunkt auf dem Foto? Henri Nannen hatte sich im entscheidenden Augenblick ganz nach vorn gedrängt. Als er wieder in die Redaktion zurückkehrte, wurde er mit Beifall empfangen. "Kinder", er sagte immer "Kinder", wenn er seine Leute meinte, "Kinder, hätte ich in Reihe 18 bleiben sollen?"

Offizielle Gesprächspartner und einfache Leute

Viele Jahre nach seinen Stukaflügen über Smolensk fuhr Nannen wieder nach Russland, von Hamburg über Moskau an die Krim, diesmal um nachzuschauen, was er und seine Wehrmacht dort angerichtet hatten, um zu hören, was die Russen darüber dachten und wie es ihnen heute ging. Er traf nicht nur die offiziellen Gesprächspartner im Kreml, sondern vor allem die einfachen Leute, meist unterwegs, auf der Straße, denn er war mit dem Auto gekommen. Und mit was für einem! Nannen wäre nicht Nannen gewesen, wenn er aus dieser Reise nicht eine Marketing-Show der Extraklasse gemacht hätte. Er fuhr in einem knallroten Mercedes Cabrio 190 SL mit stern-Stander durch die bettelarme UdSSR, Fotograf Eberhard Seeliger und Reporter Joachim Heldt folgten in einem VW-Käfer, der vollgepackt war mit Ersatzteilen für den extravaganten Flitzer. Die Sowjetunion war ein Thema, das ihn brennend interessierte, er schickte allein seinen Fotografen Bob Lebeck 17 Mal in das riesige Reich. Aber wenn ihn ein Thema langweilte, schaltete er zügig um. Der frühere Verlagsleiter Klaus May erinnert sich an ein denkwürdiges Treffen. Es ging um wichtige Verlagsthemen, aber Nannen wollte nur eines wissen: "Sagen Sie mal, Herr May, wo lassen Sie eigentlich Ihre Hemden machen?" Immerhin blieb er wach in diesem Gespräch.

Oft schlief er ein, wenn ihn etwas langweilte. In seiner Autobiografie berichtet der ehemalige Politik- Chef Gerd Gründler, wie er einmal mit Nannen nach Bonn fuhr, um die drei SPD-Größen Willy Brandt, Herbert Wehner und Fritz Erler zu interviewen. Das Gipfeltreffen lief munter und scharf, solange es um die Ostpolitik ging. Lange bevor die deutschen Politiker zu Realisten wurden, war Nannen es geworden, für ihn war klar, dass Deutschland die Oder-Neiße- Grenze anerkennen musste: "Wir haben den Krieg angefangen, wir haben ihn verloren, jetzt müssen wir bezahlen." Wehner verteidigte Ostpreußen und Schlesien damals noch vehement, aus rein wahltaktischen Gründen. Man stritt sich. Bis Wehner seinen Befrager anmachte: "Sie Wirtschaftswunder- Siegfried kennen doch nur die Sonnenseite des Lebens! Ich weiß aber noch, wie das ist, wenn man unten liegt und getreten wird." Das war die Temperatur, bei der Nannen warm lief. "Das verbitte ich mir", gab er zurück, "mein Großvater war Bahnarbeiter. Mein Vater hat sich hochgearbeitet zum Leiter der Kriminalpolizei in Emden!" Nannens Interesse an der Diskussion ließ schlagartig nach, als Brandt und Wehner anfingen, von der "mittelfristigen Finanzplanung" zu reden: "Da war Nannen eingeschlafen und schnarchte laut und vernehmlich", schreibt Gründler. Er wachte auch nicht auf, als "ich vorsichtig versuchte ihn aufzuwecken".

Geschadet hat es ihrer Freundschaft nicht. Brandt und Nannen, beides ähnlich unnahbare, einsame Typen, blieben sich ein Leben lang herzlich verbunden. Und Wehner schrieb ihm kurz nach dem Nickerchen eine Postkarte aus dem Urlaub in Öland, mit kleiner Schrift stand darauf: "Lieber Herr Nannen, wenn ich Sie so nennen darf, ich muss mich eigentlich entschuldigen, aber Sie sollten wissen, ich streite mich nur mit Menschen, die ich achte. Ihr Herbert Wehner."

Zur Bande gehören

Nannen war ein Sonnenkönig. "Le stern, c'est moi!", beschrieb sein Kollege Peter Scholl-Latour diese Haltung. Ihm war nichts peinlich, nie. Ob er in Konferenzen einschlief, ob er seine Meinung von einem Tag auf den nächsten änderte oder ob er haarscharf an der Wahrheit vorbeischrammte, egal. Und natürlich hat keiner seiner Redakteure je vergessen, dass er auch mal mitten im Gespräch eine Arschbacke hob und ungeniert pupste. Dann tat er so, als sei nichts gewesen. Respektlos? "Alles kam bei ihm aus überschüssiger Kraft und Lebensfreude", sagt der langjährige "Zeit"-Chef Theo Sommer, "man konnte ihm eigentlich nicht übel nehmen, wenn man angebrüllt wurde." Einem Erfolgsmenschen wie ihm ließ man nicht nur die "gewöhnungsbedürftigen Manieren" (Lebeck) oder die "ewige Rumschreierei" durchgehen. Sondern man war "ja geradezu stolz, wenn man von ihm angeschissen wurde", sagt Layouter Herbert Suhr. Damit gehörte man zur Bande eines charismatischen Antreibers, man hatte Teil an seinem unglaublichen Erfolg, man genoss Freiheiten, von denen man in anderen deutschen Redaktionen nur träumen konnte, und man bekam ein Gehalt überwiesen, das einem die Branche neidete.

Er war kein Zyniker wie Rudolf Augstein, sondern ein "Triebtäter. Und nicht so ein Pingel wie die anderen", sagte Rolf Gillhausen. Und er strahlte täglich aus, dass er sich total mit seiner Kreation identifizierte: "Ein Chefredakteur, der muss sich ans Rad geflochten fühlen, und wenn's schiefgeht, liegt er blutend am Boden, und wenn's gutgeht, ist es sein Sieg", sagte er seiner ehemaligen Reporterin Fee Zschocke 1984 bei einem Teller Langostini. Obwohl sie damals schon lange nicht mehr beim stern war, habe sie sich beim gemeinsamen Mittagsmahl immer noch "wie ein Kaninchen vor der Schlange gefühlt", bekannte sie später.

Das Leben war ein Machtspiel, das er mit diabolischer Lust aufführte. Mit der Frage: "Ich würde Sie ja gern nehmen, mein lieber Herr, aber sind Sie nicht schon ausgebrannt mit Ihren 42 Jahren?", begann er das Gespräch mit Horst Treuke. Das war Mitte der Sechziger, Nannen war fast zehn Jahre älter als der Bewerber, er hatte ein Verhältnis mit der hübschesten Telefonistin von Hamburg, 27 Jahre jünger als er, und die größten Erfolge seiner Karriere standen noch bevor. Für diese Höhepunkte sorgte, neben anderen, auch jener Horst Treuke. Als Ressortleiter produzierte er dann beste Geschichten im stern, darunter solche Bestseller wie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Kai Hermann, "Andi" von Heiko Gebhardt, "Preußen ohne Legende" von Sebastian Haffner und "Die Gentlemen bitten zur Kasse" von Henry Kolarz. Wenn Nannen morgens in die Konferenz kam, steckte er sich eine Gitanes an und schmetterte einen Themenvorschlag nach dem anderen ab, den ihm seine Ressortleiter vorschlugen, alles langweilig, alt, abgelutscht. Dann "zog er triumphierend ein Dutzend Zeitungsausrisse aus der Tasche seines Oberhemdes", erinnert sich der damalige Chef vom Dienst, Ernst Artur Albaum, "und schimpfte: ,Ihr solltet die Zeitungen besser lesen!'" Nannen las sie jeden Morgen auf dem Klo, er schien dort immer die wichtigen Sachen zu lesen. Auch die Idee, 1948 in den Journalismus zu gehen, kam ihm beim Lesen auf dem Topf, bei der ersten Schwiegermutter in Hannover: "Da gab es nicht Samu samtweich oder Hakle feucht, da gab es zerschnittenes Zeitungspapier." Titelseite machen war "die Stunde der Wahrheit", sagt Wolfgang Behnken, "man musste ihn einfach austoben lassen, aber wenn man Argumente hatte, wurde er nachdenklich und machte sich auch mal deine Ideen zu eigen. Wenn man sich gleich in die Hosen machte, wenn er losbrüllte, war man verloren."

