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Heute vor 75 Jahren: Er war die treibende Kraft: Wie Henning von Tresckow das Attentat auf Hitler plante

Die meisten kennen nur Stauffenberg. Doch tatsächlich war Henning von Tresckow die treibende Kraft hinter dem Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Ein zerrissener Held – wie seine Tochter Uta anhand unveröffentlichter Feldpostbriefe offenbart.

Tresckow (4. v. r.) sammelte in der Heeresgruppe Mitte Hitler-Gegner um sich: Auf dem Bild ist Ewald-Heinrich von Kleist links neben ihm zu sehen, ganz rechts Fabian von Schlabrendorff

Tresckow (4. v. r.) sammelte in der Heeresgruppe Mitte Hitler-Gegner um sich: Auf dem Bild ist Ewald-Heinrich von Kleist links neben ihm zu sehen, ganz rechts Fabian von Schlabrendorff

Als alles verloren ist, schreibt Henning von Tresckow an seine Frau Erika: „Heute ist ein wunderschöner Sommertag. Sogar der Pirol ruft noch, und ich will den Tag zu einer längeren Frontfahrt benutzen.“ Es ist frühmorgens, am 21. Juli 1944. Seit ein paar Stunden weiß er, dass Hitler das Attentat überlebt hat und der Putschversuch gescheitert ist. Früher oder später wird die Gestapo dahinterkommen, dass er maßgeblich daran beteiligt war, wird ihn verhaften und foltern, damit er weitere Namen preisgibt.

Tresckow, erst einige Monate zuvor zum Generalmajor befördert, steigt zu seinem Fahrer in den Wagen, lässt sich weit ins Niemandsland zwischen den Linien fahren. Es soll aussehen, als wäre er bei einem Partisanenangriff ums Leben gekommen. Er geht in einen Wald nahe der heutigen Grenze zwischen Polen und Weißrussland und schießt einige Male um sich. Dann hält er sich eine Granate an die Schläfe und zündet.

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Mein Kampf

Kopf und Herz und treibende Kraft hinter dem Attentat: Henning von Tresckow

75 Jahre später. Uta von Aretin, geborene von Tresckow, legt in ihrer Münchner Wohnung zwei dicke Packen auf den Tisch: die Feldpostbriefe des Vaters, vergilbt und zerlesen, und die Abschriften, die sie kürzlich davon gemacht hat, weil ihre Kinder und Enkel Sütterlin nicht lesen können. Durch die Arbeit daran sei ihr der Vater wieder sehr präsent, sagt die 88-Jährige. Seine Stimme, sein Humor, wie er an seiner Familie hing, seine Liebe zur Natur. Die Jahre im Krieg, Brief für Brief, bis zum letzten: „Gott behüte Dich und Euch alle.“ 

Mit dem Attentat auf Hitler verbindet sich für die meisten nur ein Name: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er war es, der die Bombe ins „Führerhauptquartier“ schmuggelte und bei der Lagebesprechung unterm Kartentisch platzierte. Er ist das Gesicht des 20. Juli 1944, ja des Widerstands schlechthin.

Tatsächlich aber waren gut 200 Menschen am Umsturzversuch beteiligt – bei Weitem also nicht nur eine „ganz kleine Clique“ von Offizieren, wie Hitler noch in der Nacht behauptete. Einige von ihnen hatten schon 1938 versucht, das Regime zu Fall zu bringen, und hielten nach Kriegsbeginn an diesem Ziel fest. Kopf und Herz der Verschwörung und treibende Kraft war Henning von Tresckow.

Anfangs war Tresckow überzeugter Nazi

Er suchte schon nach Möglichkeiten, den Diktator zu stürzen, als Stauffenberg noch die „planmäßige Kolonisation“ Polens für geboten hielt, da sich dieses Volk, wie er während des Einmarschs schrieb, „nur unter der Knute wohlfühlt“. Tresckow verfolgte die geniale Idee, aus den „Walküre“-Befehlen – einst gedacht, um innere Unruhen niederzuschlagen – ein Instrument des Staatsstreichs zu machen. Und es war maßgeblich seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass dieser zumindest versucht wurde. 

Henning von Tresckow in seiner Militäruniform.

Henning von Tresckow in seiner Militäruniform.

