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60 Jahre Bundesrepublik: Kalter Krieg und heiße Höschen

Überall gärt und brodelt es. Die Republik wird erwachsen. Mit dem Käfer fahren die Deutschen - West - über die Alpen und lassen den Mief der frühen Jahre hinter sich. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im zweiten Teil: die Sechziger.

Von Stefan Schmitz

Die langen Haare, sein Faible für nackte Hintern - das alles hat natürlich auch mit Sex zu tun, aber bei dem Jungen aus Hamburg-Horn liegen die Dinge komplizierter. Es geht um Kunst. Er lockt auf dem Schulhof und an der Theke: "Wir machen es bei mir. Es dauert nur fünf Minuten." Dabei hält er eine klobige Acht-Millimeter-Filmkamera in der Hand. Jetzt darf man nicht zögern, nicht zucken. Das würde nur verraten, wie tief die Erziehung durch die sittenstrengen Eltern noch in einem steckt. Die Hose muss runter; die Pobacken vors Objektiv. "Das galt als unerhört und tabubrechend", sagt Michael Brenner, der in der wilden Zeit Ende der 60er Jahre einer der Statisten seines Mitschülers Norbert war.

Revolution im Klassenzimmer

Das cineastische Werk bekommt noch Vor- und Nachspann. Dazwischen nichts als Ärsche. Runde und runzelige, behaarte und glatte, Birnen und Äpfel. Ein wahrer Ausweis der Reife. Jedenfalls gibt es dafür eine glatte Eins als praktische Arbeit im Abiturfach Kunst am Kirchenpauer Gymnasium. Es ist 1968 und die Schule eine Selbsterfahrungsgruppe.

In den gleichen Klassenzimmern hat noch wenige Jahre zuvor ein autoritäres Regime geherrscht. Ein Erdkundelehrer - klein, mit Glatze und Fronterfahrung östlich der Neiße - schikaniert die Schüler, indem er sich immer einen herauspickt: "Den holte er nach vorne an die Karte", sagt Brenner. "Dann brüllte der Pauker die Namen von Orten, an denen er wohl früher gekämpft hatte." Der Delinquent muss zeigen, wo einst die Truppen des "Tausendjährigen Reiches" standen.

Wenn die stramm gescheitelten Schüler nicht spuren, werden sie von einem Englischlehrer auf den Gang geschickt. "Wir gehen jetzt ruhig raus", befiehlt der. Da üben sie dann in Zweierreihen das leise Gehen. Immer den Flur entlang, eine Etage rauf oder runter und dann wieder zurück durch den anderen Treppenaufgang. Das könnte durchaus eine Viertelstunde dauern." Es ist 1960 und die Schule ein Kasernenhof.

Radikaler Wandel

In Amerika spricht in diesem Jahr der jugendliche Präsidentschaftskandidat John F. Kennedy von einer "neuen Grenze". Von unerfüllten Hoffnungen und Träumen. Davon, dass sich die Welt radikal wandeln werde. Und das ist in der Bundesrepublik fast noch mehr zu spüren als in den USA. Innerhalb weniger Jahre wird die Bonner Republik aus dem Muff in die Moderne geschossen. Verantwortlich dafür sind keineswegs nur die Revoluzzer von 1968. Die gehören auch dazu, aber lange vorher hat die "Phase der Gärung" angefangen, wie der Historiker Klaus Schönhoven die Zeit später getauft hat.

Sie beginnt, als die Mägen voll sind, die Wohnungen halbwegs geheizt, die Arbeitslosigkeit der 50er Jahre überwunden ist. Aus dem Haufen der Davongekommenen wird eine "Erlebnisgesellschaft". Vereint im Glauben, dass die Welt und das Leben voller Wunder seien und noch einiges auf sie zukomme. Immer vorausgesetzt, dass nicht vorher ein Dritter Weltkrieg den Planeten in eine radioaktiv verseuchte Wüste verwandelt.

