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60 Jahre Bundesrepublik: Jetzt kommt das Wirtschaftswunder

Die Bäuche wurden wieder runder. Über den Krieg wollte kaum einer reden. Es wurde nur nach vorn geguckt: neuer Kühlschrank, erstes Auto, endlich Reisen. 2009 wird die Bundesrepublik 60 Jahre alt. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im ersten Teil: die Fünfziger Jahre.

Von Michael Stoessinger

Der 21. August 1949 ist ein heißer Tag. Über der Kölner Bucht liegt jene feuchte Schwüle, die selbst schlankere Menschen schnell schwitzen lässt. Franz Josef Strauß, mit dem Nachtzug aus München angereist, wechselt in seiner Rhöndorfer Pension noch einmal das Hemd. Der CSU-Generalsekretär will frisch aussehen, wenn er beim alten Herrn oben auf dem Hang ankommt. Aber der Weg ist beschwerlich, 56 steile Stufen. Das macht körperlich demütig und ist gewollt: Strauß und die anderen Köpfe von CDU und CSU sind dermaßen außer Puste, dass erst mal nur einer spricht. Hausherr Konrad Adenauer will nach der eine Woche zuvor hauchdünn gewonnenen Bundestagswahl eine Koalition mit der FDP durchsetzen und die Sympathisanten einer Koalition mit der SPD kleinhalten.

Und Adenauer will, dass die anderen wollen, dass er Kanzler wird. Die nächsten Jahre, die Fünfziger, sollen der Union gehören. Das gehe nur, sagt er, wenn "wir wirklich soziale Politik betreiben". Das sei der Tod der SPD, jede Art von Kooperation aber wäre verhängnisvoll. "Das liegt daran, dass der überzeugte Sozialist auch Materialist ist, in der Verfolgung der irdischen Zwecke rücksichtslos, während der christlich denkende Mensch höhere Ziele hat und nicht so rücksichtslos ist und deshalb unterliegt." Vier Jahre nach dem Ende des Krieges ist die Welt geteilt, auch die westdeutsche - bürgerlich und sozialistisch, schwarze Seelen, rote Seelen. Adenauer hier, SPD-Chef Kurt Schumacher da.

In Einzel- und Grüppchengesprächen stimmt Adenauer die widerspenstigen Geister auf seine Linie ein. Er kann ja so charmant sein. Zwischendurch gibt es was zu essen, dazu einen schlichten Rheinwein. Dann schneidet er das Ämterthema an, spricht von seiner Autorität, die er in der britischen Zone genießt, von seinen Erfahrungen als Kölner Oberbürgermeister und von seinen Ellenbogen, "die stärker sind, als ich früher geglaubt hätte". Kurz und gut: Bundespräsident, sagt Adenauer, solle ein anderer werden, "ich will Kanzler werden". Widerspruch, fragende Gesichter?

Rasende Entwicklung

Adenauer blickt in die Runde. Nein, nichts regt sich. Also ist "die Sache beschlossen". Ach ja, Bundespräsident solle der FDP-Politiker Theodor Heuss werden. Der ist zwar nicht katholisch, was viele in der Runde bemängeln, "aber er hat eine sehr christlich denkende Frau, das genügt". Dann tischt Adenauer auf, "das Edelste vom Edlen, Spätlesen und Auslesen", staunt Strauß, "Weine, wie ich sie in meinem Leben noch nicht getrunken" habe.

Da ist die Bundesrepublik gerade mal drei Monate alt. Erstaunlich, ja atemraubend ist der Weg, den das Land bis zu jenem Augusttag genommen hat: Vier Jahre erst liegt die bedingungslose Kapitulation des "Tausendjährigen Reiches" zurück. Nach dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist das Land geschrumpft um die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße und aufgeteilt in vier Besatzungszonen - sowjetisch, amerikanisch, britisch und französisch. Die Staatsgewalt auf deutschem Boden geht seit dem 8. Mai 1945 vom Alliierten Kontrollrat aus. Doch der driftet schnell auseinander. 1948 stehen sich Amerikaner und Russen in der geteilten Hauptstadt Berlin mit ihren Panzern gegenüber. Stalins Drohgebärde gilt der geplanten Gründung eines Weststaates, der Währungsreform, der schieren US-Präsenz in Berlin. Die Amerikaner verpflegen die Berliner in den von den Sowjets blockierten Westsektoren aus der Luft. Der Kalte Krieg hat begonnen.