Dabei war auch er zunächst ein überzeugter Nationalsozialist gewesen. „Wir wählen alle A. H.“, schrieb er 1932 an eine Freundin. Ihn begeisterte die Verbindung aus Vaterlandsliebe und einer modernen, sozialen Orientierung, die Hitler versprach. Er begrüßte die heimliche Aufrüstung des Heeres und hatte nichts dagegen einzuwenden, als die Armeeführung erklärte: „Niemals war die Wehrmacht identischer mit dem Staat als heute.“

Henning von Tresckow wurde 1901 in Magdeburg geboren und wuchs auf Gut Wartenberg im heutigen Polen auf. Sein Vater, ein Kavalleriegeneral, stand sein Leben lang loyal zu Preußentum und Monarchie und gab diese Haltung auch an seine Kinder weiter: Als der Erste Weltkrieg ausbrach, konnte der damals 13-jährige Henning es kaum erwarten, in die Armee einzutreten, und fürchtete, der Krieg könne ohne ihn zu Ende gehen. Im Sommer 1917 wurde er Soldat und kämpfte zuletzt an der Westfront in Frankreich, wo der Tod allgegenwärtig war.

Die Bedingungen der Siegermächte empfand er als demütigend; der jungen Republik begegnete er skeptisch. Er wollte keinen neuen Krieg, war aber überzeugt, dass Deutschland eine schlagkräftige Armee brauchte. Nach ein paar Semestern Jurastudium und Arbeit in einer Bank trat er darum 1926 – er hatte gerade Erika von Falkenhayn, die Tochter des ehemaligen Kriegsministers, geheiratet – wieder in die Reichswehr ein. Er träumte von einem wiedererstarkten deutschen Reich, und Hitlerschien der richtige Mann dafür zu sein. Weder die Hetze gegen Juden noch die Verfolgung politischer Gegner schien ihn daran zweifeln zu lassen.

Tresckow überlegte, den Dienst zu quittieren

Als Hitler 1934 die Führung der SA um Ernst Röhm umbringen ließ, war Tresckow erschüttert. Das für ihn Undenkbare war passiert: Reichskanzler und Regierung hatten ungestraft morden lassen. Das Gefühl, sich ebenfalls schuldig zu machen, ließ ihn nicht mehr los: Auch er hatte den Eid auf Hitler abgelegt und damit einem Verbrecher „unbedingten Gehorsam“ geschworen. Was wog schwerer: Ehre oder Gewissen? 

Familienfoto der von Tresckows

Offizier, Widerstandskämpfer, Vater und Ehemann. Auf dem Familienbild ist vor Tresckow und seiner Frau Erika Tochter Uta zu sehen, die die Erinnerung an ihn bis heute bewahrt

Nach der Ausbildung zum Generalstabsoffizier wurde er ins Kriegsministerium versetzt und dort 1937 damit betraut, einen Plan für den Aufmarsch gegen die Tschechoslowakei auszuarbeiten – angeblich für den Verteidigungsfall, doch ein nachgereichter Zusatzbefehl enthüllte, worum es eigentlich ging: Von einem „Angriffskrieg“ zur „Lösung des deutschen Raumproblems“ war darin die Rede und davon, ihn „auch dann zu einem siegreichen Ende zu führen, wenn die eine oder andere Großmacht gegen uns eingreift“.

Kein Zweifel: Hitler wollte Krieg um jeden Preis, und nichts deutete darauf hin, dass in der Wehrmachtsführung jemand dagegen aufbegehrte. Tresckow überlegte, den Dienst zu quittieren, doch sein Vorgesetzter, General Erwin von Witzleben, hielt ihn zurück: Gerade jetzt würden Männer wie er gebraucht; man arbeite bereits am Sturz der Regierung. Hitlers offensichtlicher Kriegskurs biete den idealen Anlass.