Als alles noch schläft, am 13. August 1961 gegen zwei Uhr früh, rollen Volkspolizisten und Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR an der Sektorengrenze in Berlin Stacheldraht aus - der Beginn des Mauerbaus. "Schämt euch, schämt euch", rufen ihnen die West-Berliner zu. Und: "Ihr seid doch auch Deutsche." Im Kalten Krieg zählt es aber nicht, ob einer Deutscher ist oder Engländer, sondern auf welcher Seite seine Regierung steht. Die Demarkationslinie verläuft gleich am Brandenburger Tor. Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister und spätere Kanzler, steht in diesen Tagen erstmals im Rampenlicht der Welt - und erlebt als Berliner auch praktisch, was die Mauer bedeutet. Sein Sohn Lars erinnert sich später, dass der Nachschub an frischen Landeiern auf dem Frühstückstisch stockte, weil der Eiermann mit dem Fahrrad aus dem Osten kam.

"Wenn ich groß bin, rede ich mit Ulbricht"

Die damals neunjährige Christiane Rix, eine Jugendfreundin des Hamburger Kunstfilmstatisten Brenner, sieht die Bilder vom Mauerbau bei Nachbarn im Fernsehen und sagt: "Wenn ich groß bin, rede ich mit Ulbricht." Ihr Vater zieht sie damit noch nach Jahren auf. Aber über den Tag lachen kann die Familie erst viel später. Mutter Rix beginnt, in einer alten Anrichte im Keller Haferflocken, Nudeln, Mehl, Zucker und Kekse zu horten. Mitten im Sommer scheint der nukleare Winter nah.

An diesem dramatischen Morgen des 13. August versetzt die Bundeswehr ihre Soldaten in Alarmbereitschaft. Auch in Jagel, hoch im Norden, wo Konrad Berger Dienst schiebt. Er wird während der 60er Jahre immer wieder erleben, dass die Konfrontation der Blöcke eskaliert und für ein paar Stunden oder Tage die drohende Apokalypse den Alltag verdrängt, während der Krise um sowjetische Atomraketen auf Kuba 1962 oder als im Jahr darauf John F. Kennedy, mittlerweile US-Präsident, erschossen wird: "Das habe ich zu Hause im Radio gehört. Da war schon Angst da." Der Weltenbrand ist ausgeblieben. Und die Meilensteine seines Lebens in den Sechzigern, die Bergers Erinnerung prägen, sind ganz und gar unkriegerisch.

Noch heute wohnen Konrad Berger und seine Frau Hella in dem Häuschen in Schuby bei Schleswig, das sie vor fast 40 Jahren bauten. Sie sind eine Musterfamilie des Wirtschaftswunderlandes. Das Fenster im Wohnzimmer wirkt etwas klein für den Raum und ist ein Symbol für den Lebensstil der Bergers, die immer zur Mehrheit gehörten: "Als wir das Haus geplant haben", sagt Berger, "haben wir das so gemacht, dass die Gardinen aus der alten Wohnung passten." Sparen, auf das Geld schauen, dann etwas Vernünftiges kaufen - das ist so etwas wie ihre zweite Natur. "Wir haben nichts Unnötiges ausgegeben", sagt Hella, die auf dem Bauernhof groß geworden ist und am liebsten Eintopf kocht und Hausmannskost. "Das war schon eine andere Einstellung als heute", sagt Konrad, ein im Krieg geborenes Flüchtlingskind aus Schlesien.

Langsames Umdenken

Sie haben sich wenig gegönnt und trotzdem Spaß gehabt. Bei Butterfahrten auf der Ostsee, auf denen es zollfreien Alkohol gab. Bei Partys in der engen Wohnung, bei denen immer getanzt werden musste, weil der Platz zum Sitzen nicht reichte. Oder beim Kurztrip an die Küste. "Abends wieder im eigenen Bett ist ja auch schön. Und man braucht kein Zimmer."