Im Westen setzt sich die Logik der Amerikaner durch, die Deutschen aufzubauen, um sie zu integrieren in das westliche demokratische, pluralistische Gesellschaftssystem. Ein westdeutscher Bundesstaat mit starken Ländern soll entstehen, ein Parlamentarischer Rat eine Verfassung ausarbeiten. Am Ende der neunmonatigen Arbeit steht am 23. Mai 1949 das Grundgesetz. In der Präambel ist von einer "Übergangszeit" die Rede: "Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden."

Do it yourself

Drei Wochen nach Adenauers Rhöndorfer Machtklausur hat die Republik im Westen Deutschlands ihren ersten Kanzler. Einen Mann, über den Parteifreund Hermann Pünder böse notiert: "Er ist unzuverlässiger als ein Franzose, verlogener als ein Engländer, brutaler als ein Amerikaner und undurchsichtiger als ein Russe - also der gegebene Staatsmann für unser geschlagenes und misshandeltes Volk." Pünders Einschätzung verströmt den Geist der Zeit: Die Nazis haben uns misshandelt, die Welt hat uns geschlagen. Nun wollen wir in Ruhe gelassen werden. Wir wollen aufbauen und leben, anbauen und ausbauen und lieben. Nichts wollen wir hören von Nation und Vaterland.

Die Mark ersetzt die vielfach gebrochene Identität, sie wird zum Leitwert einer vergangenheitsblinden Gesellschaft - und bleibt es für mehr als ein halbes Jahrhundert. Die Fünfziger, auch mal als "die goldenen" bezeichnet, changieren zwischen Muff und Moderne. Untertanengeist und obrigkeitsstaatliches Verhalten lassen sich nicht entnazifizieren. Das noch Jahrzehnte später immer wieder gebrauchte Schlagwort von der Restauration aber, eine Rückkehr gar zu "Monarchie und Diktatur stand zu keiner Zeit zur Debatte", schreibt der Historiker Heinrich August Winkler in seinem Buch "Der lange Weg nach Westen": "Vielmehr erwies sich die Soziale Marktwirtschaft, die mit der Währungsreform begann, als revolutionäre Neuerung." "Der Westen Deutschlands erlebte nach 1949 eine Phase, auf die ... der Begriff der konservativen Modernisierung viel besser passt als der der Restauration." Und der konservative Modernisierer weiß, was sich seine Mitbürger und Mitbürgerinnen wünschen: Ruhe und Normalität. Der Literaturkritiker Friedrich Sieburg schreibt Anfang der 50er Jahre: "Endlich wieder normale Nachrichten, gekenterte Boote auf dem Bodensee, zwei Typhusfälle in Baden-Württemberg, ein kleineres Eisenbahnunglück bei Hannover ..."

Der Anfang ist gemacht. Die Währungsreform, organisiert vom Wirtschaftsexperten Ludwig Erhard, brachte den Deutschen 1948 die D-Mark, zugleich hob Erhard eigenmächtig die Bewirtschaftung auf, ohne den Alliierten Kontrollrat zu fragen: Bezugsscheine und Rationalisierung sind passé, schließlich gehöre zu den wichtigsten Aufgaben eines freiheitlich-demokratischen Staates, "die Erhaltung des freien Wettbewerbs sicherzustellen". Die Mark hat über Nacht lange gehortete Waren in die Läden gespült. Der Aufschwung kommt derart rasant, dass der Deutschland-Korrespondent des französischen Blattes "Le Monde" schreibt: "Man bedauert fast die Demontagen, die es Deutschland erlaubten, seine Industrien mit modernsten Maschinen auszustatten."

