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60 Jahre Bundesrepublik: Die neue deutsche Welle

Werden die Raketen das Inferno bringen? Aids-Viren den Tod? Die Achtziger sind ein Jahrzehnt des riskanten Wandels. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im vierten Teil: die Achtziger.

Von Michael Stoessinger

Wenn die Russen kommen, werden sie bei Fulda angreifen. Da sind es keine 100 Kilometer von der innerdeutschen Grenze bis Frankfurt. Einen Teil ihrer Panzer werden sie nördlich um den Vogelsberg führen, einen weiteren südlich. Dann zerschneiden sie die Bundesrepublik in zwei Stücke und schalten die US-Luftwaffe im Rhein-Main-Gebiet aus. Dabei explodieren schon die ersten Atomraketen auf dem Schlachtfeld.

Die Horrorszenarien stammen nicht von Spinnern, sondern aus der US-Regierung. Es ist Sommer 1980. In Afghanistan sind die Sowjets einmarschiert. In Bonn macht sich Kanzler Helmut Schmidt (SPD) dafür stark, noch mehr Raketen aufzustellen, falls der Ostblock nicht ein paar von seinen abbaut. "Der Atomkrieg ist vom Frieden nur wenige Minuten entfernt", schreibt der Friedensforscher Alfred Mechtersheimer.

Und wie ist die Stimmung zwischen Nordsee und Alpen? Ausgezeichnet. Geradezu umwerfend. Ein Hauch von Barock, von Todesnähe und Lebenslust. Im Schatten der drohenden Apokalypse hat sich das Land von Adenauer und Erhard eingerichtet. Es ist wohlhabend geworden. Es gibt Freiheiten, von denen die 68er nur geträumt haben. Die Bundesrepublik Deutschland in den 80er Jahren - das sind 60 Millionen Menschen, unendlich viele Lebensentwürfe. Popper und Punker. Die Neue Deutsche Welle und der "Blaue Bock".

Aids taucht auf

Ein paar Dinge drücken aufs Gemüt. Aids zum Beispiel. Als der Sex endlich nicht mehr umzingelt von Verboten ist, da kommt dieses Virus und droht mit dem Tode. Es ist heimtückischer als alle Spießer. "Wer ohne Präser bumst, hat den Schwarzen Peter", fasst der Berliner Kabarettist Günther Thews, selbst ein Opfer der Seuche, die Lage zusammen.

Aber sonst? Wenn man die leicht ergrauten Zeitzeugen trifft, schauen sie meist selig, sobald man fragt, wie sie sich gefühlt haben. Manchmal sind ihre Geschichten Parabeln auf die Entwicklung des Landes. So wie bei Heidrun Steitz und ihrem Mann Gernod, die aus einem kleinen Bauernhof in Rheinhessen ein feines Weingut gemacht haben. "Wir sind damals andere Menschen geworden", sagt Heidrun, die so alt wie das Grundgesetz ist und ihrem 60. Geburtstag voll Zuversicht und Frische entgegensieht. Für sie wie für die Republik sind die Achtziger entscheidende Jahre - die Jahre, in denen die Nachkriegswirtschaft umgekrempelt wird, alte Strukturen zerbrechen und neue entstehen. In der kleinen Welt von Heidrun Steitz passiert, was im Prinzip überall im Land geschieht. Zumindest da, wo es aufwärts geht.

"Bleib im Büro und guck, dass du den Wein verkaufst", sagte ihr Mann Gernod zu ihr. Heidrun sollte nicht mehr im Weinberg buckeln, sondern mit dem Kopf arbeiten. Nicht Billigware an den Großhändler liefern, sondern ein edles Qualitätsprodukt selbst vermarkten.

Vom Bauern- zum Winzerpaar

Aus den zwei Kleinbauern wird so ein Winzerpaar, das ganz selbstverständlich Vorständen und Managern, die auf dem Gut in Stein-Bockenheim zu Gast sind, erklärt, warum sie den Wein so und nicht anders ausbauen. "Was wir heute machen, ist ein Traum", sagt Gernod. "Jedes Jahr haben wir mehr verdient", ergänzt Heidrun. Heidruns Mutter ist mächtig stolz auf den Hof der beiden mit den 15 Gästezimmern, auf die Feiern und die prominenten Gäste.

