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60 Jahre Bundesrepublik: Ölkrise und RAF-Terror

Es beginnt so gut - Kanzler Willy Brandt will die Versöhnung mit Polen und "mehr Demokratie wagen". Doch dann platzt der Traum vom ewigen Wachstum. Das Jahrzehnt der Krisen führt die Republik in die Bewährungsprobe. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im dritten Teil: die Siebziger.

Von Michael Stoessinger

Es ist der 7. Dezember 1970, als dieses Foto um die Welt geht. Und vielleicht bricht an diesem Tag, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zum ersten Mal das Bild vom hässlichen Deutschen, von einem Volk der (Blut-)Richter und Henker. Ein Mann kniet am Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Ein Moment für die Ewigkeit, festgehalten von dem Journalisten Hermann Schreiber: "Er hat mit zeremoniellem Griff die beiden Enden der Kranzschleife zurechtgezogen, obwohl sie kerzengerade waren. Er hat einen Schritt zurück getan auf dem nassen Granit. Er hat einen Augenblick verharrt in der protokollarischen Pose des kranzniederlegenden Staatsmanns. Und ist auf die Knie gefallen, ungestützt, die Hände übereinander, den Kopf geneigt."

"Wandel durch Annäherung"

In der Nacht zuvor, so gegen halb zwei, ist Willy Brandt noch einmal über den Hotelflur gegangen, hinüber zu Günter Grass und Siegfried Lenz, die noch zusammensitzen. Die beiden Schriftsteller gehören zum Tross des Kanzlers, der am selben Tag das deutsch-polnische Abkommen unterzeichnen will, Teil der Ostverträge, Grundlage einer neuen Friedensarchitektur. Konrad Adenauers gelungener Westbindung soll die Öffnung nach Osten folgen. "Wandel durch Annäherung" nennt Brandts wichtigster Berater Egon Bahr den neuen Kurs, "Aggression auf Filzlatschen" der Außenminister der Deutschen Demokratischen Republik, "Verrat der deutschen Ostgebiete" die CDU/CSU. Brandt fragt Grass und Lenz, wie sie sich fühlten. Grass antwortet mit der Gegenfrage: "Und wie geht's Ihnen?" - "Wir überstehen es schon", sagt Willy Brandt.

Die nächtliche Begegnung, der morgendliche Kniefall - auch 38 Jahre danach leben die Augen-Blicke auf, wenn Lenz davon spricht. "Ins Knie gebrochen", sei Brandt, "die äußerste Reaktion eines Politikers erschien mir als extreme Tugend und Selbstentblößung." Vielleicht liegt hier, in der Selbstentblößung, der fundamentale Unterschied zwischen dem Emigranten Willy Brandt und dem Weltkriegs-Oberleutnant Helmut Schmidt, zwischen den beiden sozialdemokratischen Kanzlern, die die 70er Jahre politisch prägen: Selbstentblößung, sagt Schmidt noch heute, widere ihn an.

Brandt und Schmidt, das sind die beiden miteinander fremdelnden Parteifreunde und Antipoden eines Jahrzehntes, das wohl das widerläufigste seit Kriegsende ist: ein Jahrzehnt, in dem mehr Demokratie gewagt werden soll und Berufsverbote verhängt werden. Ein Jahrzehnt des äußeren Friedens und des inneren Terrors, des US-Parkas und der Friedenstaube, der Vollbeschäftigung und der Massenarbeitslosigkeit. Es gibt die Wirkungsmacht des Neuen Deutschen Films eines Rainer Werner Fassbinder und Machwerke à la "Wo der Wildbach durchs Höschen rauscht". Peter Handke und Franz Xaver Kroetz verdrängen im Schulunterricht Schiller und Goethe.

Aufbruch vs. Ernüchterung

Ein Jahrzehnt des großen gesellschaftlichen Aufbruchs mit komischen Zügen. In einer Kleinanzeige heißt es: "Drei Männer im Ausbildungsprozess haben zwei Zimmer in WG frei. Wir würden zwei Frauen bevorzugen, nicht um etwas zum Bumsen daheim zu haben, sondern weil wir meinen, dass in einer gemischten Besetzung ein anderer Zugang zu Problemen möglich ist ..." Und am Ende ist es eine Dekade der noch größeren Ernüchterung. "Die Siebziger, das ist eine Gemischtwaren-Veranstaltung. Ganz viele Hoffnungen, Reformpolitik, Bildungsoffensive, dann der Wetterwechsel durch den Ölpreisschock 1973, die RAF, die Reduktion aufs Wesentliche", sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar. "Letztlich ist es doch ein Jahrzehnt der Enttäuschungen geworden."