Was abends an stern-Schlusstagen passierte, wenn Stellvertreter Karl Beckmeier glaubte, er habe gute Arbeit geleistet, beschrieb Layouter Herbert Suhr in einem Buch über das Innenleben des stern: "Nannen lässt sich krachend in Karlchens Sessel fallen, dann ist es mit seiner Blattmache vorbei. Dann greift der Alte höchstpersönlich zum Fettstift … Währenddessen stehen stets ein paar Getreue in respektvollem Abstand und begleiten jede Aktion des Meisters mit Rufen der Bewunderung. Nach kurzer Zeit ist der Fußboden in Karlchens Zimmer von Papier übersät, und überall liegen die wütend vom Schreibtisch geschleuderten Entwürfe herum." Und wenn die Redakteure um drei Uhr nachts glaubten, sie hätten den endgültigen Wurf geliefert, so hatten sie sich meist getäuscht. Um fünf nach drei warf Nannen alles, was sie gemacht hatten, in den Papierkorb, und alle Mann saßen bis zum Morgengrauen im Büro. Gegen vier Uhr früh kam Nannens Frau Martha und brachte "Mettbrötchen mit Ei drauf, die schob Nannen mit seinen großen Pratzen mit einer Bewegung ins Maul", so Behnken. Morgens um sieben fuhr er von der Arbeit an den Ostseestrand bei Timmendorf, frühstücken. Zurück blieben erschöpfte Mitarbeiter, die sich mehr als einmal schworen: "Jetzt schmeißt du hin, jetzt langt's!" Selbst sein engster Mitarbeiter, einer der wenigen wirklichen Freunde, der großartige Victor Schuller, gab es ihm noch in der Rede an seinem Grab: "Du konntest richtig wehtun, bis an die Grenze des Erträglichen." Der Siebenbürger mit der tiefen Stimme und den guten Manieren war jahrzehntelang sein geduldiger Stellvertreter, er war es, der die Texte las und redigierte, mit einem sagenhaft guten Händchen. Ohne ihn hätte Nannens stern niemals so glitzern können.

Emden, 1985.  Was zu lachen  für Lieschen Müller:  Nannen vor den  stern-Humoristen  (v. r.) Loriot, Peter  Neugebauer, Markus,  Fritz Wolf und Erhard  Kortmann. Links der  damalige Chefredakteur  Rolf Winter.

Emden, 1985. Was zu lachen für Lieschen Müller: Nannen vor den stern-Humoristen (v. r.) Loriot, Peter Neugebauer, Markus, Fritz Wolf und Erhard Kortmann. Links der damalige Chefredakteur Rolf Winter.

Wie Henri Nannen einmal über Radio Norddeich gesucht wurde

Die preußische Strenge hatte er von seinem kaisertreuen Vater. Der gelernte Maschinenschlosser war Heizer auf dem Schlachtschiff "SMS Mecklenburg" gewesen, später brachte er es zum Leiter der Kriminalpolizei Emden. Er war pedantisch korrekt und unglücklich, wenn er seinen Sohn verdrosch: "Manchmal musste er mich verprügeln, dann nahm er einen Rohrstock und weinte dabei: 'Ich bin doch immer so gut zu dir!'" Mit jedem Redakteur, den er später zur Minna machte, ging es Nannen wie früher seinem Vater mit ihm: "Es hat mich jedes Mal zu Tode getroffen, wenn ich das Beste will, und der begreift es nicht."

Urlaub habe er in den ersten 14 Jahren selten gemacht, hat Nannen gesagt. Richtig abschalten konnte er auch später nicht. Erst zum Ende seiner Karriere, er war Mitte 60 und unsterblich verliebt in eine schöne junge Frau aus seinem Vorzimmer, fand er Abstand. Da holte er die freien Tage nach, die er bisher nicht genommen hatte, doppelt und dreifach. Manchmal war er wochenlang mit ihr verschwunden, und weil es noch kein Handy gab, wusste niemand, wo die beiden steckten. Wenn man ihn suchte, bekam man im Sekretariat die Auskunft: "Er ist Boot fahren." Und wo ist das Schiff? Achselzucken.

Die "Positano III" war die mit Abstand teuerste seiner Geliebten, "eine ganz unbegreifliche Angelegenheit, sie brachte Unordnung und frühes Leid in mein Leben", gab er zu. Sie verschluckte so viel Geld, dass selbst der bestverdienende deutsche Journalist ins Schwimmen kam. Die rund 700.000 Mark, die er in seinen besten Jahren kassierte (nicht viel weniger als Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn), reichten gerade, um eine orkantaugliche Stahlyacht zu unterhalten, die 67 Bruttoregistertonnen verdrängte, 23,87 Meter lang war und von zwei Sechs-Zylinder-Dieselmotoren angetrieben wurde. Alles, absolut alles ließ er neu machen, als er das Boot 1964 kaufte, allein der Rumpfanstrich war ein echtes Nannen-Werk, es ging nicht gründlicher: "Außen und innen korundgestrahlt und spritzverzinkt. Der weitere Aufbau: Haftgrund, Epoxidspachtel, zwei Voranstriche, Polyurethan- Grundierung und schließlich drei Anstriche DD-Hartlack (nicht gespritzt)." Er selbst entwarf am Reißbrett auf Millimeterpapier den Innenausbau. Reiste zu allen Bootsausstellungen auf dem Planeten, um exklusive Ausrüstung zu finden, hier schwedische Edelstahl-Kipptasten, dort einen Navigationstisch von 1880. Mit dem englisch eingerichteten Dampfer fuhr er nun durch Stürme und brausende Wogen und ward nicht mehr zu finden.

Instinkt für gute Geschichten

Als sein Stellvertreter Manfred Bissinger ihn wirklich einmal dringend sprechen musste, fand er über Radio Norddeich heraus, dass der Alte vor der schwedischen Küste ankerte. Bissinger fuhr nach Norden und schwamm zur "Positano III" hinaus, die in einer Bucht lag: "Herr Nannen!", rief er aus dem Wasser hinauf. "Ich muss Sie dringend sprechen!" Nannen hatte keine Lust auf Probleme, der Vize musste mit ihm Tontaubenschießen gehen, abends Krebse kochen. Erst dann hörte Nannen ihm zu.

