50 Jahre Contergan "Der Alltag ist das Problem"


Vor 50 Jahren kam das Schlafmittel Contergan auf den Markt. Nur eine einzige Pille während der Schwangerschaft verursachte schwere Missbildungen an den Kindern. Gernot Stracke ist einer von ihnen. Heute führt er (k)ein normales Leben.
Von Inga Niermann

Als Gernot Stracke 10. Januar 1962 im niedersächsischen Rothenburg/Wümme zur Welt kam, versteckten ihn die Krankenschwestern vor seiner Mutter. "Sie hatte schon vier Kinder und wusste sofort, dass etwas nicht stimmt", erzählt Stracke. Schließlich konnte sie ihren Sohn sehen: Ein Baby ohne Arme. Seine Mutter weinte lange. Schließlich wollten die Ärzte in der Rothenburger Klinik zwei von Gernots Fingern an der linken Hand, die zusammen gewachsenen sind, operieren. Doch seine Mutter sagte nur: "Lassen Sie das".

Stracke ist eines von 10.000 "Contergan-Kindern" auf der ganzen Welt. In Deutschland leben mittlerweile noch 2700 von ihnen. Das Schlafmittel kam vor genau 50 Jahren, am 1. Oktober 1957, auf den Markt und versprach werdenden Müttern eine ruhige Nacht. Die "Nebenwirkung", Missbildungen von Armen und Beinen, löste einen riesigen Medizin-Skandal aus.

Der 45-Jährige Stracke kann heute ein ganz normales Leben führen. Angesichts seiner Behinderung zumindest. Er arbeitet im Vertrieb einer EDV-Firma, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in einem Einfamilienhaus in Hamburg. Auto- und Motorradfahren sind zwei Hobbys, die er leidenschaftlich betreibt. Außerdem engagiert er sich in einem Verband für Contergan-Geschädigte.

"Einzelne Fähigkeiten besonders zu fördern, sagt er, "ist nicht die Schwierigkeit. Der Alltag ist das Problem". Ohne fremde Hilfe kann Stracke nicht auf Toilette gehen, weil er sich nicht selbst die Hose ausziehen oder auch nur den Reißverschluss aufmachen kann. Er kann sich kein Hemd zuknöpfen und sich nicht die Haare waschen. Wenn er etwas greifen will, muss er sich zum Gegenstand hinbeugen, um mit seinen Fingern zupacken zu können.

Manchnmal helfen auch die Nachbarn

Zuhause hilft ihm die Familie, manchmal auch Nachbarn. Wenn mal keiner da ist, setzt er sich auf sein Motorrad, und fährt zu einem zwei Kilometer entfernten Pflegedienst. Im Büro hat er zwei Arbeitskollegen, die ihm beim Toilettengang behilflich sind. "Wenn ich unterwegs bin, muss ich mich eben auch mal 24 Stunden zusammenreißen."

Als Behinderter ausgegrenzt fühlt sich Stracke nicht. Noch vor wenigen Tagen hat ihn eine ältere Dame in einem Lotto-Toto-Geschäft spontan in die Arme genommen, nachdem sie ihn einen Moment beobachtet hatte. "Toll, wie Sie das alles so hinkriegen", habe sie strahlend gesagt und den Familienvater ordentlich gedrückt. "Das muss man locker sehen, sie meinte es ja gut", findet Stracke. Das sei jedenfalls besser, als die fragenden Blicke von Jugendlichen. Die wüssten oft gar nicht mehr, was Contergan-Schädigungen sind.

Auf der Straße steckten die Leute der Mutter Geld zu

Als er noch ein Kind war, steckten Leute seiner Mutter auf der Straße Geld zu, als Spende für ihr Kind. Sie ärgerte sich wahnsinnig darüber, ließ sich aber nie etwas anmerken. Nur einmal hat Gernot Stracke erlebt, dass seine Mutter aus der Haut fuhr: "Eine Frau hat ihr auf der Straße gesagt, dass sie sich 'das' doch nicht antun müsste, schließlich gebe es 'dafür' doch Heime. Da hat meine Mutter diese Frau weggejagt."