Aber all das konnte nur klappen, weil die Kinder alles anders gemacht haben als ihre Eltern. Denn die traditionelle Landwirtschaft warf immer weniger ab. "Viele sind in die Fabriken gegangen, da hat man mehr verdient", sagt der Winzer. "Hier im Dorf fuhr morgens um fünf ein Bus zu Opel in Rüsselsheim." Sie aber wollten nicht aufgeben. Sie haben das Vieh abgeschafft und die Zuckerrüben. Den Wein selbst in Flaschen abgefüllt und aufgehört, süßliche Schädeldröhner zu produzieren. Kurz: Sie haben sich auf das besonnen, was die erfolgreicheren Teile der deutschen Wirtschaft in den Jahren vor dem Mauerfall ausmacht: Qualität und Kundennähe.

Nach den rezessionsgeplagten Siebzigern bricht eine Phase an, in der es zwar bergauf geht, aber viel Altvertrautes zurückgelassen wird. Die Wachstumsraten erreichen nicht das Niveau der Nachkriegsjahre, sind aber zumindest in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ganz ordentlich. Schleichend ändert sich dabei das Arbeitsleben. Ganze Branchen wie Stahl, Kohle und Werften werden abgehängt. Faxgeräte - die neuen Wundermittel der Kommunikation - kommen ebenso aus Asien wie Stereoanlagen und der Walkman.

Aufschwung nur für manche

Als Helmut Kohls Bündnis mit der FDP 1982 die sozial-liberale Koalition verdrängt, haben fast zwei Millionen Menschen keine Arbeit - daran ändert in den kommenden Jahren auch die propagierte "Wende" wenig. Der Aufschwung ist nicht mehr für alle da. Und das hat auch mit der technischen Entwicklung zu tun.

Der Tag, an dem der erste Computer ins Haus kam, gehört bei Familie Steitz zu denen, die sie nie vergessen werden. "Er muss 500 Kundenbriefe schreiben können", sagt die stadtfein herausgeputzte Heidrun dem Verkäufer. "Mit wechselnden Adressen und korrekter Anrede." Der Mann habe milde gelächelt. Zu Hause macht Heidrun Steitz dann immer die Tür zu, wenn sie vor der Kiste mit dem grün flimmernden Bildschirm hockt. "Ich musste mich zuerst wahnsinnig konzentrieren", erinnert sie sich. "Aber es hat Riesenspaß gemacht."

Überall breiten sich neue Technologien aus. Die Werkshallen der Automobilkonzerne sind auf einmal fast menschenleer. Verflogen ist die Zukunftseuphorie der frühen Jahre der Bundesrepublik. "Kollege Computer" ist für viele erst mal eine Bedrohung. "Computer wurden entwickelt, um den Massenmord an Menschen effizienter zu machen", schimpft der amerikanische Professor Joseph Weizenbaum, unter anderem Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes und mit mehreren Ehrendoktorhüten deutscher Universitäten dekoriert.

Er beruft sich auf den Schriftsteller George Orwell, dessen düstere Zukunftsvision aus dem Roman "1984" von 1949 nun Wirklichkeit zu werden scheint. Die Kommunikation verkümmert in Orwells Buch durch eine "Neusprech" getaufte Sprache, in der für Gefühle kein Platz mehr ist. Der kürzlich verstorbene Weizenbaum, dessen Familie vor den Nazis aus Berlin fliehen musste, war überzeugt, dass ein Volk wie die Deutschen, "das ein Wort wie 'Entsorgungspark' herunterschlucken kann, schon fast verloren ist".

Als Inkarnation des Bösen gelten Zugangskontrollen mit maschinenlesbaren Ausweisen. Die geplante Volkszählung bringt das gesamte intellektuelle Personal des Landes in Rage - und ist ein Witz im Vergleich zu dem, was heute jeder über jeden wissen kann.

An einem Regentag im November des Orwell-Jahres 1984 macht sich in Hamburg der Hacker Steffen Wernéry daran, der Welt vorzuführen, worauf sie sich eingelassen hat. Auf bis heute nicht ganz geklärtem Weg besorgt er sich ein Passwort der örtlichen Sparkasse für das Bildschirmtextsystem BTX und wirft seinen Computer an. Vereinfacht gesagt, will er die Bank plündern. Dazu wählt er sich mit den Zugangsdaten der Sparkasse ins BTX ein und ruft dort immer wieder seine eigenen kostenpflichtigen Seiten auf. Damit es schneller geht, baut er die Bestätigungstaste von der Tastatur ab und lötet ein kleines Teil an, das immer wieder den Kontakt löst und schließt. "Gebührenpflichtige Seite aufrufen, bestätigen", sagt Wernéry. "Es waren immer zwei Klicks, und wieder hatten wir 9,97 Mark. Am nächsten Morgen waren es fast 135 000 Mark. Das reichte erst mal."