Bissinger war, bis Nannen ihn rüde fallen ließ, sein Kronprinz. Er hatte als Leserbrief-Redakteur angefangen und war innerhalb kurzer Zeit einer der mächtigsten Männer im stern geworden, immer gefördert vom großen Meister. In einem berühmten Telefonat zwischen Kohl und Biedenkopf, das 1974 abgehört worden war, zogen die beiden Bonner Politiker über die beiden Hamburger "menschlichen Schweine" her: "Die würden ihre Mütter verkaufen, wenn sie damit 5000 mehr Auflage machen könnten." Der Witz war: Die Ausgabe, in der der stern über dieses Telefonat berichtete, wurde eine der bestverkauften aller Zeiten, sie war restlos ausverkauft.

Der stern-Chef hatte die seltene Gabe, aus kreativen Menschen mehr herauszukitzeln, als sie selbst je für möglich gehalten hatten: "So mancher wuchs zwischen Verzweiflung und Euphorie über sich selbst hinaus", erkannte Gert Schulte-Hillen, seit 1981 Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr. Untrüglich war auch sein Instinkt für gute Geschichten, denn er war ein sinnlicher Mensch und wusste genau, dass Informationen nicht von Kopf zu Kopf, sondern von Herz zu Herz gehen. Jürgen Serke hatte als Polizeireporter im stern angefangen, entdeckte aber bald, dass sein Herz für literarische Themen schlug. Bei einem Glas Rotwein erzählte er seinem Chef eines Tages, es gebe zahllose, von den Nazis ermordete Schriftsteller, die in der Bundesrepublik vergessen seien. Eigentlich kein Thema für das Massenblatt, dachte sich Serke, die Namen der Vergasten und Verbrannten kannte damals niemand, aber Nannen sprang sofort darauf an: "Fahren Sie los!" Geld spielte keine Rolle, ein Jahr lang war Serke mit dem Fotografen Wilfried Bauer unterwegs. Die Serie "Die verbrannten Dichter" wurde eine der markantesten in der Geschichte des stern, sie hat die intellektuelle Debatte in der Bundesrepublik verändert. Serke ist mit Nannen oft zusammengerasselt, er war der Einzige, der nach dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher 1983 seinen gut bezahlten Job hingeschmissen hat. Heute sagt er: "Ich verdanke dem Mann alles. Er hat mich machen lassen."

Berichte aus dem Reich der Mitte

So ging es auch Rolf Gillhausen, anfangs Fotograf und nicht Blattmacher. Er traf Nannen 1959 im Aufzug und erwähnte beiläufig, er würde gern mal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren: "Fahren Sie!", sagte Nannen. Gillhausen und Reporter Joachim Heldt blieben drei Monate, weil sie gleich noch China dranhängten. Ihre Berichte aus dem damals unbekannten Reich der Mitte waren eine internationale Sensation und wurden weltweit nachgedruckt. Der umgängliche Kölner Gillhausen war neben Nannen und Schuller gewiss die wichtigste Person im stern, ohne sein Auge wäre der Erfolg nicht denkbar gewesen. Ihr Verhältnis war quecksilbrig, 20 Jahre lang, ihre Schreiereien legendär, "da wackelten die Wände, und dann haben die beiden tagelang nicht miteinander geredet", erinnert sich Gillhausens Vize Wolfgang Behnken. Irgendwann gingen sie dann brummend zum Italiener und vertrugen sich bei einem Teller Pasta wieder. Bis zum nächsten Krach.

Wenn Worte nicht reichten, flog auch mal ein Elefant aus Pockholz durchs Fenster, so geschehen bei einem Streit mit Verleger Richard Gruner, oder eine Schreibmaschine schoss durch den Raum, getroffen wurde Manfred Bissinger nicht. "No hard feelings", sagt sein einstiger Stellvertreter, "er war genial, ich habe nie wieder jemanden erlebt, der seine Leute so motivieren konnte." Reporter Heiko Gebhardt hätte damals "die Welt einreißen können. Wir haben alles gegeben für den Moment, wenn wir vor ihm standen mit unserer Geschichte." Manche riskierten ihr Leben für diesen Augenblick. Reporter Erich Follath landete im Kongo im Knast, Fotograf Fred Ihrt und Pilot Günter Hansel rasten mit einer gemieteten Piper Cherokee 25 Meter über dem Meer zur griechischen Insel Jaros und dokumentierten, wie die Militär-Junta ihre Kritiker wegsperrte. Fotograf Hans Bollinger und Reporter Klaus Liedtke schmuggelten sich im Vietnamkrieg hinter die Linien des Vietcong und landeten prompt in Gefangenschaft: "Ich hätte mich für ihn vierteilen lassen", sagt Liedtke heute, "wir alle hätten das getan." Und Gebhardt bekennt: "Für mich war er eine überlebensgroße Vaterfigur, ich hätte mich vor ihn geworfen, wenn jemand auf ihn geschossen hätte." Bollinger bezahlte später tatsächlich mit seinem Leben. Als er 1979 versuchte, heimlich nach Uganda zu gelangen, um über Idi Amins Horrorregime zu berichten, wurde er von Söldnern erschossen.

In der "Zeit" wurde die stern-Redaktion einst als "Freikorps Nannen" bezeichnet, aber davon konnte keine Rede sein. Im stern ging es eher zu wie heute bei Bayern München, auf der Bank saßen so viele gute Leute, dass für all die Geschichten, die sie schrieben, nie genug Platz war. Deshalb herrschte "untereinander Konkurrenzkampf bis aufs Messer, und der Alte hat ihn geschürt, wo er nur konnte", sagt Gebhardt. Zum Beispiel mit dem gezielt gestreuten Gerücht, Reporter "Andy" Elten verdiene doppelt so viel wie die übrigen Reporter, noch dazu in Dollar. Er erreichte damit genau das, was er wollte: "Alle haben mich gehasst", erinnert sich Elten. Der Star pflegte sein Image freilich sorgfältig, zu Konferenzen erschien er mit einem roten Köfferchen, in dem er teure Pfeifen und erlesenen Tabak aufbewahrte. Nannens Herrschaftsmethoden stammten nicht aus dem Lehrbuch für Menschenführung. Als ein Fotochef, den er durchaus schätzte, einmal einen Packen Fotos auf seinen Tisch legte, blätterte Nannen sie gelangweilt durch. "Keine Geschichte", fand er. "Warum?", protestierte der Fotoredakteur. "Die Fotos haben wir exklusiv!" "Exklusiv? Wenn ich jetzt auf den Tisch scheiße", sagte Nannen, "dann ist das auch exklusiv, aber es bleibt Scheiße."

Weicheier konnte er nicht ausstehen

"Sie Schwachkopf, Sie Chaot", bekam Unterhaltungs-Ressortleiter Michael Jürgs zu hören, als er sich weigerte, die Memoiren von Leni Riefenstahl zu drucken. Und Layouter Suhr wurde gleich am ersten Arbeitstag, im Januar 1956, so "zusammengefaltet wie Fliegendreck", dass er glaubte, es keinen Tag länger bei diesem "Duodezfürsten" aushalten zu können. Geblieben ist er dann 30 Jahre, bis zum Ende fasziniert von der "germanischen Lichtgestalt" und abgestoßen vom "Kotzbrocken".

Als ich zum ersten Mal erlebte, wie Nannen gestandene Männer so zur Sau machte, dass sie weinend aus dem Konferenzraum schlichen, machte ich mich ganz klein auf der langen Bank am Fenster und betete: "Lieber Gott, mach, dass er mich nicht sieht." Heute weiß ich, dass ich damals nicht allein war mit meiner Fürbitte, es ging fast allen so. Nur zeigen durfte man es nicht, denn nichts konnte der Alte weniger ausstehen als Weicheier. Sie hat er besonders lustvoll niedergemacht, da bekam er "diese Menschenbrechlust", sagt Michael Jürgs heute, "da wollte er sehen, wie weit er gehen konnte". Und wenn einer dann klein war, freute er sich diebisch, dass er wieder "einen Adler zum Suppenhuhn" gemacht hatte. Zimperlich war er nicht.

