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60 Jahre Bundesrepublik: Die 80er in der DDR

Die Sprecherin der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera", Angelika Unterlauf, über ihre Angst vor Versprechern, die Sendung am 9. November 1989 und den Niedergang der DDR.

Von Angelika Unterlauf

Anfang der 80er Jahre war mein Leben in der Norm, in DDR-Norm - durch den Beruf als Nachrichtensprecherin politisch eingeordnet und über das Fernsehen auch öffentlich zu besichtigen. Nie hätte ich meine zwei Kinder in Gefahr gebracht, etwa durch eine politische Äußerung, die von der offiziellen Linie abwich. Heute frage ich mich, ob es ein Fehler war, meinen Kindern vorzuleben, wie man sich einrichtet in einer Diktatur.

Wer auf dem Nachrichtenstuhl des DDR-Fernsehens saß, war für die Fernsehgewaltigen ein offenes Buch, von der Stasi durchleuchtet bis in die weitere Verwandtschaft und zwei Generationen zurück. Als ich an die Theaterhochschule nach Leipzig ging, fragte mich einer, ob ich für die Staatssicherheit arbeiten würde, um den Sozialismus zu schützen. Es war mir fast peinlich, ablehnen zu müssen, so jung wie ich war. "Ich kann niemanden verraten, ich kann das nicht", habe ich gesagt.

Stets kontrolliert

1983 versuchten sie es noch einmal. Ohne Erfolg. Kurz darauf stand ein nagelneuer Bauwagen vor unserer Tür, den nie ein Handwerker betrat. Sportliche junge Männer joggten paarweise ums Haus, im Urlaub auf Rügen nur drei Schwimmer im eiskalten Wasser - ich und die.

Aber wozu der Aufwand? Über Inhalte der Sendung hatte nicht ich zu entscheiden, das war Sache der Redaktion. Wurde die Lage aber komplizierter - und in den 80er Jahren war sie sehr kompliziert, denn unsere Allmächtigen wussten nicht, wie sie mit Glasnost und Perestrojka umgehen sollten -, dann entschied über die Nachrichten nur noch das Politbüro.

Für mich war wichtig, mich nicht zu versprechen, was nicht immer gelang, und das kostete mich einmal fast den Job. 1980 gab es einen Kulturaustausch zwischen der DDR und Österreich, auch mit einer Buchmesse in Wien. In der Nachricht dazu hieß der letzte Satz: "600 DDR-Bücher sind auf dem Weg nach Wien." Ohne es zu bemerken, hatte ich gelesen: "600 DDR-Bürger sind auf dem Weg nach Wien." Der Chef vom Dienst schrie mich nach der Sendung an: "Du wirst hier keine Nachrichten mehr lesen, dafür werde ich sorgen." Aber es passierte nichts.

Kein Wechsel möglich

1987 bat ich den Chef des DDR-Fernsehens, mich zum Radio gehen zu lassen, wo ich vor meiner Fernsehzeit Magazine, Frühprogramme und Rockmusik moderiert hatte. "Du willst wohl erschossen werden, wir brauchen dein Gesicht", war die Antwort.

Damals sprach mich ein Freund an, ich möge endlich in die SED eintreten, solche wie mich brauchte man gerade jetzt, solche kritischen Geister. Ich wusste nicht genau, was er meinte, ich konnte doch nicht kritisch denken und danach im Studio den Sozialismus hochleben lassen. Ich trat dann doch in die SED ein. Schon mit Hoffnung auf Veränderung im Land, denn am Horizont leuchtete Gorbatschow herüber.

Dass es nur ein kurzes Flackern wurde, dafür sorgte auch Politbüromitglied Kurt Hager: "Wenn der Nachbar tapeziert, müssen wir nicht das Gleiche tun ..." Aufatmen unter den leitenden Redakteuren der "Aktuellen Kamera", an den Inhalten musste nichts verändert werden, nur an der Reihenfolge der Nachrichten. Die Meldungen über Gorbatschow und Reformen in der UdSSR wurden im hinteren Teil verbuddelt. Nachrichten über vermeintliche Erfolge in der DDR-Wirtschaft waren die Spitzenmeldungen.

Ausgetreten

Ich erinnere mich an die Nachricht vom Verbot des "Sputnik", des frechen Heftchens mit dem weltoffenen Ton, an die verlogenen Berichte über die Studentenrevolte auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens im Sommer 1989. Irgendwann in dieser Zeit bin ich wieder ausgetreten, habe unserem Parteigruppenorganisator den kleinen roten Ausweis hingelegt. In seiner Schublade hatte er schon einige.

Am 7. Oktober 1989 feierte sich die DDR noch einmal pompös und selbstvergessen, als hätte es keine Demos in Leipzig und Berlin gegeben. Stasi-Minister Erich Mielke ließ niederknüppeln. Vier Wochen später fiel die Mauer. Am 9. November hatte ich Dienst und las die Nachricht von den neuen Reiseregelungen.

Die Ost-Berliner machten sich auf in Richtung Grenzübergangsstellen, die Schlagbäume gingen hoch.

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