Dabei haben die Siebziger so gut begonnen. Auch für die neue sozial-liberale Regierung. In den Ortsvereinen der SPD herrscht Gedränge. "Alle wollen dabei sein, wollen gestalten", sagt Helmut Spannel. Als Willy Brandt ins Knie bricht, ist er 32 Jahre jung, ein Kind des Gezeitenwechsels, der propagierten Chancengleichheit. "Mit 15 beim Krupp über die Mauer geworfen", wie er seine Schlosser-Lehrjahre beim großen Stahlwerk nennt, bildet sich Spannel in Abendschulkursen bis zum Bauingenieur hoch. Und führt den SPD-Ortsverein in Wattenscheid-Eppendorf. Bald müssen sie ihn teilen, Eppendorf-Heide und Eppendorf-Denkmal. "Parteifreunde bringen Bekannte mit, die mal reingucken wollen. Die kommen das nächste Mal wieder, bringen wieder einen mit, der bleibt auch dabei. Und so geht das Monat um Monat." Was können wir machen, Helmut? Parteizeitung austragen, kassieren? Wenn der wirtschaftspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion in die Aula der Realschule Höntrop kommt, sitzen da 400 Menschen. Die Partei, nicht der Fernseher ist Informationsquelle. Und es ist die Partei, die Stadtteilplanung betreibt und umsetzt. Wollen wir erst die Schule, dann das Schwimmbad und die Straße bauen oder umgekehrt? Die kommunalen Behörden nicken nur ab, was die SPD vorgibt.

Die Grenzen verfließen. Bei Hoesch, dem Dortmunder Stahlwerk, melden sich die Schichten früher ab, wenn mal wieder Wahlkampf ansteht: Willy kleben. Die Plakatwände werden im Werk gemacht. Nieten, Schrauben, Kleister, das ganze Material, kein Thema, sagt Jan Tech, Spannels Dortmunder Parteifreund. Die Personalchefs, die sogenannten Arbeitsdirektoren, das sind Gewerkschafter. Gewerkschafter, das sind Genossen. Wenn Willy Brandt am 1. Mai von Hoesch aus zu Fuß zur Kundgebung im Westfalenpark aufbricht, gehen Tausende mit. Menschen, die sich angezogen fühlen von diesem "Durchlauferhitzer fremder Empfindungen", wie der Schriftsteller Lars Brandt 35 Jahre später in seinem Buch "Andenken" über den eigenen Vater schreibt.

Mein Bauch gehört mir

Aufbruch und Bewegung, wohin man blickt. Vor allem in Berlin, der Frontstadt linker und linksradikaler Sehnsüchte. Aus Osterode ist Eleonore Möding rübergekommen, um "einen politisch linken Kontext" zu leben: "frei, gleichwertig, mit allen Schwierigkeiten und Irrtümern - im akademischen Bereich wie auch im sexuellen". Seit dem Wintersemester 1970 studiert sie, noch keine 20, politische Wissenschaften. Sie schließt sich dem Sozialistischen Frauenbund an, und als im Sommer 1971 junge Frauen für eine Initiative gesucht werden, ist sie dabei. "Mein Bauch gehört mir", heißt die Aktion der 28 Jahre alten Journalistin Alice Schwarzer, für die sie den stern gewinnt. Endlich soll der Paragraf 218 fallen, der die Abtreibung unter Strafe stellt, eines der vielen Relikte einer männerdominierten Gesellschaft. "Wir haben abgetrieben!", titelt der stern am 6. Juni 1971. Und schreibt unter das Selbstbekenntnis von 374 Frauen: "Dies ist kein Aufstand gegen das Recht, sondern ein Protest gegen die Verlogenheit eines Paragrafen, an den selbst Richter nicht mehr glauben. Klagt uns an, sperrt uns ein, wenn ihr den Mut dazu habt." Die alte Regelung drängt beinahe eine Million Frauen pro Jahr in die Illegalität.