Unter Tage

Die Opfer der alten Zeit sieht Franz Gathmann jeden Morgen, wenn er um fünf auf dem Weg zum Dahlhauser Tiefbau an den verrußten Bochumer Zechenhäuschen vorbeikommt. Da hängen sie in den Fenstern, die alten Kumpel, und husten und rauchen und husten. Und werden nicht älter als 55, 56. Wenn überhaupt. Der Staub des Trockenabbaus hat ihre Lungen ruiniert. Gathmann hat das selbst noch erlebt, rein in den Qualm, bohren, noch mehr Qualm, schwitzen, einatmen, das Dreckszeugs. Aber das ist eine Ewigkeit her, vier, fünf Jahre. Da haben sie noch für Carepakete geschuftet, die ihnen die Zechenbarone gegeben haben, für einen Schlag Suppe und eine "Doppelte", wie sie eine Scheibe Brot mit Wurst drauf nennen. Jetzt, mit Beginn des neuen Jahrzehnts, bohren sie nass.

Und wie sie bohren. "Immer rein in die Wand, Kumpel, immer rein." Sechs Schichten in der Woche, acht lange Stunden, das ist die Regel. Wenn Franz Gathmann samstags mit seiner Adeltraut mal runtergeht in die Stadt, weiß er, warum. Kohleöfen in den Schaufenstern, Möbel, ganze Garnituren, Radios, "das kannste ja gar nicht glauben". Und mit der D-Mark kommen auch die Vertreter, vertreten alles, was es für Geld zu kaufen gibt. Zum Beispiel Besteck. 20 Mark, 24-teilig. Zehn Raten à zwei Mark. Oder endlich eine Schlafzimmereinrichtung für die Zweizimmerwohnung. Erst eine Waschmaschine, die ist wichtiger als ein Ehebett, sagt die Schwiegermutter. Gute Ratschläge nimmt Franz an, schlechte nicht. Erst Maschine, dann Bett - das ist ein schlechter Vorschlag.

Am Puls des Aufschwungs

Wenn Adeltraut sagt: "Wir haben mehr Schulden als alles andere", dann sagt Franz: "Zahlen wir alles ab, peu à peu." Franz Gathmann wird Steiger, Aufsichtsperson, er wird Vater. Er übernimmt Verantwortung - und das Tor beim VfL Gennebreck in Wuppertal. Über Sprockhövel geht's dann mit dem Bus, 45 Minuten Fahrt, zu den Spielen. Oder, in den spielfreien Sommermonaten, mal in die Gartenwirtschaft. 20 Pfennig kostet das Pils. Fünf Mark gibt Gathmann aus an so einem Tag für Bier und Solei, für Würstchen oder Frikadellen und was Süßes für die Kleine. Ganz schön viel, aber es geht, die Miete kostet 10,52 Mark, er verdient "mit allem Drum und Dran" über 300 Mark netto.

Das Leben ist hart, aber es ist Frieden, die Gewerkschaft setzt zwölf Jahresurlaubstage durch. 500 Wagen Kohle holen sie täglich raus auf Dahlhausen, ein Millionenstreb. Das Ruhrgebiet ist die Herzkammer des Aufschwungs. Zwischen 1949 und 1954 verdoppelt sich das Volkseinkommen der Westdeutschen zum ersten, zwischen 1955 und 1962 zum zweiten Mal.

Alle schnallen die Gürtel weiter - "Quick", stern und "Spiegel" erreichen mit ihren Auflagen zusammen weit mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Die jungen Pioniere des Westens heißen Henri Nannen oder Rudolf Augstein, Max Grundig und Josef Neckermann. Dessen Kleidermodelle "Kunigunde" und "Gudula", "Grindelwald" und "Edelweiß" liegen im Trend: Sonja Ziemann dreht das "Schwarzwaldmädel" und mit Rudolf Prack "Grün ist die Heide". Dazu singt der Metzger mit Gesellenbrief, Willy Schneider: "Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein". Es ist eine Zeit, in der es Aufsehen erregt, wenn Regierungssprecher Felix von Eckardt zum Staatsbesuch des indischen Ministerpräsidenten Nehru "statt des obligaten Stresemann nonchalant einen pflaumenblauen Einreiher" trägt, wie der "Spiegel" bemängelt. Oder einer "zum Stresemann Kreppsohlen-Schuhe" anzieht.