Hamburg, 1972.  Richtplatz:  stern-Konferenzen  mit Nannen (am  Kopf des Tisches)  waren gefürchtet.  Sein Stellvertreter  Victor Schuller  (zu seiner Rechten)  musste immer wieder  Wogen glätten.

Hamburg, 1972. Richtplatz: stern-Konferenzen mit Nannen (am Kopf des Tisches) waren gefürchtet. Sein Stellvertreter Victor Schuller (zu seiner Rechten) musste immer wieder Wogen glätten.

Wie Henri Nannen einmal die Messinglampen auf seinem Boot putzen ließ

Die Atmosphäre im stern war völlig anders, wenn Sir Henri – wie ihn nur diejenigen nannten, die nicht täglich mit ihm zu tun hatten – abwesend war. Sie war entspannt, sein Stuhl am Konferenztisch blieb dann leer. Aber wenn er "morgens das Haus betrat", erinnert sich der damalige Leiter des Deutschland-Ressorts, Michael Seufert, "herrschte Hochspannung auf allen Fluren". Airedale-Terrier Nuck ging vorneweg, mit Nannens Ledertasche im Maul, und Leibwächter Ey hinterher, man nannte ihn nur "Nannens drittes Ei". Er musste zu RAF-Zeiten um ihn sein, hatte freilich einen ruhigen Job, machte Frühstück für ihn, ging Gassi mit Nuck oder mähte den Rasen hinter Nannens Villa in Hamburg-Wellingsbüttel.

Der stern wurde damals oft als "Haifischbecken" beschrieben. Das Bild stimmte nicht ganz. In diesem Becken gab es nur einen Haifisch, dazu ein paar Hechte und ganz viele kleine Fische. Modechefin Barbara Larcher war eine der wenigen Frauen, die mit herumschwamm, sie beobachtete amüsiert die Unterwerfungsrituale der Männer, wenn das große Alphatier sein Gebiss zeigte: "Machte Nannen den Mund auf, zuckten alle Männer zusammen. Da ging bei denen sofort so ein Überlebensding los: Wenn du jetzt nicht funktionierst, fliegst du raus." Nur einige der älteren Reporter wagten offen, ihm die Stirn zu bieten, Heinrich Jaenecke, einer der klügsten, stand bedächtig auf und widerlegte ihn mit solch altmodischer Eleganz und intellektuellem Biss, dass selbst Nannen sanft wurde. Jaenecke nahm er ernst, er nannte ihn "Bruder Johannes". An einer Figur jedoch biss sogar er sich gelegentlich die Zähne aus, das war Erich Kuby, drei Jahre älter, noch eine Spur arroganter und viel politischer als er. Der Bestsellerautor ("Das Mädchen Rosemarie", 1958) wurde unter dem Eindruck der Studentenrebellion in den 60er Jahren immer linker und versteckte nie, dass der stern eigentlich ein Blatt unter seiner intellektuellen Würde sei. Lautstark warf er Nannen vor, er verschlafe wichtige Themen oder sei zu feige, sie anzufassen. Bei einem besonders heftigen Streit feuerte Nannen ihn mitten in der Konferenz. Kuby stand auf und verließ hoch erhobenen Hauptes den Raum. Man hätte eine Nadel zu Boden fallen hören können.

Nach solchen Krächen besann sich Nannen immer schnell, mit großer Theatralik spielte er dann den Feuerlöscher und behauptete einfach: "Das hab ich nie gesagt!" Er war nicht nachtragend und hatte meist den Anlass der Kontroverse schnell vergessen. Einmal wunderte er sich, dass der Chef des Motor-Ressorts nicht in der Runde saß. "Herr Nannen", sagte man ihm, "den haben Sie vor zwei Tagen gefeuert." Nannen war perplex: "Das hat der ernst genommen?" Auch der gefeuerte Kuby wurde noch am Nachmittag wieder eingestellt, wahrscheinlich zu besseren Bedingungen. Nannen schätzte Leute, die ihm Kontra gaben, wie seinen jungen Reporter Heiko Gebhardt: "Wir haben uns immer ordentlich eingeschenkt", sagt der Sohn eines niedersächsischen Gastwirts. Gebhardt hatte als Kind ein Jahr im Krankenhaus gelegen, weil er eine Panzerfaust auseinandergebaut hatte, als Polizeireporter im stern lebte er weiterhin gefährlich: "Oh Mann, wir haben auf dem Friedhof Särge aufgeschraubt, um nachzuschauen, ob die Einschüsse im Kopf auch dort waren, wo die Polizei behauptet hatte." Nannen deckte solche robusten Methoden immer, eines Tages lud er den Reporter – seltene Ehre – auf sein Boot ein. Erst fühlte "ich mich gebauchpinselt, ich dachte, jetzt bin ich was Besonderes". Bis Gebhardt herausfand, worum es Nannen wirklich ging: "Man bekam einen Putzlappen in die Hand gedrückt und eine Flasche Sidol und musste die Messinglampen putzen." Als es mal zu einem handfesten Streit kam, entließ Nannen ihn per Hausmitteilung, er sei "die größte Enttäuschung meines Lebens" und "unfähig, einen geraden Satz zu schreiben". Gebhardt schlich sich nicht still, er bollerte zurück: "Und Sie sind der dümmste Ostfriese, den ich je getroffen habe!" Ihren Respekt füreinander hat das eher gefestigt. Zwei Jahre später heuerte Nannen ihn wieder an, fürs doppelte Gehalt.

Wer Paroli bot, wurde ernst genommen

Auch zwischen Serke und Nannen knisterte es ständig, der Idealist gegen den Pragmatiker, das war ein Dauerkonflikt. Als Nannen in einer "Liebe Leser"-Kolumne zum Kriegsrecht in Polen äußerst moderate Töne anschlug – wie immer, wenn es um das Verhältnis zu Osteuropa ging –, schrieb Serke ihm wütend: "Darf ich Ihnen in Ihrer deftigen Manier sagen, wie ich mich angesichts dieser Polenberichterstattung fühle? Mir ist zum Kotzen übel." Nannen reagierte souverän. Er bat ihn, die Hausmitteilung in der Redaktion verteilen zu dürfen.

So war er. Wer den Schwanz einzog, wurde auch wie ein Hund behandelt. Wer ihm Paroli bot, wurde zwar gebissen, aber ernst genommen. Und wenn er jemanden mochte, war er über alle Maßen großzügig. Er ließ es Kuby durchgehen, dass er sich im Wiener Sacher-Hotel eine Suite mit Flügel mietete, um sich auf ein Interview mit dem Dirigenten Leonard Bernstein vorzubereiten. Als Kuby, der ein guter Pianist war, gefragt wurde, warum es eine teure Suite sein musste, entgegnete er kühl: "Der Flügel hätte nicht in ein normales Zimmer gepasst." Leute wie der gebildete Autor, das wusste der Alte nur zu genau, waren für das Ansehen seines Blattes wichtiger als ein paar Tausend Mark. Wenn Verleger Bucerius ihn mit Vorwürfen überschüttete, im stern werde mit dem Geld geaast, gab er ihm zurück: "Aber Buc, wir werfen Ihr Geld doch nur mit beiden Händen zum Fenster hinaus, damit es unten schubkarrenweise durch die Tür wieder reinkommt."