Virtueller Überfall des Chaos Computer Clubs

Den ganzen Tag fürchten Wernéry und seine Mitstreiter, dass die Polizei vor der Tür steht. "Wir dachten, da muss doch irgendeine Alarmglocke läuten. Die mussten doch merken, was wir machten. Aber niemand merkte etwas." Der erste virtuelle Überfall der Republik läuft reibungslos - und verschafft dem Chaos Computer Club, der nicht das Geld, sondern Öffentlichkeit und Spaß will, einen ganz großen Auftritt.

"Das waren lustige Zeiten", sagt Wernéry. Die Jungs aus der Hackerszene hätten immer Firmenrechner geknackt. Da spielten sie dann "Mensch ärgere dich". Das geht so: Alle brechen in einen Computer ein und versuchen dann, sich gegenseitig rauszuschmeißen. Wer als Letzter drin ist, hat gewonnen. "Klar, dass dabei schon mal ein System abgeschmiert ist."

Mit dem Tretboot fährt Wernéry durch Hamburgs Kanäle, wo er unter Brücken leicht zugängliche Telefonleitungen aufspürt und anzapft. Über die gekaperten Leitungen treibt er sich in Mailboxsystemen herum, die so etwas wie Vorläufer der E-Mails sind.

Immense Fernmeldegebühren

Noch sind die Fernmeldegebühren der Deutschen Bundespost horrend hoch. Die digitale Welt ist weit entfernt und die Bundesrepublik noch immer ein Land, das durch die Industrie geprägt wird. Aber der Wandel hat begonnen. Erstmals gibt es mehr Angestellte als Arbeiter.

Es geht nicht nur um Jobs in alten Branchen wie dem Schiff- oder dem Bergbau, sondern auch darum, was die Gesellschaft zusammenhält. Nirgendwo wird dieser Konflikt so deutlich wie in Duisburg-Rheinhausen, wo der Krupp-Konzern das modernste Stahlwerk Europas schließen will. Claus Peter Küster steht damals viele Tage und Nächte am legendären Tor 1 des Werkes. "Wir waren wie ein gegossener Block", sagt er über die Solidarität der Kollegen. "Da kriegte man eine Gänsehaut. Das war auch berührend." Kohleöfen wärmen die Streikenden ebenso wie das Gefühl, für eine gerechte Sache zu kämpfen.

Küster arbeitet als technischer Zeichner in der Walzenkalibrierung. Jeden Tag pendelt er zwischen der alten und der neuen Welt. In seinem Büro stehen Computer, die Lochstreifen ausspucken, mit denen sich die Fräsmaschinen in der Halle steuern lassen. "In der Produktion war das Wort der Gewerkschaft Gesetz", erinnert er sich. "In den Büros war das schon nicht mehr so." Überall ist spürbar, dass die Macht der IG Metall bröckelt. Auch den Konflikt um das Werk in Rheinhausen verliert sie - allerdings auf eine Art, die heute für jede Gewerkschaft ein Erfolg wäre. "Niemand hat seine Arbeit verloren", fasst Küster zusammen. Für alle gab es Jobs in anderen Betrieben. Er muss nach Bochum. Aber Angst um die Zukunft hat er ei gentlich nie. "Eine Woche nach dem verlorenen Arbeitskampf haben wir geheiratet", sagt seine Frau Doris. "Ich habe da immer sehr positiv gedacht."

Strukturwandel und Wohlstand

Für die Küsters - typisch für Millionen - geht es in den 80er Jahren bergauf, obwohl sie vom Strukturwandel direkt betroffen sind. Claus Peter schwärmt noch heute von seiner ersten Hi-Fi-Anlage mit CD-Player, Doris von ihrem Käfer aus mexikanischer Produktion, den die gelernte Friseurin von ihrem ersten selbst gesparten Geld kaufte. Bilder aus den Achtzigern zeigen sie mit verwegener Dauerwelle, ihren Mann als Popper in weißen Hosen. Sie wollen schick sein und am Wohlstand des Landes teilhaben.