Nur langsam wandeln sich Bundesbürger wie die Rix, Bergers oder Brenners in den 60er Jahren zu Konsumenten modernen Typs. Zuvor dominieren in den Geschäften Gebrauchsgegenstände, die dafür gemacht sind, viele Jahre zu halten. Ein Feuerzeug zum Beispiel besteht noch 1960 aus Dutzenden Metallteilen - eine komplexe Maschine, deren Gestaltung ähnlich wie bei einer Armbanduhr etwas über den Herrn aussagt, der sie nutzt. Es ist kein Zufall, dass Mitte der 60er Jahre der Siegeszug des Wegwerffeuerzeugs aus Kunststoff beginnt. Die Zeit - und auch die Technik - sind reif für eine neue Art des Konsums.

Nicht nur die Waren verändern sich, sondern auch die Geschäfte. Jedenfalls die erfolgreichen. Der Essener Schuhhändler Heinz-Horst Deichmann, weise und weißhaarig, erinnert sich: "Wir wollten genau wissen, was die Kunden kaufen. 30 Leute haben nichts anderes gemacht, als Kassenzettel in Listen zu übertragen." Die werden penibel ausgewertet, damit der Einkauf weiß, was gerade gefragt ist. Heute ist Deichmann der größte Schuheinzelhändler Europas. "Man muss immer die richtigen Schuhe haben", sagt der 82-Jährige - das hört sich trivial an, war aber eine große Veränderung zur Nachkriegszeit, als es darauf ankam, überhaupt Schuhe zu haben. Noch etwas wandelte sich in den Unternehmen: Sie mussten ihre Mitarbeiter gut behandeln, weil die durch den scheinbar immerwährenden Boom jederzeit woanders anfangen konnten.

Milch und Honig

Arbeit ist nicht mehr der einzige Lebensinhalt. Das "lange Wochenende" - gemeint war die Zeit von Freitagabend bis Montag sehr früh - beschert den Berufstätigen Freizeit in nie gekanntem Maße. In vier von fünf Unternehmen wird Ende des Jahrzehnts nur noch an fünf Werktagen gearbeitet. Der Sonntag wird vom Tag des Kirchgangs zur besten Gelegenheit, sich mit der Familie am eigenen Wohlergehen zu erfreuen. Löhne und Gehälter steigen in einem Jahrzehnt um mehr als 50 Prozent, und zwar nach Abzug der Inflation.

Überall im Land schieben Mütter Babys durch die Straßen; ihre rauchenden Männer samstags und sonntags an der Seite. Um über fünf Millionen Menschen nimmt die Bevölkerung der Westrepublik von 1960 bis 1970 zu. "Was man heute kinderreich nennt, war damals normal", erinnert sich der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf, selbst Vater von vier Kindern.

Revolutionäre Errungenschaften wie die Antibabypille erschütterten die verstaubte Moral - und mit einiger Verzögerung sieht man die Folgen in den Geburtsstatistiken. Die jungen Leute wollten angstfreien Sex. Doch die neue Welt wird nicht an einem Tag geschaffen. Als Christiane Rix ihre erste Pille haben will, muss sie dem Frauenarzt noch drohen: "Ich fahre mit meinem Freund in Urlaub. Wollen Sie verantworten, wenn ich schwanger werde?" Da zückt er seinen Block, obwohl Verhütung mit Hormonen eigentlich nur in der Ehe geduldet wird.

Rix' Jugendfreund Michael Brenner, geboren 1950, aufgewachsen mit Muckefuck statt Bohnenkaffee, lötet damals an Transistorradios herum. Nachts, bei klarem Wetter und wenn er die Antenne im richtigen Winkel hält, kann er mit seinem Kofferradio BFBS empfangen, den britischen Soldatensender: Da gibt es die englischen Top 30. "Wir haben das alle gehört."