"Erstaunlich normal"

Die Erfindung des Leisetreters symbolisiert den Wunsch nach leiser, heiler Welt. In der Bundeshauptstadt Bonn beobachtet der Schweizer Publizist Fritz René Allemann: "Alle Linien, die von der bundesrepublikanischen Staatsgründung in die Gegenwart führen, verlaufen in sauberen und überschaubaren Kurven, und alle diese Kurven weisen aufwärts: außenpolitisch zur Souveränität, innenpolitisch zur Stabilität und wirtschaftlich zur Prosperität." Die neue Gesellschaft, so der Schweizer Beobachter, sei zwar nicht spannungslos, "aber überaus bürgerlich, konservativ eher als neuerungsfreudig, ein wenig langweilig vielleicht und, alles in allem, erstaunlich normal". Allemanns Essays fließen Mitte der Fünfziger in einem Buch zusammen, das Historiker auch im 21. Jahrhundert noch zitieren werden: "Bonn ist nicht Weimar". Der Buchtitel wird zur Beschwichtigungsformel: Die Deutschen (im Westen) haben ihre Demokratie-Lektion gelernt. Und zum Wunsch nach Normalität gesellt sich die Sehnsucht nach Wärme und Weite.

Günter und Ruth Schlagmann nehmen die harte Tour. Über den Zirler Berg und das Innsbrucker Krankenhaus. Günter Schlagmann hat sich verbremst mit seiner 500er BMW. Günter und Ruth stürzen und landen in der Notfallaufnahme. Ruth hat dermaßen stark blutende Wunden an den Beinen, dass der Arzt sagt: "Ihre Urlaubsreise ist hier zu Ende." Schlagmann blickt auf: "Da kennen Sie meine Frau aber nicht. Die hat gesagt, sie will nach Capri. Und wenn sie das will, dann fährt die auch dahin."

Stunden später, die Wunden sind vernäht, sitzen die beiden wieder auf der Maschine, etappenweise geht es Richtung Neapel. Abends werden erst die Verbände im Kochgeschirr mit Salzwasser ausgewaschen, dann Pfanni-Knödel bereitet. Die Wundschmerzen werden weggeträumt: Morgen sind wir am Golf von Neapel, dann geht's auf die Fähre nach Capri. Capri! Einmal nur da stehen und aufs Meer blicken. Zum Übernachten reicht das Geld ja ohnehin nicht. Das Motorrad vertrauen sie einem einarmigen Parkwächter im neapolitanischen Hafen an: "Hier, Mottorrad, du aufpassen. Wir mit Schiff rüber, Capri." Als sie zurückkommen, sitzt der Parkwächter drauf und sagt: "Bella bella BMW." Vom Motorrad steigen die Schlagmanns schnell um auf den VW Käfer, der sie zwei Jahre später bis nach Afrika und zurück bringen wird.

Man wird mobil

Die Deutschen reisen, und das in so großer Zahl, dass der Staat eine Benimmfibel auflegt: "Kein Krachschlagen, keine dröhnende kehlige Sprechweise, kein Anstarren der Mitmenschen, kein brüllendes Gelächter, kurze Hosen nur nach strenger Selbstprüfung." Die Reiselust korrespondiert mit einem ungeheuren Mobilitätsschub. Und wer mobil sein will, braucht das entsprechende Gefährt. Anfang der 50er Jahre fahren noch die Vorkriegsmodelle durch die Städte, Opel P4, der DKW "Meisterklasse", Wanderer, Hanomag. Die Händler schütten Kartoffelmehl ins Getriebeöl und Sägemehl ins Differenzial, damit nichts klappert beim Verkauf.

