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60 Jahre Bundesrepublik: Nichts bleibt, wie es war

Das Leben wird härter, schneller und kälter. Jobs wandern aus, Sozialleistungen sinken, die Angst vor dem Terror ist allgegenwärtig. Aber Deutschland ist ein fast normales Land geworden. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im letzten Teil: die 2000er.

Von Stefan Schmitz

Die Sonne wird nicht finster, der Mond nicht wie Blut. Vom Himmel fallen harmlose Böller, die Sterne bleiben oben. In der Nacht zu diesem 1. Januar 2000 gehen die Prophezeiungen des Johannes-Evangeliums für den Weltuntergang nicht in Erfüllung. Stattdessen gibt es eine Party, einen Rausch, ein gigantisches Fest, das allein auf der Berliner Fetenmeile zwischen Rotem Rathaus, Brandenburger Tor und Siegessäule 200 Tonnen Müll hinterlässt. Am Morgen danach dreht sich die Welt wie zuvor: Die Computer sind nicht kollabiert, wie es Experten zur Jahrtausendwende vorhergesagt hatten, weil viele Programme nur zweistellige Jahreszahlen verwenden.

Und da die Apokalypse ausgeblieben ist, kann der Wahnsinn weitergehen. Am Montag, dem 3. Januar, dem ersten Handelstag des neuen Jahres, schießt der Deutsche Aktienindex (Dax) erstmals in seiner Geschichte über 7000 Punkte. Jeder spürt es: Die alten Regeln gelten nicht mehr. Denn Informationen aller Art - der wichtigste Rohstoff dieser Zeit - sind durch das Internet nun jederzeit und an jedem Ort verfügbar. Ein neues Zeitalter ist angebrochen.

Alles wird total global. Auch Deutschland. Kanzler Gerhard Schröder warnt in seiner Neujahrsansprache, es dürfe nicht sein, dass Nachrichten von der Börse in Bangkok gierig aufgesogen werden, aber keiner mitbekommt, wenn beim Nachbarn über Wochen der Briefkasten nicht geleert wird. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Hans-Peter von Kirchbach, verbringt die Nacht auf dem Balkan, wo Tausende Soldaten der gerade erwachsen gewordenen Mittelmacht Deutschland den Frieden sichern.

Unsichtbare Grenze

Während die Welt immer enger zusammenzurücken scheint, entstehen gleichzeitig neue Barrieren. Nicht mehr nur zwischen Ost und West, Nord und Süd, Okzident und Orient, sondern auch da, wo einst Ludwig Erhard "Wohlstand für alle" versprochen hatte: in der Bundesrepublik, die über Jahrzehnte auf dem Weg in eine Mittelstandsgesellschaft schien, in der die schärfsten Gegensätze überwunden sind, in der die Arbeiter sich einen VW Golf und einen Mallorca-Urlaub leisten können, die Renten sicher und die Schulen für alle gleich sind.

Gerade jetzt, da die Mauer Geschichte ist, wächst eine unsichtbare Grenze im Land: zwischen den gut Ausgebildeten, Mobilen, Starken und denen, die zurückbleiben, weil sie nicht fix und flexibel genug sind für die gewachsenen Anforderungen. Längst sind es nicht mehr nur ein paar Versprengte, die in selbst verschuldeter Armut verharren. Im Casino der New Economy werden Milliarden gemacht - und bald wieder verloren. In den Kantinen der alten Wirtschaft geht die Angst um vor neuen Konkurrenten aus Fernost, die nicht nur billige Waren liefern, sondern auch die Arbeitsplätze der weniger Qualifizierten bedrohen.

Manchmal liegen nur ein paar Hundert Meter zwischen den alten und den neuen Mauern, nur ein paar Jahre zwischen dem Wahnsinn der New Economy und der Realität der Modernisierungsverlierer. Am Reuterplatz in Berlin-Neukölln steht ein Mann, der eine Secondhand-Lederjacke trägt und einst 5,8 Millionen Mark auf seinem Konto hatte. Nun spielt er mit Kindern, die aus Dutzenden Nationen kommen und so ziemlich alle Sprachen sprechen. Sie rufen: "Mark, Mark, Mark." Kiosk nennt sich die Betreuungseinrichtung in Neukölln, in der Mark Lehmann arbeitet und deren Backsteinbau nicht viel größer ist, als der Name vermuten lässt. "Es ist die Möglichkeit, die Kinder mal von der Straße zu holen", sagt Lehmann. Viele der Kleinen würden von den Eltern sich selbst überlassen. Eine warme Mahlzeit kostet hier 20 Cent; ein warmes Wort und ein wenig Anteilnahme gibt es gratis.

