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70. Jahrestag des D-Day: Das Kind von Omaha Beach

Im Jahr nach der Befreiung Frankreichs wurde Daniel Lefrançois geboren. Sein Vater war ein schwarzer GI, seine Mutter Französin – ihre Beziehung galt als Schande. Die Geschichte eines Soldatenkindes.

Von Steffen Gassel

Damals hatte er oft am Straßenrand gestanden. Den GIs nachgeschaut, die mit ihren GMC-Lastern durchs Dorf fuhren, hin zu dem riesigen Soldatenfriedhof, den sie ein paar Kilometer entfernt auf der Anhöhe über dem Meer anlegten. Ab und zu hatte ihm ein Soldat Bonbons zugeworfen. "Vielleicht war das mein Vater, habe ich dann gedacht", sagt Daniel Lefrançois, 68. "Ich habe ja nie etwas über ihn erfahren. Nicht einmal seinen Namen."

Durch die gehäkelten Gardinen dringt das Licht der Morgensonne in das Empfangszimmer des weiß getünchten Pfarrhauses. Der Duft von frischem Kaffee zieht durch die Luft. Daniel Lefrançois ist Pastor in Isigny-sur-Mer an der Küste der Normandie, dort, wo vor 70 Jahren die US-Soldaten an Land gingen. Daniel Lefrançois ist ein Kind des Krieges.

Aus dem Nebenzimmer holt er ein Schwarzweißfoto in einem roten Kunststoffrahmen. Es zeigt eine Frau mit ordentlich gelegter grauer Dauerwelle, schmalen Lippen, wuchtiger Stirn und leerem Blick. Seine Mutter.

Die Frau auf dem Foto – eher hätte sie ihn geschlagen, als etwas preiszugeben über den schwarzen GI, mit dem sie damals das Bett geteilt hatte, im Frühjahr der Freiheit nach dem D-Day. Dem Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs im Sommer 1944, als Millionen Soldaten der USA und ihrer Alliierten an den Stränden der Normandie landeten und unter schrecklichen Verlusten den Anfang vom Ende der Naziherrschaft über Europa erkämpften. Einer von ihnen: Sein Vater. Der Mann, über den die Mutter stets geschwiegen hatte. Über den auch er nicht reden durfte. "Selbst als Erwachsener habe ich mich nie getraut, sie zu fragen, wer er war", sagt Daniel Lefrançois.

Die Mutter schrubbte ihn mit Bleichmittel

Die Männer, die damals an Land gingen, waren Helden. Die Frauen, die sich mit ihnen eingelassen hatten, waren beschmutzt. Gesellschaftlich geächtet, auch Jahre später noch, ihre Kinder der sichtbare Beweise ihrer Schande. Wie viele Soldatenkinder es in der Normandie gibt, weiß Lefrançois nicht, das Schweigen hat die Jahre überdauert. Erst neulich kam nach dem Gottesdienst ein unbekannter Mann auf ihn zu. "Ich bin auch einer wie Sie", sagte der. "Manche von uns sind zu Geiseln ihrer Vergangenheit geworden", sagt Daniel Lefrançois.

Dass er zu Hause nicht erwünscht war, hat er schon früh gespürt. Die Mutter schrubbte ihn mit Bleichmittel. Kaum drei Jahre alt, schob sie ihn zur Großtante ab. In deren Haus fand er Wärme und Zuneigung. Trotzdem wurde das Leben in dem kleinen Dorf Formigny immer unerträglicher. "Neger, Neger", hänselten ihn die Klassenkameraden. Selbst Erwachsene beschimpften ihn wegen seiner dunklen Haut.

Als Daniel mit 13 von der Schule abging und dem Pfarrer erklärte, er wolle Priester werden, wies auch der ihn zurück. Ein Bastard, Sohn eines schwarzen Amerikaners noch dazu: Für so jemanden hatte die katholische Kirche damals, Mitte der 50er-Jahre, keinen Platz. Für so jemanden hatte eigentlich niemand Platz. "Ich habe mir immer vorgestellt, dass eines Tages mein Vater an der Tür klingelt" sagt Daniel Lefrançois. "Dass er zurückkommt und mich von hier wegbringt."