Selbst sein eigener Bruder hat sich aus der Behinderung öfter mal einen Spaß gemacht und ihn "liebend gerne zum Heulen gebracht, damit er fotografieren konnte, wie ich mir mit den Füßen die Augen abwische. Das härtet natürlich ab", sagt Stracke. Mittlerweile kann er darüber lachen.

Eine einzige Tablette reichte schon aus

Erst Jahre nach der Katastrophe erfuhr die Öffentlichkeit, dass während der Schwangerschaft schon eine einzige Contergan-Tablette ausreichte, um das Kind im Mutterleib massiv zu schädigen. Auch Gernots Mutter wusste nichts davon, als sie am Anfang ihrer Schwangerschaft auf Anweisung eines Arztes wegen Schlaflosigkeit Contergan einnahm. Finanzielle Hilfe gab es erst, nachdem viele Eltern gegen die Herstellerfirma Grünenthal geklagt und das Unternehmen 110 Millionen Mark in eine Stiftung eingezahlt hatte.

Die Ärzte haben lange Zeit meist hilflose Versuche unternommen, den Betroffenen das Leben irgendwie zu erleichtern. Als Gernot Stracke sieben Jahre alt war, quälte er sich mit Armprothesen herum, die ihm an den Körper gegipst wurden: "Das waren Metallstangen, mit Zangen am unteren Ende, aber ohne Gelenke. Mit denen sollte ich essen. Das konnte ich aber mit meinen Fingern längst. Mit den Zangen flog das Essen bloß durch die Gegend. Das fand ich furchtbar."

In der Dorfschule von Rothenburg und später auf dem Gymnasium verlief, von ein paar Hänseleien abgesehen, seine Schulzeit recht glatt. Seine Pubertät war lang und heftig, "auch weil ich insbesondere gegenüber Frauen erst einmal Selbstbewusstsein aufbauen musste." Er schloss sich Rockergangs an, tingelte ohne Geld durch Südfrankreich und schaffte trotzdem das Abitur.

Eine Eigentumswohnung vom Vater

Mit 18 Jahren übergab ihm sein Vater eine Eigentumswohnung. Er hatte von der Stiftung 25.000 Mark Entschädigung erhalten und das Geld angelegt. Heute steckt die das Geld in dem Familienhaus der Strackes. Gernot Stracke hat Pflegestufe II und bekommt 545 Euro Pflegegeld monatlich.

Ein neues Auto mit Speziallenkung kann sich Gernot Stracke trotzdem nicht leisten, obwohl er es dringend bräuchte. Schmerzen und Nackensteifheit und schließlich die Krankschreibung ließen nicht lange auf sich warten. "Wenn nur an einer Stelle etwas nicht funktioniert, bricht gleich alles zusammen", sagt er.

Wie viele Contergan-Geschädigte macht er sich Sorgen darum, dass er nicht bis zum Renteneintrittalter arbeiten kann und sein Lebensabend nicht abgesichert ist. Viele leiden inzwischen an Folgeschäden in der Halswirbelsäule, in der Hüfte und in den Gelenken. "Wir haben dadurch jetzt schon viele Fälle von Frühverrentungen bei 45-Jährigen. Selbst diejenigen Contergan-Geschädigten, die den Einstieg ins Berufsleben geschafft haben, können wahrscheinlich nicht ausreichend für sich sorgen und sind auf Hilfe angewiesen."

"Müssen mit den Folgeschäden selber klarkommen"

"Es sieht aber eher so aus, dass wir mit den Themen Rente und Folgeschäden selbst klar kommen müssen", so Stracke. Dabei müsste Grünenthal auch dafür die Verantwortung übernehmen, fordert er. "Von uns verlangt man, ohne Gliedmaßen zu leben. Wir verlangen, dass man uns dabei so gut wie möglich unterstützt."


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