Überschwang und Depression

Neukölln ist nicht Deutschland, aber ein Teil davon. Mit miserablen Bildungs- und Lebenschancen für sozial Schwache, mit "ethnischen Submilieus", wie sie der Historiker Hans-Ulrich Wehler nennt, in denen sich Migranten immer weiter von der deutschen Gesellschaft entfernen, mit Drogen und Dauerarbeitslosigkeit, mit einer neuen Unterschicht, die vor eigens für sie gesendeten TV-Verblödungsprogrammen ihre Tage verdaddelt. "Hier was zu machen ist viel sinnvoller, als den ganzen Tag an Geld zu denken", sagt Lehmann.

Er weiß, wovon er an diesem Herbsttag 2008 spricht. Es ist rund zehn Jahre her, da zockte er mit Telekom-Optionsscheinen, bis in seinem Depot bei Consors, eine der ersten Internet-Direktbanken in Deutschland, Millionen lagen. "Es ging wie von selbst", erinnert er sich. Plötzlich war alles wieder weg - auch wie von selbst. Da hockte er trotz einer warmen Decke frierend auf einem viel zu teuren Designer-Stuhl und hoffte, dass ihm die nächste Heizkostenabrechnung vielleicht etwas Geld in die leere Kasse spülen würde.

Das war extrem. Aber allein war Lehmann nicht. Das ganze Land wurde in den Jahren nach dem Börsengang der Telekom von 1996 von einer Spekulationswelle erfasst. Wer sein Geld auf dem Sparbuch hatte, galt als Depp. Bis in die ersten Monate des Jahres 2000 ging alles gut. Internetklitschen ohne Umsatz oder gar Gewinn, ja ohne Geschäftsmodell, wurden an der Börse zu Mondpreisen gehandelt. Der Dax - also der Index der großen deutschen Vorzeigeunternehmen - explodierte auf über 8000 Punkte. Und fiel Anfang 2003 auf 2200 in sich zusammen. Die Internetmilliarden verflüchtigten sich fast völlig.

Der böse Euro

Überschwang und Depression, Höhenflug und Verzagtheit - schon ganz zu Beginn des neuen Jahrzehnts lagen sie dicht beisammen. "Am Anfang war eine unglaubliche Euphorie", gibt Karl Matthäus Schmidt zu, der einst die Bank gegründet und geleitet hat, deren Kunde Mark Lehmann war. Nach dem Börsengang feierte die Consors-Truppe Feten, die Schmidt heute mit Rockkonzerten vergleicht. Der Laden hat anfangs fünf Mitarbeiter, zwischenzeitlich sind es 1350. Aber dann - im Jahr 2001 - steht der smarte Jungbanker Schmidt in Berlin in einem Callcenter, wo 90 Leute für sein Unternehmen arbeiten. Er muss ihnen sagen, dass sie alle ihren Job verlieren. Die Umsätze sind eingebrochen. Es geht nicht anders. Schmidt stellt sich also vor die Kollegen und macht reinen Tisch. "Da war mir zittrig und mulmig", sagt der heute 39-Jährige.

Später haben ihm Mitarbeiter eine Art Arche gemalt und seinen und die Namen der anderen daraufgeschrieben. "Wir sitzen alle in einem Boot", sollte das heißen. Man war nett zueinander in der New Economy. "Da war nie Ärger, sondern Enttäuschung, dass es bergab ging", meint Schmidt.

Kapitalismus schien in den Kreisen der Internetgeneration eine Weile ein böses Wort aus einer anderen Zeit zu sein. Wer die neuen Superreichen wie Ralph Dommermuth, den noch heute erfolgreichen Chef von United Internet, besuchte, der konnte sehen, dass er sich einen Palast für sich selbst baute - aber auch, dass seine Sekretärin Lisa, die den Weg zur Baustelle tief im Westerwald wies, einen schwarzen Mercedes SLK fuhr. Besonders ausgebeutet wirkte die Werktätige nicht.

