Abitur mit 14 "Wunderkind? Das kann jeder!"


Mit drei Jahren konnte sie lesen, mit sechs wurde sie eingeschult - in die dritte Klasse. Mit 14 Jahren legte sie ein Einser-Abitur hin, jetzt will sie Medizin studieren. In Heidelberg, denn für Cambridge ist sie zu jung. stern.de hat Minu Tizabi besucht.
Von Marco Lauer

Am Liebsten hätte sie alles auf einmal. Minu Dietlinde Tizabi, 14 Jahre alt, möchte nicht nur Medizin studieren. Nebenher würde sie sich gerne noch in "Molekulare Biologie" einschreiben. "Aber bei Medizin darf man ja leider nichts parallel studieren", sagt sie. Der Numerus clausus wäre in beiden Fällen nicht das Problem. Seit April hat sie ihr Abitur in der Tasche. Mit der Bestnote 1,0. Sie brauchte dafür neun Jahre. Im deutschen Schulsystem hat man danach in der Regel den Hauptschulabschluss. Aber Minu Tizabi ist nicht Regel, sondern Ausnahme. Keiner in Deutschland schaffte das Abi bisher auch nur annähernd so schnell wie sie, die vier Klassen übersprang.

Minu, betont auf der zweiten Silbe, begrüßt an diesem Nachmittag vor dem schmalen, rau geputzten Haus ihrer Großmutter, wo sie zusammen mit ihrem Vater seit 14 Jahren lebt. In Birkenfeld, einem schmucklosen Vorort von Pforzheim. Höflich ist sie, sagt: "Vielen Dank, dass Sie gekommen sind." Obwohl doch der Reporter um einen Besuch bei ihr gebeten hat. Unmerklicher Händedruck. Ein Kindergesicht noch mit Babyspeck auf den Wangen. Das Lächeln straff, die Kleidung streng und älter machend: blauweiß gestreifte Bluse, schwarze Bundfaltenhose, rote Strickjacke. Ihr Vater kommt hinzu, Djamshid Tizabi. "Ich möchte mich im Gespräch aber zurück halten", sagt er. "Es geht ja um Minus Leistung, nicht um meine." Er habe sie halt im Rahmen seiner Möglichkeiten gefördert. Und natürlich auch ein bisschen gefordert.

Umzug nach Heidelberg

Das Gespräch muss stattfinden im Wohnzimmer der Großmutter, weil in der Wohnung darunter, die Minu mit ihrem Vater bewohnt, gerade gestrichen wird. Und auch, weil darin Kartons kreuz und quer stehen. Für den nahenden Umzug nach Heidelberg. "Dort haben wir uns bei der zentralen Vergabestelle für Studienplätze beworben", erklärt Minu. Die Pluralform benutzt sie oft, wenn sie von sich und vor allem ihren Plänen spricht. Fast automatisch schließt sie den Vater mit ein.

Heidelberg ist nur zweite Wahl. Nachdem die beiden internationale Vergleichslisten durchgesehen hatten, sollte und wollte Minu eigentlich nach Cambridge in England. Das hatte sie auch schon ihrem Schulleiter gesagt, der sich dann für sie informierte. "Zu jung", befand Cambridge. "Das war schade", findet der Vater, der sich mit sanfter Stimme nun öfter ins Gespräch einbringt. Ein dünner, ruhiger Mann, in schwarz gekleidet, den Hosenbund weit hochgezogen, dazu weiße Socken und Hausschuhe. Der gebürtige Iraner kommt aus der Naturwissenschaft, studierter Ingenieur, dem Kern eher zugeneigt als der Hülle. Er erzählt, wie er Minu einmal sagte: "Du kannst studieren, was Du willst. Auf der ganzen Welt. Ich gehe überall hin mit Dir." Das war vor vier Jahren, Minu war zehn.

Vater wollte "etwas Sinnvolles" machen

Die Geschichte des Wunderkindes beginnt früh. "Naja, das soll mein Vater erzählen. Ich kann mich da ja nicht so dran erinnern", sagt Minu und lächelt ein wenig. Der erzählt. Von ihrem zweiten Geburtstag. Wie er für sie verschiedene Luftballons an die Decke steigen ließ. "Da kam ich auf die Idee, sie zu fragen, ob sie die Farben der Luftballons unterscheiden kann." Halb im Spaß, halb aber auch im Ernst, "weil ich immer versuche - in Gänsefüsschen - etwas Sinnvolles mit Kindern zu machen." Minu unterschied. Zeigte auf die einzelnen Ballons: der ist rot, der ist dunkelrot, der ist hellrot.

Ihr Vater war überrascht. Obwohl er ja schon vor ihrer Geburt dachte, dass sie hoch intelligent sein wird. Er sagt das nicht überheblich, sondern sehr sachlich. Schließlich war seine Frau Dietlinde während der Schwangerschaft mit Minu dabei, naturwissenschaftlich zu promovieren. Einen Monat nach der Geburt aber starb sie plötzlich. Die beiden zogen von Dortmund, wo er an der Hochschule wissenschaftlich arbeitete, in das Haus seiner Schwiegermutter nach Birkenfeld. Weil er in der gemeinsamen Wohnung nicht mehr leben wollte.