In Deutschland wird Uschi Nerke, die Moderatorin der TV-Sendung "Beat- Club", das Gesicht zum Sound der neuen Zeit. Lange vor 1968 klettert ihr Rocksaum unaufhaltsam nach oben. "Die Dinger gingen 1965 noch fast bis zum Knie", sagt die mittlerweile 64-Jährige. "Am Ende war direkt unter dem Po Schluss." Heute lebt sie mit Katzen, Papageien und Mann in einem gutbürgerlichen Haus in Maschen südlich von Hamburg. Im Wohnzimmer hängt ein altes Bild von ihr. Es zeigt, was sie unter einem richtig kurzen Rock versteht. "Die Jungs wollten mich heiraten", sagt sie dazu. "Für die Mädchen war ich der Kummerkasten." Denen erklärt sie, dass vom Küssen niemand schwanger wird.

Wie sie selbst waren viele andere Teenager von niemandem aufgeklärt worden. Aber jetzt sollte Schluss sein mit dem verklemmten Gedruckse. Ihr Fernsehregisseur steckt ihr den "Playboy" zu und sagt: "Du musst den Mädels zeigen, wo es langgeht." Aus den Heften sucht sie sich dann die Vorlagen für ihre selbst genähten Fummel zusammen.

Neue Hoffnung Wissenschaft

Und der Mensch scheint auf dem Sprung, den Planeten Erde und die Mühsal dort hinter sich zu lassen. "Wir gingen davon aus, dass der Mond besiedelt ist, wenn wir 50 sind", sagt Michael Brenner. "Dass es dann Ersatzorgane gibt, wenn es irgendwo zwickt. Und natürlich die Atomfusion alle Energieprobleme löst." Als die Amerikaner 1969 auf dem Mond landen, steht er am Glockengießerwall in der Hamburger Innenstadt und bestaunt mit vielen anderen die Bilder aus dem All, die in einem Schaufenster über einen Fernseher grieseln. Die Zeitungen schreiben, dass das Datum für den ersten bemannten Flug zum Mars schon feststehe. Am 12. November 1981 soll es so weit sein. Wahrscheinlich mit Atomantrieb.

Für alles scheint die moderne Welt eine Lösung parat zu haben. Die "Grenzen des Wachstums", auf die die berühmte Studie für den Club of Rome 1972 hinweist, sind noch nicht in Sicht. Als die Wirtschaft 1967 ein wenig stottert, machen die Politiker sie schnell wieder flott - mit neuen und natürlich streng wissenschaftlichen Konzepten, die einen glauben machen, dass alle Krisen, alle Not nun endgültig der Vergangenheit angehören.

Es sind die 60er Jahre, in denen Zentralheizung und eigenes Bad zum Standard werden. Toaster machen matschiges Kastenweißbrot knusprig. Aus fremden Ländern kommen exotische Spezialitäten wie der Parmesan, den weltgewandte Lebemänner vom Stück reiben.

Zudem sind Millionen neuer Autos auf den Straßen. Ende der 50er besitzen gerade 64 von 1000 Einwohnern einen Pkw, zehn Jahre später sind es schon 195. Wer sich abgrenzen will von der Käfer-fahrenden Masse, spart auf einen Opel oder Ford. Konrad Berger bezahlt seinen ersten Kadett im Frühjahr 1964 bar. "Ganz neu. Hellblau. 5400 Mark", fasst er zusammen. Zur selben Zeit fährt der Vater von Christiane Rix mit einem Ford Taunus 17M vor. Aber der Umgang mit dem neuen Wohlstand ist noch unbeholfen. So darf Mutter Rix nicht ans Steuer und bekommt später einen Renault R4. "Den großen Wagen traute man ihr nicht zu", erinnert sich Tochter Christiane.

Mit Altlasten umgehen

Prämenstruelle Damen gelten - wie ein Dr. Dalton in der Zeitschrift "euromed" raunte - als lethargisch und reaktionsunsicher. "Ihr Vermögen, eine akute Situation kritisch einzuschätzen, ist erheblich herabgesetzt." Nur ganz langsam spricht sich herum, dass Frauen ein Auto lenken und auch sonst eine Menge können. Alles ist im Fluss, vieles neu. Das Denken, das Sprechen, das Leben.