Doch es gab und gibt nicht nur Lisas in Deutschland. Zu Anfang des Jahrtausends sind mehr als vier Millionen Menschen arbeitslos, rund 2,8 Millionen beziehen Sozialhilfe. Längst sind auch ganz normale Mittelschichtsangehörige vom Wandel betroffen. Im Portemonnaie stecken ab 2002 Euro statt D-Mark, und mancher hegt die Vermutung, dies sei der Grund, dass alles teurer werde. Der Sprit sowieso, die Gaspreise auch. Die Sozialbeiträge steigen. Und quer zu allen Schichten geht ein neuer Riss durch das Land: zwischen denen, die sich um ihre Jobs sorgen müssen, und denen, die etwa als Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes die Sicherheit genießen, die es ein paar Jahrzehnte lang gratis gab. In Berlin, im damals noch nagelneuen Bundeskanzleramt, sitzt in diesen ersten Jahren des Jahrzehnts der Sozialdemokrat Gerhard Schröder. Er sieht, wie sich die Welt um Deutschland herum immer schneller verändert. Wie das alte Modell Deutschland in die Krise gerät.

Der Sozialstaat - das Lieblingsprojekt der gemäßigten Linken im 20. Jahrhundert - stößt an Grenzen. Er ist nicht mehr bezahlbar, nicht mehr nachhaltig, auch nicht mehr gerecht. Die Jungen werden gegen die Alten ausgespielt, die Gesunden gegen die Kranken. Unglaubliche Geldsummen werden umverteilt, ohne bei den wirklich Bedürftigen anzukommen. So führt die alte Arbeitslosenhilfe dazu, dass ein einmal erreichter Lebensstandard über Jahrzehnte das Abrutschen auf Sozialhilfeniveau verhindert - auf das Niveau also, auf dem sich von Anfang an viele alleinerziehende Mütter ohne Ausbildung einrichten müssen.

Die Gruppe derer, die irgendwie von dem alten System profitieren, ist aber so groß geworden, dass sich auf ihre Kosten kaum noch Politik machen lässt. Helmut Kohl, der Dauerkanzler des ausgehenden 20. Jahrhunderts, hat es 16 Jahre lang nicht gewagt. Schröder, 1998 ins Amt gekommen, zögert fast fünf Jahre. Dann, am 14. März 2003, wagt er einen großen Schritt: Im Bundestag verkündet er die Agenda 2010. Es ist das Programm, das ihn gut zwei Jahre später die Kanzlerschaft kosten wird und den Aufstieg der Linken erst möglich macht: Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, fördern und fordern, (fast) jede Arbeit ist besser als keine. Hartz IV, benannt nach dem damaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz, geht in den folgenden Jahren in den allgemeinen Wortschatz ein. Es ist die Bezeichnung für das Leben von staatlicher Mindeststütze, bei der nicht mehr nach der früheren Berufstätigkeit gefragt wird.

Überall dabei sein

Schröder macht, was um ihn herum alle vormachen. Tony Blair räumt in Großbritannien mit dem schon von seinen Vorgängern gerupften Sozialstaat auf, Bill Clinton und dann George W. Bush machen es in den USA. Die neue Konkurrenz aus Fernost kennt ohnehin nur ein Prinzip: Hilf dir selbst.

Die Welt gehört den Stärkeren, den Effizienteren, den Schlaueren. Alles hängt mit allem zusammen. Niemand darf sich mehr den großen Trends verweigern. Das gilt in der Wirtschaft, wo bald jeder Zweifel an den Segnungen des Marktes als Gotteslästerung verfolgt wird. Aber auch militärisch. Schröder und sein grüner Außenminister Joschka Fischer sind im Herbst 1998 kaum vereidigt, da schicken sie Kampfflugzeuge auf den Balkan, um Serbien davon abzuhalten, die Albaner im Kosovo weiter zu unterdrücken. Das neue Deutschland kann nicht mehr, wie noch 1991 im Irak-Konflikt, Schecks ausstellen und das Schießen den Verbündeten überlassen.

"Das war schon ein Paradigmenwechsel", sagt der alte General von Kirchbach, der heute einen Steinwurf vom Preußenschloss Sanssouci entfernt in Potsdam lebt. Die Tornados der Bundeswehr, sagt er, "haben Luftabwehrstellungen nicht nur festgestellt, sondern waren auch dazu da, sie direkt zu bekämpfen". Der Beitrag sei "sichtbar, aber bescheiden" gewesen. Ein paar Jahre nach dem Kosovo-Krieg werden deutsche Soldaten sich in Afghanistan wiederfinden; und zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr wird daheim von "Gefallenen" die Rede sein.