Der Konsum wird für viele zum Rausch. Rainer Henschke etwa, geboren 1942, baut damals in Georgsmarienhütte als Hals-, Nasen- und Ohrenarzt eine Praxis auf. Das Gesundheitssystem - weit entfernt von den heutigen Krisen - ist eine riesige Geldverteilungsmaschine. Schon im ersten Quartal stapeln sich in Henschkes Praxis 1600 Krankenscheine. Bald schafft er die Arbeit trotz endloser Schichten nicht mehr allein und nimmt einen Partner in die Praxis. "Da kamen zum Teil 150 Patienten am Tag", sagt er. Er behandelt sie alle. Routiniert, freundlich, schnell.

Und im Bewusstsein, dass sich sein grenzenloser Einsatz auszahlt. "Der Urlaub ging bald nicht mehr an die Ostsee, sondern mit den Kindern nach Amerika. Wir haben gesagt: Es geht uns gut, und das genießen wir jetzt." In seinem Haus fliegen die braunen Bäder raus, und der helle Marmor zieht ein. "Der Kohl hat schon was gemacht für die Wirtschaft", sagt Henschke, der einst Willy Brandt zugejubelt hatte. Die Volkszählung ist ihm unheimlich, nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 wird ihm sehr mulmig, das Waldsterben macht ihm Sorgen - aber auch wieder nicht so große, dass er den Bleifuß vom Gaspedal seines Siebener BMW lässt.

Gesinnungsaufkleber

An vielen Autos leuchten Aufkleber, die auf die Gesinnung des Fahrers verweisen. Weiße Tauben für die Friedensfreunde, rote Sonnen für Atomkraftgegner und Schwarz-Rot-Gold für Patrioten. Aber den eigentlichen Unterschied machen die Autos selbst. Längst prägen nicht mehr die Käfer das Bild, sondern große und immer schnellere Modelle. "Mein Maserati fährt 210, schwupp, die Polizei hat es nicht gesehen", singt der Neue-Deutsche-Welle-Star Markus. Unter die Räder kommen trotzdem immer weniger Deutsche. Die ersten Fahrzeuge haben Airbags, die Seitenspiegel lassen sich umklappen, gefährliche Kanten verschwinden. Langsam gehen die Jahrzehnte zu Ende, in denen Verkehrstote als notwendiges Opfer der Motorisierung gesehen wurden. Das zeigt auch die Statistik: 1980 sterben noch über 13.000 Menschen im Straßenverkehr, 1989 sind es knapp 8000.

Doch trotz des wirtschaftlichen Erfolges kehrt die grenzenlose Zuversicht der Aufbaujahre nicht zurück. Millionen Menschen bleiben arbeitslos. Der Sozialstaat garantiert vielen zwar nicht nur ein Auskommen, sondern verhindert auch, dass ihr Lebensstandard allzu tief fällt. Wer einmal gut verdient, den hält die Arbeitslosenhilfe theoretisch ein Leben lang weit über Sozialhilfeniveau. Aber das ändert nichts daran, dass immer weniger Menschen nötig sind, um die Wirtschaft in Schwung zu halten. Viele, die wenig oder das Falsche gelernt haben, werden nicht mehr gebraucht. Ihnen wendet sich eine unaufhörlich wachsende Unterhaltungsindustrie zu, die Bilder und Tratsch und bald auch Halb- und Viertelprominente liefert.

Ab Mitte der 80er Jahre sehen die Deutschen im Fernsehen nicht mehr nur öffentlich-rechtliche Kost wie "Dallas" oder die "Schwarzwaldklinik". Private Sender kommen hinzu - und verändern das Mediengewerbe. Ohnehin muss alles immer schneller, bunter, schriller sein.

Grenzüberschreitende Reportage

Es ist der damalige "Express"-Reporter Udo Röbel, der sich zu den Geiselnehmern von Gladbeck ins Auto setzt und vom Beobachter zum Akteur wird. Das Kidnapping von 1988, bei dem zwei Menschen sterben, wird als erstes Verbrechen live auf allen Kanälen übertragen. "Gladbeck ist das Beispiel dafür, wie Grenzen überschritten wurden", sagt der geläuterte Boulevardjournalist Röbel heute.

Fast überall gilt: Wenn schon, dann auch richtig. Es ist das Jahrzehnt der Übertreibung. Stärker als zuvor spaltet sich die Gesellschaft in Milieus und Gruppen. Durch jede Abiturklasse verläuft eine Grenze, die mit Kleidungsstücken und Haarlängen markiert wird: zwischen denen, die schnell und viel Geld verdienen wollen. Und denen, die nichts mehr verachten als eine bürgerliche Karriere und sich aufgerufen fühlen, den Planeten oder doch zumindest die Freiheit oder die Lurche zu retten.