Er machte sich als Nachhilfelehrer selbständig, um von da an voll für die Erziehung seiner Tochter da zu sein. "Ist doch klar", sagt er in eine kurze Stille, "die Kleine war nun mein Ein und Alles."

Kein Kindergarten - daheim lernte sie mehr

Dann ging es ganz schnell. Dem Kindergarten blieb Minu fern. "Zuhause lernt sie mehr", fand der Vater. Mit drei konnte sie lesen. Im Kinderlexikon faszinierte Minu vor allem das Kapitel über die Planeten. Die Zusammenhänge des Lebens hätten sie schon damals interessiert. Schnell kamen schwerere Bücher hinzu, mathematische oder welche auf englisch oder französisch. Denn ihr Lesehunger verschlang fast jeden Vormittag. An denen wollte ihr Vater "hauptsächlich geistige Arbeit für sie". Am Nachmittag ging er öfters mit ihr auf einen Spielplatz. Mit sechs wurde sie eingeschult, in die dritte Klasse. Zwei Jahre später Wechsel ans Gymnasium, nach drei Wochen gleich weiter in die sechste. Rein in den Turbozug, wie man in Baden-Württemberg das Abitur in acht statt neun Jahren nennt.

Von da an immer vier Jahre jünger als ihre Mitschüler. Was hat sie anders gemacht als andere? Minu sitzt aufrecht in ihrem Sessel, zieht steif die Schultern hoch: "Ich habe nicht mehr gelernt als andere auch. Vielleicht hatte ich bessere Voraussetzungen." Außerdem habe sie immer gute Lehrer gehabt, sehr nett und vor allem: kompetent. War sie nicht auch intelligenter? "Das kann jeder schaffen im Prinzip", sagt sie.

Frühes Genie ohne Körpergefühl

Thomas Paeffgen sitzt an seinem Konferenztisch und zweifelt daran. Der Direktor des Pforzheimer Hebel-Gymnasiums, das Minu besuchte, hält sie für eine intellektuelle Superbegabung. Er erzählt aber auch: "In der fünften Klasse konnte Minu nicht mal einen Ball fangen oder einen Purzelbaum schlagen." Sie habe so gut wie kein Körpergefühl gehabt. "Auch musisch: keine Chance." Ihr Vater ließ sie vom Sportunterricht befreien, weil sie immer kleiner und zarter war als die anderen. Stattdessen durfte sie Physik wählen. "Mit etwas, dass nicht kopfgetrieben war, das mit Gefühlsausdrücken zu tun hatte, konnte sie wenig anfangen", sagt Paeffgen.

"Außerhalb des Klassenzimmers habe ich sie fast immer nur in der Zuschauerrolle erlebt", sagt er und hält sich dann die Hand vor den Mund. "Hm." War sie eine Außenseiterin? Ihre Mathematiklehrerin aus der Oberstufe sagt: "Nein." Klar habe sie oft Zusammenhänge gesehen, für deren Erörterung man zwei Wochen gebraucht hätte. Minu habe sie gern erörtert. "Nach einer Zeit haben die anderen ihre zusätzlichen Beiträge dann aber wohlwollend hingenommen." Das sei halt die Minu. "Ja, die Minu. Das ist schon ein besonderer Fall", sagt Schulleiter Paeffgen noch, dann muss er weg. Die fünfte Stunde ist gerade vorbei, im Flur ebnet er sich den Weg durch eine lärmende Schar von Schülern, vielleicht 8. Klasse, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt.

Freund? Keine Zeit

Minu Tizabi wird ihr Studium im Herbst beginnen. Zwölf Semester soll das dauern. Möchte sie es schneller beenden? "Nein", sagt sie, "man muss da ja vieles durchlaufen." Will sie denn Ärztin werden? Sie schaut zu ihrem Vater. "Eher Forschung und Lehre." Sie könne Dozentin werden zum Beispiel. "Kann aber auch sein, dass es nur bei der Forschung bleibt." Vor dem Umzug nach Heidelberg ist ihr nicht bange. Mit ihren Freundinnen bleibt sie bestimmt in Kontakt. Im Moment kommen die "mehrmals in der Woche" zum Tischtennisspielen. Tizabis haben eine Platte in der Garage.

Einen Freund hat sie noch nicht. "Möchte mich jetzt mal erst auf's Studieren konzentrieren." Und vielleicht klappt es ja doch noch mit dem Parallelstudium. Der Vater sagt in aufmunterndem Ton: "Kannst ja vielleicht noch mal nachforschen, ob es da nicht doch eine Ausnahmeregelung gibt." Sie nickt, lächelt. Bei der Verabschiedung sagt sie: "Auf Wiedersehen. Vielen Dank für Ihr Interesse." Dann winkt sie noch und sagt ein hohes "Tschüüß". Wie eine 14jährige.


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