Es wird global

Deutschland ist - soweit das mit seiner Geschichte möglich ist - ein normales Land geworden. Es ist Teil einer neuen Weltgesellschaft; als "Citizens of the world" wird Barack Obama die Berliner 2008 an der Siegessäule begrüßen. Das klingt toll - hat aber auch seine Schattenseiten.

Die Leute sehen auf ihren neuen Flachbildschirmen von "Big Brother" bis zu den Castingshows das gleiche Programm, das auch in anderen Ländern läuft. Handys klingeln auf jedem Schulhof. Navigationssysteme kleben selbst in Kleinstwagen an den Windschutzscheiben. In den Innenstädten leuchten an der Frankfurt Zeil oder der Düsseldorfer Kö die gleichen Marken wie in New York oder Hongkong. Bald wird klar, dass all diese Gesellschaften - europäische, asiatische, amerikanische - sich auf einen gigantischen Wettlauf eingelassen haben: um die Verteilung des globalen Wohlstands. Und diesmal ist keineswegs ausgemacht, dass die Europäer gewinnen werden.

Selbst Mitarbeiter von Traditionsunternehmen wie Siemens können nicht mehr sicher sein, dauerhaft beschäftigt zu werden. Das Handywerk in Kamp-Lintfort etwa verkauft der Konzern erst an den taiwanesischen Konkurrenten BenQ - und der lässt es dann pleitegehen. Anke Haunschild hat 21 ihrer 43 Lebensjahre in dem Werk gearbeitet. Bis zum bitteren Schluss Anfang 2007. "Das war eine große Sauerei", sagt sie noch heute über den Umgang mit den rund 3000 Beschäftigten. Sie selbst war kurz arbeitslos, schuftete dann für bittere 7,31 Euro brutto die Stunde bei einer Zeitarbeitsfirma. Jetzt hat sie einen neuen Job bei einer Firma hinter der niederländischen Grenze, die unter anderem T-Shirts bedruckt. "Ich verdiene etwas weniger", sagt sie. "Aber eigentlich habe ich es noch ganz gut getroffen."

Bildung, Bildung, Bildung

Haunschild gehört zu den Menschen, die in Sonntagsreden immer als die wahren Leistungsträger des Landes gepriesen werden. 14 Jahre hat sie nur Nachtschicht gearbeitet. Sie rackert sich ab. Aber ihr fehlt, was im neuen Kampf um den Wohlstand immer wichtiger wird: eine herausragende Qualifikation.

Es geht um Bildung, Bildung, Bildung. Sie wird entscheiden, wer Sieger und wer Verlierer ist. Das gilt für jeden Einzelnen und für ganze Nationen. Als im Dezember 2001 die erste Pisa-Studie den deutschen Schülern einen Platz im Mittelfeld der Industriestaaten zuweist, ist das ein Schock. Zudem bleibt ein peinliches Problem: Wer in Deutschland in Bezirken wie Berlin-Neukölln als Kind ungebildeter Eltern aufwächst, der hat schlechtere Chancen als die Benachteiligten in den meisten anderen entwickelten Ländern, den sozialen Aufstieg zu schaffen.

Der Ex-Börsianer Mark Lehmann kann den Kindern in Berlin-Neukölln ein wenig vorlesen oder mit ihnen Tischtennis spielen. Seit ein paar Wochen bringt er einigen Schach bei. "Das ist gut für die Konzentration." Aber kann er dafür sorgen, dass die Mehmets und Kevins, die Esras und Chantals eine Chance haben auf Abitur, Studium und einen guten Job? Natürlich nicht. Hier hat die Bundesrepublik versagt, in der doch spätestens seit den 60er Jahren die Chancengleichheit als großes Ziel galt. Hektisch mühen sich die Bundesländer um Besserung. Das Abitur wird auch im Westen bald überall nach zwölf Schuljahren erreicht; Englischunterricht gehört zum Standardprogramm der Grundschulen. Der Ruf nach einer Kindergartenpflicht wird laut, und Konjunktur haben Bildungsangebote für Vierjährige.

Milch und Honig

Dazu beginnt das Großreinemachen in der Wirtschaft: Den Gewerkschaften werden über Jahre niedrige Lohnabschlüsse abgepresst, alte Vergünstigungen fallen, die Produktivität steigt - und damit auch Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit (und die Gewinne der Unternehmen).