Schwanger war Eleonore Möding zwar nicht, ebenso wenig wie die meisten anderen Unterzeichnerinnen, aber hier geht es um das Prinzip. In Gewissensnot kommt sie nur, als sie ein Brief der Staatsanwaltschaft erreicht: "Haben Sie Ihre Leibesfrucht selbst abgetrieben, oder haben Ihnen andere dazu Beihilfe geleistet?" Ihre Sorge gilt den Eltern, denn sie ist noch keine 21, also nicht volljährig. Was, wenn ihre Eltern belangt werden? Die Strafverfolgung aber bricht unter der Flut der Bekennenden zusammen: Tausende tragen sich in den folgenden Wochen in Listen ein. Zu Hause in Osterode ist die Aktion nur einmal Thema, als Mödings Mutter fragt, warum sie sich im stern unzutreffend als 21-jährige "Hausfrau" ausgegeben habe: Führst du in Berlin etwa einem Mann den Haushalt? Gott bewahre, nein, aber es sollten eben nicht nur Journalistinnen und Studentinnen und Schauspielerinnen im Manifest stehen.

Jede Avantgarde braucht schließlich einen Unterbau, wenn sie das System überwinden will. Das lernen sie dann noch, die Spontis, die Dany Cohn-Bendits und die Joschka Fischers, die die Arbeiterschaft politisieren wollen und sich mit der Staatsmacht anlegen, deren Gewaltmonopol das Faustrecht entgegenhalten, weil die "Feindschaft gegenüber diesem Staat nicht mehr nur eine Frage der Theorie" ist, weil man ja "ganz praktisch den Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung" will.

Es darf gefragt werden

Die friedfertigere Variante findet sich in den Schulen, wo eine neue Lehrergeneration der Autorität ihre Argumentation entgegensetzt. Wenn schon, dann Sach- und nicht Personenautorität, sagt Angela Bahl, die 1973 im Alter von 25 an einem Düsseldorfer Gymnasium ihre Schullaufbahn beginnt. Jede Handlung, das ist die Position der Jungpädagogin, muss reversibel sein: "Wenn ich zu einem Schüler sage, du Blödmann, muss er das auch zu mir sagen können. Wenn ich einen Oberstufenschüler duze, muss er das auch mit mir können." Das gibt Diskussionen im Lehrerzimmer. Das geht nicht, sagt der Schulleiter. - Warum nicht? - Wegen der Autorität. - Welcher? - Unserer, wie stehen wir sonst da? - Wieso, wie denn?

Die Junglehrer manövrieren sich in spannende, schwierige Situationen. Bahl setzt im Fach Erziehungswissenschaften eine Unterrichtsreihe zur Beliebigkeit von Noten an. Was zur Folge hat, dass die Schüler an deren Ende vor dem Lehrerzimmer stehen und sagen: Diese Unterrichtsreihe darf nicht benotet werden. Gut, einverstanden, sagt Bahl nach Rücksprache mit dem Schulleiter: "So eine Unterrichtsreihe kann man nicht benoten." Denn darum geht es ihr ja auch gar nicht, ihr geht es um Problembewusstsein: Lasst euch nicht einwickeln, hinterfragt alles und jeden.

Was sich in dieser Zeit entwickelt an deutschen Schulen, wird zur Basis einer neuen Partei im Jahrzehnt danach. "Die Lehrer werden in den 80er Jahren zur Hauptbastion der Grünen", sagt Wolfgang Kraushaar. Und mit ihnen verliert die SPD dann eine ganze Generation der politischen Talente.

Noch aber ist Brandt eine Ikone politischer Modernität - und das ist, bei aller Liberalität dieses Mannes, womöglich auch eine Laune des Zufalls. Peter Brandt, ältester Sohn und Geschichtsprofessor in Berlin, schreibt in einem kaum beachteten Essay: "Vielleicht klingt es zynisch, wenn ich sage, Willy Brandt ist Ende 1966 gerade noch rechtzeitig aus Berlin weggekommen." Wie hätte er als Regierender Bürgermeister auf die Demonstrationen gegen den Schah von Persien reagiert, wie auf die Erschießung des Demonstranten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten, wie auf den Mordanschlag gegen den Studentenführer Rudi Dutschke? "Es ist schwer vorstellbar, dass die Wandlung seines öffentlichen Images zu dem eines Förderers der kritischen Jugend so reibungslos vonstatten gegangen wäre." Zumal Brandt "in der Frage des Vietnamkrieges an der Seite der USA" stand.