Fritz B. Busch kennt die Tricks, schließlich hat er in Hamburg bei einem Gebrauchtwagenhändler gearbeitet. Die Nachkriegswirren haben den gut aussehenden, hoch aufgeschossenen jungen Mann von Erfurt über Leipzig in die Hansestadt verschlagen. Mit weißer Plakafarbe hat er beim Bäcker Abel in der Grindelallee die Fenster beschriftet. Links: "Kuchen gelingen fabelhaft, wenn man sie nur zum Abel schafft". Für kleines Geld lassen Hausfrauen ihre selbst gefertigten Süßspeisen backen. Aufs rechte Glas schreibt Busch: "Man gönnt sich Kleingebäck auch heute. Es nährt und hebt die Lebensfreude." Zwei Mark kassiert Busch fürs Marketing, zwei weitere dafür, dass er dem Bäcker die Nutzungsrechte überlässt. Busch kann verkaufen - und er kann schreiben. Beides nutzt er Anfang der Fünfziger gewinnbringend. Dem Hamburger Lebensmittelhersteller von Paleske baut er ein Vertreternetz auf, der "Hannoverschen Allgemeinen" die Motorseite. Und er schreibt so lange Leserbriefe an "auto, motor und sport", bis Chefredakteur Wieselmann ihn anruft. "Hören Sie auf, Leserbriefe zu schreiben, schreiben Sie Geschichten für uns."

Geschichten rund ums Auto gibt es in Hülle und Fülle, denn die deutschen Ingenieure bauen und tüfteln auf Teufel komm raus. Der Opel Rekord, der Borgward, Messerschmitt-Kabinenroller, Lloyd und Zündapp Janus: eine lärmende Blechbüchse, der Motor in der Mitte, die Rückbank ist umgekehrt eingesetzt, damit alle vier Passagiere einen freien Blick haben. Die Konstrukteure müssen ja nicht hinten sitzen, wo Kindern und der Oma regelmäßig schlecht wird. "Vorne protzen, hinten kotzen", reimt der Volksmund. Und dann die Knutschkugel, die Isetta, die auch Fritz B. Busch zeitweise fährt. "Da knattert eine vorüber, welch ein Lärm", schreibt Busch: "Und doch, man badet im neu erwachenden Verkehrslärm, Benzin riecht wie Parfum. Das ist etwas anderes als saurer Kohl und ranziger Schweiß und Läusepulver. Das ist das Leben."

Die Angst hält Einzug

Es gibt auch ein anderes. Im Grunde ist Elisabeth Dahlmann ein fröhlicher Mensch, auch wenn man ihr das nicht ansehen mag. Sie singt im Frauenchor Bochum-Linden, geprobt wird in der Christus-Kirchengemeinde. "Am Brunnen vor dem Tore", "Kein schöner Land" und was das nicht kontaminierte deutsche Volkslied noch so hergibt. Der Chor spült ihr Leben für ein, zwei Stunden in der Woche weich: Mal nicht darüber nachdenken, ob das Geld reicht bis zum Monatsende, ob die Kinder satt werden, ob sie in ihren selbst genähten Kleidchen nett anzusehen sind. Natürlich sind sie das, und für ein Butterbrot mit Rübenkraut oder Zucker hat es ja immer noch gereicht. Elisabeth Dahlmann lebt mit Karin und Sigrid Mitte der 50er Jahre von 48 Mark Kriegsrente und dem bisschen, was die Sozialhilfe noch drauflegt. Ihr Mann Helmut ist, so nennen es viele, "nicht mehr geworden", seit er aus französischer Gefangenschaft zurück nach Bochum kam.

Als er im Mai 1947 - schon an Tuberkulose erkrankt - eintrifft in der kleinen Zweizimmerwohnung, da sagt seine Schwiegermutter: "Du hättest auch bleiben können, wir haben hier doch auch nichts." Elisabeth geht rund um das zerbombte Bochum auf die Suche nach einem Klinikbett, einer Heilstatt, nach einer Lebenschance für Helmut. Bis dahin muss sie in den beengten Verhältnissen die Mädchen fernhalten vom ansteckenden Vater.

Gegen die Krankheit ist nicht mehr viel auszurichten. Stundenweise kommt er aus dem Krankenhaus nach Hause, wird die steile Stiege hinaufgetragen, liegt dann im Zimmer, die Kinder auf Distanz, und faselt von Krieg und Verdunkelung. "Er hat die Angst mitgebracht", sagt Elisabeth Dahlmann. Nach Helmuts Tod 1952 kämpft sie erst um ihre Rente, dann um eine glückliche Kindheit für die Mädchen und schließlich für den Sozialverband VdK. Ein Leben lang wird sie sich für andere Menschen engagieren, sie wird noch einmal heiraten, einen Kriegsversehrten, wird ein zweites Mal Witwe. Sie wird das Bundesverdienstkreuz erhalten, erst 2008 ihre Ehrenämter abgeben, und sie wird zeit ihres "entbehrungsreichen Lebens" singen. "Ich bin ja ein fröhlicher Mensch, auch wenn ich nicht so aussehe."