Es gab bis in die 70er Jahre hinein keine Etats und keine Kostenkontrolle. Auf Spesen des Hauses ließen Reporter sich vom Hubschrauber an den Strand fliegen, Anzüge schneidern, Reitpferde transportieren oder im Bordell von Rio verwöhnen. Wobei man gerechterweise sagen muss, dass so etwas auch damals nicht erlaubt war, es war nur leichter in den Abrechnungen zu verstecken als heute. Damals konnte Modechefin Larcher ohne zu fragen Zehntausende Mark für extravagante Fotostrecken und die besten Fotografen ausgeben, "er wollte nie wissen, was das kostet. Es musste nur erstklassig sein." Fotograf Thomas Höpker hatte die Idee, die großen Spiegelskulpturen des Künstlers Heinz Mack in der Sahara abzulichten. Man fuhr mit einem Unimog und Anhänger hin. Nach vier Wochen kam die Mannschaft zurück, aber Gillhausen fand, auf den Bildern sei "zu viel Sand". Also "flogen wir noch zwei Wochen nach Grönland und bauten die Kunstwerke im Eis auf", erinnert sich Thomas Höpker. Es wurde eine preisgekrönte Produktion. Was sie den stern gekostet hat, weiß kein Mensch, was sie dem stern gebracht hat, meldete die Anzeigenabteilung wöchentlich an die Chefredaktion: immer höhere Einnahmen.

Großzügig und gnadenlos

Für den indischen Fotografen Jay Ullal hatte Nannen eine Schwäche, kein Wunder, er ist ein Mann von besonderem Charme. "Wo ist mein Inder?", fragte er, wenn er ihn nicht in der Redaktion sah. Nannen gab ihm zigtausend Mark extra, damit er sich in die deutsche Rentenkasse einkaufen konnte. Einem Redakteur, der sich auf der Reeperbahn verzockt und die Ganoven im Nacken hatte, zahlte Nannen die Spielschulden. Den Vogel schoss aber Will Tremper ab, der Serienschreiber, der auf ganz großem Fuß lebte und dabei 90.000 Mark Steuerschulden angehäuft hatte. Nannen überredete Verleger Bucerius 1961, ihm die abenteuerliche Summe zu bezahlen. Dafür konnte man sich damals 18 VW-Käfer kaufen. Wenn er freilich jemanden nicht mochte, wie den "FAZ"-Kolumnisten Johannes Gross, war er giftig. Eines Tages tauchte er im Zimmer von Michael Jürgs auf, der damals für Unterhaltung zuständig war, und sagte: "Ich möchte im nächsten stern eine Personalie lesen, die so anfängt: ‚Johannes Gross, 1,59 Meter ...' Was Sie dann schreiben, ist mir egal."

Tremper dagegen mochte er. Unter dem Pseudonym Petronius hatte er 1959 die am längsten laufende stern-Serie aller Zeiten verfasst, "Deutschland, deine Sternchen". Angelegt war sie auf 14 Folgen, daraus geworden sind 44. Das meiste war frei erfunden, das mag aber auch an den Recherchen jenes stern-Mannes gelegen haben, der ihn mit weltexklusivem Klatsch aus den Betten der Filmbranche belieferte: Gerd Heidemann entdeckte später weltexklusiv Hitlers Tagebücher und schuldet dem Verlag deshalb heute noch mehrere Millionen. Was er und Tremper zu Blatt brachten, las sich süffig und schraubte die stern-Auflage an der "Quick" vorbei. Nach heutigen Maßstäben wäre die Serie undruckbar, gewiss, aber die journalistische Ethik war früher generell dehnbarer, nicht nur beim stern. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, dass ein Reporter, der die Spielzeugeisenbahn im Keller eines Politikers beschreibt, dieselbe auch gesehen haben muss. Es reichte, dass es sie vielleicht gab. Das wichtigste Kriterium für eine gute Geschichte war weniger, dass sie authentisch, als dass sie gut war. Der gerissene erste Kanzler der Bundesrepublik beschäftigte drei Mann, die damit beschäftigt waren, Anekdoten zu erfinden, die ihn, Konrad Adenauer, in gutem Licht erscheinen ließen.

Warum sollte das im stern anders laufen? Als noch zu Adenauers Zeiten ein tolles Foto auf Nannens Schreibtisch landete, das das leuchtende Chicago bei Nacht zeigte, fehlte ein Text. Nannen befahl seinem legendären Redakteur Günter Dahl: "Greif in die Silberharfe!" Der Mann, der 1948 beim stern nur deswegen Redakteur wurde, weil er eine Schreibmaschine besaß, griff mit beiden Händen hinein: Ein armes Mädchen drohte blind zu werden. Um ihr eine letzte Freude zu bereiten, ließ der Bürgermeister von Chicago noch einmal alle Lichter der Stadt anknipsen. Keiner würde solch einen Schwindel im gläsernen Google-Zeitalter mehr wagen, heute würden zwei Klicks genügen, und er wäre entlarvt. Das Impressum war überschaubar, anfangs tauchte Nannen darin nur als Herausgeber auf, ein Herr Klaas war Chefredakteur. Außer Dahl gab es nur zwei weitere Redakteure, bei Nannen stand gelegentlich in Klammern: "Zur Zeit verreist". Da war er wohl gerade unterwegs, in kurzen Hosen, um den Förstereien rund um Hannover etwas Kiefernholz der Marke 'Homa Klasse A blaustichig' abzuschwatzen. Das hat er dann zusammen mit seiner Frau und einem ungültigen Wehrmachts-Führerschein in eine badische Papierfabrik gekarrt. Nicht nur Papier war Mangelware: "Mit dem Vater einer Kollegin, der Obersteiger war, bin ich in den Schacht eingefahren, und wir haben so lange Schlichte getrunken und 'Glück auf!' gerufen, bis er ein paar Waggons Kohlen lockermachte."

"Du darfst deinen Leser nicht langweilen!"

Die stern-Zentrale befand sich im zweiten Stock eines von Bomben getroffenen Hauses, in dem auch Rudolf Augstein seinen "Spiegel" redigierte. "Wir waren nicht leicht zu erreichen", erinnerte sich Dahl: "Im ersten Stock – hinter einer Zeltplane, weil die Wand eingestürzt war – hatte sich eine Kaffeestube mit Klavier und Geige eingerichtet, da musste man durch, wenn man zu uns wollte. Wir waren sechs Leute. Jeder hatte sich von zu Hause einen Stuhl mitgebracht, ich sogar einen Schreibtisch." Es ging eng zu, und trotzdem war für besondere Gäste immer ein Plätzchen frei. Wenn der von Nannen verehrte Vorsitzende der Liberalen, der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, nach Hannover kam, räumte er sein Zimmer, "damit er auf meinem Luftschutzbett, unter dessen gebrochenen Holm ich einen Koffer geschoben hatte, sein Mittagsschläfchen halten konnte". Sekretärin Christiane Hundt hatte so wenig Papier, "dass man beide Seiten eines Blattes beschrieb, und zwar von der oberen linken Ecke bis in die äußerste rechte. Weißes Papier gab es nicht ... Die meisten waren im Besitz eines Bleistiftes, oft nur noch eines Stummels. Der wurde so lange mit dem Kartoffelschälmesser angespitzt, bis man ihn nicht mehr greifen konnte ... Wir schrieben zehn, zwölf Stunden, den Rest nahmen wir mit nach Hause." Zwei professionelle Grundsätze begleiteten ihn sein ganzes Leben. Der eine hieß: "Du musst die Kirche voll haben, wenn du predigen willst", und der andere: "Du darfst deinen Leser nicht langweilen!" Günter Dahl, einer der ganz wenigen, die er Freund nannte, hatte diese Gebote tief verinnerlicht. Nannen rühmte ihn einst, er finde "auf einem Quadratmeter Schrebergarten" mehr wunderbare Geschichten als "mancher Reporter auf einem Kontinent". Dahls eigene (wahre) Geschichte war herzerweichend. Als junger Mann war er in den Berliner Bombennächten verschüttet und schwer verletzt worden, er hatte seither einen Hinkefuß und stotterte zum Gotterbarmen. Seine Intelligenz und sein Witz hatten jedoch nicht gelitten.