Das in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch so kleinmütige Volk der Deutschen holt innerhalb weniger Jahre auf: weniger Arbeitslose, noch mehr Exporte, mehr Wachstum. Selbst die ins bodenlose gestürzte Börse erklimmt wieder alte Höhen. Und politisch? Da sind schon vor der ökonomischen Erholung die Zeiten vorbei, in denen sich Deutschland kleinmacht, wenn der große Bruder USA ruft. Sein markiges Nein zum Irak-Krieg bringt Kanzler Schröder Stimmen bei der Wiederwahl 2002 und Ärger mit Präsident Bush.

Doch längst haben sich die Gewichte verschoben: Die Politik - alle ihre Armeen eingeschlossen - scheint machtlos gegen die Dynamik des Kapitals. Das befreit sich aus dem Korsett staatlicher Regelungen, schwirrt in riesigen Mengen um den Erdball und kann darauf vertrauen, überall umworben und verhätschelt zu werden. Auch in Deutschland. Daran ändert die rot-grüne Regierung nichts. Im Gegenteil. "Die Grünen waren vor ein paar Jahren finanzmarktfreundlicher als die CDU heute", sagt Oliver Moldenhauer, der in den 90er Jahren selbst ein Grüner war und in den 2000er Jahren eine der Stimmen der Globalisierungskritiker in Deutschland.

Im Januar 2000 hat Moldenhauer in Frankfurt das erste Treffen von Attac in Deutschland moderiert. Die Gruppe mit dem merkwürdigen Namen ist ein Import aus Frankreich und setzt sich ursprünglich dafür ein, Börsengeschäfte mit einer Steuer zu belegen. Attac versammelt die Menschen, denen es nicht passt, dass nur noch die Rendite zählt. Organisiert haben die Aktivisten das wie ein Internet-Startup. Sie hocken an ihren Computern in Verden an der Aller - weit ab vom Schuss - und bombardieren die Sympathisanten über ihre Webseite mit Infos, Diskussionshilfen, Terminen, Foren und Kontaktdaten. "Es ist kein Zufall, dass wir auf dem Höhepunkt des scheinbaren Siegeszuges des entfesselten Marktes entstanden sind", sagt der ehemalige Attac-Aktivist Moldenhauer.

Ein paar Tage im Sommer 2001 machen aus Attac eine Massenbewegung. Es sind die Tage des G-8-Gipfels in Genua, bei dem ein Demonstrant erschossen und Zehntausende von einer wild gewordenen italienischen Polizei mit Tränengas und oft auch mit Knüppeln verfolgt werden. "Danach ging es richtig ab", sagt Moldenhauer. Ein paar Wochen denken die Globalisierungskritiker, jetzt könnten sie die Massen gewinnen und die Welt ändern. Dann kommt der 11. September 2001.

Angriff auf den Kapitalismus

Um 8.46 Uhr Ortszeit schlägt an diesem Dienstag das erste Flugzeug im Nordturm des World Trade Center in New York ein, um 9.03 Uhr das zweite in den anderen Turm. Die Wahrzeichen der Kapitale des westlichen Kapitalismus stürzen ein. Sie begraben Tausende Menschen und den Traum von einer friedlichen Welt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte erklärt die Nato, das alte Verteidigungsbündnis des Westens, den Verteidigungsfall. Nicht eine kommunistische Supermacht ist der Gegner, sondern fanatisierte Islamisten, die ausgerechnet in Hamburg den größten Terrorakt der Geschichte vorbereitet haben.

Der "Kampf der Kulturen", den der US-Politologe Samuel Huntington so eindringlich beschworen hatte, scheint begonnen zu haben. Spüren kann man das bald an jedem Flughafen, bei jeder Großveranstaltung und überall, wo Tausende Menschen zusammenkommen. Die Sicherheitsvorkehrungen steigern sich ins Absurde. Die Angst ist allgegenwärtig. Verwackelte Aufnahmen einer Überwachungskamera werden wenige Jahre später zeigen, wie ein Mann mit einer Kofferbombe über einen deutschen Bahnsteig schlurft.

Ausgerechnet Otto Schily, einst ein feuriger Anwalt der Freiheit des Einzelnen gegen Übergriffe des Staates, sorgt als Innenminister dafür, dass neue Gesetze die Sicherheit verbessern und das Leben ungemütlicher machen.