Jochen Stay, heute 43 und eine Legende der westdeutschen Protestbewegungen, skandiert damals: "Pershing Zwo - ab ins Klo." Mit seinen Freunden wettet er schon mal, wie lange die Apokalypse noch auf sich warten lässt. Als 1980 die Proteste gegen die Nachrüstung der Nato mit neuen Pershing-2-Mittelstreckenraketen losgehen, ist er gerade 15 Jahre alt - aber immer mit dabei. "Das war eher kulturell", sagt er. "Wenn mich da jemand nach Argumenten gefragt hätte, hätte ich nicht viel sagen können." Es ist ein unbestimmtes Gefühl, das ihn auf die Straße treibt. Die Waffen, die kriegerische Rhetorik, das Machtgehabe der Politiker - all das scheint Stay und seinen Freunden brandgefährlich. Erst langsam macht er sich vertraut mit Fakten und Kontroversen, wird zum Diskussionsprofi in Sachen Wettrüsten und Kalter Krieg. Später lebt er fast zwei Jahre in Mutlangen, wo er mit seinen Freunden versucht, die US-Raketenbasis lahmzulegen. Aber der erste Impuls, Nein zu sagen, kommt aus dem Bauch.

Friedensbewegung gegen die Angst

Wie bei Millionen anderen. Die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre wächst weit über das linksalternative Milieu hinaus. Bald kann sie auf die Sympathien großer Bevölkerungsteile bauen. Als 1982 ein Mädchen im weißen Kleid beim Schlager-Grand-Prix "Ein bisschen Frieden" singt, gewinnt sie mit großem Vorsprung. "Das hatte auch damit zu tun, dass zur gleichen Zeit der Falkland-Krieg eskaliert ist", sagt Nicole. In ihrem Hit von damals hieß es: "Ich singe aus Angst vor dem Dunkel mein Lied und hoffe, dass nichts geschieht." Das habe die Stimmung der Menschen - auch ihre eigene - genau getroffen. Demonstrationen waren nicht ihre Sache; aber verstanden hat sie schon, dass die Menschen auf die Straße gehen.

Bei Kundgebungen wie auf der Bonner Hofgartenwiese, wo sich 1983 Hunderttausende versammeln, leihen die Demonstranten einen alten Spruch der 68er und rufen: "Bürger, lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein." Die Bürger reichen Schnittchen und Mineralwasser, viele laufen auch mit. Die Stimmung ist friedlich und irgendwie nicht von dieser Welt. Haschwölkchen ziehen durch die Reihen. Vorn auf dem Podium am Unihauptgebäude ergreift ein schon alter Mann das Wort, der Zeile für Zeile von seinem Redemanuskript abliest. Es ist Willy Brandt, der Vorsitzende der Sozialdemokraten, die im Jahr zuvor die Regierungsmacht verloren haben. Kunstvoll kritisiert der Friedensnobelpreisträger die Raketen, ohne die Nato niederzumachen. Er will nichts Falsches sagen, nichts Unsolidarisches, die eigenen Leute nicht vor den Kopf stoßen. Petra Kelly von den Grünen, die gern einen mit Blumen besetzten Stahlhelm trägt, fällt dafür nur Stunden später über ihn her: "Windelweich" nennt sie seine Haltung, mit der er den "großen Vertrauensvorschuss leider verraten" habe.

Kellys im März 1983 in den Bundestag gewählte Grüne sehen sich nun als legitime VertreterInnen des Protests. Diese Rolle wollen sie sich von den Sozialdemokraten, die noch kurz zuvor Raketen und Atomkraftwerke gefördert haben, nicht abnehmen lassen. Frontkämpfer der bunt zusammengewürfelten Fraktion aus ergrauten Revoluzzern und wertkonservativen Ökos ist Joschka Fischer, der große Reden hält und nach jeder etwas dicker wird.

Ökos in der Politik

Es ist ein Kulturschock für beide Seiten. Für die etablierte Politik, die plötzlich zusehen muss, wie im Hohen Haus gestrickt wird. "Eine Ansammlung von Strauchdieben", entfährt es dem CDU-Abgeordneten Alois Mertes. Die Mitarbeiter der Grünen-Fraktion in Bonn haben sich gerade darauf verständigt, das öffentliche Kiffen zu lassen, als dort der Hamburger Hacker Steffen Wernéry eintrifft, um ein Gutachten über die Einführung von Computern in den Abgeordnetenbüros zu erstellen. "Mit meinem Freund Wau Holland habe ich vor dem Bundeshaus, mitten im Tulpenfeld, erst mal einen Joint durchgezogen", erinnert er sich. Da schauen die Ökopaxe - und irgendwie dämmert ihnen wohl, dass die Nähe zur Macht auch sie verändern wird.