Konferenzen begannen pünktlich um zehn Uhr, keine Minute später. Verspätungen duldete der Sohn eines preußischen Polizeibeamten nicht. "Wo haben Sie gesteckt?", schrie er Dahl einmal an. "I-i-ch w-w-ar b-beim N-NDR!" "Warum?", fragte Nannen. "W-weil i-ich m-mich a-als S-sprecher b-beworben h-habe." "Und warum", fragte ein feixender Nannen, "hat man Sie nicht genommen?" "W-w-weil i-ich i-in d-der Hi-hi-hitlerjugend war", stotterte Dahl, strahlend. Nannen brach in dröhnendes Gelächter aus, von solchen Geschichten konnte er nie genug bekommen. Lieber eine gut erfundene als eine langweilige wahre. Und je öfter er sie weitererzählte, umso bunter wurden sie. Als Claus Jacobi ihn fragte, wann er endlich seine Erinnerungen schreibe, lehnte Nannen ab: "Ich habe in meinem Leben so viele Geschichten so oft in so vielen Versionen erzählt, dass ich selbst nicht mehr weiß, was Wahrheit und was Dichtung ist."

Hamburg, 1983.  Tief durchatmen:  Hinter der Tür  tobt nach dem  Skandal um die  Hitler-Tagebücher  die stern-Vollversammlung,  da beruhigt sich  Nannen mit  einer Zigarette.

Hamburg, 1983. Tief durchatmen: Hinter der Tür tobt nach dem Skandal um die Hitler-Tagebücher die stern-Vollversammlung, da beruhigt sich Nannen mit einer Zigarette.

Wie für Henri Nannen einmal die Luft dünn wurde

Ende der 50er Jahre galt der stern noch als Soraya-Blatt, ein Image, das Nannen unbedingt loswerden wollte. Er begann, die besten Fotografen einzukaufen. Robert Lebeck, Fred Ihrt, Max Scheler, Stefan Moses, Thomas Höpker und viele andere sorgten dafür, dass der stern fortan in der Liga international bekannter Blätter wie "Paris Match" oder "Life" mitspielte. Dazu engagierte er ab 1960 die besten Schreiber, überzeugt davon, ihr intellektueller Glanz würde letzten Endes auf ihn zurückfallen: "Autoren sind die Federn, mit denen ich meinen Kopfschmuck ziere." Die Rechnung ging auf: Streitbare Intellektuelle wie Paul Sethe, Sebastian Haffner, Gert von Paczensky und Erich Kuby machten aus dem Musikdampfer ein Blatt, das politisch ernst genommen wurde.

Wenn es sein musste, trug Nannen seinen neu erworbenen Edelfedern sogar die Koffer. Als "Andy" Elten, der Starschreiber der "Süddeutschen Zeitung", 1962 in Hamburg landete, standesgemäß erster Klasse, wartete Nannen am Flughafen Fuhlsbüttel im weißen Cadillac Cabrio mit roten Ledersitzen, half beim Koffertragen und chauffierte seine Trophäe ins Atlantic-Hotel. Die Charme-Attacke war von kurzer Dauer, die erste Konferenz war "ein Albtraum", erinnert sich Elten, "Nannen schrie hysterisch herum", es fiel das Wort Arschloch. Angewidert ließ der Reporter ihn wissen, er werde an solch "hemdsärmeligen Veranstaltungen" nicht länger teilnehmen. Um zu testen, was man sich beim neuen Chef erlauben konnte, vielleicht auch, um einen Rausschmiss zu provozieren, legte er dabei seine Füße auf Nannens Schreibtisch. Nichts passierte, der große Zampano grinste: "Da lernen Sie gleich die Kehrseite meines Charmes kennen, Andy." Elten blieb 15 Jahre beim stern, dann ließ er seinen Dienst-Mercedes einfach in der Tiefgarage stehen und ging nach Poona zu Bhagwan.

Ein guter Reporter war in Nannens Augen nicht einer, der nur berichtete, was er gesehen hatte, Nannen beschimpfte sie "simple Aufschreiber ohne Fantasie", sondern einer, der so schreiben konnte, dass man "schon auf der Fahrt vom Flugplatz ins Hotel wusste, wie dieses Land schmeckte und roch, ob seine Menschen erbärmlich lebten oder stolz, ob glücklich oder gequält". Als der von ihm überaus geschätzte Reporter Joachim Heldt 1963 starb, nur 37 Jahre alt, hielt Nannen eine bewegende Rede auf der Trauerfeier. Sie war eine Art Programm für die kommenden Jahre: "Er konnte impressionistisch sehen und farbig erzählen, er konnte mit einem berlinerisch frechen Humor plaudern, blitzende Seitenhiebe austeilen, und er konnte den kleinen intimen Dingen leuchtende Pointen aufsetzen … Es mag an der Auswahl dieser Arbeiten gelegen haben, dass ich ihn zunächst für einen ‚Feuilletonisten' hielt. Für einen, der leicht und schön einleuchtend über alles schreiben kann, und der sich in dem, was er schreibt, weniger an der Wirklichkeit als an seiner eigenen Vorstellung und an seinen Empfindungen orientiert. Aber dann hatten wir ein langes Gespräch miteinander. Ein merkwürdiges Gespräch, in dem nicht ich den Joachim Heldt ausfragte, der sich doch beim stern beworben hatte, sondern eigentlich fragte er mich aus."

Reportagemagazin statt Komödienstadl

Die Fragen des damals 30-Jährigen haben Nannen, der selbst ein unglaublich guter Schreiber war, verändert: "Wo stehen wir politisch? Wollen wir unsere Leser nur unterhalten? Oder etwa belehren? Oder wollen wir sie informieren, damit sie ihre Lehren selber ziehen können?" Heldt weckte in ihm die Lust, die Welt nicht mehr als Komödienstadl zu sehen, in dem der stern-Chef bei Miss-Wahlen alberne Pokale für das schönste Strumpfbein überreichte. Der stern sollte fortan mehr sein, das Reportagemagazin in Deutschland, in dem die besten Fotografen und Schreiber viel Platz hätten. Damals entdeckte er auch den im Westen noch unbekannten "rasenden Reporter" Egon Erwin Kisch aus Prag, der in den 20er Jahren die subjektive Reportage auf ein neues Niveau gehoben hatte. Nannen war so begeistert von dem Mann, dass er 1977 einen jährlichen Preis für die beste Reportage in deutscher Sprache ausschrieb und ihn nach Kisch benannte. Dazu druckte er ein Stück von ihm über das Sechstagerennen in Berlin – geschrieben wurde es 1923: "Wenn Sie das lesen, dann sind Sie dabei gewesen. Dann spüren Sie den Atem der Arena, riechen Sie Angst und Ehrgeiz, den Geruch von heißen Würstchen und den Duft des Parfums aus den Pelzen der Damen, den Mief und den Schweiß der Meute."

