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75. Jahrestag: Deutschlandweites gedenken an die Reichspogromnacht

Es war der erschütternde Auftakt zum Holocaust - die Reichspogromnacht vor 75 Jahren. In ganz Deutschland wurde den Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Verbunden mit Warnungen vor Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit haben Politiker, Vertreter des Judentums und der christlichen Kirchen am Wochenende der Reichspogromnacht vor 75 Jahren gedacht. Bundespräsident Joachim Gauck warnte am Samstagabend in Frankfurt an der Oder vor dem Unwesen von Neonazis in der heutigen Zeit, Papst Franziskus forderte im Vatikan zur Wachsamkeit auf. In ganz Deutschland gab es Gedenkveranstaltungen.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren in Deutschland und Österreich binnen weniger Stunden rund 1400 Synagogen, tausende jüdische Geschäfte, Betriebe und Wohnhäuser zerstört worden. Dutzende Menschen wurden getötet. In den folgenden Tagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt.

Gauck warnte bei einem Gedenkkonzert vor "Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in unseren Tagen". "Wir müssen verhindern, dass Neonazis ihr Unwesen in unseren Städten und Dörfern treiben können", sagte er laut Redetext. "Wir müssen verhindern, dass Hass und Rassenwahn von neuem die Gehirne vernebeln und die Herzen verderben. Und schließlich: Wir müssen uns selber hindern wegzuschauen, wann immer und wo immer dies geschieht."

Den Mahnungen schloss sich auch Papst Franziskus im Vatikan an. Beim sogenannten Angelusgebet sagte er auf dem Petersplatz, es sei nötig, "wachsam" zu sein und sich gegen "jede Form von Hass und Intoleranz" zu wenden, mahnte das 76-jährige Oberhaupt der katholischen Kirche. Die Reichspogromnacht nannte er einen "traurigen Schritt" hin zum Holocaust.

Knobloch wirbt für aufgeklärten Patriotismus

In Berlin nahmen am Samstag zahlreiche Menschen an einer symbolischen Reinigung der sogenannten Stolpersteine teil. Diese Gedenksteine sind in die Bürgersteige eingelassen und erinnern an Verfolgte des Nationalsozialismus. Geschäfte versahen ihre Schaufensterscheiben in Gedenken an die Zerstörung zahlreicher jüdischer Läden mit Folien, die den Anschein erweckten, die Scheiben seien eingeschlagen worden.

In München, das Adolf Hitler zur Hauptstadt der Bewegung gemacht hatte, wurden in der Nacht zu Sonntag zeitlich analog zu den Geschehnissen der Reichspogromnacht die Namen der 4587 Münchner jüdischen Glaubens verlesen, die unter der NS-Herrschaft getötet wurden. Als Zwischentexte wurden Auszüge aus den Polizeiprotokollen sowie Zeitungsmeldungen vom 10. November 1938 verlesen.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens, Charlotte Knobloch, warb für einen "aufgeklärten Patriotismus". "Junge Menschen dürfen stolz auf unsere Heimat sein. Aber: mit einem Unterbau aus Erkenntnis", mahnte Knobloch in einem Gast-Kommentar in der "Bild"-Zeitung. Vielen erscheine der Holocaust weit entfernt von der eigenen Lebensrealität. Dies sei jedoch "ein Irrtum", schrieb Knobloch. "Schuld und Schande sterben mit den Tätern. Verantwortung bleibt!"

In Warschau demonstrierten rund tausend Menschen anlässlich des Jahrestags gegen ein Erstarken des Nationalismus in Polen. Unter dem Motto "Gemeinsam gegen den Nationalismus" zogen die Teilnehmer von der Universität zum sogenannten Umschlagplatz, von dem aus die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft Juden des Warschauer Ghettos in die Konzentrationslager deportiert hatten.

ono/AFP / AFP