Das Sommermärchen

Doch dann passiert in Deutschland etwas geradezu Unglaubliches. Im Jahr 2006 feiert das ganze Land mit vielen Hunderttausend Gästen aus aller Welt ein gigantisches Fest. Die Sonne scheint ununterbrochen in diesen Wochen. Es ist das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft. Schwarz-rot-goldene Fahnen wehen - und sind ein Zeichen guter Laune ohne jeden Hauch von Nationalismus oder Chauvinismus. Dass die Deutschen das Halbfinale unglücklich gegen Italien verlieren, wirkt im Nachhinein wie eine geniale Dramaturgie. Wir waren gut, sehr gut sogar, fast hätten wir gewonnen - und als wir das nicht getan haben, ging die Party einfach weiter. Weit mehr als ein Jahr surft das Land auf der Welle des neuen wirtschaftlichen Erfolges und einer tiefen Zufriedenheit mit sich selbst.

Bis vor wenigen Monaten ging das so. Und scheint doch unendlich weit entfernt. Zu tief sind die Verwerfungen, die das Desaster des entfesselten Kapitalismus im Herbst 2008 begleiten. Die Banken taumeln, die Wirtschaft stellt sich auf eine schwere Rezession ein. Ein "Katarakt" der Geschichte müsse überwunden werden, sagt der Bielefelder Großanalytiker Wehler. Eine Stromschnelle also, eine Zeit, in der sich der Lauf der Dinge beschleunigt.

Doch wer nun um seinen Job fürchtet, um seine Lebensversicherung, um die Aktien in seinem Depot - dem kann schon ein Blick auf die vergangenen zehn Jahre in Deutschland ein wenig Ruhe und Kraft geben. Auch heute ist nicht der Tag, an dem die düsteren Prophezeiungen des Johannes wahr werden. Ablesen kann man es daran, dass alles schon mal da war in diesem turbulenten Jahrzehnt: Der Dax rauschte von weit oben nach tief unten. Und kam wieder hoch. Die Zahl der Arbeitslosen lag schon einmal bei 5,2 Millionen, nämlich im Februar 2005. Und fiel wieder um zwei Millionen. Schon einmal - im Überschwang der New Economy - wurde verkündet, dass die Welt nun eine andere sei. Und doch blieb vieles, wie es war. Was damals in der Euphorie richtig war, stimmt auch in der Krise dieser Tage: Wann immer ein neues Zeitalter ausgerufen wird, ist Skepsis angebracht.

Marktwirtschaftliches Umdenken

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesen Tagen ist das Ende einer fast drei Jahrzehnte lang vorherrschenden Strömung, die aus den Studierstuben der Universitäten kam, in den 80er Jahren das Denken der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und des amerikanischen Cowboy-Präsidenten Ronald Reagan prägte und zu Beginn des neuen Jahrhunderts auch die Sozialdemokraten in Europa infizierte. Nämlich dass der Markt der Anfang und das Ende von allem sei. Dass das Heil ausbreche, wenn man nur seiner Urgewalt freien Lauf lässt.

Seit Banker in Scharen um Geld vom Staat betteln, ist dieses Denken gründlich diskreditiert. Angela Merkel, die erste Frau und erste Ostdeutsche im Kanzleramt, ist ein gutes Beispiel für die Wende im Weltbild: 2003 noch hat sie auf dem Leipziger Parteitag der Christdemokraten einen Gottesdienst für den Markt gelesen. Jetzt schimpft auch sie - wie fast alle anderen - auf nacktes Renditedenken, auf die ungezügelte Gier und den Raubtierkapitalismus. Plötzlich scheint wieder sehr modern, was lange hoffnungslos altmodisch wirkte: die Idee des Ausgleichs zwischen Kapital- und Arbeitnehmerinteressen und die schöne Vorstellung, dass Eigentum verpflichte.

Doch wer auf die bald 60 Jahre Geschichte der Bundesrepublik blickt, der kann auch erkennen, dass die großen Erfolge erst möglich wurden durch die Wohlstandsmaschine, die eine freie Wirtschaft noch immer ist.

"Ich habe tiefen Respekt vor der ingeniösen Erfindung des Marktes", sagt der Historiker Wehler. Nur könne der Markt - wie heute leicht zu erkennen sei - weder für Gerechtigkeit sorgen noch sich selbst regulieren. Sein Fazit würde den Männern und Frauen gefallen, die diesen erfolgreichsten Staat auf deutschem Boden vor bald 60 Jahren gegründet haben: "Ich sehe niemanden, der ein System hat, das der sozialen Marktwirtschaft überlegen wäre."

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