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Albtraum am Bodensee: Mein Nachbar, der Neonazi

Stefan Mielecke und Iris Mannke erschuften sich ihren Traum: ein Haus am Bodensee. Der neue Mieter der Miteigentümerin ist freundlich. Bis sie sein braunes Geheimnis lüften und ein Albtraum beginnt.

Von Michael Kraske

Auf ihrem kleinen Balkon zupft Iris Mannke ihren Stefan sacht am Arm. Blicke treffen sich. Schweifen ab, auf ihren prächtigen Nussbaum vor dem Haus, den gepflegten Rasen, die Obstbäume. Vom Nachbarhof rechts brüllt eine Kuh, links schnattern Gänse. Am Horizont ein silberner Streifen Bodensee. "Gesehen und verliebt", sagt Iris Mannke, wie er 44 Jahre alt, "das war unser Traum, hier wollten wir alt werden." Diesen Traum hatte auch die Roswitha. Das war nur die Bekannte einer Bekannten, aber allein reichte das Geld nicht für den alten Fachwerkhof im 70-Seelen-Dorf bei Ravensburg in Oberschwaben. So wurden vor zwei Jahren beide Parteien Eigentümer. Teilten das Wohnhaus auf, der Rest blieb gemeinsames Eigentum. Zwei Paare, eine Idylle.

In ihrer weißen Küche mit freistehender Arbeitsfläche klicken sich Mannke und Mielecke durch Fotos: Stefan unter weißer Staubschicht. Iris auf Knien im Blaumann. Stefan mit Farbklecks macht Faxen. Müde sehen sie aus, aber fröhlich, sorgenfrei, anders. "Wir haben neun Stunden auf Arbeit geschafft, dann bis nachts am Haus, jeden Tag, ein ganzes Jahr", sagt Mielecke. Er baut Küchen ein, sie schafft im Büro. "Schaffen", das sagen sie gern.

Fassungslos starrte Mielecke auf den Bildschirm

Sie steigen unters Dach und zeigen, was sie schafften: eingelassene Leuchten, urige Balken, glänzende Parkettböden. Die Rumpelkammer ist jetzt zum schöner Wohnen. Mit der Roswitha und Partner Raphael baute man, half und stritt sich, raufte sich zusammen. Dann vermietete die vor einem Jahr eine Einliegerwohnung an den Alexander, mit Frau und kleiner Tochter. Die anderen waren gleich ganz dicke miteinander. Auch Iris und Stefan hatten nichts gegen die jungen Leute. Dass deren Hund dann doch nicht wie ein Boxer, sondern wie ein Pitbull aussah und Odin hieß? Sie dachten sich nichts dabei.

Im Winter klingelte Mielecke bei Alex, um zu klären, wer wo Schnee kehrt. Dessen Frau öffnete. Mielecke sah eine Hakenkreuzfahne an der Wand. Verstört ging er zurück, tippte am Laptop Suchwörter ein: "Alexander G. Nazi." Ein paar Klicks weiter stieß Mielecke auf die mittlerweile verbotene Neonazi-Kameradschaft Sturm 34, die im Osten eine ganze Region terrorisiert hatte. Erfuhr, dass der freundliche Alex bei Kameraden "Stürmer" hieß, über den ein Staatsanwalt sagt: "Er hat eine mit viel Ideologie ausgestattete Schlägertruppe geschaffen." Fassungslos starrte Mielecke auf den Bildschirm.

Er las und las. Wie Alexander G. im März 2006 in Mittweida, Sachsen, auf eine Bank gestiegen und Sturm 34 gegründet hatte. Unter begeisterten "Sieg heil"-Rufen. Zeckenfrei und braun solle die Gegend werden, habe das frühere Mitglied der Skinheads Oberschwaben gerufen. Als die Ermittler zugriffen, packte "Stürmer" aus. Darüber, wie sie ein Kreuz im Stil des Ku-Klux-Klan verbrannten. Mit Hitlergruß und Naziliedern. Wie die Kameraden gegen den Kopf eines Opfers traten wie gegen einen Fußball. Er packte über die "Skinhead-Kontroll-Runden" aus, die sie "SKR" nannten, Streifefahrten, um Opfer zu jagen und mit Schlagringen fertig zu machen. Er selbst habe immer abseits gestanden, wenn sie zuschlugen, sagte G.

