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65. Geburtstag von Konstantin Wecker: "Der Tod ist nichts, was man wegsperren muss"

Der Liedermacher und Revoluzzer Konstantin Wecker feiert seinen 65. Geburtstag. Im Interview spricht er über Jugendwahn, Oberflächlichkeit und seinen Umgang mit dem Älterwerden.

Herr Wecker, am 1. Juni haben Sie Ihren 65. Geburtstag gefeiert. Ist es mit dem alt werden so, wie Sie es in Ihrem Lied "I wird oid" beschreiben: Grund zur Freude, weil man nicht mehr mit Gewalt jung sein muss?
Man muss das Alter anschauen, man muss es annehmen, und man muss es als große Chance wahrnehmen, wirklich in der Zeit zu sein, die einem das Leben gerade zur Verfügung stellt. Ich glaube, dass es ein großer Fehler ist, sich immer mit Gewalt jung machen zu wollen. Natürlich ist damit ein Riesengeschäft in unserer Gesellschaft zu machen, aber es bringt der eigenen Psyche nicht viel, wenn man sich zum Beispiel in die Hand der Schönheitschirurgen begibt.

In Liedern wie "Genug ist nicht genug" haben Sie immer wieder die Lebensgier beschworen. Ist diese Gier noch da – oder ist der reife Wecker irgendwie genügsamer und gelassener geworden?
Altern bedeutet nicht unbedingt, genügsamer zu werden oder weniger engagiert zu sein. Vielleicht sogar das Gegenteil – durch die Chance, im Altern die Vergänglichkeit von allem zu erkennen und mehr im Augenblick zu leben. Im Wissen um die Endlichkeit des eigenen Lebens kann ich den Augenblick nutzen. Dazu fällt mir eine Passage aus einem meiner Gedichte ein:

"Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden, gönn ihm keinen Blick zurück. In der Zeit muss alles sterben, aber nicht im Augenblick."

Wenn es um politischen Protest geht, ist bis heute wenig Genügsamkeit oder Zurückhaltung bei Ihnen zu spüren. Sie hat die Kampfeslust nie verlassen, ob es gegen die Banker oder die Atomlobby geht. Heute engagieren Sie sich – so auch der Titel des letzten Albums – mit "Wut und Zärtlichkeit". Ist das die Altersmilde des Rebellen?
Ich dachte immer, je älter ich bin, desto mehr kann ich zu einem Liebenden werden. Aber ich kann nicht in Liebe zerfließen, wenn ich sehe, wie ungerecht es in der Gesellschaft zurzeit zugeht. Früher habe ich noch gemeint, man könne alles im Leben unter einen Hut bringen, inzwischen bin ich weiser: Man kann zwischen Zärtlichkeit und Wut, zwischen Liebe und Engagement hin- und hergerissen sein. Das gehört zum Menschen. Ich will es nicht mehr zusammen bringen, ich will keine Formel mehr finden.

Zur Wahrhaftigkeit und Faszination Ihrer Lieder und Texte trägt sehr bei, dass es nicht nur um die Wut geht, die Liebe und das Leben. Sondern erstaunlich oft auch um den Tod und worauf es am Ende wirklich ankommt. Kann man sagen, Sie haben ein entspanntes Verhältnis zum Tod?
Der Tod ist nicht lustig, aber nichts was man wegsperren muss. Ich bin entsetzt, wie wenig wir uns mit einem würdigen Tod beschäftigen. Ich habe viel durch den Tod meiner Mutter gelernt. Sie hatte das große Glück für die letzten Wochen ihres Lebens einen Hospizplatz in München zu bekommen. Bis ans Ende meines Lebens werde ich allen Mitarbeiterinnen dankbar sein. So sollte man sterben dürfen, von körperlichen Schmerzen weitgehend befreit, umsorgt und behütet. Warum haben Städte wie München nur 150 Hospizplätze?

Sie sprechen offen über das eigene Altern, aber Sie haben auch die Anderen im Blick. Sie fordern gerade von den Alten, dass sie sich bei gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten als Erste empören. Was haben die Alten den Jungen denn so Revolutionäres mitzugeben?
Eigentlich ist es ein notwendiges Vorrecht der Jugend zu rebellieren, aber mir scheint, dass da seit 20, 30 Jahren eine Gehirnwäsche in Gang ist. Man redet den Jungen ein, Rebellieren sei nicht sexy, nicht cool, so dass sie lieber zu H&M gehen und sich sexy Kleidung kaufen. Natürlich gibt es junge Leute, die demonstrieren. Die sehe ich schon, denn ich gehe ja selbst auch immer noch demonstrieren, gegen Nazis zum Beispiel. Aber es sind zu wenig. Wir brauchen die revoltierende Jugend, weil es zu einer Demokratie gehört und zum Regieren. Das muss sein. Und da die Jugend es zurzeit nicht so hat mit dem Revoltieren, baue ich auf die Alten! Und auf eine Seniorenrevolte, die den Jungen zeigt, wo es langgeht!

Karin Haist
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