Aber im Weg steht die Vergangenheit, die sich nicht so einfach hat wegräumen lassen wie die Trümmer des Bombenkrieges. Langsam steigt der Druck, sich dem verdrängten Erbe des Dritten Reiches zu stellen. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth erregt die Katholiken mit einem Stück über die Rolle des Papstes in der NS-Zeit ("Der Stellvertreter"). In Israel wird Adolf Eichmann, einem Mitorganisator des Holocaust, spektakulär der Prozess gemacht. In Frankfurt stehen Mitte des Jahrzehnts die Schergen von Auschwitz vor Gericht, was die Republik ebenso bewegt wie die Debatten um die Verjährung der NS-Greuel. Überall haben alte Nazis - effizient wie eh und je - Schlüsselstellen erobert.

Zugleich wachsen Millionen Deutsche heran, die selbst zu jung waren, um als Täter infrage zu kommen. Sie fragen ihre Eltern: "Was habt ihr gemacht? Wie war das im Krieg?" Nicht immer erhalten sie Antworten. Christiane Rix' Mutter etwa will verbieten, den Vater zu bedrängen. Zu sehr sei er traumatisiert. Andere wie Michael Brenner besorgen sich erst nach dem Tod der Eltern alte Akten und Unterlagen, die unbeantwortete Fragen klären sollen. Warum fuhr der Alte nie mit zum Verwandtenbesuch in den Osten? Was hat er wirklich getan, damals als Soldat im besetzten Brüssel? Es muss unendlich schwer sein, solche Fragen am Küchentisch zu stellen, an dem Brenners Vater ihn dreimal die Woche wissen lässt, dass er zu gehorchen habe, solange er die Füße unter eben diesen Tisch stelle.

Der alte Geist steckt noch in vielen Köpfen. Ein wenig selbst in dem von Christianes Mutter, die eigentlich eher links ist. Als einmal ein jüdischer Komponist in New York einen Preis gewinnt, sagt sie: "Das ist ein Jude, aber das macht ja nichts." Christianes Bruder flippt völlig aus. Sie meint noch heute: "Das war so, als würde sie sagen, ich habe nichts gegen Schwarze, aber am besten bleiben die unter sich."

Die Rebellion beginnt

In der Bundesregierung sitzen ab 1966, als die erste Große Koalition beginnt, die Mitläufer des NS-Regimes neben Verfolgten und Emigranten. Kanzler ist Kurt Georg Kiesinger - ab 1933 Hitlers Parteigenosse, später CDU. Sein sozialdemokratischer Stellvertreter Willy Brandt musste 1933 fliehen. Aber knapp zwei Jahrzehnte nach der Staatsgründung sind die etablierten Parteien der Bundesrepublik so weit, dass sie miteinander Geschäfte machen können. Die SPD hat sich mit Westbindung und sozialer Marktwirtschaft angefreundet, die Union sich von den autoritären Adenauer-Jahren ebenso emanzipiert wie von Ludwig Erhards Planspielen einer "formierten Gesellschaft", in der die Obrigkeit soziale und kulturelle Konflikte abgeschafft hat.

Alles eine Soße, sagen die rebellischen Studenten. Zumindest sind die Unterschiede außerhalb des Parlaments deutlicher als drinnen. Draußen arbeiten sich die Revoluzzer von 1968 an Springer-Presse und Polizei ab und kleben den heroisch lächelnden Che Guevara in die WG-Küche. Mit der Weltrevolution klappt es dann doch nicht, aber der Aufstand ist ein Beschleuniger und Katalysator für das, was in der "Phase der Gärung" gereift ist.