Landgericht müsste längst verhandeln

Mielecke erfuhr, warum der Alex frei herumläuft. Das Dresdener Landgericht verurteilte zwar die Schläger. Alexander G. aber wurde freigesprochen. Sturm 34 sei keine kriminelle Vereinigung, weil nicht jeder zuschlagen musste. Fehlurteil, entschied der Bundesgerichtshof. Begründung: Eine kriminelle Vereinigung geht arbeitsteilig vor. Jetzt können auch die Strategen belangt werden. Das Landgericht muss neu verhandeln. Tut es aber nicht. Seit anderthalb Jahren wartet Alexander G. auf einen neuen Prozess. Er tut das in der alten Heimat. Idyllisch, Tür an Tür mit Stefan Mielecke und Iris Mannke.

Sturm 34, die Hakenkreuz-Fahne: "Der macht einfach weiter, Fall gelöst", denkt Stefan Mielecke. Zivilcourage zeigen, den Anfängen wehren: Er ruft bei der Polizei in Ravensburg an. Man verbindet ihn mit einem Staatsschützer, der für politische Kriminalität zuständig ist. Oberkommissar Jungblut gibt sich interessiert und verständnisvoll. "Wir sind gerettet", denkt Mielecke. Er bittet, seinen Anruf vertraulich zu behandeln. Als er von der Arbeit kommt, prostet ihm Alexander G. zu: "Guten Tag, Herr Jungblut".

Auf dem Hof bricht der Krieg los

Einige Tage später hat Mielecke eine Anzeige im Briefkasten. Doch ermittelt wird nicht gegen G., denn im eigenen Wohnzimmer ist ein Hakenkreuz nicht verboten. Mielecke wird Hausfriedensbruch vorgeworfen. Er soll die Wohnung von G. betreten haben. Als Zeuge taucht in der Akte Polizist Jungblut mit dem vertraulichen Telefonat auf. Mielecke ist platt. Er ruft noch mal an: G. sei ein Aussteiger. Die Polizei sei sehr zufrieden mit ihm. Die Polizei kann potentiellen Straftätern ins Gewissen reden. Gefährderansprache heißt das. Doch die Ravensburger Polizei warnt Alexander G. offenbar nicht vor neuen Taten, nur vor dem neugierigen Nachbarn. Ja, sagt Jungblut, er habe G. über den Vorwurf Mieleckes informiert, das sei so üblich. Nein, eine Gefährderansprache sei nicht nötig. Von der Polizei kann der Küchenbauer also keine Hilfe erwarten. Er nimmt sich einen Anwalt. Jetzt ist er selbst der Gejagte.

Auf dem Hof bricht der Krieg los. Wenn Iris Mannke und Stefan Mielecke von der Arbeit kommen, fliegen die Türen von Alexander und Roswitha auf. Ein täglicher Spießroutenlauf beginnt. Sie sind für die anderen jetzt nur noch die "Stasischweine". Ihnen graut vor dem Feierabend. Sie schieben freiwillig Überstunden. Der coole Stefan und die starke Iris: wie Diebe schleichen sie sich heim, um dem Überfallkommando zu entgehen. Wenn Alexander G. von Lkw-Touren kommt, müssen sie ihm auf der Treppe ausweichen, um nicht umgerannt zu werden. Mielecke soll im Haus bleiben, sonst gebe es auf die Fresse. Eine Drohung, sicher. Aber wem soll er davon erzählen? Der Polizei? Ohne Zeugen?

Mielecke kann Alexander G. nicht kündigen

"Stürmer" marschiert ab jetzt in brauner Montur um den Sandkasten: mit dem Rassisten-Schlachtruf "White Power" auf der Brust. Mit einem Shirt der verbotenen Neonazi-Band "Landser", die die "arische Revolution" besingt. Sie sehen Reichsadler, Stahlhelm, die Parole "Blood and Soil" (Blut und Boden). Mielecke und Mannke vergraben sich in der Wohnung. Verzweifelt durchforsten sie das Internet. Lernen alles über Runen und hakenkreuzähnliche Triskelen. Die Häuslebauer werden Nazi-Experten. Überführen ihren Nachbarn als rechtsextremen Überzeugungstäter. Aber wohin mit den Erkenntnissen? Sie diskutieren sich die Köpfe heiß, rauchen, streiten, ohne Ergebnis. Ihr Anwalt winkt ab. Mielecke kann Alexander G. nicht kündigen. Das kann nur Roswitha. Und die ist Teil von "Stürmers" pöbelnder Truppe. Wehe, ein Mieter dreht die Musik zu laut auf. Ein Neonazi aber darf sich ausleben.