Das bittere Ende

Fünf Jahre ist er Kanzler, ein Misstrauensvotum übersteht er, Anfang Mai 1974 tritt Willy Brandt zurück. Sein letztes Amtsjahr ist da schon zur (Selbst-)Qual geworden: die Ölkrise, die Affäre um Günter Guillaume, den DDR-Spion im Kanzleramt, Brandts Hang zu Eskapade und Eskapismus. Die Nacht der Entscheidung erlebt Sohn Lars mit: Sein Vater zeigt ihm gegen halb zwei in der Früh den Rücktrittsbrief an den Bundespräsidenten. Lars Brandt ist schmerzlich berührt: "Sein offizielles Briefpapier mit dem Adler, dessen feste Bögen den Fingern etwas zum Greifen boten. Vermutlich eine der letzten Gelegenheiten für ihn, Gebrauch davon zu machen. Dabei hatte es immer gute Dienste geleistet, auch in manchem privaten Notfall, wenn es etwa nach außerehelichen Verfehlungen, die ans Licht gekommen waren, Gutwetter zu machen galt."

Und es geschieht zu dieser Zeit, was die auf stetes Wachstum programmierten westlichen Gesellschaften im Kern erschüttert: Die erdölproduzierenden Länder Arabiens drosseln im Oktober 1973 die Förderung. Binnen eines Tages schießt der Preis pro Barrel von drei auf fünf US-Dollar und 1974 auf zwölf Dollar. Länder wie die USA und die Niederlande, über die die Bundesrepublik ihren wichtigsten Rohstoff bezieht, werden vorübergehend ganz boykottiert. An vier Sonntagen des Jahres 1973 müssen die Autos in Deutschland stehen bleiben - das ist eine Botschaft an die automobilen Wohlstandsbürger: Wir sind abhängig vom Rohstoff, abhängig von den Arabern.

Der Manager Wilhelm Bonse-Geuking erlebte, wie die Märkte verrücktspielten: "Die Menschen horteten den Sprit in ihren Häusern, die gingen an die Tankstellen sogar mit völlig ungeeigneten Kunststoffkanistern, deren Material sich auflöste. Da sind ganze Häuser abgebrannt." Halb leere Autotanks werden aufgefüllt, aus Angst, es komme nichts mehr nach. "Das führte zu einem Nachfrage-Boom, den der Markt gar nicht bedienen konnte. Und das Gleiche passierte beim Heizöl." Zwei mit Schweröl betriebene Kraftwerksblöcke des Stromversorgers Veba, mit je 700 Megawatt, werden vom TÜV abgenommen - und eingemottet. Ausgerufen wird die Renaissance der Steinkohle, erinnert sich der damalige Veba-Manager Bonse-Geuking, der heute einer Stiftung vorsteht, die den Kohlebergbau abwickeln soll. Zugleich wird der Ausbau der Atomenergie beschleunigt. Bonse-Geuking erlebt einen pragmatischen Kanzler: "Schmidt hatte erkannt, dass ein Exportland nur dann erfolgreich ist, wenn es über eine sichere und wirtschaftliche Energieversorgung verfügt. Das gilt bis heute."

Die Energiekrise, aber auch die rasante Automatisierung bergen neue Risiken: Der Fortschritt frisst seine Kinder, die menschliche Arbeitskraft beginnt an Bedeutung für den Arbeitsprozess zu verlieren. Der SPD-Politiker Volker Hauff, Ende der 70er Jahre Wissenschaftsminister, schreibt in einem Aufsatz von der schleichenden Aushöhlung der Grundrechte durch "technologisch bedingte Arbeitslosigkeit". Er schlägt in fast rührender Hilflosigkeit ein Moratorium vor, "international abgestimmte Maßnahmen zur Nichtverbreitung von Technologien". Der Bericht des "Club of Rome" über die "Grenzen des Wachstums" zeigt auf, dass die bisherige Art zu wirtschaften nicht mehr unbekümmert fortgesetzt werden kann.

Kunjunktur auf Talfahrt

Die politischen Kommentatoren in Bonn schreiben den Abgesang auf die Reform-Ära: "Die Milliarden, die an die Ölländer fließen, stehen für den Verteilungskampf nicht mehr zur Verfügung. Die sozialpolitischen Auseinandersetzungen werden an Brisanz gewinnen." 1970 sind 149.000 Menschen ohne Beschäftigung, fünf Jahre später registriert die Bundesanstalt für Arbeit mehr als eine Million. Die Jobmisere verfestigt sich. Der Beginn der strukturellen Arbeitslosigkeit und die konjunkturelle Talfahrt markieren auch den Beginn der galoppierenden Staatsverschuldung: Mit Krediten zur Finanzierung staatlicher Investitionen soll wirtschaftliches Wachstum erzeugt werden. Bis heute wird darüber gestritten, ob das sinnvoll ist.