Friedensaktivist Stay pflegt in den 80er Jahren über die evangelische Kirche Kontakt zu Jugendgruppen in der DDR. Er trifft Christen in Ost-Berlin, weil da der Grenzübertritt nicht ganz so schwierig ist. Immer wieder erlebt er die Schikanen an der Friedrichstraße, wo die Welt in zwei Teile geteilt ist. Als er sich in ein Mädchen aus dem Osten verliebt, kann er es nicht besuchen. Sie machen mit Jugendgruppen gemeinsam Urlaub in Ungarn - das ist einfacher als die Fahrt an die Ostsee.

Die Verhältnisse sind absurd. Zweifel an der Ewigkeit der Teilung hat trotzdem niemand mehr. Spätestens als DDR-Vormann Erich Honecker 1987 mit militärischen Ehren in Bonn empfangen wird, scheint der Traum von der Einheit endgültig beerdigt.

Es gärt

Aber unter der Oberfläche gärt es im SED-Staat. Der spätere "Bild"-Chefredakteur Röbel erlebt es, als er 1988 zu einem Bruce-Springsteen-Konzert nach Berlin-Weißensee fährt. Der Grenzer sagt zu ihm: "Wo wollen Sie hin?" Röbel: "Nach Ost-Berlin." Der Grenzer: "Das heißt Berlin. Hauptstadt der DDR." Das Übliche eben. Bei dem Konzert in der Radrennbahn aber ist nichts wie erwartet. "Die jungen Leute haben getanzt, getrunken und gefeiert", sagt Röbel. "Die Vopos sahen einfach weg. Schon an ihrer Körpersprache konnte man erkennen, dass das alles verlottert war." So könne keine Gesellschaft funktionieren, denkt er sich. Und sie tut es ja auch nicht mehr lange.

Im Jahr darauf - 1989 - gehen die Menschen auf die Straße, um Reformen einzufordern. Die Ungarn bauen die Grenzanlagen zu Österreich ab - und auf einmal ist die DDR ein Gefängnis mit einem Loch in der Mauer. Aus der deutschen Botschaft in Prag können DDR-Flüchtlinge in den Westen reisen; in Leipzig und vielen anderen Städten gehen Tausende und Zehntausende auf die Straße; Michail Gorbatschow - der große Bruder aus dem Osten - kommt zur gespenstischen 40-Jahr-Feier des ostdeutschen Staates und wird mit dem berühmten Satz zitiert: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Da ist die Zeit der Politbürokraten fast abgelaufen. Am 9. November um 18.53 Uhr sitzt der SED-Mann Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin. Ein italienischer Journalist will wissen, was denn nun mit den geplanten Erleichterungen im Reiseverkehr sei. Da zieht Schabowski einen Zettel aus der Tasche, liest einen irgendwie merkwürdigen Text vor und weiß wohl gar nicht, dass er gerade der Mauer den entscheidenden Stoß versetzt hat. Was er sagt, lässt sich als Öffnung der Grenzen verstehen - und so läuft es in den Nachrichten.

Die Grenzöffnung

Die Grenzer an der Mauer wissen von nichts. Erst stehen ihnen einige Dutzend gegenüber, die nach West-Berlin wollen. Dann immer mehr. Spät am Abend gibt einer der DDR-Soldaten am Grenzübergang Bornholmer Straße die Losung aus: "Wir fluten jetzt." Es wird eine sehr lange Nacht. Bald tanzen die Menschen auf beiden Seiten der Mauer, flanieren östlich und westlich der Grenze, liegen sich in den Armen und rufen: "Wahnsinn!"

In diesen Wochen beginnt ein neues Zeitalter. Nach 40 Jahren wird die Teilung in Ost und West überwunden; niemand muss sich mehr vor einem Vormarsch sowjetischer Panzer im "Fulda Gap" fürchten. Helmut Kohls große Stunde als Kanzler der Einheit naht. Bald prophezeien Historiker "Das Ende der Geschichte" und den endgültigen Sieg des Westens. Sie täuschen sich. Die Geschichte geht weiter.

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