Iris bekommt Schlafstörungen. Sie weint, sie kotzt, Stefan steht hilflos daneben. Erkennt die Frau, die beim Umbau Wände mit dem Vorschlaghammer einriss, nicht wieder. Beide sind reizbar, fahren leicht aus der Haut. Ihr kleines Cabrio bleibt in der Garage. Sie gehen nicht mehr wandern, fahren nicht mehr Boot. Sitzen nur da. Sie vertrauen sich Freunden an. Die sind schockiert. Schlimm sei das. Aber wenn sie Iris und Stefan besuchen, ist Ruhe. Keiner kriegt den Kleinkrieg mit, der im Verborgenen tobt. Keiner sieht, wenn der Schlauch, den Iris zum Bewässern verlegt, am nächsten Tag weg ist. Keiner ist da, wenn die Heizung abgestellt ist oder das warme Wasser für die Dusche. Wie sollen sie das beweisen? Und wem? Die Freunde wechseln immer öfter das Thema. Irgendwann reicht es auch mal mit dem Nazi. Das Paar hofft. Vielleicht geht es ja vorbei. Wenn sie sich nur ruhig verhalten.

"Weiß ich, ob die Waffe echt ist? Ob der abzieht?"

Karfreitag auf dem Hof: Alexander in Tarnanzug unter dem Nussbaum, die Tochter spielt im Gras. Das Paar traut sich in den Garten. "Schau", sagt Stefan zu Iris, "der hat ne Maschinenpistole." Sie sieht G. mit etwas, das nach Waffe aussieht. Stumm flüchten beide ins Haus.

"Was denkt der sich?" fragt Mielecke, "weiß ich, ob die Waffe echt ist? Ob der abzieht?" Haben sie die Polizei gerufen? "Ich bin doch nicht bekloppt", Mielecke beugt sich über den Tisch, "da leg ich mir ja das nächste Ei." Sie haben Roswitha schriftlich aufgefordert, ihrem Mieter das Waffentragen zu verbieten. Keine Reaktion. "Das ist so unwirklich, so grotesk", flüstert Iris Mannke. Er steht auf: "Wird mir grad zuviel, kommt alles wieder hoch." Sie gehen auf den Balkon rauchen. Schweigend. Die Wände haben Ohren, raunen sie.

Unheimliche Besucher kommen abends auf den Hof. Sie beschreiben junge Männer mit rechten Szene-Shirts. Dann fließt Bier und "Stürmer" ergreift das Wort, schwäbisch ruhig. Unter ihrem Nussbaum: Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, alles Schmarotzer. Es gab ja schon mal Lösungen. Sie sehen "Stürmer" beim Hitlergruß. Sind Logengäste im immer gleichen hasserfüllten Stück: Das handelt von Sündenböcken und braunen Erlösern. Mielecke und Mannke wollen nicht tatenlos zusehen, wie der mutmaßliche Gründer der brutalsten Neonazi-Bande der letzten Jahre wieder Kameraden um sich schart. Ihr Anwalt setzt eine Anzeige auf. Wegen Hitlergruß und Waffenbesitz. Die hat er direkt an die Staatsanwaltschaft geschickt. Vorbei an der Polizei. Jetzt wird ermittelt. Zuständig ist wieder der Staatsschutz der Ravensburger Polizei. Ein Kollege von Oberkommissar Jungblut. Der Kollege sagt ihnen, nach der neuen Anzeige habe es eine Gefährderansprache gegeben. Doch für einen Hitlergruß geht kaum jemand ins Gefängnis. Und im eigenen Garten ist ein Hitlergruß womöglich nicht mal strafbar. Der Nachbar wird bleiben. So oder so.

Vor der Justiz muss "Stürmer" keine Angst haben

Beinahe hätte sie der Bürgermeister von Mittweida gerettet, ohne es zu wissen. Der zeigte den Dresdener Gerichtspräsidenten wegen versuchter Strafvereitelung im Amt an. Weil dessen Richter immer noch nicht neu gegen "Stürmer" und andere von Sturm 34 verhandeln. Alexander G. drohen in Dresden bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe. Für jede Verzögerung steht ihm ein milderes Urteil zu. Das Verfahren zieht und zieht sich. Frustriert liest Mielecke im Internet, wie die Anzeige des Bürgermeisters versandet. Vor der Justiz muss "Stürmer" keine Angst haben.