Der neue Kanzler, Helmut Schmidt, verkündet in seiner ersten Regierungserklärung am 17. Mai 1974 die Zeitenwende: "Wir konzentrieren uns in Realismus und Nüchternheit auf das Wesentliche." Unter der Kapitelüberschrift "Unser Staat ist in Ordnung" fasst Schmidt etwas ungelenk und großzügig zusammen: "Unser Volk lebt in sozialer Sicherheit, und unser Volk lebt in Freiheit. Der innere Friede ist gefestigt, und der äußere Friede ist gefestigt." Der äußere schon.

Der innere auch - wenn man absieht von den Kaufhausbränden und den Anschlägen auf US-Einrichtungen, bei denen ein Soldat stirbt, vom Mord an Norbert Schmid, dem ersten Polizisten, der von der Roten Armee Fraktion (RAF) erschossen wird. Die ehemalige Journalistin Ulrike Meinhof schreibt in einem Pamphlet der RAF: "Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden." Und es wird geschossen, verletzt, entführt, getötet. Ein Blutrausch, dessen mörderischste Phase am 7. April 1977 mit dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback beginnt.

Jetzt, so empfindet das der damals 32 Jahre alte Rechtsanwalt Hanns-Eberhard Schleyer, ist die Gefahr zum Greifen nah, nicht im staatspolitischen Sinne, im ganz persönlichen, familiären. Hanns-Eberhard Schleyer bespricht die Lage mit seinem Vater Hanns Martin, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und Präsident der Arbeitgeberverbände. Der spürt die zunehmende Aggressivität, auch die gewachsene Gefahr. Aber der Staat, sagt er seinem Sohn, müsse Stärke zeigen: "Wenn mir etwas zustoßen sollte, so bitte ich euch, die Entscheidungen der Bundesregierung zu akzeptieren."

Nicht erpressbar

Im Verlauf seiner Geiselhaft, die am 5. September beginnt und am 18. Oktober mit seiner Ermordung endet, im Verlauf dieser 44 deutschen Herbsttage, revidiert Hanns Martin Schleyer diese Äußerung. Alles andere wäre auch übermenschlich. Standfest bleibt der Kanzler. Helmut Schmidt hat sich, anders als im Falle des zwei Jahre zuvor entführten CDU-Politikers Peter Lorenz, früh entschieden und Oppositionsführer Helmut Kohl eingebunden: Der Staat ist nicht (mehr) erpressbar. So aber sagt Schmidt das dem Sohn nicht. Er spricht von staatspolitischer Räson und Fahndungsdruck, davon, dass alles unternommen werde.

Wer heute mit Hanns-Eberhard Schleyer darüber spricht, trifft auf einen vom Schicksal des Vaters tief geprägten, aber lebensklugen Menschen ohne Ressentiment. Das ist wichtig zu wissen, um seine Sätze richtig einzuschätzen: "Helmut Schmidt hat uns zu keinem Zeitpunkt gesagt, wie er denkt. Im Grund hat niemand den Mut gehabt, es deutlich auszusprechen." Wenige Jahre später, es ist auf einem Presseball in Bonn, bittet Schmidt den Schleyer-Sohn an seinen Tisch. Nach der Begrüßungsfloskel sitzen die beiden Männer schweigend nebeneinander. "Er wollte mit mir reden, hat es aber nicht fertiggebracht. Ich glaube, er wollte nie in eine Diskussion mit den Betroffenen geraten, die ihn womöglich an der Richtigkeit seiner Entscheidung hätte zweifeln lassen."

Es ist Hanns-Eberhard Schleyer , der später als Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei die ersten Begnadigungsersuche von RAF-Terroristen auf den Tisch bekommt. Zeigen die Täter Reue? Das ist die eine Frage, die er in den Mittelpunkt rückt. Beteiligen sie sich an der Aufklärung der Verbrechen?, ist ein zweites Kriterium, das er auch 2007, in der Diskussion um die Begnadigung von Christian Klar, herausstellte. Als Bundespräsident Horst Köhler ihn nach seiner Meinung fragte, sprach Schleyer mit ihm über diese Punkte - und bestärkte ihn, sich selbst im persönlichen Gespräch mit Klar ein Bild zu machen.

Die Republik, so sehen das die Historiker im Rückblick auf die Siebziger, geht gestärkt aus der größten Krise seit ihrer Gründung hervor. Aber der Terrorismus, die zeitweise staatliche Überreaktion, die Wirtschaftskrisen und ein sich Bahn brechender Pessimismus - das alles drückt auf das gesellschaftliche Klima.