Kisch, so fand Nannen, konnte besser schreiben als "irgendeiner vor ihm und nach ihm", keiner hat das journalistische Credo des Henri Nannen so treffend formuliert wie der Prager Jude: "Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantastischer als die Wirklichkeit." Eine gute Reportage müsse auf dem "schmalen Steg zwischen Tatsache und Tatsache" tanzen, und ihre Bewegungen sollten "mit den Tatsachen im rhythmischen Einklang stehen". Um zu erläutern, wie diese Gratwanderung auszusehen habe, erzählte Nannen gern die Geschichte, wie verschiedene Völkerschaften einmal einen Aufsatz über Elefanten schreiben sollten: "Da schrieb der Franzose seinen Aufsatz unter dem Titel: L'éléphant et l'amour. Der Pole schrieb: Der Elefant und die polnische Frage. Der Engländer: The elephant and the football. Der Amerikaner: How to breed bigger and better elephants in less time for less money. Der Wiener: Erinnerungen eines uralten Elefanten an das Burgtheater. Und der Deutsche schrieb: Wesen und Grundlagen der Psychologie des Elefanten, Band I, Volumen A: Der burmesische Arbeitselefant in seiner Beziehung zum Menschen." Nannen war immer der Meinung, man sollte "L'éléphant et l'amour" schreiben. "Aber es muss dann eben alles drin stehen, was man über Wesen und Grundlagen des Elefanten weiß." Wenn heute so viele, unerhört spannende deutsch-französische Elefanten durch Deutschland spazieren, wie der Henri Nannen Preis jedes Jahr zeigt, so ist das vor allem Nannens Verdienst – er hat diese journalistische Form zur Königsklasse erhoben.

Nur einmal in all den Jahren hat seine Mannschaft ihn ängstlich erlebt, mit blank liegenden Nerven: "Man musste die halbe Nacht bei ihm sitzen und ihn trösten", erinnert sich "Andy" Elten. Das war 1970, als Gerhard Löwenthal ihn im "ZDF-Magazin" beschuldigte, er habe im Zweiten Weltkrieg nicht nur peinliche Lobhudeleien über Hitler verfasst, sondern auch an Verbrechen der Wehrmacht im Dorf Bevilacqua bei Verona teilgenommen. Nannen wusste, dass das nicht stimmte, aber wie bewies man das 26 Jahre später, ohne Dokumente? Noch dazu behauptete Löwenthal, er habe Zeugen. Nannens Lebenswerk stand auf dem Spiel. Er schickte seine besten Leute nach Italien und in die Archive, um die tatsächlichen Ereignisse zu recherchieren. Was sie nach wochenlanger Suche lieferten, reichte für einen Freispruch erster Klasse. In einem langen Fernsehduell, das live übertragen wurde und Einschaltquoten in Länderspielhöhe hatte, lief Nannen zur Form seines Lebens auf. Er machte den Eiferer mit solcher Grandezza nieder, dass das ZDF seine Behauptungen in den "Heute"-Nachrichten widerrufen musste. Ein solch gnadenloses Duell hatte es bis dahin nicht gegeben im deutschen Fernsehen. Den Auftritt hatte Nannen vorher im Detail geprobt, und die besten Attacken waren auf einem Zettel notiert, den er in seiner Jackentasche trug: "Halten Sie den Mund, Herr Löwenthal" war ein Spruch, der Pressegeschichte gemacht hat. Und als Löwenthal ihn vorwurfsvoll fragte: "Sie halten mich wohl für blöd, Herr Nannen?", musste der kettenrauchende Nannen nur lächelnd sagen: "Für ziemlich, Herr Löwenthal."

Der rüde Rausschmiss Bissingers

Die Redaktion stand immer hinter ihm. Erst als er 1978 seinen Kronprinzen Manfred Bissinger feuerte, kam es zu einem Bruch, der nie wieder richtig heilte. Der rüde Rausschmiss zerriss, wie Nannen später selbst bekannte, "den Vorhang zwischen Akteuren und Regisseur". Bissinger war in der Redaktion nicht unumstritten, als der Verlag ihn aber gestürzt hatte, boykottierte sie geschlossen die Abschiedsparty. Ein genervter Nannen stellte die kalten Wurstplatten, die niemand angerührt hatte, auf den Boden, für die Hunde Nuck und Pauline. Die beiden Redaktionsviecher überfraßen sich derart, dass sie den grünen Teppichboden über und über vollkleckerten.

Miserabel waren fortan auch die Beziehungen zwischen Chef und Mannschaft. Was war Bissingers Rausschmiss vorausgegangen? Im Dezember 1977 war Nannen nicht im Haus, Bissinger machte das Blatt und veröffentlichte den schlampig recherchierten Artikel eines freien Mitarbeiters über deutsche Steuersünder, in dem Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn in eine Reihe mit illustren Steuerflüchtlingen gestellt wurde. Mohn, Mehrheitseigner des stern-Verlags Gruner + Jahr, verlangte eine Entschuldigung. Bissinger, dessen Kompromissfähigkeit damals "leider noch nicht sehr ausgeprägt war", wie er heute zugibt, lehnte ab. Der rote Vize mit dem blonden Schnauzer war den Bertelsmännern schon länger suspekt, er war ein der SPD nahestehender Linker, der maßgeblich dafür verantwortlich war, dass der stern seit 1968 auf einem strammen Konfrontationskurs mit CDU und CSU war. Aber freiwillig wollte er nicht gehen, nicht einmal "eine Million Mark steuerfrei", die Mohn ihm anbot, konnte ihn umstimmen.

Grund genug für den Konzernchef zu glauben, der zukünftige stern-Chef werde von "drüben" gesteuert, sprich: Ost-Berlin. Er verlangte seinen Kopf. Auch Nannen, der ihn bisher immer mutig gegen Bertelsmann verteidigt hatte, war nun für seine Entlassung. Niemand in der Redaktion verstand, warum Nannen seinen Nachfolger wegen eines fehlerhaften Artikels feuerte. Der bewunderte Chef, der sich tausendundeinen Krach mit dem Verlag geliefert und wie ein Löwe immer die Redaktion verteidigt hatte, stand plötzlich auf der anderen Seite, zum ersten Mal. Nannen litt darunter wenig, er nannte seine Redaktion höhnisch den "VEB stern", in dem eigentlich nur eine "Angst grassiere: dass die Räder der Gehaltsbuchhaltung stillstünden". Der innere Abnabelungsprozess von seinem Blatt hatte da längst begonnen. Es war ihm ohnehin immer egal gewesen, was wir von ihm hielten. Er wollte nicht geliebt werden. "Sie sollen mich fürchten!" war sein Credo. Viele Jahre nach der spektakulären Entlassung, Nannen lebte längst in Emden, rief er bei Bissinger an, lud ihn zum Essen ein und erzählte, wie es zum Rausschmiss gekommen war. Bei einem Treffen in der Mohn'schen Villa auf Mallorca, so Nannen, sei es um sein endgültiges Ausscheiden aus dem Verlag und seine Altersversorgung gegangen. Da habe Mohn ihm eine großzügige jährliche Apanage von 300.000 Mark mit den Worten zugesagt: "Wenn ich etwas für Sie tue, dann müssen Sie auch etwas für mich tun und auf Bissinger verzichten." Frage an Bissinger: "Warum hat er dir das erzählt?" Bissinger: "Er wollte das loswerden, das lag ihm am Herzen." Frage: "War die Sache für dich damit aus der Welt?" Bissinger: "Ja, völlig. Wir haben uns in den Arm genommen, und es war gut."

