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Absurde internationale Gedenktage Ehre der verlorenen Socke


Schon einmal an den "Weltfleischtag" gedacht? Oder an den "Tag der verlorenen Socke"? Etliche Gedenktage für besondere Anlässe und Persönlichkeiten sind völlig grotesk.
Von Verena Kuhlmann

Eine Konserve mit handelsüblichem Dosenöffner aufschneiden, im Restaurant das Besteck in der falschen Ordnung vorfinden, ohne spezielle Schere etwas schneiden: Linkshänder haben Probleme bei völlig alltäglichen Dingen. Sie müssen kreativer sein, um die kleinen Aufgaben des Lebens zu meistern. Immerhin werden die Anhänger dieser Minderheit nicht mehr gezwungen, mit der rechten Hand zu schreiben. Und weil die Linkshänder es so viel schwerer haben, gibt es für sie einen Gedenktag: den "Internationalen Tag für Linkshänder", der gestern gefeiert wurde.

Solche Termine, an denen wir an besondere Personen oder Errungenschaften denken, gibt es sehr viele. Einige davon findet man in der Liste "Internationale Tage, Wochen, Jahre und Dekaden der Vereinten Nationen". Darunter findet sich zum Beispiel ein Tag für die Opfer des Sklavenhandels, für die Suizidprävention, gegen Gewalt oder für Frieden und Entwicklung – der Sinn und die Legitimation dieser Einträge erschließt sich sofort. Bestimmte Minderheiten sollen geschützt und nicht vergessen werden. Mittlerweile werden aber längst nicht mehr nur diese Minderheiten bei den Gedenktagen berücksichtigt. Berufsgruppen, einzelne Personen und Geschlechter finden sich in der Liste genauso wie eine Reihe von Krankheiten und geschichtlichen Ereignissen – die einen leuchten ein, die anderen weniger.

So gibt es Festtage, die an den Haaren herbei gezogen scheinen, bei denen der ursprüngliche Sinn aus den Augen verloren worden ist: das Gedenken. Der „Internationale Tag des Weltpostverbandes“ lässt einen zum Beispiel eher ratlos zurück. Abgesehen von einigen Terminen aus der UN-Liste, finden sich in anderen Kalendern noch viele weitere Kuriositäten. Einmal im Jahr ist zum Beispiel „Weltrohkosttag“ – zu diesem Anlass stehen alle Zeichen auf gesund. An sich keine schlechte Sache. Absurd wird das Ganze aber, wenn man bedenkt, dass jährlich am 26. Februar auf gleiche Weise das genaue Gegenteil zelebriert wird: der „Weltfleischtag“.

Es gibt für alles ein Datum

Tag der Lehrer, der Jugend, der älteren Menschen, der Witwen, „Day of Happiness“ oder „Weltzugvogeltag“: Mittlerweile gibt es für fast alles und jeden ein Datum. Eigentlich verwunderlich, dass wir nicht komplett ausgebucht sind, bei all den Anlässen, zu denen gefeiert werden darf und soll. Die Sammlung feierwürdiger Termine hat Ausmaße angenommen, die nicht mehr überschaubar sind. Oder haben Sie sich den „Tag der verlorenen Socke“, oder den „Tag der Händehygiene“, beides im Mai, im Kalender notiert?

Wer gerne gedenkt oder feiert, kann dafür eigentlich jeden Tag etwas finden. Viel zu tun hat aber, wer Bezug zu mehreren solcher Events, Krankheiten, religiösen Einstellungen und Neigungsgruppen hat. Ein homosexueller Sohn jüdischer Flüchtlinge, dessen Vorfahren im zweiten Weltkrieg umkamen, der sich offiziell Veganer nennt und mit einer verwitweten Frau auf dem Land lebt, die Lehrerin und Buddhistin ist – der hat definitiv viel zu feiern und zu gedenken. Es sei denn, er feiert einfach alles am 22. April. Das ist der „Internationale Tag der Mutter Erde“, ohne die er gar nicht existieren würde.


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