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70. Geburtstag des Historikers: Ian Kershaw bleibt bei Europas Zukunft skeptisch

Es sind die dunklen Kapitel der Geschichte, die das Lebenswerk von Ian Kershaw prägen. Am Anfang seine Karriere faszinierte ihn das Mittelalter, heute ist er einer der führenden Experten zur Nazizeit.

Der Historiker Ian Kershaw ist gewissermaßen der Experte für Unheil. Auf seinem Spezialgebiet, Deutschlands düsterer Etappe der Hitlerzeit, schrieb er Bestseller und erntete internationale Anerkennung. Seine zweibändige Hitler-Biografie gilt als Standardwerk. Für "Das Ende" - eine Untersuchung zur Frage, warum Deutschland im Zweiten Weltkrieg bis zum bitteren Ende kämpfte - wurde er im vergangenen Jahr mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet. Am Horizont des heutigen Europa sieht Kershaw, der am 29. April 70 Jahre alt wird, auch Gefahren heraufziehen.

Im Gespräch sagte der Historiker, er sei auf lange Sicht skeptisch, ob die Eurozone zusammengehalten werden könne, "weil sie eine wirtschaftliche Union ohne politische Union bildet und ich mich nicht an ein Beispiel in der Geschichte erinnern kann, in dem das funktioniert hätte". Eine politische Union hält er aber auch für unwahrscheinlich. "Können Sie sich das vorstellen? Eine europäische Regierung vor einer deutschen, einer französischen Regierung?"

Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat die extreme Rechte in Europa an Boden gewonnen. "Es gibt sehr unerfreuliche Anzeichen für einen neuen Nationalismus und Rassismus", sagt Kershaw. Vergleiche zu den faschistischen Bewegungen vor dem Zweiten Weltkrieg weist er dennoch zurück. "Das Erstaunliche am heutigen Europa verglichen mit den 1920er und 30er Jahren ist, wie wenig politische Umbrüche es gegeben hat. Es hat keine faschistischen, autoritären oder militärischen Machtergreifungen nach Diktatorenart gegeben", sagt der Historiker, der zuletzt an der Universität von Sheffield lehrte und 2008 in den Ruhestand ging.

Kershaw spricht fließend Deutsch

Ganz sicher eine Rolle spielen wird die EU in Kershaws nächstem Werk zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. "Das letzte Buch, das ich schrieb, hieß "Das Ende", und es hatte den netten metaphorischen Beigeschmack, dass damit auch das Ende meiner Arbeiten über Nazi-Deutschland gemeint war. Es ist nun sehr schön, eine Panorama-Studie über den gesamten Kontinent über einen langen Zeitraum anzugehen."

Der Titel eines seiner anderen Bücher, "Wendepunkte" (Fateful Choices), könnte sich auch auf Kershaws eigenes Leben beziehen. In der Schule wählte er nur Geschichte als Fach aus, weil Deutsch nicht angeboten wurde. Als er in den späten 60ern begann, an der Universität Manchester mittelalterliche Geschichte zu unterrichten, lernte er nebenbei Deutsch. Heute spricht er es fließend.

Sein Interesse am "Dritten Reich" wurde während eines Aufenthaltes in der Kleinstadt Grafing nahe München im Jahr 1972 geweckt. Dorthin war Kershaw mit einem Stipendium des Goethe-Instituts für zwei Monate gegangen. Damals, kurz nach den Studentenrevolten von 1968, forderte eine junge Generation von Deutschen Antworten über die Vergangenheit ein. "Es gab viele aktuelle Debatten in Deutschland und ich tauchte rasch in sie ein."

Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Bei engen deutschen Freunden und deren Familien faszinierte ihn die "absolute Diskrepanz" zwischen dem Deutschland der Nazizeit und dem Deutschland, das sich ihm selbst zeigte. Als er nach Großbritannien zurückkehrte, bewarb er sich für die Arbeit in der Abteilung für moderne Geschichte und wurde, zu seiner Überraschung, angenommen. Es wurde der Beginn einer international angesehenen Laufbahn, die regelmäßig mit Auszeichnungen bedacht wurde.

Die deutsche Regierung würdigte Kershaws Beiträge zur Geschichtsschreibung 1994 mit dem Bundesverdienstkreuz - eine Ehre, die er nach eigenen Worten sogar dem "neo-feudalen" Ritterschlag der britischen Königin von 2002 vorzieht. 2012 erhielt er gemeinsam mit dem US-Historiker Timothy Snyder in Leipzig den Buchpreis für Europäische Verständigung.

Und auch wenn er immer noch ein leidenschaftlicher Mittelalter-Spezialist ist, hat er seine Entscheidung nie bereut, dass er nicht versucht hat, Europas führender Experte zur Bauernrevolte von 1381 zu werden. "Obwohl es viele verschiedene Aspekte der Geschichte gibt, die erfreulicher sind als die Nazizeit, gibt es kaum welche, die wichtiger sind."

Helen Livingstone, DPA / DPA