Der Nachkriegs-Robin Hood

Es gibt viele Elisabeth Dahlmanns in diesen Jahren - und ein Millionenheer von Vertriebenen, für die Ludwig Erhard, mittlerweile Bundeswirtschaftsminister, ein Gesetz geschaffen hat, das seinesgleichen sucht: Das Lastenausgleichsgesetz verteilt über einen Fonds Milliarden von reichen Händen in arme und verhindert, was heute brennend aktuell ist: ein dramatisches Auseinanderdriften der Gesellschaft, Neiddebatten halten sich in Grenzen. Jeder Flüchtling und Vertriebene habe ein Viertel seines verlorenen Vermögens wiederbekommen, schreibt der Historiker Hans-Ulrich Wehler im letzten Band seines großen Werkes "Deutsche Gesellschaftsgeschichte".

Erhard ist populär wie nie, obwohl es die künftige massenwirksame Plattform der Politikpräsentation noch gar nicht gibt: das Fernsehen. Auf einer Party in Hamburg entwickelt sich Silvester 1952 der folgende Dialog: "Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?" - "Ich bin Redakteur bei der 'Tagesschau'."- "Ach, was ist denn das?" - "Was Ähnliches wie die 'Wochenschau', nur eben jeden Tag." - "Und wo sieht man das?" - "Im Fernsehen." - "Im Fernsehen?" - "Ja, wie soll ich Ihnen das erklären?"

Ja, wie soll Horst Jaedicke das seiner neuen Bekanntschaft erklären? Er ist 28 Jahre jung und führt beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) eine Nischenexistenz. 15 Quadratmeter klein ist das Kellerzimmer, das sich Jaedicke mit seinem Chef Martin S. Svoboda und einer Sekretärin teilt. Svoboda will Fernsehen machen, und er will eine Sendung entwickeln, die er "Tagesschau" nennt. Jaedicke ist dabei, weil er ein vorwärtsdrängender Mensch ist und nach Jahren beim "Spiegel" nun "das Optische mit dem Inhaltlichen verbinden" will.

Radio mit Bild

Also erklärt er: "Fernsehen ist Radio mit Bild." Radio mit Bild, das kennt man bisher nur von der "Neuen Deutschen Wochenschau", die in den Kinos läuft. Deren Redakteure sitzen in der Hamburger Heilwigstraße in den oberen Stockwerken und rücken nur zögerlich ihr Material raus. Was als Abfall in die Schneidekörbe fällt, ist gratis, alles andere kostet zwei Mark den laufenden Filmmeter. 90 Mark und 40 Pfennig kostet der erste Aufmacher der "Tagesschau"-Uraufführung am zweiten Weihnachtsfeiertag 1952: "Eisenhower ist aus Korea zurück." Tatsächlich ist der Weltkriegsgeneral und designierte US-Präsident schon Tage wieder in Amerika, als das deutsche Fernsehen ihn rückmeldet. Aber früher kam man nicht ans Material - und es schaut ja ohnehin kaum einer zu.

Svoboda und Jaedicke genießen so etwas wie Artenschutz beim NWDR. Sie sollen mal machen. Bisweilen werden die Themen in der falschen Reihenfolge zusammengeklebt, und dann passiert es, dass der Sprecher noch über den offiziellen Festakt mit Kanzler Adenauer redet, während die Fernsehbilder schon vom Alm-Abtrieb in den bayerischen Bergen künden. Dann wird abgebrochen. Der Sprecher stammelt noch ein paar Entschuldigungen, dann ist es vorbei. Stets beginnt die "Tagesschau" um 20, selten aber endet sie um 20.15 Uhr. Es hängt immer auch ein wenig von der Nachrichtenware ab, nicht von ihrer Lage. 300 Mark pro Sendung ist Svobodas Anfangsbudget, und irgendwann kommt auch das beantragte Radio ins Büro. Nun kann Jaedicke 18-Uhr-Nachrichten hören und Texte aktualisieren. Als Basis dient ihm die Tageszeitung, da kann man morgens schon lesen, was abends Topthema sein wird.

