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Albertville-Realschule: Ein Tag gegen 50 Jahre

Die Albertville-Realschule in Winnenden ist durch einen Amoklauf zu trauriger Berühmtheit gelangt. Jetzt wurde sie 50 Jahre alt. Wie will man das feiern?

Von Mathias Rittgerott, Winnenden

Wenn eine Schule 50 Jahre alt wird und das Schulgebäude renoviert wurde, so ist das für gewöhnlich höchstens ein Thema für die Lokalpresse. Das gilt jedoch nicht, wenn die Schule Albertville-Realschule heißt und in Winnenden steht.

Vor zweieinhalb Jahren sind dort drei Lehrerinnen und neun Schüler ermordet worden. Getötet beim Amoklauf von Tim Kretschmer. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus sind die Namen von Schule und Stadt mit der Bluttat verknüpft, wohl für lange Zeit. Wie feiert die Schule ein Jubiläum, wo doch jeder den Amoklauf im Kopf hat? Sie ist zum Spagat gezwungen.

"50-Jähriges-Jubiläum" steht auf der Einladung. Und "Übergabe des Schulgebäudes". Das Fest, das merkt man schnell, ist ein Schulfest, bunt und fröhlich. Die Schüler haben Musikstücke geprobt und Theatervorstellungen einstudiert. Sie backen Muffins und üben sich in Capoeira, einem Kampftanz aus Brasilien. Es gibt Kuchen und Waffeln.

Ein Spagat zwischen Feiern und Gedenken

Die Häppchen im Foyer sind für den Festakt gedacht, der am Vormittag zu bewältigen ist. Sehr förmlich gekleidet, in schwarzen Anzügen und mit Krawatten um die Hälse, in Hosenanzügen und weißen Blusen, versammeln sich die geladenen Gäste in der Aula. Schon an der Sitzordnung kann man ablesen, dass dies keine Gedenkfeier ist. In der ersten Reihe nehmen, wie nicht anders zu erwarten, Honoratioren aus Lokal- und Landespolitik Platz. Die Stühle in der zweiten Reihe sind überraschenderweise für eine Abordnung der Daimler AG reserviert. Polizisten und Notfallseelsorger, während des Amoklaufes bis an die Grenzen der Belastbarkeit im Einsatz, sitzen weit hinten. Die meisten Stühle für die Angehörigen der Opfer an der Seitenwand bleiben gar frei.

Als Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth ans Podium tritt und zu sprechen beginnt, fürchtet man, er drücke sich um den Versuch des Spagats, indem er fast jeden im Saal namentlich begrüßt. Schließlich geht er, der an jenem 11. März 2009 noch nicht im Amt war, doch auf die Opfer des "schrecklichen Mordanschlags" ein, die "für immer in unsere Herzen eingeschlossen" seien, und beschwört "Zuversicht" und "Zukunft".

Schulleiter Sven Kubick, ebenfalls erst nach der Tat auf den Posten gekommen, wagt sich weiter vor. Er spricht vom "Glauben an das Gute" und die "unglaubliche Energie" der Schulgemeinschaft, das Drama zu verarbeiten. Ein "Meilenstein" sei der Umzug in das alte, jedoch renovierte Schulgebäude, in dem die Lehrerinnen und Schüler den Tod gefunden hatten. "Die Schule ist wieder zuhause", sagt er. Die Schülerzahl steigt, das pädagogische Konzept drängt den Makel als Schule des Amoklaufes zurück.

Kampf um die Rückkehr zur Normalität

Die eindringlichsten Worte findet ein Politiker, was an seiner Person und seiner Profession liegen mag. Frank Mentrup, SPD-Staatssekretär im Stuttgarter Bildungsministerium und noch nicht in der Landesregierung, als die Bluttat geschah, sträubt sich gegen das Wort "Amoklauf" und spricht vom "Unfassbaren", davon, dass die Tat nicht zufällig geschah, sondern geplant war, und von der "schmerzhaften Erinnerung". Als ein "Symbol für das gemeinschaftliche Überleben" und Bespiel "menschlicher Größe" schätzt er die Schule zugleich. "Sie sind und bleiben die Albertville-Realschule." Wo Kinder lachen. Wo Kinder neugierig lernen, weil sie von begeisterten Lehrern fürs Lernen begeistert werden.

Philippe Masure ist Bürgermeister von Winnendens Partnerstadt, die Namensgeberin der Schule ist. Albertville. Auf tragische Weise hat sich der Name auch dieser Stadt, 600 Kilometer entfernt, eingebrannt. Masures auf Französisch gesprochen Sätze genügen um zu wissen, dass die Partnerschaft der beiden Städte keine deutsch-französische Pflichtübung ist, sondern auf "unerschütterlicher Freundschaft" beruht. Eine Schülergruppe möge doch bald nach Albertville kommen, lädt der Rathauschef ein.

Vielleicht schafft es die Schule irgendwann, dass die Menschen beim Wort Albertville nicht reflexartig an den Amoklauf denken. Insbesondere diejenigen nicht, die weit entfernt von Winnenden leben. Auf dem Schulhof in Winnenden jedenfalls toben ganz normale Schüler, die auf eine ganz normale Schule gehen. Die ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Fast ganz normal.