Von so viel Schwäche ermutigt, geht "Stürmer" am Bodensee weiter in die Offensive, mit Anwalt, ganz rechtsstaatlich. Der Hausfriedensbruch ist vom Tisch. Jetzt wirft er Mielecke Bedrohung vor. Blödsinn, sagt der. Aber die anderen sind vier gegen zwei, haben immer Zeugen. Mannke und Mielecke sind aneinander gekettet, nie allein, immer auf der Hut. Im Garten, im Briefkasten, auf dem Handy, überall kann ein neuer Angriff lauern. Sie sollen eine Unterlassungserklärung abgeben. Nicht mehr behaupten, dass G. rechtsradikale Treffen abhalte und den Ermittlungsbehörden bekannt sei. Abwechselnd verlieren sie die Geduld. Beschwören einander, nicht die Nerven zu verlieren. Bis zum nächsten vergifteten Brief. Sie sollen Alexander G. Zugang zum Dachboden gewähren. Mielecke schließt im Nebengebäude die Tür zur Kampfzone auf. "Wenn sie da hoch wollen, müssen sie einen separaten Eingang bauen", sagt er. Sein Opa wurde in Stalingrad verheizt, weil er sich mit einem SA-Mann angelegt hatte. Mielecke schließt wieder ab. Das ist er dem Opa schuldig. Der Papierkrieg zermürbt, ist aber nur das Vorspiel. Dem Paar droht eine Prozessschlacht vor diversen Gerichten. Begleitet von Psycho-Terror. Alexander G. und Roswitha T. lassen Anfragen vom stern unbeantwortet. Stefan Mielecke stellt eines morgens fest, dass jemand die Radmuttern an seinem Kleintransporter gelockert hat.

Die Dorfbewohner haben nichts gesehen oder gehört. Solange der Alex nichts tut. Sie halten sich raus. Ist ja nicht ihr Hof. Kein Anständiger macht einen Aufstand. Mielecke und Mannke sitzen zu zweit in ihrer vergifteten Idylle, ganz allein. Manchmal hören sie Gesprächsfetzen: Wenn der Stefan erst weg ist, haben wir mit der Iris leichtes Spiel. Oder: Wir müssen nur alle bezeugen, dass Stefan was gemacht hat. Was wollen sie ihm anhängen? "Ich find das mittlerweile schlimmer, als wenn wir eine drauf kriegen würden", sagt Mielecke.

"Die Ruhe ist gespenstisch"

Ein heißer Samstag. Mannke und Mielecke werfen im Garten den Grill an. Den Tisch haben sie ganz an den Rand des weiten Grundstücks gestellt. Für den Fall, dass die anderen wieder mit Plastikstühlen vorrücken und Beleidigungen abfeuern. Gestern waren noch Kameraden mit Kampfhunden da. Heute lässt sich Alexander G. nicht blicken. Das Paar beginnt, die Ruhe zu genießen. Sie machen ein Lagerfeuer, zum ersten Mal dieses Jahr. Mielecke erzählt Anekdoten, sie lachen, bis sie sagt: "Die Ruhe ist gespenstisch." Der Küchenbauer legt immer neue Scheite aufs Feuer, der Abend soll nicht enden. Den nationalen Ruhetag müssen sie ausnutzen.

Sie zeigen den Schuppen, den sie zur Werkstatt ausbauen wollen. Da kann sie dann an Winterabenden Silber schmieden, er Holz drechseln. Mielecke schwärmt vom Kohleofen, den er einbauen will, bricht ab: "Im Moment geht gar nichts." Sie greifen nach ihren Händen, suchen Halt, wie Ertrinkende. "Wir schlafen damit ein und wachen damit auf. Das ist kein Leben mehr", sagt sie. Zieht doch weg, haben Freunde gesagt. Sie haben das diskutiert. Selbst wenn sie wollten: Wer kauft schon ein Haus inklusive Neonazi? Sie sitzen in der Falle, aber noch kämpfen sie. "Soll der doch wegziehen", sagt Mielecke "wir sind Schaffer, wir müssen das überstehen." Als Iris ins Haus geht, beugt er sich zur Seite: "Ich weiß nicht, wie lange sie noch durchhält."

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