Zum Jahrestag kommen die Großen der Politik

Auf dem großen Soldatenfriedhof oberhalb des Strands von Formigny, der am D-Day als "Bloody Omaha" in die Geschichte einging, sind die Vorbereitungen für den Gedenktag in vollem Gang. Die edlen Rasenflächen sind frisch gemäht. Mit Scheren haben Gärtner die letzten Halme am Fuß jedes der 9387 weißen Marmorkreuze von Hand gestutzt. Und dann in den Boden davor ineinander verschränkt je zwei Fähnchen gesteckt. Ein amerikanisches und ein französisches.

Zum 70. Jahrestag der alliierten Landung am 6. Juni werden die Großen der internationalen Politik erwartet: Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat seinen US-Kollegen Barack Obama eingeladen, die Queen, und sogar Wladimir Putin. Auch Angela Merkel nimmt an den Feiern teil. Im Gefolge der Politiker haben sich aus nah und fern Zigtausende auf den Weg gemacht: Aus den USA und Kanada, aus Großbritannien und Polen, aus den Niederlanden, Norwegen und Neuseeland. Zu keinem Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs zieht es die Veteranen und ihre Landsleute bis heute so zahlreich wie an die legendären Strände der Normandie.

Auf den letzten Kilometern vor dem Ziel fahren die Besucher durch Dörfer, mit Flaggen geschmückt: Stars and Stripes, Union Jack, Maple Leaf. In den Farben der Trikolore haben die Inhaber von Tavernen und Souvenirläden Friedenstauben und Kampfflugzeuge an die Schaufenster gemalt. Und immer wieder der Satz: "Merci a nos liberateurs" – "Danke unseren Befreiern". Geschäfte halten Gedenkartikel bereit: Jubiläums-Medaillen, D-Day-Cidre und mit historischen Fotos bedruckte Keksdosen. Eine zeigt eine französische Mutter mit Kind auf dem Arm, dem ein GI Süßigkeiten schenkt.

"Viele hier haben genug von den Siegesfeiern"

Daniel Lefrançois gefällt der D-Day-Rummel nicht. "All das militärische Tam-Tam und die Defilees dieser Möchtegern-Soldaten: Das hat nichts mit dem zu tun, was die Generation von damals durchgemacht hat", sagt er. "Natürlich war die Befreiung von den Nazis wichtig. Es ist richtig, an die Menschen zu erinnern, die dafür gestorben sind. Aber über das, was nach der Befreiung kam, spricht niemand." Bei allem Dank an die Befreier, sagt er, vergesse man das Schicksal der Befreiten. Jener, die vor dem Nichts standen. Die zusehen mussten, dass das Leben irgendwie weitergeht. "Viele hier bei uns haben genug von den ewigen Siegesfeiern. Sie machen mit, aber nur noch, weil es sich eben so gehört."

Die Einwohner der Normandie und der Bretagne, der beiden ersten befreiten Gebiete Frankreichs, verbinden zwiespältige Gefühle mit dem Gedenken an die "Operation Overlord", den Krieg der Alliierten gegen Hitlers Armeen. Denn sie haben einen bitteren Preis für ihre Befreiung gezahlt. Um die Versorgungswege der Deutschen abzuschneiden, überzogen Amerikaner und Briten in den ersten Wochen der Invasion die küstennahen Städte mit verheerenden Bombardements. In den ersten 24 Stunden des Angriffs starben 3000 US-Soldaten im Maschinengewehrfeuer der Wehrmacht an den Landungsstränden. Und noch einmal so viele französische Zivilisten verloren im selben Zeitraum durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuss der Alliierten ihr Leben.

Als die US-Armee am 8. Juni in Isigny-sur-Mer einrückte, hatten ihre Geschütze den Ort zu 60 Prozent zerstört. Die nahe gelegenen Städte Caen und Saint-Lo lagen bei ihrer Befreiung zu 80 Prozent in Schutt und Asche. "Vorübergehende Zerstörung ist ein kleiner Preis, verglichen mit dem größeren Gut der Befreiung von den Nazis", erklärten die US-Militärs im Radio.