Als sich Michael Brenner - lange vor 1968 - die Haare über die Ohren wachsen lassen will, gibt es noch Krieg mit dem Vater. "Letztlich ging es um die Machtfrage", sagt Brenner. Genauso wie in der Schule: "Die wollten die Langhaarigen erst rausschmeißen, dann hatten alle lange Haare." Zu seiner Mähne trägt er einen Zauselbart und über Monate jeden Tag ein rotes TShirt, das einmal weiß gewesen war und das eine Sybille, die auch verwegen küssen konnte, rot gefärbt hat.

Jungs wie Hermann Hanser, Bürgerkind aus dem feinen Hamburg-Pöseldorf, trauen sich schon 1966, eine Abiturfeier zu sprengen. Bei dem Fest spricht erst ein greiser Herr, der vor 50 Jahren das Zeugnis der Reife erhielt. Dann der Direktor. Dann Hanser. Eine Kamera des ZDF ist auf ihn gerichtet, denn seit dem furiosen Pamphlet des Pädagogen Georg Picht über die "Bildungskatastrophe" in Deutschland ist die Sorge um die Schulen groß - schließlich gilt "das geistige Potenzial unseres Volkes" (Picht) als Waffe im Kalten Krieg. Hanser aber sagt, das Abitur sei nichts wert, die Schule würde sie nur zur Anpassung erziehen.

Die Wohnzimmerunterhaltung hält Einzug

Er zieht mit einem fellbesetzten "Afghanen-Mantel" durch die Stadt, verweigert den Verzehr der Wurstbrote seiner Mutter und liest in linken Wohngemeinschaften die Klassiker der Revolution. Dazu werden Nudeln in allen Variationen serviert oder "Blumenkohl mit Huhn in Wein". Knödel und Schweinebraten stehen unter Faschismusverdacht, wie alles, was an die Kriegsgeneration erinnert.

Radikalisiert werden 68er wie Hanser nicht zuletzt durch das eigentlich kreuzbrave deutsche Fernsehen. Durbridge-Krimis wie "Das Halstuch" sieht die ganze Nation ebenso wie Lou van Burgs "Goldenen Schuss" - bis der Niederländer gehen muss, da sein Liebesleben dem schwer katholischen Intendanten zu komplex ist. Aber ARD und ZDF zeigen eben auch Bilder vom Krieg der Amerikaner im fernen Vietnam. "Die haben mich unglaublich aufgewühlt", sagt Hanser. "Das war der Anstoß, sich zu engagieren."

Bei Hansers steht seit 1964 ein Fernseher. Bei Bergers ist es kurz nach der Fußballweltmeisterschaft 1966 so weit. Das Finale gegen England, in dem Uwe Seeler und Co. durch das nach Lesart der deutschen Fans irreguläre Wembley-Tor um den Sieg betrogen werden, sieht die Familie noch bei Nachbarn. "Im Herbst haben wir den Fernseher gekauft", sagt Konrad Berger. "Und so ein schönes Möbelstück aus Nussbaum. Zusammen 945 Mark. Da musste man wieder sparen. Das war mehr als ein Monatsgehalt." Seine Frau ergänzt: "Das Leben war dann ein anderes. Jedenfalls die Abende." In drei Vierteln aller Haushalte flimmert am Ende der 60er Jahre ein Fernseher.

Irgendwie ist die Republik angekommen. Die Zeit scheint aus heutiger Sicht weit weg - aber unendlich viel näher als die oft beklemmenden Fünfziger. Der Staat, der einst der CDU zu gehören schien, wird erwachsen. Im Innern breitet sich ganz langsam eine neue Liberalität aus. Nach außen bröckelt die einst mit fundamentalistischem Eifer vertretene harte Linie gegenüber den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten. Der Sozialdemokrat Willy Brandt wird Bundeskanzler einer Koalition mit der FDP; endgültig sind aus den feindlichen Lagern der Bürgerlichen und der Linken konkurrierende Parteien geworden, die sich in der Regierungsführung ablösen. Es war in jenen Jahren, dass die Westrepublik zur "geglückten Demokratie" wurde, wie sie der Historiker Edgar Wolfrum genannt hat.

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