1952 gibt es im Westen Deutschlands 4000 Fernseher. Und wenn wieder irgendwo einer angeschlossen wird, ist das der Lokalpresse eine Meldung wert. Wie in Bleckede bei Hamburg: "Als erste Gastwirtschaft in der Stadt hat das ‚Weiße Roß‘ einen Fernseher aufgestellt. Die Gäste können täglich das NWDR-Fernsehprogramm sehen." Das TV-Zeitalter hat begonnen, sein Motto: "Die Welt in Deinem Heim." Der preiswerteste Fernseher, das Tischgerät "Aladin", kostet 1350 Mark - gut das Vierfache eines durchschnittlichen Monatslohns.

Zwei Jahre später, im Sommer 1954, begrüßen bereits 129.000 Haushalte in ihrem Heim die Fußballweltmeister aus Deutschland. Nur die "Tagesschau" hat am Abend des 4. Juli keine Meldung darüber im Programm - die Redaktion hatte keine Möglichkeit, das Spiel aufzuzeichnen. Noch ist ohnehin das Kino der Anziehungspunkt.

Leinwandhelden

"Sissy", sagt sie im Film, "Sissy mit y - wie Romy." Das gefällt der Karin, diese Drehbuchanspielung auf Romy Schneider und den in Deutschland grassierenden Sissi-Wahn. Mit Sissi und ihrem Franz, dem Kaiser, lässt es sich so schön wegträumen. Ist zwar ein österreichischer Monarch, aber besser als keiner. Romy Schneider ist schon 1956 ein Star, Karin Baal wird es über Nacht.

Mit einem Film, der sie nie mehr loslassen wird, weil so vieles von ihr und ihrem Leben darin steckt: die Enge der Nachkriegsmansarden im Berliner Wedding, der Drang rauszukommen, diese jugendliche Durchtriebenheit bei gleichzeitiger Labilität. Und einem großen Talent für den Falschen. "Die Halbstarken", heißt er.

Das Drehbuch hat Will Tremper geschrieben, es erzählt die Geschichte des Freddy Borchert, der aus seinem vermieftautoritären Elternhaus flüchtet. Er gründet eine Gang, die sich mit kleinen Diebstählen über Wasser hält, bis ihn eines Tages seine Freundin Sissy zu einem großen Ding animiert, das einen Menschen das Leben und Freddy die Gesundheit kosten wird. Und wofür das Ganze? "Weil ich nicht so 'n beschissenes Leben führen will wie die anderen", sagt der Film-Freddy.

Geheime Revolte

Die anderen, das sind die Eltern, die Älteren, diese Duckmäuser und Untertanen einer untergegangenen Welt. All jene, die nach dem "Tausendjährigen Reich" die Worte Moral und Anstand im Munde führen, die vom Hort der Familie schwadronieren und von der "Selbstverleugnung der Frau um höherer Ziele willen". So sagt das Adenauers Familienminister Franz-Josef Wuermeling - nicht im Film. Die Aufbruchstimmung der jungen Generation, die der Soziologe Helmut Schelsky "die skeptische" nennt, bekommt die politische Klasse nicht mit. Und wenn, dann versteht sie sie nicht. Genauso wenig wie den Rock 'n' Roll des Peter Kraus, der von vielen Sendern nicht gespielt wird.

Vor allem ihr Geschlechterverständnis zeigt die Rückständigkeit der Konservativen. Männer und Frauen sind zwar gleichberechtigt nach den Buchstaben des Grundgesetzes, aber die gängige Lebenspraxis soll dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 folgen: "Dem Mann steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Eheleben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung." Und er kann das Dienstverhältnis seiner Frau jederzeit kündigen. Beide Paragrafen fallen erst 1958. Und dann dauert es noch einmal bis 1977, ehe die höchsten Richter die Regelung kassieren, wonach allein Männer die Regeln der Haushaltsführung bestimmen. Alice Schwarzers "Emma" ist da bereits auf dem Markt.