Die Reise ins Ich

Was folgt, "ist die postmaterialistische Orientierung", wie Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar die Phase zum Ende der Siebziger nennt. Die Protestbewegung parzelliert sich. Viele drehen nun das Marx'sche Verdikt einfach um: Wenn das Sein schon nicht das Bewusstsein bestimmt, versuchen wir es doch mal andersherum. Eine Reise ins eigene Ich, die für nicht wenige nach Poona in Indien führt. Dort sitzt ein ehemaliger Philosophieprofessor mit dem Namen Bhagwan Shree Rajneesh und hält "jeden Tag einen gestochen scharfen Vortrag über Buddha, Wittgenstein, über Nietzsche", wie es der stern-Reporter Jörg Andrees Elten erlebt.

Elten ist Ende 40, Auslandsreporter, Kriegsberichterstatter - und müde, weil so vieles Routine geworden ist, was gestern noch fesselnd war. Jetzt ist er elektrisiert. Elten verliert seine berufliche Distanz, denn Bhagwan wird auch für ihn zur Projektionsfläche eigener Verdrückungen. Bhagwan sagt: "Ihr seht die Realität nicht, weil ihr die Welt durch die Brille eurer Vorurteile anschaut. Ihr seid nicht in Verbindung mit euch selbst, deswegen wisst ihr nicht, wer ihr seid." Gewalt, Angst und Sex seien die drei fundamentalen Energien der Welt, sie gelte es auszuleben. Und das macht Elten dann auch.

Seine Artikel und sein anschließendes Tagebuch ("Ganz entspannt im Hier und Jetzt") sorgen in Deutschland für Furore. Der Boulevard hat sein schaurig-schönes Thema, das Kleinbürgertum jault auf - und schaltet dann wieder auf "Disco" um. "Licht aus, Spot an. Hallo Freunde - hallo Ilja." Bis zu 20 Millionen Menschen sehen in den Siebzigern die ZDF-Musiksendung mit Ilja Richter, einem jungen Berliner mit komödiantischem Talent. Diskothek heißt im Duden der Zeit: "Schallplattensammlung, Neuwort des 20. Jahrhunderts; aus griechisch Diskos = Scheibe und theke = Behältnis." Richter tritt in Anzug und Krawatte auf. Er will nicht aussehen wie seine Gäste und die ands. Und er soll ja auch zwei Generationen an den Bildschirm holen. In den Siebzigern geht das noch. Da treten dann, immer wieder samstags, Cindy & Bert auf, Bob Dylan, Deep Purple und Udo Jürgens. In maßgeschneiderten Hosen und weißem Seidenhemd singt er "Rhodos im Regen".

Vom Protestmarsch ins Parlament

Draussen im Lande fangen sie an, vom sauren Regen zu reden, vom Waldsterben, von der tödlichen Kernenergie und der noch tödlicheren Aufrüstung. Eine neue Avantgarde aus den Restbeständen der 68er. "Nach dem deutschen Herbst schälen sich grün-bunt-alternative Listen heraus. Es sind Menschen, die immer noch das Projekt einer Gesellschaftsveränderung im Kopf haben", sagt Wolfgang Kraushaar, "nur suchen sie nun den Weg in die Parlamente. Petra Kelly hat es zunächst auf den Begriff der Anti-Parteien-Partei gebracht." Die Friedensbewegung beginnt sich zu formieren.

Drinnen, in der SPD, gehen sie auch auf Gegenkurs - zu Kanzler Helmut Schmidt. Der Protest gegen die Kernenergie ist das eine - an den Bauplätzen in Brokdorf und Wyhl gibt es heftige Demos. Die Angst vor einem heißen Krieg ist das andere. Durch die auf Westeuropa gerichteten neuen Mittelstreckenraketen der Sowjets sieht Schmidt das militärische Gleichgewicht bedroht. "Nato-Doppelbeschluss" heißt das Wort, das seine Partei spaltet. Die Logik: verhandeln, um abzurüsten, gleichzeitig mit der Stationierung neuer Raketen drohen. Als die Parteilinken 1979 mobilmachen gegen den Beschluss, da droht auch Schmidt: Wer an der Nato-Position rüttele, der müsse sich einen neuen Kanzler suchen. Noch einmal halten die Parteifreunde still. Aber der Druck der Straße steigt - und mit ihm die Zahl der innerparteilichen Gegner um Erhard Eppler und Willy Brandt. Die Kanzlerdämmerung hat begonnen.

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