Viele GIs sahen Frankreich als riesiges Bordell

Noch desaströser für das Verhältnis von Befreiern und Befreiten war, wie sich viele GIs nach dem Ende der Kämpfe aufführten. Wie ein "Tsunami männlicher Lust" seien viele Einheiten der US-Truppen über die befreiten Gebiete hergefallen, schreibt die US-Historikerin Mary Louise Roberts. Viele Soldaten hätten die Französinnen als Freiwild betrachtet – um die Truppen für den extrem riskanten Angriff auf die gut befestigten deutschen Stellungen zu motivieren, habe die Propaganda der US-Armee vor der Invasion gezielt die Aussicht auf sexuelle Belohnungen betont, die die GIs angeblich hinter den feindlichen Linien erwarte. Die Armee-Zeitung "Stars and Stripes" etwa gab den Soldaten folgende vermeintlich nützliche Sätze auf Französisch mit auf den Weg über den Ärmelkanal: "Sie sind sehr hübsch." "Sie haben charmante Augen." "Wollen Sie mit mir spazieren gehen?" "Sind Ihre Eltern zu Hause?"

Bis zum Abzug der großen US-Truppenkontingente Ende 1945 kam es zu einer Serie sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen durch die siegreichen Befreier. Ein entsetzter Korrespondent des US-Magazins "Life" brachte die Stimmung in der Truppe Ende 1945 so auf den Punkt: "Frankreich ist ein riesiges Bordell, bewohnt von 40 Millionen Hedonisten, die ihre Zeit mit Essen, Trinken und Sex verbringen."

Viele Französinnen, die – freiwillig oder aus Zwang – Beziehungen mit fremden Soldaten eingingen, wurden von ihren Landsleuten verachtet. Hetze und Ausgrenzung waren dann besonders schlimm, wenn die Frauen schwanger geworden waren. Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen hatten, wurden öffentlich die Haare abrasiert, sie wurden durch die Straßen getrieben und bespuckt. Die Kinder leiden oft bis heute unter dem Trauma der Stigmatisierung.

"Ich war ein Unfall. Aber dafür kann ich ja nichts"

"Meine Mutter hat mich nie auf den Schoß genommen wie meine anderen Geschwister. Ich kann mich an keinen Kuss von ihr erinnern. Wahrscheinlich hat sie mich unbewusst für einen Fehler bestraft, den sie selbst begangen hatte," sagt Pater Daniel. "Ich war ein Unfall. Aber dafür kann ich ja nichts." Allein im Umkreis von Isigny-sur-Mer kennt der Priester drei weitere Soldatenkinder – von amerikanischen wie von deutschen Vätern.

"Mir ist es gelungen, an den Ereignissen meiner Kindheit zu wachsen. Letztlich hat sie mich positiv geprägt," sagt Daniel Lefrançois. Es war ein langer Weg bis er mit Anfang dreißig doch noch die Aufnahme ins Priesterseminar schaffte. Zuvor hatte er als Landarbeiter auf einem Hof in einem Nachbardorf gearbeitet.

Heute kann Pater Daniel lachen über die Begegnung mit der Waschfrau am Dorfbrunnen, damals als er vier oder fünf Jahre alt war. Während einer Kaffeepause hatte sie zu ihm gesagt: "Na, du bist ja auch ein kleiner Amerikaner." Das war das erste Mal, dass er merkte: Etwas ist anders mit mir. Heute hat er auch Verständnis für seinen französischen Stiefvater, der nach der Rückkehr aus der deutschen Gefangenschaft erst wieder zu Hause einzog, als Daniel, das Kuckuckskind, anderswo untergebracht war. Er hat, soweit das geht, Frieden gefunden mit seiner schmerzvollen Geschichte.

Das Gefühl aber, nicht ganz vollständig zu sein, die Gewissheit, dass da ein Stück fehlt in der eigenen Biographie – ein Teil von ihm, den er so gerne suchen würde, wenn er nur wüsste wo - sie haben ihn bis heute nicht losgelassen.

Neulich zwischen den weißen Kreuzen auf dem großen Soldatenfriedhof über dem Omaha Beach war das Gefühl plötzlich wieder da, ganz deutlich. Er blickte hinüber zu einer Gruppe Touristen aus den USA, die einige Reihen weiter zwischen den Gräbern spazierten. Und er dachte bei sich: "Wer weiß, vielleicht ist ja einer von euch ein Verwandter von mir."

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(