Abschied von Merckle Eine Stadt trägt Trauer


Hunderte Menschen haben sich beim Trauergottesdienst in Blaubeuren von Adolf Merckle verabschiedet. Vom Zocker, der sich mit VW-Aktien verspekuliert hat, wollen sie nichts wissen. Sie trauern um den bodenständigen Milliardär, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr.
Von Matthias Rittgerott

So fühlt es sich an, wenn eine ganze Stadt trauert. An Alltag ist am Montag in Blaubeuren nicht zu denken, die Innenstadt ist seit dem Vormittag gesperrt. Wer Adolf Merckle kannte, zieht etwas Schwarzes an und geht in die Evangelische Stadtkirche. Und wer von den 12.000 Blaubeurern kannte Adolf Merckle nicht?

Ihn, den bodenständigen Milliardär, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Der aus einer Firma mit 80 Mitarbeitern den Weltkonzern Ratiopharm mit 100.000 Beschäftigten schuf. Den gläubigen Christen, der sich sozial engagierte, einen Forschungspreis stiftete, Sportvereine sponserte.

In der Evangelischen Stadtkirche ist Adolf Merckle aufgebahrt. Gelbe und weiße Blumen schmücken den Sarg aus hellem Holz. "In Liebe. Deine Familie", steht auf den Bändern des Kranzes, "Deine Ruth." Nach der Unterschrift seiner Frau folgen die seiner vier Kinder und deren Partner. Auch die neun Enkel haben ihres Großvater gedacht, teils in ungelenker Kinderhandschrift.

Der Andrang ist riesengroß

Die Stadtkirche erweist sich als zu klein für den Andrang, so dass der Trauergottesdienst in die Stadthalle übertragen wird. Dort nehmen rund 800 Menschen Anteil. Mitarbeiter, Freunde vom Alpenverein, örtliche Prominenz und einfache Bürger. Nachdem Kamerateams und Fotografen die Kirche um zwölf Uhr verlassen haben, füllt sie sich in Minutenschnelle mit Gläubigen. Als Familie Merckle erscheint, erheben sich die Menschen und warten in Stille bis der Gottesdienst um 13 Uhr beginnt.

Während der Trauerfeier ergreifen zwei Familienangehörige das Wort. Tobias Merckle, der jüngste der drei Söhne, liest eine Stelle aus der Offenbarung. "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen..." Anne Merckle, die Frau des Zweitgeborenen Philipp, betet. "Im Angesicht des Todes", worin es heißt: "Nimm dich meiner Seele gnädig an, führe mich zu einem guten Ende." In seiner Predigt zeichnet der Landesbischof a.D. Gerhard Maier das Bild eines "naturverbundenen Menschen" und "Vollblutunternehmers", dem es um die Schaffung von Arbeitsplätzen und ein gutes Arbeitsklima gegangen sei. "Sein persönlicher Gewinn sollte nicht ausschlaggebend sein."

"Die Medien sind schuld"

In den Medien dagegen wurde Adolf Merckle als Zocker dargestellt, der sich mit VW-Aktien verspekuliert hatte und schließlich den Staat bitten musste, seinen Konzern zu retten. Diese Version seiner defizitären Geschäftspolitik stößt vielen Blaubeurern übel auf. "Ihr von den Medien habt ihn kaputt gemacht!", schimpft eine Frau vor der Kirche. "Zocker?", sagt die 74-jährige Hedwig Lutz, die bei Ratiopharm gearbeitet hat: "Ich würde das Wort nicht mal in den Mund nehmen! Herr Merckle war ein sagenhaft guter Chef."

Adolf Merckle hat sich am vergangenen Montag umgebracht, offenbar aus Verzweiflung darüber, dass sein Imperium in finanzielle Schieflage geraten war und er vor den Trümmern seiner Lebensleistung stand. Die Banken verlangten den Verkauf von Ratiopharm und den Rückzug der Familie aus Führungspositionen der Firma. Er müsse nochmals ins Büro, hatte Adolf Merckle daheim gesagt, fuhr aber stattdessen mit dem Auto die kurze Strecke von seinem Haus zum Ratiopharm-Werk und wartete im Schatten eines Felsens auf den Zug.

Der Selbstmord eines Milliardärs und gläubigen Christen ist auch im Trauergottesdienst ein Thema. "Was einen solchen willensstarken und Gott sich verantwortlich fühlenden Mann dazu brachte, sich selbst das Leben zu nehmen, werden wir als Menschen niemals bis ins Tiefste erkennen", mahnt Bischof Maier. Die Bibel verbiete den Selbstmord, zeige aber auch "den Weg zur Gnade und Barmherzigkeit". Den Menschen stehe es nicht zu, Merckles letzten Schritt zu verurteilen.

Nach dem einstündigen Gottesdienst versammelt sich Familie Merckle um den Sarg. Ein langer Strom von Trauernden zieht an ihnen vorüber, um zu kondolieren. Manche nehmen Familienmitglieder in den Arm. Auch die Menschen aus der Stadthalle stellen sich in die Schlange. Spätestens jetzt wird deutlich, wie beliebt Adolf Merckle bei der Bevölkerung war. "Katastrophe", murmelt ein Mann. Bis 17 Uhr bleibt der Sarg in der Kirche, damit sich Blaubeuren verabschieden kann. Beerdigt wird Merckle in den kommenden Tagen im engsten Familiekreis.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker