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20 Jahre nach dem Mauerfall: Das Leben in Freiheit hat Grenzen

Sie haben der DDR den Rücken gekehrt und sind im Ungarnurlaub in den Westen geflüchtet. Dann fiel die Mauer. Doch Familie Müller ist geblieben – und hat sich im Schwarzwald ein neues Leben aufgebaut.

Von Stefanie Zenke

Es sind fürchterliche Nächte. Wenn die Kinder schlafen, diskutieren sie stundenlang das Für und Wider. Edgar Müller versucht, seine Frau davon zu überzeugen, dass es der richtige Schritt in eine bessere Zukunft sein wird. Karola hat Angst, sie weint. Sollen sie ihre Eltern und Freunde im Stich lassen, das Risiko eingehen, sie niemals wieder zu sehen? Das neue Haus im thüringischen Neunhofen, für das sie soviel Zeit und Geld investiert haben, einfach Fremden überlassen? Oder alles auf eine Karte setzen. Alles hinter sich lassen, noch einmal ganz neu anfangen. Drüben, da wo die Freiheit etwas zählt. Die ungarische Grenze zu Österreich ist brüchig geworden, das wissen sie. Wenn flüchten, dann jetzt. Die Zeit, der verdammte Feind, sie läuft.

Sie haben es getan. Karola seufzt, in ihrem Seufzer wird er noch einmal frei, der Schmerz, der sie vor zwanzig Jahren bei ihrer Entscheidung begleitet haben muss. Es war ihr schlimmster Urlaub, den sie jemals mit ihrer Familie in Ungarn verbracht hat. "Denn ich wusste, am Ende, da steht die Flucht", sagt die heute 51-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und den Kindern Susan und Sören war sie an den Plattensee gefahren, um dort die Ferien zu verbringen. Die ersten DDR-Flüchtlinge passieren da bereits die grüne Grenze. Dann, am 11. September 1989, nehmen die Müllers ihr Schicksal selbst in die Hand, sie fällen die Entscheidung.

In einem Autokonvoi passieren sie die Grenze

In Windeseile packen sie die Koffer mit den Sommerklamotten in den grünen Wartburg, die Kinder auf den Rücksitz. Der damals vier Jahre alte Sören freut sich auf das Abenteuer, er trällert: "Ab ins Hanuta-Bananen-Land." Er ist der Einzige, der die Fahrt unbeschwert genießt. Die neun Jahre alte Susan hockt neben ihm, sie versteht die Welt nicht mehr. Warum kehren sie nicht zu Oma und Opa zurück? Das Wort Freiheit hat noch keine Bedeutung für sie. Aber für ihre Eltern, die voller "Angst im Nacken" nach stundenlanger Fahrt begleitet von zehntausenden anderen Flüchtlingen die Grenze in einem nicht enden wollenden Autokonvoi passieren. Menschen stehen am Straßenrand, sie jubeln, klopfen auf die Motorhauben. "Wir waren wie im Rausch, konnten das alles gar nicht begreifen", sagt Edgar Müller.

Ihr Weg führt sie nach Trostberg nach Bayern, wo sie zwei Tage in einem Lager verbringen. Karola zeigt auf ein Foto, das sie, eine zierliche blonde Frau in kurzen Hosen und luftigem Top vor einem Zelt zeigt: "Die Nummer 32, das war unseres." Spielsachen, Kleidung und Essen - für das Notwendigste ist gesorgt. Eine Blaskapelle spielt zum Empfang. "Für uns war das wie in einem Schlaraffenland, uns fielen die Augen raus", erinnert sich Edgar Müller. Die Fahrt geht weiter, nach Baden-Württemberg. Bekannte aus Calw haben versprochen, zu helfen. Am 13. September 1989, um 16 Uhr, steigen die Müllers völlig erschöpft aus ihrem Wartburg. Sie sind am Ziel. In Calw, im Nordschwarzwald. Hier werden sie neue Familiengeschichte schreiben. Und ihre alte, bislang vom DDR-Regime kontrollierte, endet dort laut Stasi-Akte mit folgendem Satz: "Müllers sind bei Bekannten im Schwarzwald untergetaucht."

Die Bekannten setzen alle Hebel in Bewegung, um für die junge Familie eine Wohnung und für Edgar, damals 35, einen Job zu finden. Wenige Tage später zieht sie in eine Dachgeschosswohnung eines Zweifamilienhauses in Neuweiler, im Betrieb der Vermieterin Annemarie Senar findet der gelernte KfZ-Meister seine erste Arbeitsstelle im Westen. Karola, bislang als kaufmännische Angestellte tätig, trägt die Zeitung aus. Sören geht in den Hort, Susan in die Schule. Sie vermissen die alten Freunde, die Großeltern. Die Eingewöhnung in der Fremde fällt ihnen schwer, sie werden anfangs von den anderen Kindern nicht akzeptiert.

Beim ersten Einkauf im Westen musste Karola weinen

Kochtopf, Staubsauger, Bettbezüge - das Überbrückungsgeld von 800 Mark ist schnell verbraucht, irgendwie müssen auch die 350 Mark Müllgebühren, die die Stadt sofort haben will, bezahlt werden, die Kinder brauchen etwas zum Anziehen, der Winter steht vor der Tür. Das Ehepaar Müller rackert, in der kleinen Gemeinde wird gesammelt, die Hilfsbereitschaft der Menschen auf dem Dorf ist enorm. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem jungen Paar nicht. Vierzig Joghurtsorten im Supermarktregal, Bananen, Orangen und Nutella - das Angebot des Westens erschlägt die Familie. Karola erinnert sich, wie ihr beim ersten Einkauf die Tränen kamen. "Dass es das alles gibt, das wussten wir nicht." Die neue Freiheit wird Schritt für Schritt erprobt: Von dem ersten selbst verdienten Geld das sie abzweigen können, kaufen sie sich einen gebrauchten Audi 100, ihren ersten Urlaub verbringen sie in Bayern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Entbehrungen die Familie Müller auf der anderen Seite der Mauer in Kauf nehmen musste.

Ende August 2009. Thüringer Würstchen brutzeln auf dem Grill, der große Holztisch auf der Terrasse ist liebevoll gedeckt, es ist ein herrlicher Sommertag. "Ist das schön, dass wir uns endlich einmal alle wieder sehen." Karola Müller strahlt über das ganze Gesicht, prostet ihren Gästen zu. Zwanzig Jahre danach - zwanzig Jahr in Freiheit, ein Grund, zu feiern. Deswegen haben die Müllers eingeladen. Diejenigen, die ihnen den Start in ein neues Leben erleichtert haben. Nach Neuweiler, wo die Familie immer noch lebt, mittlerweile in einem eigenen gemütlichen Haus. Sie sind geblieben, auch nach dem Mauerfall. Ihr Haus im Osten, das sie unerwartet zurückbekamen, haben sie verkauft.

Der Weg in ein normales Leben im Westen war steinig

Mit am Tisch sitzen die Bekannten aus Calw. Und Annemarie Senar. "Unser Omaersatz und eine gute Freundin", sagt Karola mit feierlicher Stimme. Natürlich sind auch Susan und Sören da. Sören, 24 Jahre inzwischen jung, ist Elektriker und wie sein Vater begeisterter Motorradfahrer. Er wohnt noch bei den Eltern. Seine Schwester Susan, 29, verheiratet, "schafft" beim Landratsamt. Gemeinsam mit Ehemann Tino wohnt sie ein Dorf weiter. Während Susan und Sören munter schwäbeln, hört man ihren Eltern die Herkunft aus dem Osten noch an. Zwanzig Jahre - eine lange Zeit. Viel Alltag hat sich über die Erinnerungen der Müllers gelegt, jetzt, bei dem Treffen mit Würstchen und Bier werden jede Menge von ihnen wieder wach. "Es war ein sehr, sehr steiniger Weg", sagt Karola Müller nachdenklich und blättert in einem Album, das die ersten Jahre im Westen dokumentiert. Denn auch hier, auf der anderen Seite der Mauer, gab es Entbehrungen: So brach Karolas Vater zunächst den Kontakt zu seiner Tochter ab. Ihren Neuanfang im Westen, den Drang nach Freiheit, das alles konnte der Lehrer nicht begreifen. "Es gab zwar nach dem Mauerfall eine Aussprache, aber ich glaube, er hat mich nie richtig verstanden", sagt Karola mit dünner Stimme. Das beschäftigt die sonst so fröhliche Frau mit dem blonden Pferdeschwanz immer noch, oft schleicht sich die Verzweiflung in ihre nächtlichen Träume: "Ich stehe am Rand eines Grabens und meine Eltern stehen auf der anderen Seite."

Ein paar Mal besuchten ihre Eltern sie in Neuweiler. 1995 starb ihr Vater, mit ihrer Mutter hat Karola kaum noch Kontakt. Beruflich fasste Karola nur schwer Fuß, die Personalchefs reagierten verhalten. "Wir hatten kein einziges Zeugnis mehr, unsere persönlichen Sachen waren aus unserem Haus in Neunhofen entfernt worden." Außerdem kam ein Vollzeitjob für die junge Mutter damals nicht in Frage, sie musste sich um die Kinder kümmern. "Eine Ganztagsbetreuung wie im Osten gab und gibt es bis heute nicht auf dem Dorf."

Niemand konnte voraussehen, dass die Mauer fällt

Auch Heimweh und Zweifel, ob sie das Richtige getan haben, plagten die Müllers anfangs sehr. "Wir hatten nur uns", sagt Karola. Heute wissen sie, "dass Zuhause dort ist, wo wir uns wohl fühlen". Neuweiler, das ist ihr zuhause. Und Edgar Müller ist sich sicher: "Wir würden alles wieder so machen." Seine Frau nickt. Dass die Mauer wenige Wochen nach ihrer Flucht fallen würde, das habe niemand voraussehen können. Dennoch gab es manche Situation, wo sie sich überfordert fühlten, drohten, unter die Räder einer ihnen bislang unbekannten Ellbogen- und Neidgesellschaft zu geraten. Arbeitskollegen von Egdar Müller stichelten noch Jahre später, seine Familie habe im Westen alles geschenkt bekommen. Auf die Eingangstür ihres Hauses schmierten Unbekannte: "Ossis raus". Und als ein Kunde Karolas - sie ist mittlerweile selbstständig, hat sich im Haus einen kleinen Tierfutter-Laden eingerichtet - die Motorräder von Sören und Edgar im Hof stehen sah, sagte er: "Aus dem Osten müsste man kommen, dann kann man sich so etwas leisten." Das war vor knapp zwei Jahren. Edgar schüttelt den Kopf und wirkt ein wenig müde, zu oft musste er sich schon rechtfertigen. "Wir haben viel Hilfe erfahren, das werden wir nie vergessen. Aber das meiste haben wir uns selbst erarbeitet." Auch wenn das Ehepaar beruflich einige Male Schiffbruch erlitt, weil der Arbeitsplatz aus Kostengründen gestrichen oder der Betrieb gleich ganz dicht gemacht wurde. Es ging immer wieder weiter. Sie haben sich angepasst, sie haben das Spiel des Westens mitgespielt, sie fühlen sich heute als "Wessis".

Noch heute schlägt ihnen Ignoranz und Kälte entgegen

Dennoch haben die Flucht und ihre Folgen irgendwo tief in ihrem Innersten Risse hinterlassen. Sie sind nur oberflächlich verheilt. "Das kann sich niemand vorstellen", ein Satz, den Edgar Müller an diesem Abend immer wieder betont, wenn es um die DDR, um ihre Flucht geht, um die ersten Jahre in der Fremde. Wie war es wirklich in der DDR? Kapiert einfach keiner, der es nicht erlebt hat. Welche Gründe konnte es für eine junge Familie geben, die eigene Heimat zu verlassen? So ein Verhalten scheint manchem Westler fragwürdig. "Ich habe mir oft mehr Offenheit und Interesse der Menschen gewünscht", sagt Karola. Es klingt nicht verbittert.

Die Kälte und Ignoranz, die ihnen manchmal noch heute entgegenschlägt, das hat die Familie nur noch fester zusammengeschweißt. Sie haben zwar Freunde im Westen gefunden, für die Müllers hat die eigene Familie einen noch höheren Stellenwert als vielleicht üblich. "Es stimmt schon", sagt Karola nachdenklich, "wir sind oft für uns". Und dann, mit einem Mal, als Karola sich noch ein Thüringer Würstchen auf den Teller packt, dazu einen dicken Klecks Bautzener Senf, bricht es aus ihr heraus. "Wenn ich Ostprodukte sehe, muss ich zuschlagen." Edgar und Sören prusten vor Lachen, stoßen ausgelassen mit Köstritzer Bier an. Dann wird es still am Tisch. Karola blickt zu ihrem Mann, dann zu Sören und Susan, sie hat Tränen in den Augen: "Die Zeit in der DDR und unsere Flucht", sagt sie, "das werden wir nie vergessen. Das ist ein Kapitel in unserem Leben, das wird nie abgeschlossen sein".