Ali Agca Papst-Attentäter kommt frei


Der Papst-Attentäter Ali Agca wird aus dem Gefängnis entlassen. Nun fürchten einige um sein Leben, weil er zuviel wisse. Sicher scheint zumindest eines: Dass Agca bald seinen Militärdienst antreten muss.

Der Papst schweigt, auch hohe Kurienkardinäle hat es auf dem falschen Fuß erwischt. Die Nachricht von der baldigen Freilassung des Papst-Attentäters Ali Agca aus türkischer Haft wühlt die Gemüter auf im christlichen Rom. "Niemand hat uns davon benachrichtigt", sagt Kardinal Angelo Sodano, "Nummer zwei" im Vatikan. Das klingt verschnupft, als habe er erst einmal Mühe, die Nachricht zu verdauen.

"Agca kommt voraussichtlich zwischen dem 10. und dem 15. Januar frei", meldete die staatliche Agentur Anatolien. Dann werde der 48-Jährige möglicherweise umgehend zur Armee eingezogen, um seinen Wehrdienst abzuleisten.

"Verbrechen des Jahrhunderts" nennen Gläubige in Rom noch heute die Tat an jenem Spätnachmittag des 13. Mai 1981, als die Schüsse über den Petersplatz peitschten. Schwer verletzt sackte Johannes Paul II. in sich zusammen, dass er überlebte, ist für viele ein Wunder. Doch mindestens ebenso wundersam finden es Experten wie Laien, dass ein Vierteljahrhundert danach die Hintergründe der Tat nach wie vor im Dunklen liegen. Kommentatoren sprechen vom "Mysterium eines Verbrechens".

Der Papst vergab dem Attentäter bereits auf dem Krankenbett und stattete ihm zwei Jahre nach dem Anschlag einen Aufsehen erregenden Besuch im Gefängnis ab. Eine Bitte von Agca, an der Trauerfeier für Johannes Paul II. im vergangenen Jahr in Rom teilnehmen zu dürfen, lehnten die türkischen Justizbehörden ab.

Kaum eine andere Bluttat unserer Zeit - außer dem Kennedy-Mord - hat derart rätselhafte und mysteriöse Begleitumstände, um kein anderes Verbrechen ranken sich so viele Spekulationen und Gerüchte - begleitet vom beharrlichen Schweigen des Vatikans.

Nur eines sehen selbst Gutgläubige in Rom mittlerweile als ziemlich gesichert an: Dass die beinahe tödlichen Schüsse auf den polnischen Pontifex nicht das Werk eines einzelnen jungen Mannes sein können. "Ein Attentat, das noch nicht aufgeklärt ist", wie die römische Zeitung "La Repubblica" bissig vermerkt. "Ich bin glücklich", zitieren italienische Medien Ali Agca, den Noch-Häftling in Istanbul.

"Sein Leben ist Gefahr"

48 Jahre alt ist der Mann an diesem Montag geworden, in ein paar Tagen soll er freikommen. "Sein Leben ist in Gefahr", warnt dagegen Ferdinando Imposimato, einer der Richter, der seinerzeit an den Ermittlungen beteiligt war. "Agca weiß zu viel über die Verschwörung gegen Johannes Paul."

Verschwörung, Komplott, dunkle Machenschaften - das sind die Begriffe, mit denen Vatikanisten und Justizexperten der italienischen Medien nur so um sich werfen. Dreh- und Angelpunkt ist die "pista bulgara", die bulgarische Spur: Angeblich waren es Agenten aus Sofia, die das Komplott eingefädelt hätten, angeblich auf Befehl Moskaus, angeblich seien auch DDR-Geheimdienstler der Stasi mit im Boot gewesen. Mehrere Bulgaren und Türken standen in Rom schon vor Gericht - doch die die Tatsache, dass sie freigesprochen wurden, konnte die Skeptiker in keinster Weise beruhigen.

Ein Mordkomplott gegen Lech Walesa?

Schließlich habe der strikt antikommunistische Pole Karol Wojtyla die Machthaber im damaligen Ostblock unmissverständlich herausgefordert. Besonders seine schützende Hand über der polnischen Demokratiebewegung sei dem Kreml Anfang der 80er Jahre ein Dorn im Auge gewesen. Tatsächlich gilt der Beitrag Johannes Pauls beim Fall des Kommunismus unter Historikern heute als gesichert. Reiner Zufall, dass Ali Agca später aussagte, es habe auch ein Mordkomplott gegen den damaligen polnischen Gewerkschaftsführer Lech Walesa gegeben? "Der Schleier ist noch nicht gelüftet", sagt ein Experte in Rom.

DPA/Reuters DPA Reuters

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