Der gesellschaftliche Muff lässt den alten Kanzler unberührt, er beschäftigt sich mit einer fragilen weltpolitischen Gemengelage, die er in kleinen Hintergrundrunden erläutert. Teegespräche heißen diese Runden mit Journalisten im Palais Schaumburg, dem Amtssitz des Kanzlers. Zum Kreis der Eingeladenen gehört auch ein junger Mann, der es mit Ende 20 schon zum Chefkommentator des Rundfunks im amerikanischen Sektor, Rias, gebracht hat: Egon Bahr. Wenn Adenauer über die Bonner Zustände redet oder seine Weltsicht darlegt, von Stalin spricht und dessen Ziel, mit dem Angebot eines wiedervereinigten, aber neutralen Deutschlands "die USA aus Europa wegzubekommen und die Bundesrepublik in seine Machtsphäre zu bringen", beschleicht Bahr ein Gefühl von Respekt. "Er ist politisch und taktisch allen überlegen." Aber da ist eben auch eine tiefe Skepsis: "Der alte Herr ist Zyniker und Menschenverächter und behandelt sie, wie er sie einschätzt: nicht sehr hoch, aber nutzbar."

Der Unantastbare

Die deutsche Frage ist immer wieder Thema, und sie wird brennend, als Adenauer sich daranmacht, die Bundesrepublik militärisch aufzurüsten. Die Teilung, so empfindet das Egon Bahr bis dahin, ist gar nicht so gravierend, als dass sie nicht aufgehoben werden könnte. "Wie zwei Kabel", das ist sein Bild, "die man ineinandersteckt." Eine entmilitarisierte Zone zwischen den Interessensphären der Amerikaner und Russen, wäre das nicht denkbar? Es gibt eine Reihe von Plänen in diesen Jahren, wie mit Deutsch-Deutschem Staat zu machen sei. "Wenn aber erst einmal Streitkräfte beider deutscher Staaten in die gegeneinander gerichteten Bündnisse integriert sind", so sieht das Bahr, "ist das etwas ganz anderes."

Aber nichts anderes will Adenauer, selbst um den Preis einer totalen Lagerbildung in der deutschen Gesellschaft. Von Knobelbechern und Uniformen wollen die meisten Deutschen nichts wissen. Bahr registriert, wie geschickt Adenauer taktiert: "Er weiß, dass der Westen deutsche Soldaten braucht, sonst funktioniert ja die konventionelle Abschreckung und Abwehrkraft der Nato nicht. Und das nutzt der alte Herr, um die Kriegsgefangenen aus den Gefängnissen der Alliierten zu holen." Es sind Eigenwilligkeit und Weitsicht Adenauers, die Bahr ein halbes Jahrhundert später imponieren: "Er hat die Bundesrepublik unrevidierbar an den Westen gebunden."

Und dann ist da ein anderer Punkt, über den der langjährige SPD-Politiker Bahr heute anders urteilt als vor einem halben Jahrhundert: "Dass Adenauer den Nazi Globke zum höchsten Beamten des Staates gemacht hat, zum Chef des Kanzleramtes, damit integrierte er gleichzeitig die Millionen von NSDAP-Mitgliedern. Denn soziologisch war diese Bundesrepublik, noch dazu mit den Heimatvertriebenen, ja ein Pulverfass." Jenen Hans Globke, der als Koreferent für Judenfragen im Reichsinnenministerium gearbeitet und einen Kommentar zu den Nürnberger Rassengesetzen verfasst hatte. Die Angriffe der SPD erschüttern den Kanzler so wenig wie der Sturz des ehemaligen Nazis und niedersächsischen Kultusministers Leonhard Schlüter nach Protesten von Studenten und Professoren. Nur langsam kommt, so der Historiker Winkler, die "systematische Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen durch bundesdeutsche Gerichte" in Gang.

"Ja", sagt Egon Bahr, "das haben die in den Fünfzigern natürlich alle gut verstanden, die Globkes und die anderen: Es geht uns nicht an den Kragen." Vorerst.

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  • Michael Stoessinger