Tresckow Frau sollte die hitlertreue Gattin spielen

Wie ihr Vater über das NS-Regime dachte, hat Uta von Aretin nie erfahren: „Er achtete darauf, dass wir Geschwister immer unserem Dienst in der Hitlerjugend nachkamen, und hat sich uns gegenüber nie in irgendeiner Weise kritisch geäußert“, erzählt sie. „Bis zu der Nacht, in der uns die Gestapo abholte, war ich vollkommen ahnungslos.“ 

Tresckow mit seiner Frau Erika 1943 in Babelsberg

Heimaturlaub in Kriegszeiten: Tresckow mit seiner Frau Erika 1943 in Babelsberg. Zu diesem Zeitpunkt war auch sie schon in die Verschwörung eingeweiht

Seine Frau weihte Tresckow erst im Frühjahr 1943 in die Putschpläne ein und beschwor sie, im Falle seiner Verhaftung unter allen Umständen die hitlertreue Gattin zu spielen. Die Familie durfte nicht gefährdet werden – und war es doch automatisch. Tresckow war sich dessen schmerzlich bewusst, sah aber keinen Ausweg: Die im Namen Deutschlands begangenen Verbrechen würden sich „in Hunderten von Jahren noch auswirken“ , sagte er 1941 zu einem Mitverschwörer. Man werde nicht Hitler allein die Schuld geben, „sondern Ihnen und mir, Ihrer Frau und meiner Frau, Ihren Kindern und meinen Kindern (...) und dem Jungen, der da Ball spielt“.

Nach außen regimetreu, nach innen aufständisch

Etwas tun, um der eigenen Kinder willen, selbst wenn man sie dadurch erst in Gefahr brachte – ein unauflösbarer Widerspruch. Und nicht der einzige: Tresckow wollte den Krieg verhindern, machte aber Karriere in der Armee, plante Hitlers Ermordung und errang zugleich Siege für ihn. Er wusste, dass er sich schuldig machte, wie immer er es drehte und wendete. Er war Widerstandskämpfer, Krieger in Hitlers Armee, Vater und Ehemann. Drei Leben. Ein Dilemma. „Ich bin doch nun mal verflucht zu einem doppelten Amt“ , schrieb er im September 1942 von der Front. „Die Sehnsucht, von diesem Posten einmal befreit zu sein, ist groß, trotz aller Machtfülle und Einblick (...) Niemand kann’s ermessen!“

Die Arbeit am Umsturz zwang ihn zu Heimlichkeit und Verstellung. Mit Buckligen, meinte er, müsse man bucklig reden. Parteianhängern gegenüber gab er sich linientreu, bei schwankenden Generälen kämpferisch, Gleichgesinnte weihte er nur so weit ein, wie es unbedingt nötig war.

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So hat Tresckow nichts hinterlassen, woraus seine Haltung zum Regime oder den Verbrechen hinter der Ostfront hervorginge; keine programmatischen Schriften, die Rückschlüsse darüber zuließen, welche Regierungsform er für die Zeit nach Hitler anstrebte. Vorsicht war ihm oberstes Gebot. Auch in den Briefen an seine Frau ließ er höchstens zwischen den Zeilen erkennen, was wirklich in ihm vorging.

Nicht einmal in seinem Taschenkalender von 1943 findet sich auch nur der kleinste Hinweis, dass er mit Vertrauten in jenem Jahr mindestens drei Anschläge initiiert und akribisch die Vorbereitungen für den Umsturz getroffen hatte. Nur hier und da ein paar sorgsam ausgestrichene Stellen. Keine Namen, keine Treffpunkte. Will man sich dem Menschen Tresckow nähern, ist man darum auf die Aussagen derer angewiesen, die ihn gekannt haben. Und auf das, was er getan hat.

Als Soldat fürchtete er die Niederlage, als Hitler-Gegner sehnte er sie herbei

Schon im Sommer 1939 glaubte er nicht mehr daran, dass der Krieg durch Hitlers Verhaftung oder das Eingreifen der Westmächte zu verhindern sein würde, wie die Verschwörer um Witzleben gehofft hatten. Hitler sei das Unheil und müsse getötet werden, sagte er zu seinem Vetter, dem Anwalt Fabian von Schlabrendorff, von dessen kritischer Haltung er wusste. Der war überrascht: So kompromisslos dachten im Widerstand nur wenige.

Der Kriegsbeginn zwang dann aber auch Tresckow zu Kompromissen: Als Generalstabsoffizier war er erst am Einfall in Polen, dann am Angriff auf Frankreich beteiligt, nahm also an einem Feldzug teil, von dem er wusste, dass er weder aufgezwungen noch unabwendbar war – und dass er die Aussicht auf einen Umsturz vorerst gen null sinken ließ. Tatsächlich steigerten die schnellen Eroberungen Hitlers Popularität beträchtlich. Selbst Tresckow war zunächst bewegt vom Sieg über Frankreich, das auch er für Deutschlands größten Demütiger hielt: „Aller Kleinmut (...) ist angesichts unserer ungeheuren Erfolge verflogen. So wird alles weiter gut werden und hoffentlich ein guter Frieden folgen“ , schrieb er auf einer Karte. Auf der Vorderseite: ein Bild von der Unterzeichnung der Kapitulation 1918. 