Die "Hitler-Scheiße"

Für den stern wahrscheinlich nicht. Den machtbewussten Bissinger hätte der Verlag mit den Hitler-Tagebüchern wohl nicht so austricksen können wie Nannens Nachfolger. Und Gerd Heidemann hätte nie gewagt, am Chef vorbei einen freien Mitarbeiter anzuschleppen, der den Zweiten Weltkrieg angefangen hatte. Die dilettantisch gefälschten Tagebücher bescherten dem stern, anders als immer vermutet wurde, keinen Einbruch der Auflage. Aber sie haben immens viel Glaubwürdigkeit gekostet. Und sie haben an Nannen weit grausamer genagt, als er je zugeben wollte. Nach außen hin steckte er die "Hitler-Scheiße", wie er sie nannte, locker weg. Als Herbert Riehl-Heyse ihn einmal fragte, ob es nicht schrecklich sei, am Ende seiner Karriere ein solches Desaster zu erleiden, sagte er trocken: "Besser als am Anfang." Aber innerlich litt er fürchterlich daran, er hatte Depressionen und suchte Hilfe bei einem Psychotherapeuten. Nicht nur seine Enkelin Stephanie, die ein inniges Verhältnis zu ihrem "Gropi" hatte, ist davon überzeugt, dass er nie nach Emden gezogen wäre, wenn die Tagebuch-Affäre nicht "sein Leben so erschüttert und ihm nicht Hamburg so vermiest hätte".

Die schäbigen Kladden modern heute in einem Panzerschrank in einem feuchten Keller der Gruner + Jahr-Zentrale in Hamburg. Von den Fraktur-Initialen FH, die auf Band 1 kleben, löst sich langsam der billige Goldlack, der Einband ist mit zarten weißen Schimmelflecken bedeckt.

Hamburg, 1968.  Letzte Instanz:  An den Produktionstagen des stern kümmerte  sich Nannen um jedes Detail. Hier feilt er an Layouts,  hinter ihm Artdirector Rolf Gillhausen.

Hamburg, 1968. Letzte Instanz: An den Produktionstagen des stern kümmerte sich Nannen um jedes Detail. Hier feilt er an Layouts, hinter ihm Artdirector Rolf Gillhausen.

Wie Henri Nannen auf seinem Grab Rosen pflanzte

In der guten alten Zeit, als die Anzeigenkunden bei den Verlagen noch Schlange standen, als in der stern-Redaktion helle Aufregung herrschte, wenn ein Titel von 1.680.000 auf 1.670.000 abrutschte, klingelte einmal mein Telefon. Henri Nannen war dran, er lud mich zu einem Glas Wein auf die Dachterrasse des Grand Hotel in Florenz ein. Ich war damals junger Rom-Korrespondent und wusste nicht, dass er in genau jenem Hotel schon als Propaganda-Offizier der Wehrmacht logiert hatte. Es war eine heiße Augustnacht, ich trank Weißwein, Nannen trank Bier. Er schaute über die schönen Dächer von Florenz und begann zu reden, nicht mit mir, eher mit sich selbst. Es war ein langer Monolog über seine italienische Wehrmachtszeit. Seither mochte er die Italiener, sie hätten das damals alles viel gelassener gesehen, seufzte er, warum bloß wir Deutschen nicht? Was hätten wir uns und der Welt erspart, wenn wir unseren teutonischen Wahn mit mediterraner Laxheit und Toleranz hätten zügeln können? Mir gefiel, wie er über die Italiener redete, er lamentierte nicht, wie Deutsche auf Besuch das gern tun, über ihr Durcheinander, den Dreck oder den Krach. Ihm gefiel ihr kreatives Chaos, ihr Charme, ihr angeborener Sinn für Kunst und Eleganz.

Es war das letzte Mal, dass ich ihn als Chefredakteur erlebt habe, kurz darauf trat er zurück und wurde Herausgeber. Es war ein Job, den er als Zumutung empfand, "man ist der Grüßaugust, der die Gäste fragt, ob es ihnen geschmeckt hat". Innerhalb eines Jahres krempelte er nun alles um, Anfang der Achtziger verkaufte er seine Villa in Positano und sein Schiff, denn nun brauchte er viel Geld für seine dritte Karriere als Kunsthändler. Den stern hatte er abgehakt, das war nicht mehr sein Blatt. Da gab es jetzt "Chefredakteure, die geliebt werden wollen". Er schüttelte sich vor Grausen.

Wenn er kein Publikum hatte, war er ganz anders. Nachdenklich, leise, selbstkritisch, in sich gekehrt, melancholisch. Das war nicht mehr der lärmende Zirkusdirektor, der seine Leute durch brennende Reifen springen ließ. Da zeigte er die unbekannte, weiche Seite, die er sonst immer gut versteckt hielt. Das war der Mann, der abends seinen Airedale-Terrier Nuck zudeckte: "Da lag er neben meinem Bett, und ich habe mit ihm zur Nacht gebetet." Das war der Mann, der keine Angst hatte, bei Breschnew auf dem Schreibtisch oder mit Sophia Loren auf dem Sofa zu sitzen, aber bekannte, eigentlich sei er "kontaktgestört und scheu". Der sich fürchterlich darüber aufregte, wenn die Kaninchen wieder Löcher auf seinem Grab buddelten. Liebevoll hatte er schon zu Lebzeiten seine letzte Ruhestätte auf dem Emder Friedhof Tholenswehr hergerichtet und mit Rhododendron und Rosen bepflanzt. Jeden Tag ging er auf den Friedhof, auch allen Besuchern zeigte er stolz sein Grab. Mit Vic Schuller, seinem Freund, saß er auf einer Bank, und dann versprachen sich die beiden Alten, sie würden die Grabrede für den halten, der zuerst sterbe.

Henri Nannen ist am 13. Oktober 1996 in Hannover gestorben, mit fast 83 Jahren. Er hatte Magenkrebs und war nach mehreren Operationen ins Koma gefallen, aus dem er nicht mehr aufwachte. Anfang November fand im Hamburger Michel eine öffentliche Totenfeier statt. Der Pastor sagte, Henri Nannen sei mehr als ein "überaus interessanter Mensch gewesen". So kann man es auch nennen. Hätte Verdi ihn gekannt, hätte er eine Oper aus ihm gemacht. Alles an ihm war maßlos und unbändig, sein Ego, seine Lust auf das Leben – und natürlich auf das Leben der anderen –, seine Lust auf Ruhm und Rampenlicht, seine Gier auf spannende Geschichten und gefährliche Liebschaften, auf schnelle Boote und teure Bilder. Nannen war eine so außergewöhnliche und widersprüchliche Figur, wie sie das Land selten erlebt hat. Er war lärmend laut und unbegreiflich schüchtern, genial und pedantisch, brutal und sensibel, todesmutig und feige. Seine wunderschöne Freundin Anneliese Friedmann, die als Kolumnistin Sibylle dem stern einst weltläufigen Glanz und Glamour verlieh, rief ihm nach, er sei "unausstehlich und unwiderstehlich" gewesen. Und von Günter Dahl stammt der Satz, der die Faszination dieses Mannes mit den zwei Gesichtern erklärt: "Ich möchte ihn von hinten erstechen und dann an seinem Grab weinend zusammenbrechen." Es war der herzlichste Vatermord der deutschen Pressegeschichte, Freud hätte seine Freude daran gehabt. Wir alle haben diesen Überchef x-mal ermordet, in Gedanken. Aber jetzt zum Hundertsten heben wir das Glas, stoßen auf ihn an und vergießen lachend ein paar Tränen, weil keiner von uns in seinem Leben jemals wieder einen solchen Typen getroffen hat.