Brief von Henning von Tresckow

„Liebe, Lieder, ein kleines Bäumchen (…), je ein neues Lied von den 3 Großen“ – die Weihnachtswünsche, die Tresckow 1942 nach Hause schrieb, berühren seine Tochter Uta bis heute

Von einem „guten Frieden“ konnte keine Rede sein: Ende 1940 rüstete die Wehrmacht für den Angriff auf die Sowjetunion; Tresckow wurde nach Posen versetzt. Er war erfahren genug, um abschätzen zu können, dass das „Unternehmen Barbarossa“ schon allein deshalb Irrsinn war, weil nicht genug Divisionen zur Verfügung standen. Als Soldat fürchtete er die Niederlage, als Hitler-Gegner sehnte er sie herbei. Er wünschte, sagte er im Dezember 1941 zu einem seiner Offiziere, er könnte „dem deutschen Volk einen Film vorführen: Deutschland bei Kriegsende“. Dann würde es vielleicht „voller Schrecken erkennen, auf was wir lossteuern“. So aber werde es, „wann immer wir Hitler beseitigen, totensicher eine Dolchstoßlegende erschaffen“. Selbst bei den günstigsten Friedensbedingungen werde es heißen, man habe „den geliebten Führer (...) kurz vor dem Endsieg umgebracht“.

Tresckow baute seinen Stab zum Herz des Widerstands aus

Tresckow kannte die offenkundig verbrecherischen Befehle, die noch vor dem Einmarsch ergangen waren und den Feldzug als „Vernichtungskampf“ entlarvten. Vergebens hatte er seinen Oberbefehlshaber bestürmt, Hitler deswegen die Gefolgschaft zu kündigen und seine Generalskollegen aufzufordern, es ihm gleichzutun. Die geschlossene Gehorsamsverweigerung wenige Tage vor dem geplanten Angriff hätte Hitler vermutlich zum Einlenken gezwungen, doch der Protest blieb halbherzig – und wirkungslos.

Entsetzt über die Passivität seiner Vorgesetzten, beschloss Tresckow, seinen Stab in der Heeresgruppe Mitte zu einem Zentrum des Widerstands auszubauen. Systematisch besetzte er nach und nach alle Schlüsselpositionen mit Gleichgesinnten, darunter sein Vetter Schlabrendorff und Rudolph-Christoph Freiherr von Gersdorff, den er von der Kriegsakademie kannte. Nirgendwo sonst gab es eine so große, geschlossene Oppositionszelle. 

Tresckow (4. v. r.) sammelte in der Heeresgruppe Mitte Hitler-Gegner um sich: Auf dem Bild ist Ewald-Heinrich von Kleist links neben ihm zu sehen, ganz rechts Fabian von Schlabrendorff

Tresckow (4. v. r.) sammelte in der Heeresgruppe Mitte Hitler-Gegner um sich: Auf dem Bild ist Ewald-Heinrich von Kleist links neben ihm zu sehen, ganz rechts Fabian von Schlabrendorff

Über Schlabrendorff stellte Tresckow Kontakt zur zivilmilitärischen Widerstandsgruppe um Generaloberst a. D. Ludwig Beck in Berlin her, der bereits 1938 aus Protest gegen Hitlers Kriegspolitik zurückgetreten war. Die Zeit drängte: Hinter der Front im Osten begingen nachrückende SS-Einheiten barbarische Verbrechen. Entsprechende Berichte, die teilweise auch über Tresckows Schreibtisch gingen, listeten akribisch Abertausende Morde auf.

„Wir sind subalterne Erfüllungsgehilfen (...) im Dienst eines Kapitalverbrechers“, sagte er zum Ordonnanzoffizier eines Feldmarschalls, den er für den Putsch gewinnen wollte. „Nach zuverlässigen Informationen betreiben SS-Spezialkommandos Ausrottungen, die jede Fantasie übersteigen.“

Experimente mit Sprengstoff

Als Generalstabsoffizier befolgte auch Tresckow Befehle, die aus heutiger Sicht verbrecherisch sind: „Es war allgemeine Überzeugung, dass der Krieg den Krieg ernährt, so lernte man das bei der Offiziersausbildung“, sagt der Historiker Peter Steinbach. „Die Zivilbevölkerung wurde an keinem Frontabschnitt geschont. Gemäß der Taktik der ‚verbrannten Erde‘ raubte man den Bauern Getreide und Vieh, steckte Felder und Dörfer in Brand. Tresckow konnte das nicht verhindern, aber er sah seine eigene Schuld und zog daraus Konsequenzen, wurde radikaler im Urteil und im Handeln.“

Wenn von den alten Generälen nichts zu erwarten war, musste der entscheidende Schlag – die „Initialzündung“ , wie es die Verschwörer nannten – von den Jungen in den unteren Rängen ausgehen. Früher oder später würde Hitler der Ostfront einen Besuch abstatten, das wollte Tresckow mit seinen Vertrauten für ein Attentat nutzen. Zusammengerollte Landkarten boten, wie er herausfand, einen passablen Schallschutz, um unbemerkt einen Schuss aus nächster Nähe abzufeuern. Sicherer schien ihm aber ein Bombenanschlag.

Im Sommer 1942 bat er Gersdorff, ihm über die Abteilung „Sabotage“ handlichen Sprengstoff mit geräuschlosem Zeitzünder zu besorgen. Mit Schlabrendorff experimentierte er wochenlang in den Dnjepr-Wiesen, testete die Wucht verschiedener Stoffe im Freien und in leer stehenden Gebäuden, notierte Verzögerungen, Temperatur und Zündzeiten. Schließlich fiel die Wahl auf erbeutete britische Haftminen mit Plastiksprengstoff von der Größe eines Buches. Zwei Stück, so das Fazit nach endlosen Versuchsreihen, würden genügen, um in einem geschlossenen Raum die erwünschte Wirkung zu erzielen. 

Brief von Henning von Tresckow

„Liebe, Lieder, ein kleines Bäumchen (…), je ein neues Lied von den 3 Großen“ – die Weihnachtswünsche, die Tresckow 1942 nach Hause schrieb, berühren seine Tochter Uta bis heute

Ihm scheine, schrieb Tresckow an seine Frau, „als ob wir doch langsam leichter und heller wandern werden. Nicht äußerlich, aber die Herzen werden freier und fester“. Und etwas später: „Es ist soviel dunkel, aber das Licht scheint!“ Noch hoffte er, sie aus allem heraushalten zu können. Dass der Umsturz gelingen und er ihr erst hinterher erzählen müsste, welche Rolle er dabei gespielt hatte. So oft wie möglich flogen er oder Schlabrendorff nach Berlin, um mit den anderen Verschwörern Tag X vorzubereiten: Nach der „Initialzündung“ musste alles für den Staatsstreich bereit sein.

„Weihnachtswünsche 1942: 1. Liebe, Lieder, ein kleines Bäumchen (...), 2. Wenn möglich neue Fotos von Frau und Kindern, 3. Je ein neues Lied und Gedicht von den 3 Großen, 4. Nichts, aber auch gar nichts weiter!“

„Preußische Feldmarschälle meutern nicht“

Als Hitler schließlich am 13. März 1943 das Truppenlager in Smolensk besuchte, gelang es Tresckow, dafür zu sorgen, dass zwei als Geschenk getarnte Minen mit aktiviertem Zünder an Bord der „Führer-Condor“ genommen wurden. Doch im Flugzeug war es zu kalt, die Bombe explodierte nicht. Wenige Tage später entkam Hitler in Berlin erneut einem Anschlag, bei dem sich Gersdorff mit ihm in die Luft sprengen wollte. Und im April ging die Gestapo gegen die Abteilung „Abwehr“ im Kriegsministerium vor, wodurch die Verschwörung eins ihrer wichtigsten Zentren verlor. Wie lange würde es dauern, bis der Rest des Netzwerks aufflog?

Unermüdlich kämpften Tresckow und seine Mitstreiter darum, einflussreiche Militärs auf ihre Seite zu ziehen. Doch nicht einmal jetzt, wo niemand mehr leugnen konnte, dass der Krieg verloren war, konnten sich die Generäle zum Widerstand durchringen: Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge, obwohl vom Verhängnis der Lage überzeugt, zögerte und zauderte; und Erich von Manstein erklärte: „Preußische Feldmarschälle meutern nicht.“ 

Feldpost von Henning von Tresckow an seine Familie

Feldpost von Henning von Tresckow an seine Familie

Der Rückzug auf Soldatenehre und Preußentum erboste Tresckow besonders – für ihn waren gerade das Werte, die jetzt zum Handeln verpflichteten. Noch schwerer wog sein Glaube: „Ein (...) überzeugter Christ kann doch nur ein überzeugter Gegner Hitlers sein“, sagte er einmal. Noch war vielleicht nicht alles verloren, ließ sich mit Glück ein Frieden aushandeln, der Deutschland vor dem Untergang bewahren könnte. Tresckow machte sich wenig Illusionen. Ihm war klar, dass die Alliierten angesichts der ungeheuren Verbrechen kaum zu Zugeständnissen bereit sein würden. Eine Chance gab es nur, wenn es jetzt noch gelänge, das Regime aus eigener Kraft zu stürzen.

Es sei viel zu wenig geschehen, klagte Tresckow im Sommer 1943 gegenüber seiner Frau, die inzwischen eingeweiht war und nun auch selbst aktiv wurde: Zusammen mit einer Freundin tippte sie die „Walküre“-Marschbefehle und -Einsatzpläne für Tag X, die ihr Mann ausgearbeitet hatte. Ab September unterstützte ihn Stauffenberg. Die Treffen fanden im Grunewald statt, an wechselnden Orten, unterbrochen von Bombenangriffen.

Bis zum Frühjahr 1944 waren wieder mehrere Attentatsversuche gescheitert

Als Tresckow im Oktober an die Ostfront nahe Weißrussland versetzt wurde, war alles bereit, nur fehlte noch immer ein Attentäter, der Zugang zu Hitler hatte. Wochen vergingen. „Ich mache dir gar nichts vor, Liebste (...), wir müssen durch!“, schrieb Tresckow. „Vergib mir nur das alles, was ich Dir an Belastung in dieser Zeit zumute.“

Er bemühte sich, das Kriegsgeschehen, das ihn umgab, in seinen Briefen als ruhig und ungefährlich darzustellen. Umso mehr Raum nahmen sorgenvolle Fragen nach der Heimat ein. Nach Freunden, den beiden Töchtern und den Söhnen, die im Alter von 15 Jahren zur Flakabwehr eingezogen worden waren: „Nun auch Rüdi schon im Januar? Unsere kleinen Jungens!“

Bis zum Frühjahr 1944 waren wieder mehrere Attentatsversuche gescheitert. Mittlerweile hatte auch Tresckow seine Zuversicht verloren. Vergebens hatte er versucht, auf eine Position in Hitlers Nähe versetzt zu werden, vergebens um die Unterstützung der Oberbefehlshaber gekämpft. „Sie wollen alle bereit sein, je nach Entwicklung so oder so zu schwenken à la ‚ich war ja schon immer‘“ , schrieb er wütend. Kurz darauf landeten in der Normandie die Alliierten. 

Uta von Aretin hält ein Foto ihres Vaters in der Hand

Ferne Erinnerung: Uta von Aretin war 13 Jahre alt, als ihr Vater sich nach dem gescheiterten Attentat 1944 das Leben nahm. „Ich habe ihn unglaublich vermisst“, sagt sie

Ob es jetzt überhaupt noch sinnvoll sei, am Staatsstreichplan festzuhalten, ließ Stauffenberg Tresckow fragen. Der antwortete, ohne zu zögern: „Das Attentat muss erfolgen coûte que coûte (...) Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“

Tresckows Leichnam wurde nach Wartenberg überführt und am 27. Juli im Familiengrab beigesetzt. Als die Gestapo kurz darauf erkannte, dass Tresckow bei der Verschwörung eine zentrale Rolle gespielt hatte, ließ ihn Himmler exhumieren und im KZ Sachsenhausen vor den Augen seines Freundes Schlabrendorff verbrennen. Die damals 13-jährige Uta und ihre vierjährige Schwester Adelheid kamen in ein Heim, ihre Mutter ins Gefängnis. Rüdiger, 16, blieb weiter bei der Marine, der 17-jährige Mark fiel im Januar 1945 in Polen.